Irritiert über Jeans im Theater
Die NZZ-Feuilleton-Korrespondentin in Berlin, Claudia Schwartz, hat für den Berliner Tagesspiegel einen etwas langfädigen Artikel über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Städte Zürich und Berlin geschrieben. Der auffallendste Satz:
“Als Zürcherin nahm ich anfänglich irritiert zur Kenntnis, dass nicht wenige Berliner in Jeans ins Theater gehen.”
Wann war Frau Schwartz wohl das letzte Mal in Zürich im Theater? Das muss lange vor der Marthaler-Zeit gewesen sein. Oder ihre einzige Referenzgrösse sind Opernhaus-Premieren.
Also, liebe Berliner: bei eurem nächsten Städtetrip nach Zürich dürft ihr Anzug und Krawatte ruhig zu Hause lassen - in keinem Theater-Foyer wird euch irgendjemand wegen euren Jeans “irritiert zu Kenntnis” nehmen.
Rostige Guerilla-Kunst

Seit einigen Tagen steht vor dem Kunsthaus illegal eine fünf Tonnen schwere Stahl-Skulptur von Jürg Altherr. Damit will der Künstler eine Diskussion über Kunst im öffentlichen Raum starten. Irgendwie passt sie gut dorthin; die geraden Linien entsprechen jenen vom Kunsthaus-Bau, dass die Skulptur schief steht, sorgt für die nötige Ungereimtheit.
Zur Kunst im öffentlichen Raum: eine illegale Altherr-Plastik ist allemal willkommener als die potthässlichen legale Kunst von Franz West, die zurzeit beim Seebad Enge, dem Utobad und am Paradeplatz steht.
Altherrs Werk erinnert stark an eine andere berühmte Guerilla-Skulptur: 1998 platzierte Schang Hutter seinen Rost-Kubus “Shoah” illegal auf dem Bundesplatz. Die Freiheits-Partei transportierte ihn kurzerhand wieder ab. Es war eines der letzten verzweifelten Lebenszeichen dieser Partei.
Wer entfernt wohl Altherrs Skulptur? Die Schweizer Demokraten? Die Neo-Nazis, die am 1. August nicht mehr aufs Rütli dürfen? Oder etwa Autonome, die sich darüber ärgern, dass das Besprayen eines Rostgebildes zwecklos ist? Weitere Vorschläge erwünscht!
Nur der Unglückliche beklagt sich übers Wetter
Wenn Zeitungen nebst den üblichen Prognosen übers Wetter schreiben, so gabs entweder einen Sturm oder das Sommerloch hat Einzug gehalten. In der “Zeit” stopft Schriftstellerin Sibylle Berg das Loch. Sie schreibt nicht übers Wetter, sondern darüber, wie die Leute übers Wetter reden. Und beglückt die Wetterunfühligen mit einer Lebensweisheit (wäre sie mit etwas weniger Kommas formuliert, stünde sie schon bald hinter jedem Kalenderblatt):
“Nur der Unglückliche beklagt sich über das Wetter; stellvertretend für seine Unfähigkeit, sein Leben zu verändern, macht der Wetternörgler die Naturgewalten für seine persönlichen Unbilden verantwortlich, denn Naturgewalten, das ist Regel Nummer 2, können sich nicht wehren.”
Metropolis? Nein, Herzog & de Meuron!
Hätte Fritz Lang gewusst, dass irgendwann grosse Häuser mit Glas umhüllt sind, so wäre dieses Gebilde wohl schon Teil seiner Metropolis (unten) gewesen. Modell für den Erweiterungsbau der Londoner Tate Modern von Herzog & de Meuron:


Schweizer Banken: viel Geld für Kultur – aber nur im Ausland
Schaut man sich bei aktuellen kulturellen Grossereignissen im Ausland um, so stösst man dauernd auf Zürcher Grossbanken als Hauptsponsoren: An den Bregenzer Festspielen die UBS, an den Salzburger Festspielen die Credit Suisse, bei der grossen Ausstellung in der Tate Modern in London wieder die UBS und so weiter. Nichts gegen diese Engagements - wenn die Geldhäuser bei weniger prestigeträchtigen Anlässen und Institutionen hierzulande nicht so knausrig wären.
Filmfestival Locarno gegen Israel (Teil 2)
Die nachträgliche Absetzung des Israelischen Aussenministeriums am Filmfestival Locarno (siehe Beitrag unten) ist auf Druck palästinensischer und libanesischer Filmemacher geschehen, schreibt die libanesische Zeitung The Daily Star. Die Filmemacher hätten in einem Brief gedroht, dem Festival nicht beizuwohnen, sollte das Festival an Isreal als Partner festhalten. Hier der Inhalt des Briefes (Quelle: The Daily Star):
“We, the undersigned filmmakers and other invited guests to the Locarno International Film Festival 2006, would like to express our deep concern with the fact that the festival’s Leopards of Tomorrow program is co-sponsored by the Israeli Ministry of Foreign Affairs.
Given the current belligerence exhibited by Israel in its ongoing brutal attack on Palestinian and Lebanese civilians and infrastructure, justified by the same Ministry of Foreign Affairs that is listed as a co-sponsor of the festival, we demand that festival organizers reconsider their relationship to the government of Israel, and withdraw the Israeli Ministry of Foreign Affairs from the list of the festival’s sponsors.
We make this demand in consideration of the hundreds of innocent civilians that have been murdered by the State of Israel in its ongoing campaign.
We do so in consideration of the many cultural centers, arts institutions and universities targeted by Israeli bombs and missiles. We do so because we ourselves are under siege. We do so because we are in solidarity with those who are under siege. Under these circumstances, the actions of the State of Israel cannot be treated as normal …
We simply cannot, from an ethical standpoint, attend or screen our films in any program or event that refuses to recognize the direness of situations such as the present one and does not stand for human dignity in the face of barbarity perpetuated against any peoples.”
Das Filmfestival lässt sich also ziemlich leicht unter Druck setzen. Kein Wunder war das Festival (gegenüber Daily Star) zu keiner Stellungnahme bereit.
Nachtrag (25. Juli, 8.15): Das Filmfestival hat nun den Vorfall gegenüber Radio DRS bestätigt (die Radioleute haben wohl kulturblog.ch gelesen).
Und: wie im Beitrag unten spekuliert, das Deza, also Micheline Calmy-Rey, übernimmt den Einnahmeausfall.
Filmfestival Locarno gegen Israel
Das Filmfestival Locarno verzichtet aus Protest gegen die Kriegshandlungen auf einen Sponsoring-Beitrag des israelischen Ausseninisteriums, so eine unbestätigte Meldung auf dem Blog Elements115. Auf der Homepage der Festivals steht nichts von einem Sponsor aus Israel; entweder wurde der Name bereits aus der Sponsorenliste entfernt oder bei dem Blogeintrag handelt es sich um eine bewusst gestreute Fehlinformation. Sollte die Meldung aber stimmen, dann stellt sich die Frage: hätte das Filmfestival auch die Gegenseite als Sponsor abgelehnt? Oder wendet das Filmfestival wie so viele selbsternannte Friedensexperten bei Israel einen anderen Massstab an als bei den umliegenden Staaten? Eines ist sicher: diese Handlung ist ganz im Sinn von Micheline Calmy-Rey – sie wird den Betrag wohl noch so gerne aus ihrem EDA-Kässeli ersetzen.
Gratis Museen für alle!
21 Franken kostet ein Ticket für die Sonderausstellung und die Sammlung im Kunsthaus Zürich, andere Museen sind nicht viel billiger. Sollte Kunst nicht offen sein für alle? Diese Frage beschäftigt heute die New York Times (hier). Und was erfahren wir aus dem kapitalistischsten Land der Welt? Der Eintritt von 20 Dollar beim Metropolitan Museum in New York ist bloss eine “voluntary donation”. Das heisst: wer nicht zahlen will, muss nicht. Und viele Kunstmuseen in den USA verzichten ganz auf Eintrittsgeld. Über jene Museen, die Eintritt verlangen und die Preise in letzter Zeit gar erhöht haben, schreibt die NYT:
“To justify such fee increases, or for that matter the very existence of fees, this country’s museums have come to cast themselves as a blend of popular entertainment, corporation and school.”
Der Grund, warum Museen gratis sein sollten:
“As has been said before, museums are most comparable to libraries. Like libraries, they are repositories of knowledge. Like books, artworks are tools for lifelong self-education; it is through them that we discover and explore important aspects of our humanness. They should be equally available to all, for the good of the individual and society as a whole. Most Americans would be appalled if public libraries charged entrance fees.”
Eine Debatte, die es Wert wäre, auch hier geführt zu werden.
Besucherrekord trotz Sommerflaute
Gestern konnte kulturblog.ch einen neuen Besucherrekord verzeichnen – obwohl kein neuer Beitrag publiziert wurde und bei diesen Temperaturen arge Sommerflaute herrscht. Wie kommt das? Am Abend zuvor war in Zürich das Jamie-Cullum-Konzert. Eine Menge Konzertbesucher suchten (und suchen immer noch) eine Konzertkritik. Google lotst sie hierher. Vielleicht findet sich ja so den einen oder anderen neuen Stammgast…
Apropos Sommerflaute: seit einigen Jahren findet am Filmfestival Locarno auch ein kultur- und filmpolitisches Schaulaufen statt. Das Vorgeplänkel hat bereits begonnen (siehe die letzten paar Einträge). Wenn alle Schauspielhäuser geschlossen sind, ist dies ein willkommenes Sommertheater. Couchepin und Co, ihr dürft dieses Jahr wieder alles geben. Wir nehmen es noch so gerne auf!
Bideau: der Welsche Film kommt
“Qualität und Popularität” ist der Claim des BAK-Filmchefs Nicolas Bideau. Nur blöd, dass zuletzt bloss Filme aus der Zürcher Szene diesem Anspruch gerecht wurden. Doch jetzt kommen die Welschen, verspricht (Audio) Bideau auf Swissinfo. Wird auch Zeit, sonst lässt sich die Verlagerung der Swiss-Films-Kompetenzen von Zürich in den Westen nach Bern nur schlecht rechtfertigen.
Filmemacher will Schadenersatz von Leuenberger
Dokumentarfilmer Norbert Wiedmer wollte Bundespräsident Moritz Leuenberger ein Jahr lang mit der Kamera begleiten und daraus einen Dokumentarfilm machen. Leuenberger war erst begeistert (was denn sonst, wenn eine Kamera in der Nähe ist), dann drängte ihn der neidische Kulturminister Pascal Couchepin dazu, das Projekt abzublasen. Laut Tages-Anzeiger hat Wiedmer nun Klage eingereicht und verlangt vom Bundespräsidenten 100′000 Franken Schadenersatz. Denn, so gross sei sein Aufwand bis zur Absage gewesen. Man ist geneigt zu sagen: gerne bezahlen wir die 100′000 Franken, wenn uns damit dieser Film erspart bleibt.
Locarno: Glaubt Solari nicht mehr an sein Festival?
Noch kein kulturblog.ch-Artikel hat ein derartiges Echo ausgelöst wie jener über das Filmfestival Locarno (hier). Machen wir weiter damit.
Nachdem letztes Jahr Festival-Präsident Marco Solari das kleine Zurich Film Festival als ernsthafte Gefahr für Locarno eingestuft hatte, sagt er nun gegenüber der SDA: “Das Festival [Locarno] hat seine Seele verloren.” Konkret beklagt er die Schliessung des Grand Hotels.
Erst die Überreaktion wegen eines neuen Festivals, dann die öffentliche Aussage, das Filmfestival Locarno habe seine Seele verloren – das alles wirkt, als habe Solari den Glauben an seine (eigentlich wunderbare) Veranstaltung verloren.
Jamie Cullum: vom Gurten zum Sunset
Das Gurtenfestival bot dieses Jahr musikalisch eher magere Kost. Höhepunkt war das Konzert des Engländers Jamie Cullum. Jazz auf der grossen Bühne, das gibts selten (auch wenn es auf der kleinen noch besser gewesen wäre). Am Mittwoch kann man das Riesentalent auch in Zürich bewundern, bei Live at Sunset im Hof des Landesmuseums. Nur: hier muss man wieder einmal einen kräftigen Züri-Zuschlag bezahlen.
Auf dem Gurten kostete ein Tagesticket 69 Franken. Dafür konnte man neben Cullum noch Billy Idol (ja, der rockt noch gleich lustig wie früher) und viele weitere Bands sehen. Bei Live at Sunset bezahlt man zwischen 70 und 135 Franken – für das Cullum-Konzert alleine. Ganz nach dem Motto: weniger Musik für mehr Geld.
Will Locarno dem Zurich Film Festival eins auswischen?
Nach der ersten Ausgabe des Zurich Film Festivals im letzten Jahr sah der Präsident des Filmfestivals Locarno, Marco Solari, bereits sein traditionsreiches Festival gefährdet. “Zürich könnte das Filmfestival Locarno weiter schwächen”, sagte er.
Das kleine Zürcher Festival konzentrierte sich in seinem Wettbewerb auf Erstlingsfilme. Es kamen 8000 Zuschauer, die Festivalmacher beeindruckten aber vor allem durch ihr geschicktes Marketing: sie konnten eine Million Franken an Sponsorengeldern akquirieren.
Bei der Präsentation des Locarno-Programms gestern kündete Festivaldirektor Frédéric Maire den neuen Wettbewerb “Cineasten der Gegenwart” an. Dort werden vorwiegend Erstlingsfilme gezeigt. Und: es gibt einen neuen “Leoparden für das beste Erstlingswerk”, dotiert mit 30′000 Franken - genau doppelt so viel wie der Hauptpreis beim Zurich Film Festival. Dies riecht nach einer unschönen Gegenattacke. Hat das gute alte Filmfestival Locarno so etwas wirklich nötig?
Zürcher Bosnienkriegsfilm kämpft um Leoparden
Der neue Locarno-Direktor Frédérik Maire hat sein erstes Programm vorgestellt. Für die Schweiz im Rennen um den Goldenen Leoparden ist die Luzernerin Andrea Staka. Sie zeigt ihr Spielfilmdebut “Das Fräulein” um bosnienkriegsgeschädigte Frauen in Zürich. Wer ist Andrea Staka? Sie habe bereits einen preisgekrönten Kurzfilm und eine preisgekrönte Dokumentation gedreht. Und sie wohne in Zürich und New York (wow!). Was aber am meisten Eindruck macht: Samirs Dschoint Ventschr Filmproduktionen behaupten von sich, die Weltrechte (noch einmal: die Weltrechte) für den Film zu besitzen. Das mag im Filmbusiness ein üblicher Ausdruck sein. Dennoch: hoffentlich werden sich die Weltrechte nicht auf ein paar Studiokinos in Zürich beschränken.