Politik
8. November 2006
Wowereit wie Ledergerber
Die deutschen Feuilletons kennen zurzeit fast nur ein Thema: dass der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit auch das Amt des Kultursenators übernommen hat. Alle sind zutiefst entrüstet. Selbst die NZZ findet es ein “verheerendes Signal“. Was soll die Aufregung? Vielleicht hat sich Wowereit doch nur Zürich zum Vorbild genommen: hier ist sein Parteikollege, Elmar Ledergerber, seit Jahren zugleich Stadtpräsident und Vorsteher des Kulturdepartements. Na ja, Zürich hat (zum Glück) auch nicht drei Opernhäuser, sondern nur eines – und dieses konnte die Stadt erst noch an den Kanton abschieben. Doch auch in diesem Punkt eifert Wowereit Zürich nach: am liebsten würde er eine oder gleich mehrere seiner teuren Opern dem Bund schenken.
Zum Thema: Kulturausgaben in Zürich und Berlin – ein Vergleich
philipp meier schrieb:
passend dazu als exklusiver vorabdruck auf kulturblog.ch meine kolumne, die morgen auf der hintersten seite im neuen zürich-teil (nur in der stadt zürich erhältlich) des tages-anzeigers erscheinen wird:
Co-OPER-ativo vs. «Zukunft»
Wir Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher bilden einen exklusiven Zirkel von 0.0056 % der Weltbevölkerung. Hiesigen Banken werden jedoch 4.5 % des global verwalteten Kapitals anvertraut. Der Laden brummt! Das lässt hoffen, dass wieder ein bisschen Mut in die Teppich-Etage der Stadtverwaltung einkehrt. Im Moment sieht es nämlich düster aus: Die alljährlich wiederkehrende Auszeichnung zur lebenswertesten Stadt der Welt, droht uns direkt ins Messer der gähnenden Langeweile zu stossen. Gleich einer alten Dame vom Zürichberg, spritzt sich die Stadt massig mikro-urbanes Botox in die wenigen verbleibenden Narben. Derweil um die scheinbar global ausstrahlenden «Augen», auch liebevoll «Leuchttürme» genannt, hektisch geliftet wird: Das Schauspielhaus wurde eben erst erweitert, dasselbe steht im Kunsthaus an, vom Opernhaus nicht zu schreiben. Beflügelt von der freien Meersicht begann die linksgrüne Mehrheit die bereits bestehenden «Leuchttürme» massiv auszubauen, ohne zu merken, dass der Ozean fern ist, die grossen Dampfer längst elektronische Navigationsgeräte haben und die Datenhighways sich an digitalen Leuchtzeichen orientieren.
Die Oper scheint das Cooperativo als Stammlokal der Linken abzulösen. Zürichs «Zukunft» liegt jedoch an der Dienerstrasse 33.
Geschrieben am 9. November 2006 um 13:33Uhr | Permalink
rb schrieb:
Herzlichen Dank für diesen ‘exklusiven Vorabdruck’. Die Zürcher Kultursituation in wenigen Sätzen exakt auf den Punkt gebracht – Chapeau!
Um dein Spiel weiterzutreiben: jene, die beflügelt von der freien Meersicht die Leuchttürme ausbauen, sind halt heute längst wohlgenährten Schnecken im Gurkensalat.
Geschrieben am 9. November 2006 um 14:18Uhr | Permalink