Literatur
11. Juli 2006
Haldimann, Willemsen, Lewinsky
Im Facts vom 29. Juni liess sich der abtretende Literaturclub-Moderator Roger Willemsen über Mauscheleien und Seilschaften beim Schweizer Fernsehen aus. Dabei störte ihn vor allem, dass er Charles Lewinskys “künstlich gemachten Schweizer Bestseller” Melnitz lesen musste und dass dies eine Vergeudung seiner kostbaren Lebenszeit gewesen sei. Nun, am Tag der letzten Sendung mit Willemsen, kommt die Antwort von SF-Chefredaktor Ueli Haldiman. In seinem Blog schreibt er:
“Tatsächlich habe ich mich als Chefredaktor dieses Hauses erfrecht, den Wunsch auszusprechen, dass der Literaturclub den Roman „Melnitz“ bespricht, was ursprünglich nicht geplant war. (…) Lewinsky wird vom traditionellen Feuilleton bekanntlich belächelt und in die Schublade „Unterhaltung“ entsorgt.”
Lieber Herr Haldimann, jawohl, ein Werk wie “Melnitz” sollte im Literaturclub besprochen werden! Und zwar nicht auf die trotzige Lateinlehrerart wie das im Literaturclub geschehen ist (im Stil von “wer Comedy schreibt kann unmöglich auch Literatur schreiben”). Aber im anderen Punkt irren Sie sich. Das Feuilleton hat Melnitz zum grossen Teil unvoreingenommen besprochen. Von den beiden NZZ-Blättern gab es sogar überschwängiche Kritiken. In Deutschland, wo man Lewinskys Sitcom-Talent nicht kennt, werden zudem auch seine Theaterstücke in “seriösen” Schauspielhäusern und Stadttheatern gespielt. Dies ist in der Schweiz (noch) nicht möglich.
mar schrieb:
trotzdem ist es journalistisch absolut falsch, wenn sich haldimann in die auswahl einmischt.
es gäbe sicher noch viele andere bücher, die mit gutem grund im literaturklub besprochen werden müssten.
nur diesendung dauert eben nicht vier stunden und wird nicht täglich produziert.
charles lewinsky kam ja bisher sicherlich, in sachen medien presenz nicht zu kurz.
Geschrieben am 11. Juli 2006 um 21:58Uhr | Permalink
rb schrieb:
Von einem Gesichtspunkt her ist die Einmischung des Chefredaktors tatsächlich falsch: dem Publikum wird vorgegaukelt, die Kritiker träfen die Auswahl.
Wenn aber ein Schweizer Autor einen Bestseller landet, so darf man doch als Zuschauer erwarten, dass die Literatursendung des Idée-Suisse-Senders diesen auch (kritisch) bespricht. Bei Melnitz geschah dies nur widerwillig und entsprechend unmotiviert - damit war die Übung nicht nur für Willemsen, sondern auch für die Zuschauer vergeudete Lebenszeit.
Geschrieben am 11. Juli 2006 um 22:18Uhr | Permalink