Filmfestival Locarno gegen Israel (Teil 2)
Die nachträgliche Absetzung des Israelischen Aussenministeriums am Filmfestival Locarno (siehe Beitrag unten) ist auf Druck palästinensischer und libanesischer Filmemacher geschehen, schreibt die libanesische Zeitung The Daily Star. Die Filmemacher hätten in einem Brief gedroht, dem Festival nicht beizuwohnen, sollte das Festival an Isreal als Partner festhalten. Hier der Inhalt des Briefes (Quelle: The Daily Star):
“We, the undersigned filmmakers and other invited guests to the Locarno International Film Festival 2006, would like to express our deep concern with the fact that the festival’s Leopards of Tomorrow program is co-sponsored by the Israeli Ministry of Foreign Affairs.
Given the current belligerence exhibited by Israel in its ongoing brutal attack on Palestinian and Lebanese civilians and infrastructure, justified by the same Ministry of Foreign Affairs that is listed as a co-sponsor of the festival, we demand that festival organizers reconsider their relationship to the government of Israel, and withdraw the Israeli Ministry of Foreign Affairs from the list of the festival’s sponsors.
We make this demand in consideration of the hundreds of innocent civilians that have been murdered by the State of Israel in its ongoing campaign.
We do so in consideration of the many cultural centers, arts institutions and universities targeted by Israeli bombs and missiles. We do so because we ourselves are under siege. We do so because we are in solidarity with those who are under siege. Under these circumstances, the actions of the State of Israel cannot be treated as normal …
We simply cannot, from an ethical standpoint, attend or screen our films in any program or event that refuses to recognize the direness of situations such as the present one and does not stand for human dignity in the face of barbarity perpetuated against any peoples.”
Das Filmfestival lässt sich also ziemlich leicht unter Druck setzen. Kein Wunder war das Festival (gegenüber Daily Star) zu keiner Stellungnahme bereit.
Nachtrag (25. Juli, 8.15): Das Filmfestival hat nun den Vorfall gegenüber Radio DRS bestätigt (die Radioleute haben wohl kulturblog.ch gelesen).
Und: wie im Beitrag unten spekuliert, das Deza, also Micheline Calmy-Rey, übernimmt den Einnahmeausfall.
Daniel schrieb:
Es wäre in der Tat unerträglich, würde das Filmfestival Gelder entgegen nehmen von Vertretern eines Staates, der zur Hauptsache für die regelmässige Missachtung des humanitären Völkerrechts bekannt ist. Was dieser Staat einmal mehr im Libanon verantwortet, ist bar jeder Menschlichkeit und gehört auf allen Linien geächtet. Das Filmfestival hat sich hoffentlich nicht unter Druck setzen lassen, sondern aus eigener Überlegung für diesen richtigen Schritt entschieden.
Geschrieben am 28. Juli 2006 um 11:04Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
na na na…, so einfach ist es nicht. ich rate jedem, der zu (so) einfachen gedankengängen tendiert, sich in die lage zu versetzen, dass zum beispiel(!!!) aus österreich raketen in die schweiz abgeschossen würden, die hier menschen töten; und schweizer soldaten entführt würden….; und österreich würde dies nicht unterbinden.
ich stehe in diesem konflikt keinesfalls auf der seite der isrealis (wie könnte ich nur), aber ich bin es satt, ständig und gerade aus dem kulturumfeld solch einfache gedankengänge zu lesen/hören.
Geschrieben am 28. Juli 2006 um 17:47Uhr | Permalink
Daniel schrieb:
Die Schlussfolgerung mag einfach sein angesichts klarer Umstände, die Gedankengänge dahinter sind es nicht. Unstatthaft ist hingegen der Vergleich mit österreichischen Raketen; ausser Philipp Meier setzt voraus, dass die Schweiz schon einmal Oesterreich besetzte, in Wien und Salzburg Massaker anrichtete und selbst dafür besorgt war, dass eine Voralberger Hisbollah entstehen konnte.
Gerade aus dem Kulturumfeld erwarte ich übrigens dezidiertere Meinungen als die blosse Übernahme der israelischen PR-Botschaft, wonach auch wir wie die IDF reagieren würden, wenn wir denn beschossen würden von Hisbollah-Raketen.
Geschrieben am 31. Juli 2006 um 14:45Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
und warum gibt es einen israelischen staat? weil die juden in europa verfolgt wurden.
es gibt übrigens beweise dafür, dass, wenn israel nichts macht, dann trotzdem bomben hochgehen und raketen einschlagen.
ich spiele jeweils «rhetorische rollen». hier schwimme ich dezidiert gegen den strom «dezidierter meinungen aus dem kulturmfeld», die, um in deinen worten zu sprechen ganz simpel die «PR-Botschaft der araber» übernehmen.
übrigens…, meine «wahre» meinung dazu lautet: dieser konflikt ist, wie so vieles auf dieser welt, extrem komplex!!! israel ist hier genauso opfer wie täter; libanon auch; «palästina» sowieso; und das ganze hat häufig nur sehr wenig mit den eigentlichen bewohnern dieser staaten zu tun
Geschrieben am 3. August 2006 um 11:14Uhr | Permalink
Daniel schrieb:
Die “rhetorische Rolle” in Ehren, aber sie hilft den unschuldigen Opfern auf beiden Seiten ebenso wenig wie die Feststellung, dass dieser Konflikt – wie so vieles auf dieser Welt – extrem komplex ist. Solcherlei gipfelt letztlich in der (falsch verstandenen) Argumentation, wonach wir sowieso nichts tun können. Doch, können wir, auch wenn es nicht immer direkte Resultate leistet: Zum Beispiel in der Haltung des Filmfestivals Locarno, über die man sich streiten mag. Aber sie hat Diskussionen ausgelöst und damit etwas bewegt. Und darum geht es doch letztlich immer auch.
Geschrieben am 21. August 2006 um 11:41Uhr | Permalink