Bühne


Opernhaus-Start: Rette sich wer kann

Das Züricher Opernhaus zeigt in Winterthur Mozarts selten gespieltes Frühwerk “La finta semplice”. Dass es kaum gespielt wird, erstaunt nicht. Das Libretto ist dermassen banal, dass es ohne eine grosse Portion Selbstironie unerträglich ist. Doch diese fehlt der Inszenierung vollends. Man stelle sich einen schlechten Schwank der Laienbühne Dietlikon vor und überstülpe ihn mit Mozart-Musik - etwa so kommt die Winterthurer Vorstellung daher.
Also einfach die Augen schliessen und die Musik geniessen? Auch das funktioniert nicht. Selbst ein Wunderkind kann im Alter von 10 Jahren Liebesglück und -leid nicht glaubhaft musikalisch zum Ausdruck zu bringen. Das Resultat ist ein öder Klangteppich, höchstens geeignet als Hintergrundmusik im Warenhaus.
Dennoch hätte das Stück geretten werden können. Das Casinotheater, kaum 100 Meter vom Theater am Stadtgarten entfernt, zeigt mit “Salzburger Nockerln” wie mans macht. Die Operette ist ähnlich banal wie die Oper, doch im Casinotheater nehmen Komödianten das Singspiel lustvoll und gekonnt aufs Korn.
Die Premiere der “finta semplice” ist vielleicht noch im Gange. Diese Kritik ist schneller als die Vorstellung. Der Schreibende hat in der Pause die Flucht ergriffen.

Literatur, Musik


Literat Dieter Meier

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Er gehört zu den ganz wenigen Zürcher Künstlern von Weltformat, und er ist der einzige Mensch, dem ein Schnauz wirklich steht (Zirkusdirektoren ausgenommen). In den letzten Tagen hat man den Avantgarde-Musiker wieder vermehrt in Zürich angetroffen. Sogar eine Operettenpremiere hat er besucht (hier), und wie es sich für einen galanten Herrn gehört, hat sich Dieter Meier beim Platzsuchen bei allen in der Reihe einzeln mit einem Kopfnicken bedankt, die sich wegen ihm erheben mussten.
Heute liest Yellow-Meier im Kaufleuten aus seinem Essayband “Hermes Baby”. Ein schönes Buch, wie alle Ammann-Bücher. Der Grossteil der Essays ist autobiographischer Natur. Eine schlagzeilenträchtige Enthüllung hat er nicht zu bieten (er war nicht Mitglied bei der Waffen-SS, und die anrüchigste Stelle handelt von Klein-Dieter, der beim Odeon ”hastig einen verbotenen Blick” auf die Fotos von Nackttänzerinnen warf).
Meier überrascht dafür mit seinem angenehmen Sprachstil, den eingeschobenen Gedichten, der so wunderbar zelebrierten Eitelkeit. Über sich selbst redet er in der dritten Person. Je nach Situation kreiert er einen neuen Namen: Meier-Destino, Meier-mach-schon, Wunder-Meier, Meier-Soso, Meier-was-soll-das-Ganze, Meier-ratlos, Meier-mach-schon, Meier-Luftibus, Meier-Spekulator, Meier-Klappe etc. etc.
Meier-Multitalent schreibt aber auch über Musik. Sein Projekt Yello (“Es war das Bekenntnis zu Provinzialität und Dilettantismus, das Yello zur Identität führte und sie ihr Lied singen liess”), aber auch über Schweizer Pop-Musik allgemein:

“So gibt es in der Schweiz bei grösster Tonkopfdichte, perfekten Studios und modernster Elektronik Zehntausende von Häftlingen, die im Zoo grosse Freiheit spielen wie Affen, wenn sie auf alten Reifen schaukelnd sich im Urwald wähnen und ihnen das Sonntagspublikum Bananen zuwirft und sich köstlich amüsiert an ihren wahrhaft tragischen Kapriolen.
Diese Kunststücke der Schweizer Rock- und Pop-Adepten haben nicht einmal therapeutischen Charakter, da angelernte musikalische Reflexbewegungen zu jener stilsicheren Überheblichkeit führen, die das Herz verletzen.”

Eine DVD mit Videoclips und einem (etwas biederen) Interview liegt dem Buch bei. Dennoch, zu “Hermes Baby” kann man nur sagen: Oh Yeah.

Film


Pornokönig will ein Filmfestival

Edi Stöckli, Pornokinobesitzer, zeigt bald Filme mit angezogenen Männlein und Weiblein. Im Einkaufszentrum Sihlcity will er ein Multiplex-Kino eröffnen. Im Tages-Anzeiger sagt er, was Zürich sonst noch fehlt:

“Ein grosses Festival, zum Beispiel auf dem Kasernenareal. So was wie die Hofer oder Münchner Filmtage. Zürich ist eine filmbegeisterte Stadt, da würde das funktionieren.”

Gute Idee, Herr Stöckli. Doch Zürich hat bereits ein Filmfestival, es beginnt am 2. Oktober. Zwar findet es nicht auf dem Kasernenareal statt, aber ja, Zürich ist eine filmbegeisterte Stadt, und das Festival scheint tatsächlich zu funktionieren (sofern man dies nach einer Ausgabe beurteilen kann).

Kunst/Museen


Download-Kunst

Das Internet etabliert je länger je mehr als als Medium für Kunst. Auch die Zürcher Szene nützt es längst. Seit Jahren zu den Vorreitern in Sachen Internet-Kunst gehört die Gruppe etoy.CORPORATION, international bekannt wurde sie durch den Markenstreit mit der US-Spielwarenkette Etoys. Ebenfalls grosse Beachtung findet das Projekt onethousandpaintings.com, darüber hat kulturblog.ch hier bereits berichtet. 
Ziemlich neu ist azple.com, ein Projekt der Kunsthaus-Kuratorin Mirjam Varadinis. Sie bietet Kunst zum selber Ausdrucken an, kostenlos und erst noch kreiert von einigermassen bekannten Künstlern. Alle paar Monate gibts ein neues Werk bestehend aus mehreren s/w A4-Seiten. Was zu Hause beim Drucker rauskommt ist das Original - die Künstler haben das Werk exklusiv für azple entworfen. Auf der Homepage steht immer die neueste Kreation zum Download bereit (zurzeit jene des schottischen Künstlers David Shrigley), die früheren Werke kann man nur noch am Bildschirm anschauen. Finanziert wird das Ganze vorwiegend durch Beiträge des Bundesamts für Kultur.
Kunst zum gratis Downloaden. Im Gegensatz zum kostenlosen Musik-Download ist hier alles legal. Dennoch könnte die Entwicklung ähnlich verlaufen. Dann, wenn azple Nachahmer findet, die ebenfalls Kunst zum Runterladen anbieten, aber gegen Gebühr. Das wäre dann iTunes für Kunst.

Bühne


Österreicher träumen von Zürcher Verhältnissen

Wegen angeblich unzureichenden Subventionen hatte Christoph Marthaler das Zürcher Schauspielhaus frühzeitig verlassen. Unter Matthias Hartmann reicht das Geld plötzlich aus. Man konnte das Angebot sogar erweitern und hat ein tolles Jugendprogramm geschaffen. Selbst im theaterliebenden Österreich beneidet man das Schauspielhaus um seine Mittel. Im Nachrichtenmagazin Profil sagt Herbert Föttinger, neuer Direktor des Wiener Theaters in der Josefstadt:

“Natürlich komme ich mit dem jetzigen Budget zurecht, aber ein Haus dieser Grössenordnung sollte etatmässig mit dem Schauspielhaus Zürich vergleichbar sein. Um das Theater gut führen zu können, müssten Stadt und Bund die Subvention um insgesamt drei bis vier Millionen Euro erhöhen.”

Bühne


Dumm und hässlich im Theater

Wieder einmal gilts an dieser Stelle Sibylle Berg zu zitieren. In der NZZ von heute schreibt sie aus Sicht einer Theatergängerin:

“Was haben wir uns alle schon gequält, in öden Aufführungen, gelangweilt bis zum Tode, der leider nie eintrat. Und uns geschämt dabei, ein wenig, gedacht, vermutlich verstehe ich zu wenig vom Ganzen, vermutlich bin ich zu dumm, hässlich sowieso, und dann sind wir trotzig geworden und haben an die teuren Karten gedacht, man kann doch wenigstens erwarten… Wohl dem, der nichts erwartet.”

Sibylle Berg spricht so manchem Theaterbesucher aus dem Herzen. Dennoch gehen wir immer wieder hin. Viel schlimmer, den Start der neuen Theatersaison können wir kaum erwarten. Obwohl jetzt schon klar ist: wir werden uns wieder stundenlang quälen, wieder die meiste Zeit nichts verstehen und uns wieder dumm und hässlich fühlen. 
Warum tut man sich das an? Frau Bergs Begründung ist nicht wirklich befriedigend (deshalb wird sie hier nicht aufgeführt). Vielleicht ist es so, dass man einfach gerne ab und zu trotzig ist. Oder so tut, als habe man alles begriffen, als wüsste man ganz genau, welcher Satz anders hätte betont werden müssen, welche Stelle zu unrecht gestrichen wurde. Oder man hat ein Glaubensbekenntnis abgelegt und quält sich Vorstellung für Vorstellung durch, denn irgendwann wird der Messias die absolut fantastische Inszenierung kommen. Und die will man auf keinen Fall verpassen.

Bühne


Spoerli im Casinotheater

Erst tanzten die Schützlinge von Ballettmeister Heinz Spoerli auf einem eigenen Love-Mobil an der Streetparade, jetzt liefert er die Choreografie für die Operette “Salzburger Nockerln” im Casinotheater Winterthur.
Vier Mitglieder seines Junior Balletts wirken in der zuckersüssen Verwechslungskomödie mit. Ein mal als kecke Lederhosenjungs, zwei mal als wackere Kosaken. Die drei Auftritte dauern kaum eine Minute. Obwohl kostümmässig angepasst, die schlanken und grossgewachsenen Tänzer wirken inmitten der Komödianten und Volksschauspieler wie Orchideen in einer Magerwiese. Doch die Bühne ist viel zu klein, als dass ihre Sprünge richtig zu Geltung kommen könnten. Trotzdem, von Dieter Meier bis Franz Hohler, an der Premiere gestern schienen alle begeistert.
Opernhaus-Chef Alexander Pereira unterstützt die Ausflüge des Balletts (zumindest offiziell) nicht. Dabei macht Spoerli damit beste PR-Arbeit. Er gibt sich volksnah, mal mischt er sich unter die Jungen, mal unterstützt er die Komödiantenbühne. Pereira sollte dankbar sein: Selbst wenn ihm damit das Exklusivrecht auf Spoerli verloren geht, bei einer nächsten Abstimmung um einen Opernhaus-Kredit könnten diese Gastspiele die entscheidenden Stimmen bringen.

Zum Thema: Kein Opernhaus-Geld für Spoerli-Ballett an der Street Parade