Literatur
27. Oktober 2006
Falscher Hilfeschrei aus der Romandie
Die Schaufenster kleinerer Buchhandlungen in der Westschweiz bleiben dieser Tage leer. Ein Hilfeschrei. Die Buchhändler fordern eine Buchpreisbindung. Wie in Frankreich und im deutschsprachigen Raum. Ansonsten gehe die Vielfalt verloren.
Der Protest wird in Bern wohl kein Gehör finden. Zu recht. Denn trotz Buchpreisbindung verschwinden bedauerlicherweise auch in der Deutschschweiz immer mehr kleine Buchläden - auf dem Lande ebenso wie in den Städten. Mit der Buchpreisbindung hat dies nichts zu tun, sondern mit amazon.com, books.ch und wie die Internetbuchhändler alle so heissen. Dank diesen ist die Vielfalt sogar so gross wie noch nie. Auch andere Branchen haben mit ähnlichen Umwälzungen zu kämpfen, Stichwort Lädelisterben.
Übeleben werden jene Buchhändler und Verleger, die gute Ideen haben - und nicht jene, die ihre Zeit damit vergeuden, für vorgeschriebene Preise zu kämpfen. Da Amazon mit dem Verkauf von gebrauchten Büchern bereits legal die Buchpreisbindung umgeht, müsste es eigentlich im Interesse der physischen Buchhandlungen sein, wenn auch sie die Preise selber bestimmen könnten. Hinter vorgehaltener Hand haben mir einige Buchhändler und Verleger auch schon gesagt, dass sie eigentlich für eine Abschaffung seien. An die Öffentlichkeit will damit jedoch niemand, man will den Kollegen ja nicht in den Rücken fallen.
Jann schrieb:
Von Martin Jann, Geschäftsführer des Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verbands SBVV.
Niemand behauptet, dass die Buchpreisbindung ein Allerweltsheilmittel ist, vielleicht am ehesten das geringere Uebel. Ebensowenig lässt sich damit der Strukturwandel in der Buchhandelslandschaft aufhalten oder die Bestellungen über elektronische Wege, wobei es hier nicht nur die genannten gibt. Aber: Es gibt andere Gründe aus der Sicht der Konsument/innen, des Verlagsstandorts Schweiz und einer übergeordneten Kultur- und Bildungspolitik (Kultur- und Sprachenvielfalt), die eindeutig für eine Preisbindung, also ein Selbstregulativ der Buchbranche, sprechen (vgl. http://www.sbvv.ch/Preisbindung).
Die Schweiz kann es sich nicht leisten, bei Büchern eine Sonderlösung einzuführen. Sie würde damit riskieren, sich vom System ihren Sprachnachbarn abzukoppeln. Ein abgekoppelter Schweizer Markt ist jedoch für sich nicht überlebensfähig.
Der vom Bundesrat 2002 veröffentlichte Prognos-Bericht bestätigt das positive Urteil über das System der Buchpreisbindung. Darin wird festgehalten, “dass die Nachteile einer Aufgabe der Buchpreisbindung die Vorteile überwiegen”. Sämtliche Buch- und Kulturorganisationen in der Schweiz, die Autorenverbände, aber auch die Konsumentenschutzorganisationen unterstützen eine Regelung der Buchpreisbindung.
Man kann sich für die Buchpreisbindung stark machen, weil sonst:
-viele Buchtitel gar nicht mehr erscheinen würden
Im deutschsprachigen Raum werden jährlich über 90′000 neue Titel herausgegeben. Etwa eine Mio. Bücher sind lieferbar. Die Preisbindung fördert die Erzeugung und den Vertrieb des Wirtschafts- und Kulturguts Buch zugunsten des Kon¬sumenten und garantiert eine vielfältige Schweizer Buchauswahl und Buch-branche.
-Buchhandlungen weniger Beratungsleistungen anbieten könnten
Die Buchpreisbindung stellt sicher, dass qualifizierte Dienstleistungen wie Beratung, Bestellservice, etc., den Kunden zur Verfügung stehen. Sie stellt auch sicher, dass ein breites Sortiment von Büchern unmit-telbar in den Buchhandlungen physisch vorhanden ist und erfahren werden kann. In Buchhandlungen kann man nach Herzenslust stöbern, schnuppern und blättern. Sie sind Mittler zwischen Autor, Verlag und Leserschaft. Mit knapp 600 Sortimentsbuchhandlungen und einem Umsatz von rund CHF 750 Mio. verfügt die Schweiz (noch) über ein dichtes Netz von “geistigen Tankstellen“.
- Bücher in kleinen Auflagen nicht mehr zu tiefen Durchschnittspreisen angeboten würden
Die Buchpreisbindung ermöglicht ein brei¬tes Sortiment zu tiefen Durchschnittspreisen, welches den Bedürfnissen der breiten Bevölkerung und spezifischer Interessengruppen gerecht wird. Ohne Buchpreis-bindung – dies zeigen Erfahrungen in den betroffenen Ländern – werden die Bestseller möglicherweise zwar günstiger, das übrigen Sortiment verteuert sich jedoch wesentlich. Die Preisbindung ist die günstigste und effizienteste Buch- und Literaturförderung. Sie reguliert sich selbst.
- Verlage weniger Mut zu risikoreichen Publikationen hätten
Ohne Verlage gibt es keine Bücher und damit weniger Inhalte. Verlage spüren Talente auf und suchen Autoren, die Ungewohntes denken und über Unbekanntes schreiben. Verlage sind Katalysatoren und ideelle Investoren in die Zukunft. Rund 450 Buchverlage in der Schweiz bringen jährlich bis zu 11′000 Neuerscheinungen in allen Landessprachen auf den Markt. Viele dieser Publikationen sind nur möglich, weil sie innerhalb des Verlags quersubventioniert werden können, da ein erfolgreiches Buch ein weniger erfolgreiches mitfinanziert. Über die Hälfte der Schweizer Verlagserzeugnisse wird ins Ausland exportiert. Die Buchpreisbindung verhindert nicht den Wettbewerb beim Titelangebot – im Gegenteil erleichtert sie es den Verlagen, den Wettbewerb über die Sortimentspolitik spielen zu lassen.
Geschrieben am 29. Oktober 2006 um 18:03Uhr | Permalink
Weblog «cybelle» - Kulturgut oder Handelsware schrieb:
Trackback: [...] Beitrag \”Kulturgut oder Handelsware [...]
Geschrieben am 30. Oktober 2006 um 16:54Uhr | Permalink
rb schrieb:
Danke, Herr Jann, für diesen Beitrag. Eines würde mich aber interessieren: warum sollte ein abgekoppelter Markt in diesem Fall nicht lebensfähig sein? Wäre es nicht gerade eine riesige Chance für den Schweizer Buchhandel, wenn ganz Deutschland in der Schweiz zumindest einige Titel billiger einkaufen könnte?
Geschrieben am 30. Oktober 2006 um 20:26Uhr | Permalink