Martin Suters Silo 8

Aufstand der Alten. Darum geht es in “Silo 8” der letzten Produktion von Karls Kühne Gassenschau (Bild links), und darum geht es auch in “Mumien” (Bild rechts), dem neuen Stück des Bestsellerautors Martin Suter, soeben uraufgeführt im Theater am Neumarkt. Bei beiden Stücken sind die vermeintlich Betagten eigentlich ganz rüstig. Nur: bei Suter wollen die Rentner nicht einfach nur sich selbst aus einer menschenverachtenden Pflegefabrik befreien, sie planen die Revolution – und werden zu kleinen Saboteuren.
Die Jungen behandeln die Alten wie Minderbemittelte, die Alten führen dafür die Jungen hinters Licht (“Wir Alten sehen doch alle gleich aus, wie die Chinesen”). Am Ende schliessen sie dennoch einen Pakt. Generationenkonflikt à la Suter, harmlos, und doch ist der Theaterabend ganz amüsant. Dies liegt vor allem an der einfallsreichen Regie von Sandra Strunz (sie habe die Inszenierung erst fünf Wochen vor der Premiere übernommen) und einer umwerfenden Gruppe von alten Statisten, die die Altersheimbewohner wunderbar parodieren.
Wer weiss, vielleicht sind “Silo8″ und “Mumien” nur die ersten Vorboten eines neuen Theater-Genres, das dank der Bevölkerungsentwicklung noch Hochblüten erleben wird: das Altersheimdrama.
Product Placement im Theater
Es war ein Markenzeichen des Berner Theaters an der Effingerstrasse, dass vor jeder Vorstellung ein Werbespot live vorgetragen wurde. Zuweilen wurde die Werbung für ein Swisscom-Handy oder sonstwas sogar ins Stück eingebaut. Jetzt entdeckt auch das Zürcher Opernhaus das Product Placement. Bei der Operette L’Etoile stehen drei Luxus-Limousinen des Sponsors Mercedes-Benz auf der Bühne (Foto hier). Dass Mercedes ein Sponsor ist, entnimmt man jedoch nur dem Programmheft bzw. der Sponsorentafel.
Übrigens: auch in Motortown, dem neuen Stück des Schauspielhauses, steht ein Auto auf der Bühne. Dafür hat das Schauspielhaus von Ford aber wahrscheinlich keinen Rappen erhalten. Denn: das Auto ist nicht mehr ganz neu. Und – das wiegt wohl schwerer - im Kofferraum ist eine Leiche versteckt.
Oscarkandidat auf DVD
Vitus von Fredi M. Murer habe reelle Chancen auf den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film, meinte gestern die NZZ am Sonntag. Obwohl mich das Märchen um den Wunderknaben sehr gerührt hat, teile ich diese Meinung nicht. Einige Figuren, vor allem Vitus’ Eltern, sind zu eindimensional gezeichnet.
Was bei der Vermarktung aber einmal mehr auffällt: wie rasch der Film auf DVD erschienen ist. Noch lief er in einigen Kinos und schon hingen die Vitus-Plakate in den Schaufenstern der Videotheken. Im Welsch- und in Deutschland ist der Film noch gar nicht erst angelaufen.
Dennoch eine geschickte Strategie. Das Oscar-Gerede dürfte den DVD-Absatz ankurbeln. Und ausserhalb der Deutschschweiz wird Vitus ein Nischenprodukt bleiben, sodass durch die frühe DVD-Veröffentlichung kaum Kinogänger verloren gehen.
Sibylle Berg: “Die Schweizer sind Autisten”
Sibylle Berg auszuweichen ist zurzeit schwierig. Kürzlich hat sie ein Märchen herausgegeben, das Schauspielhaus hat ein Theaterstück von ihr uraufgeführt und auch sonst ist sie dauerpräsent. Gestern ward die Wahl-Zürcherin noch im Schiffbau gesichtet, heute früh erschien in der deutschen Netzeitung ein Interview mit ihr. Darin fragt sie der Chefredaktor, was ihr an der Schweiz denn gefalle:
“Es ist das perfekte Land für mich. Die Schweizer sind Autisten. Ich merke das jeden Tag: es herrscht ein Ausnahmezustand dort. So etwas findest Du vielleicht noch in Island: Solch einen Inselstatus mit relativ entspannten Leuten. Ich lebe nun seit zehn Jahren dort, und die Menschen sind alle wirklich entspannt. Warum auch nicht? Denen geht’s ja gut. Und für mich ist die Schweiz so, wie die Welt aussehen sollte.”
Das vom Inselstatus haben wir schon oft gehört. Aber dass jemand die Schweizer als entspannt bezeichnet, ist doch sehr aussergewöhnlich. Danke, Frau Berg.
Alle kulturblog.ch-Beiträge über Sibylle Berg hier
Samir macht Theater
Er wolle nicht dauernd als Irak-Schweizer wahrgenommen werden, sagte Filmemacher Samir im Vorfeld zu seiner Bühnen-Regiearbeit im Schiffbau. Schwierig, wenn man als gebürtiger Iraker ein Stück über die Folgen des Irakkriegs inszeniert. Obwohl: in Simon Stephens’ “Motortown” geht es nicht um den Irak sondern um die Befindlichkeit der Briten als Bürger eines kriegsführenden Staats.
Samir beginnt mit einem Filmelement und lässt den Schriftzug “The End” projizieren, gefolgt von einem Abspann mit den Namen aller Beteiligten. Es geht um einen Rückkehrer aus dem Krieg (Inhalt des Stücks hier). Abgesehen vom Abspann am Anfang ist die Inszenierung eher konventionell, jede Szene ist klar und mit lauter Musik von der nächsten abgetrennt, die Figuren sind alle mehr oder weniger stark überzeichnet. Trotzdem, ein ergreifender Theaterabend. Samir kann sich auf ein grösstenteils hervorragendes Ensemble verlassen, allen voran überzeugt Hauptdarsteller Oliver Masucci. Das Stück nimmt die Stimmung jenseits der Peace-Fahnenschwinger und Kriegsgurgeln messerscharf auf, ohne zu moralisieren.
Gute Schauspieler, gutes Stück - für Samir ein Glücksfall. Sein Ausflug in die Theaterwelt ist gelungen.
Direkt-demokratische Kunstabschaffung
Der Basler Christoph Büchel ist bekannt für seine raumfüllenden Installationen. In Salzburg wollte er der ganzen Stadt ein neues Gesicht geben, bzw. ein altes. Diesen Sommer sammelte er dort nach gut schweizerischer Art Unterschriften gegen zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum. Die Unterschriftensammlung war selbst eine Kunstaktion im Rahmen des Kontracom-Kunstfestivals. Kunst mit realpolitischen Auswirkungen. Über 2000 Leute haben das Begehren unterschrieben, das reicht für eine sogenannte Bürgerbefragung. In der ganzen Stadt müssen nun Abstimmungsurnen aufgestellt werden, dies kostet 40′000 Euro. Die Behörden sind verärgert und wollen den Betrag dem Kunstfestival in Rechnung stellen. Merkwürdiges Demokratieverständnis. Zumal die Aktion doch ein wunderbarer Ausgangspunkt wäre, um über Kunst im öffentlichen Raum zu debattieren.
Zum Thema: Zürich: Gegenkonzepte für Teddybären
Spillmanns verpasste Chance
Vor drei Jahren hatte sich der damalige kaufmännische Leiter des Schauspielhauses und heute interimistische Direktor des Landesmuseums, Andreas Spillmann, gemeinsam mit Thomas Oberender für die Intendanz des Deutschen Theaters Berlin beworben. Oberender, zurzeit noch Dramaturg in Zürich, hat den Job nun doch noch erhalten; ab 2008 ist er Intendant des Deutschen Theaters. Ohne Spillmann. Das dürfte schmerzhaft sein für Spillmann. Der frühere Schauspieler hat zum Museumswesen kaum einen Bezug. Wahrscheinlich würde er viel lieber mit Oberender nach Berlin ziehen, als sich weiterhin mit einem Haus voller Hellebarden abzumühen.
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Kinder, Kunst, Porno

Die Massenvergewaltigung einer 13-Jährigen hat auch eine Diskussion über Handypornos entfacht. Kaum vorstellbar, was sich da Kinder alles hin- und her-mmsen. Umso lächerlicher wirkt der Warnhinweis für die Ausstellung “Eros in der Kunst” in der Fondation Beyeler in Riehen. Da heisst es:
Wichtiger Hinweis:
Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sollten die Ausstellung nur unter Aufsicht der für sie verantwortlichen Erwachsenen besuchen.
Das einzige, was die verantwortlichen Erwachsenen ihren Kindern zu der Ausstellung sagen könnten: ”Als wir so jung waren wie ihr, hat das hier noch Anstoss erregt.”
Der Direktor empfiehlt… die Konkurrenz

Der Schauspieldirektor des Theaters Basel, Elias Perrig, empfiehlt das Theater Rigiblick. Als begeisterte Rigiblick-Besucher bekennen sich auch Eike Gramss, Direktor des Stadttheaters Bern und der Luzerner Schauspielchef Peter Carp (übrigens der Bruder von Stefanie Carp) in der neuen Werbekampagne der kleinen Zürcher Bühne.
Schauspieler Daniel Rohr leitet das Rigiblick seit zwei Jahren, und bereits ist es ein wichtiger Pfeiler in der Züricher Theaterlandschaft. Zuvor war Rohr als Ensemblemitglied die herausragende Persönlichkeit des Theaters am Neumarkt; er rettete die Direktion Dünsser/Kukla praktisch im Alleingang, seine Soloabende waren legendär. Dass ihn die anderen Theaterdirektoren unterstützen, erstaunt nicht. Vielleicht hoffen sie darauf, dass sich Rohr im Gegenzug einmal für eine Produktion in ihrem Haus gewinnen lässt.
Zum Thema: Schauspielhaus entdeckt Kinowerbung
Landesmuseum: 50% weniger Besucher
Die Entlassung von Direktor Andres Furger und die damit verbundenen Negativ-Schlagzeilen haben beim Landesmuseum tiefe Spuren hinterlassen: ”Diese Wirren und der Umbau haben zu einem massiven Besucherrückgang geführt. Ich schätze, dass die Zahlen im letzten Jahr auf die Hälfte gesunken sind”, sagt Hans Wehrli, Präsident der Landesmuseumskommission in der NZZ am Sonntag.
Laut der Zeitung haben einige Kaderleute die Kündigung erhalten, die sich in der Öffentlichkeit für Furger eingesetzt hatten. Unklar ist dabei die Rolle des neuen Direktors, dem Ex-Schauspielhaus-Mann Andreas Spillmann. “Solange ich mich ans Personalgesetz halte und den Finanzhaushalt beachte, habe ich volle Entscheidungsfreiheit”, behauptet er. Die Kündigungen habe er aus eigenem Ermessen ausgesprochen. Dennoch darf man davon ausgehen: BAK-Chef Jean-Frédéric Jauslin ist zufrieden mit ihm. Unbequeme Leute loszuwerden hat zurzeit höhere Priorität als um die Gunst des Publikums zu kämpfen und interessante Ausstellungen zu machen.
Kris Kremo Superstar
Er jonglierte im Pariser Lido, inmitten der barbusigen Showtänzerinnen mit den unendlich langen Beinen. Und er jonglierte in Las Vegas, 12 Jahre lang im berühmten Stardust Hotel. Während vier oder fünf Saisons war auch schon im Circus Knie zu bewundern. Selbst die Queen sei von Kremo begeistert.
Kristian Gaston Kremo, der Schweizer Superstar der Jonglierkunst, zeigt seit 45 Jahren dieselbe Nummer mit drei Bällen, drei Hüten und drei Zigarrenkisten. Keine Frage, Kremo jongliert mit traumwandlerischer Sicherheit, seine Bühnenpräsenz ist umwerfend, das technische Niveau ansprechend, und seine Pirouetten verblüffen immer wieder. Dass er sich mit derselben, mittlerweile ziemlich verstaubten Nummer so lange halten kann, ist dennoch erstaunlich. Zumal bereits sein Vater Bela mit einer praktisch identischen Darbietung berühmt war. Zurzeit ist der Gentleman-Jongleur wieder einmal in Zürich, im Circus Conelli. Und seine schöne Frau Elena lächelt als orientalische Hoola-Hoop-Künstlerin von allen Plakaten. Hier ein You-Tube-Video von Kremo – uralt und noch immer brandaktuell.
Zum Thema: Zirkusse in Zürich: 8400 Besucher pro Tag
Orell-Füssli-Chef kennt Güzin Kar nicht
Güzin Kar erzählt in einem äusserst unterhaltsamen Blog-Eintrag über ihre Erlebnisse als Gastkritikerin im Literaturclub. Dabei kommt vor allem der “Boss von Orell Füssli”, wahrscheinlich meint sie Geschäftsführer Fabio Amato, schlecht weg:
“Der notorisch Gutgelaunte entpuppte sich als Boss von Orell Füssli. Herr Füssli ist ein Mann mit lustigen Sprüchen und schlechten Manieren, der (immerhin als Herr des Hauses!) nicht etwa auf die anwesenden Frauen zuging, um sie zu begrüssen, sondern einfach mit seinem Weinglas an der Wand lehnte, in die Runde grinste und wartete, bis sich diese ihm präsentierten. Mich fragte er: «Und was für ein Buch haben Sie geschrieben?». Das gelbe, was im Erdgeschoss seines Ladens eine ganze Bücherwand füllt und seit Wochen in der Beststellerliste ist, aber es wäre zu viel verlangt, dass der Chef eines Buchhauses das wüsste.”
Einen Seitenhieb einstecken muss auch “der neue Kritiker in der Runde, der heute ein bisschen schauen will” (es handelt sich wohl um Schriftsteller Urs Schaub, der am 17. Januar erstmals mitdiskutieren wird). Der habe ”Tränensäcke bis zu den Knien” und sei vor allem mit seinem ”‘ich bin extrem wichtig, auch wenn mich keiner kennt’-Blick” aufgefallen.
Güzin Kar schreibt ihren Weltwoche Blog “wegen Erfolg” noch bis Ende Jahr weiter. Von mir aus darf sie noch viel länger weiterbloggen!
Zürcher Warhol-Mao für Südamerika
Die Nachricht tickert noch immer über alle Agenturen: Ein Exemplar von Andy Warhols Mao ist in New York für die Rekordsumme von 17,4 Millionen Dollar versteigert worden. Das Bild stammte aus der Zürcher Daros Collection. Ob es auch schon im Daros-Showroom im Löwenbräu-Areal zu sehen war, entgeht meiner Kentnis. Jedenfalls, die Familie Schmidheiny will mit dem Erlös die Südamerika-Sammlung erweitern. Ende 2007 will Daros zudem ein Zentrum für zeitgenössische Kunst in Rio de Janeiro eröffnen (mehr dazu hier). Was passiert dann mit Daros im Löwenbräu-Areal? Die letzten Ausstellungen widmeten sich alle südamerikanischer Kunst. Was, wenn die weg ist? War der Warhol-Verkauf ein erster Schritt, den Standort Zürich aufzugeben?
Musik verschenken gebührenpflichtig
Wer gratis Musik zum Download anbietet, muss der Suisa Gebühren zahlen. Selbst wenn die Urheber ihre Titel unentgeltlich anbieten wollen. Dies geht aus einer Anfrage des Labels domizil.ch bei der Suisa hervor, die die Kollegen der Digitalen Allmend veröffentlicht haben. Die Suisa schreibt:
“Die SUISA ist zum Schluss gekommen, dass wir bezüglich der Musiknutzung auf www.domizil.ch nicht auf die Anwendung der rechtsgültigen Tarife verzichten können. Wir müssten bei allen Downloads, welche in der Schweiz gratis angeboten werden, auf eine Entschädigung verzichten. Dies wollen und können wir aus diversen Gründen nicht machen.”
Ein Komponist darf seine Musik also nicht gebührenfrei übers Internet verschenken. Im weiteren Briefwechsel wird dies für Einzelfälle jedoch etwas relativiert (siehe http://blog.allmend.ch/).
ProLitteris, die Urheberrechtsgesellschaft für Text und Bild, geht mit Gratis-Publikationen anders um. Während ein Journalist für einen Artikel, der in einer Kauf-Zeitung erschienen ist, von der ProLitteris mit einem geringen Betrag entschädigt wird (zusätzlich zum Honorar der Zeitung), kriegt er bei der Publikation in einer Gratiszeitung nichts. Selbst wenn der Journalist Mitglied bei ProLitteris ist. Mit der Begründung: diese Zeitungen werden sowieso verschenkt, eine allfällige Vervielfältigung durch Dritte muss nicht zusätzlich honoriert werden. Somit nehme ich an, dass die Herausgeber der Gratisblätter für die Texte auch keine Abgaben an ProLitteris leisten müssen.
Fazit: Texte verschenken ist gebührenfrei, Musik verschenken gebührenpflichtig.
Pereira-Chat: Niemand fragt nach Geld
Fehlt den Leuten der Mut? Oder sind doch alle einverstanden mit dem Geldsegen für das Opernhaus? Man könnte es fast meinen. Der Tagi lud heute zum Chat mit Alexander Pereira. Endlich konnte man dem Opernhaus-Chef seinen Ärger mitteilen. Doch was ist passiert? Von den Chattern kam keine einzige Frage zum Geld. Und keine einzige Unmutsbekundung (falls diese nicht zensuriert wurden). Nur Fragen zum Programm, zu Sängern, zu Ticketpreisen etc. (Protokoll hier). Die Moderatorin, Tagi-Opernkritikerin Susanne Kübler, musste selber in die Tasten greifen und fragen: Was wäre geschehen, wenn der Kürzungsantrag im Kantonsrat durchgekommen wäre? Pereira:
“Wäre der Kürzungsantrag durchgegangen, hätte ich knapp eine Million mehr pro Jahr an Sponsorgelder sammeln müssen, und da ich mich beim Geldersammeln an einer persönlichen physischen Grenze befinde, hätte ich mir nicht zugetraut, diese weitere Million noch aufzutreiben.”
Und die Konsequenzen daraus? Niemand hakte nach. Schade. Denn eines ist klar: Das Opernhaus hätte auch mit der bescheidenen Kürzung genau gleich weiterarbeiten können wie bisher. Nur vielleicht ein ganz klein bisschen sparsamer.
Zum Thema: SP und Opernhaus wie FDP und Swissair