Literatur


Haldimann, Willemsen, Lewinsky

Im Facts vom 29. Juni liess sich der abtretende Literaturclub-Moderator Roger Willemsen über Mauscheleien und Seilschaften beim Schweizer Fernsehen aus. Dabei störte ihn vor allem, dass er Charles Lewinskys “künstlich gemachten Schweizer Bestseller” Melnitz lesen musste und dass dies eine Vergeudung seiner kostbaren Lebenszeit gewesen sei. Nun, am Tag der letzten Sendung mit Willemsen, kommt die Antwort von SF-Chefredaktor Ueli Haldiman. In seinem Blog schreibt er:

“Tatsächlich habe ich mich als Chefredaktor dieses Hauses erfrecht, den Wunsch auszusprechen, dass der Literaturclub den Roman „Melnitz“ bespricht, was ursprünglich nicht geplant war. (…) Lewinsky wird vom traditionellen Feuilleton bekanntlich belächelt und in die Schublade „Unterhaltung“ entsorgt.”

Lieber Herr Haldimann, jawohl, ein Werk wie “Melnitz” sollte im Literaturclub besprochen werden! Und zwar nicht auf die trotzige Lateinlehrerart wie das im Literaturclub geschehen ist (im Stil von “wer Comedy schreibt kann unmöglich auch Literatur schreiben”). Aber im anderen Punkt irren Sie sich. Das Feuilleton hat Melnitz zum grossen Teil unvoreingenommen besprochen. Von den beiden NZZ-Blättern gab es sogar überschwängiche Kritiken. In Deutschland, wo man Lewinskys Sitcom-Talent nicht kennt, werden zudem auch seine Theaterstücke in “seriösen” Schauspielhäusern und Stadttheatern gespielt. Dies ist in der Schweiz (noch) nicht möglich.

Kunst/Museen, Politik


Wers mit Marthaler kann, kanns auch mit Couchepin

Der neue interimistische Direktor des Landesmuseums heisst Andreas Spillmann. Er war erst Schauspieler, dann Volkswirt, dann Verwaltungs- und ein Jahr lang auch künstlerischer Direktor des Schauspielhauses. Ein Mann ohne Museumserfahrung also (siehe hier). Aber immerhin: er konnte mit Marthaler umgehen, dann kann er es auch mit Couchepin. 

Bühne, Musik


Neues Zeitalter

Das Theaterspektakel-Programm steht fest, und die künstlerische Leiterin, Maria Magdalena Schwaegermann, sieht ein neues Zeitalter aufkommen. Nicht ein neues Theaterspektakel-Zeitalter, sondern ein neues historisches Zeitalter. 
In ihrem Editoral fragt sie:

“Stehen wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts in einem Umbruch unserer Welterfahrung, vergleichbar mit den Übergängen zwischen Mittelalter, Renaissance und Barock oder auch mit der Adoleszenz?”

Beim Durchblättern des Programmhefts zeigt sich, dass sie diese Frage belastet; das Ganze macht einen eher schwermütigen Eindruck. Man vermisst den liebgewonnenen Nouveau Cirque (wo sonst in der Schweiz kann man so etwas sehen?). Dafür gibt es viele Produktionen zum Islam und zum kriegerischen 20. Jahrhundert, aber auch viel Musik und Tanz unter dem Stichwort “Neue Dimensionen”. So oder so, nachdem die Fussball-WM endlich zu Ende ist – das Spektakel darf beginnen (leider müssen wir uns aber noch einen Monat gedulden). Vollständiges Programm hier

Musik


Keep on rockin’ Mr. Zinman

zinman[1].jpg
Wie wir aus der NZZ erfahren, feiert Tonhalle-Dirigent David Zinman morgen seinen 70. Geburtstag. Auch kulturblog.ch gratuliert herzlich. Ja, den passionierten Witzeerzähler aus den USA mögen wir einfach besser als den jungen österreichischen “Generalmusikintendanten” (das tönt schon so militärisch) vom Haus einige hundert Meter weiter. Zinman hat Zürich nicht nur wunderbare Konzerte, sondern auch hochklassige CDs und die Klassik-Disco “Tonhalle late” gebracht. Bei letzterem sah man den Chefdirigenten übrigens oft bis spät in die Nacht mit den jungen Besuchern tanzen. Keep on rockin’ Mr. Zinman!

Bühne


Nicht richtig angekommen

A_Hartmann_1Wahl[1].jpg
Mit der genialen “Wallenstein”-Aufführung von Rimini-Protokoll geht die erste Spielzeit von Matthias Hartmann am Schauspielhaus heute zu Ende. Zeit für eine kurze Bilanz:

1. Die besten Inszenierungen waren fast alles mitgebrachte Stücke aus Bochum. Die Neuinszenierungen konnten da kaum mithalten.

2. Hartmann hat grossartiges fürs Jugendtheater geleistet und mit dem “Jungen Schauspielhaus” ein umfassendes und tolles Angebot geschaffen. So begeistert man die nächste Generation fürs Theater!

3. Er fühlte sich hier von Anfang an nicht richtig wohl. In Bochum hatte er eine fantastische Zeit; kaum in Zürich angekommen, war er einer ihn sichtlich nervenden Polemik um die Villa am See ausgesetzt, zudem erwartete ihn eine streit- und streikfreudige Gewerkschaft.

4. Erst schwärmte Hartmann dauernd von Bochum, dann nahm er das Angebot aus Wien an und schwärmte fortan vom Burgtheater. Er setzte sich zwar voll für das Schauspielhaus ein - Hartmann lebt für das Theater, auch hier – trotzdem bleibt Zürich das unschöne Gefühl, bloss Lückenbüsser zu sein.

Fazit: Hartmann hat viele tolle Sachen mitgebracht. Doch irgendwie ist er hier trotz (oder gerade wegen) der schönen Wohnlage nie wirklich angekommen. 

Kunst/Museen


Das offizielle Pipilotti-Fanposter

pipi parkett.jpg

Das ist es, das Pipilotti-Rist-Fanposter in Lebensgrösse. Nicht etwa im Bravo erschienen, sondern im Pendent für Kunstliebhaber, der Zeitschrift Parkett. Die Auflage des Stoff-Posters beträgt 70 Exemplare, der Preis 2500 Franken (das Heft alleine ist etwas billiger). Zwar ist’s schon eine Weile her seit der Veröffenlichung, aber wenn das Nachrichtenmagazin Focus erst jetzt darüber berichten darf, so darf das kulturblog.ch auch.

Bühne


Die Tuchartistin in Woyzeck

shows_23[1].jpg
Im Schiffbau läuft zur Zeit Büchners Woyzeck in der klaren, gelungenen Inszenierung von Wilfried Minks. Da fahren Stühle samt Schauspielern die Wand hoch und runter, und die Zuschauertribüne bewegt sich samt Publikum vor und zurück. In der Jahrmarktszene schlängelt sich eine glatzköpfige Tuchartistin von der Decke Richtung Boden. Dabei handelt es sich um die Zürcherin Maja Weiller, seit Jahren eine Grösse der Schweizer Artistenszene, immer wieder aktiv in aussergewöhnlichen Projekten, ausserhalb des traditionellen Zirkus’. Neben ihrem Tuchakt ist sie in Woyzeck auch (ein wenig) schauspielerisch tätig – mit Zöpfchenperücke und Schuluniform. Schöne Überraschung.

Kunst/Museen, Politik


Stapi gegen Ex-Stapi

Merkwürdiges liest man im Tagi vom Samstag: Ex-Stapi Estermann wurde von Aktuell-Stapi Ledergerber als Landesmuseums-Direktor verhindert. Warum wollte überhaupt BAK-Chef Jauslin den museumsunerfahrenen Opernfan Estermann und den Schauspiel-Experten Spillmann zu Co-Museumsdirektoren machen? Etwa weil ums Landesmuseum zur Zeit ein grosses Theater abläuft?
Noch etwas anderes ist bemerkenswert: die Zürcher haben den Kampf ums Landesmuseum immer als einen Kampf der welschen BAK-Fraktion gegen Zürich interpretiert. Nun kämpfen auch noch Zürcher gegen Zürcher, der Stadtpräsident gegen seinen Vorgänger. Wenn das so weiter geht, muss kulturblog.ch allmählich Philipp Meiers Forderung unterstützen: Verschenkt doch das Landesmuseum.