McMuschgs Sprachschelte
Es ist eine Alterskrankheit, bei vielen setzt sie schon früh ein: Veränderung reflexartig mit Verschlechterung gleichzusetzen. Auch Adolf Muschg ist daran erkrankt, wie ein im Tages-Anzeiger veröffentlichtes Referat über einen angeblichen Sprachverfall zeigt. Den jungen Menschen sei “der bewusste Umgang mit Sprache” abhanden gekommen:
“Viele Jugendliche sprechen heute ein – wie überall mit englischen Brocken versetztes – Abkürzungs-idiom, das als ’schweizerisch’ nur noch an seiner Phonetik zu erkennen ist, an Syntax und Wortschatz nicht mehr – von dem besonders reich gewesenen Modusgebrauch der älteren Mundart ganz zu schweigen.
Es wird mir an diesem Punkt nicht ganz leicht, ein Wort wie ‘Sprachverfall’ zu meiden.”
Einen Beweis für seine These hat Muschg nicht. Es handelt sich wohl bloss um ein Gefühl.
Um dies zu vertuschen, holt er einen imaginären Wissenschafter hervor:
“Einem neutralen Sprachforscher fiele es wohl nicht schwer, auf dieser neuen Stufe der Kommunikation ein faszinierendes Ausdrucksrepertoire auszumachen. Aber auch er würde wohl nicht leugnen, dass diese Sprache mit derjenigen, ‘die für dich dichtet und denkt’, nichts mehr gemein hat.”
Muschg liegt falsch. Alle Studien zur Lese- und Sprachkompetenz ergeben: Die Lesefähigkeit der Leute nimmt seit Jahrzehnten zu (eine der Studien hier: Adult Literacy and Lifeskills Servey). Zwar lesen und schreiben viele Schulabgänger erschreckend schlecht, doch früher war die Situation keineswegs besser, im Gegenteil. Pflegte einst das arbeitende Volk dafür umso mehr mündlich eine Sprache, “die für dich dichtet und denkt”? Schwer vorstellbar.
Muschgs Fazit: die Schweizer Mundart habe sich zu einer “McSprache” entwickelt, “die man nur darum nicht oberflächlich nennen kann, weil ihr jeder Begriff für kulturelle Tiefe fehlt.” McSprache? Einen etwas originelleren und treffenderen Ausdruck hätte man vom Literaten Muschg schon erwarten dürfen. Der Gedanke der ”McDonaldisierung der Welt” war vor 15 Jahren überraschend, heute löst er nur noch Gähnen aus.
philipp meier schrieb:
die rede gibts als podcast; siehe http://www.rebell.tv
vielleicht hätte muschg gescheiter «PodSprache», «iSprache», «ShareSprache», «SMSprache» oder «YTsprache» wählen sollen…
Geschrieben am 22. September 2006 um 15:05Uhr | Permalink
rb schrieb:
Danke für den Hinweis. Damit man den den Podcast auch später noch findet, hier der exakte Link: http://rebell.kaywa.com/allgemein/adolf-musch-am-historikertagde-podcast.html
Geschrieben am 22. September 2006 um 22:04Uhr | Permalink