Kunst/Museen


Kinder im Warteraum

Foto rb
Passt dies als Weihnachtseintrag? Diese zwei Kinder stehen seit Tagen im Zürcher Helmhaus. Sie sind nicht aus Fleisch und Blut, sondern nur Puppen – und Teil der Installation “Transparent Kindergartens Above Streets” von Robert Estermann (ob er mit Josef verwandt ist, entzieht sich meiner Kenntnis).
Ausgestellt sind lauter Ankäufe der Stadt. Nicht schöne Bilder für die Beamtenbüros, sondern mehrheitlich Installationen. Kürzlich habe ich die Forderung gehört, die Stadt solle seine Video-Installationen in die Warteräume der Ämter stellen. Gute Idee. Dort hat man viel Zeit, die bewegten Bilder zu betrachten und zu reflektieren. Doch wahrscheinlich landen all die Bildschirme und Beamer anstatt in den Amtsstuben bald einmal in Lagerräumen – für immer. Dies hat wenigstens einen Vorteil: die Beamten können die Werke nicht wie auch schon irgendwann klammheimlich mit nach Hause nehmen.

Film


Missen Schuld an Schauspielerinnen-Misere

In der Schweizer Filmszene herrscht ein Mangel an Nachwuchs-Schauspielerinnen. Schuld daran sind für Regisseur Michael Steiner all die schauspielernden Missen, wie er in einem Interview mit der Mittelland Zeitung sagt:

“Ich kenne viele junge, gute Schauspielerinnen in diesem Land. Man muss einfach den Mut haben, eine grosse Rolle mit einem unbekannten Gesicht zu besetzen. Wir haben bei den Damen im Unterschied zu den Herren eine andere Kultur mit all den Missen, die schauspielern wollen. Wenn dieser Kult mal abnimmt, könnte ich mir vorstellen, dass es besser wird.”

Mit anderen Worten: Im Schweizer Filmbusiness gilt, lieber eine hübsche Miss als eine gute Schauspielerin.
(via filmblog.ch)

Sonstiges


Die teuersten Kultur-Silvester-Partys

Kulturgenuss zum Jahresausklang, für die Kulturbetriebe ein lukratives Geschäft. Doch wo kriegt man in Zürich sein Geld am besten los? Nicht unerwartet siegt in der Rangliste der teuersten Kultur-Silvester-Partys das Opernhaus, vor den drei Weihnachtszirkussen (wobei der schlechteste auch der billigste ist). Auf Rang fünf folgt das Schauspielhaus, das aber im Gegensatz zu allen andern seine Gäste hungern lässt und anstatt zum Gala-Diner nur zu einem “Apéro im Foyer” lädt. Hier die Rangliste:  

1. Opernhaus Zürich “Turandot“: Fr. 550.- (1. Kat./inkl. Gala-Diner)
2. Palazzo Colombino Variété: Fr. 328.- (inkl. Gala-Diner)
3. Circus Conelli: Fr. 290.- (inkl. Gala-Diner)
4. Salto Natale: Fr. 169.- (1. Kat/inkl. Gala-Diner)
5. Schauspielhaus “Bunbury” Fr. 113.- (1. Kat./kein Gala-Diner)

Bühne


Hartmann: Gewerkschafter sind “richtig fette Arschlöcher!”

Der Frust sitzt bei Schauspielhaus-Direktor Matthias Hartmann offenbar sehr tief. Konnte sein öffentlicher Angriff gegen Verwaltungsratspräsident Elmar Ledergerber nach der Einigung mit dem technischen Personal noch als emotionaler Schnellschuss abgetan werden, so ist seine Schimpftirade gegen die Unia mehr als nur eine verbale Entgleisung - selbst wenn die Anschuldigungen durchaus berechtigt sind. Laut tagesanzeiger.ch soll er in einem Interview mit Radio24 gesagt haben:

“Die Menschen, die meine angebliche Gage um das Doppelte übertrieben haben und auf Flugblättern in der Stadt verteilt haben, die meinen Namen mit Totenkreuzen beschmiert haben und damit mit Bannern durch die Stadt gelaufen sind, mit todernsten Gesichtern, diesen Menschen nehme ich das herzlich übel. Und ich finde: Es sind richtige fette Arschlöcher!” 

Bereits vor ein paar Wochen hatte Hartmann mehr oder weniger direkt gesagt, er wolle Zürich am liebsten gleich wieder verlassen. Schade für das Schauspielhaus, aber soll man jemanden, der unbedingt gehen will, nicht besser ziehen lassen? Oder wäre dies für Ledergerber, der Hartmann um jeden Preis nach Zürich holen wollte, eine zu grosse Niederlage?

Zum Thema:
Lohnkürzung für Hartmann?
Der Pfauen liegt am Broadway

Bühne


Opernhaus: Programmverkäufer filmt heimlich

“Ein langweiliger Abend eines Programmverkäufers. Alle 20 Sekunden ein Bild unter dem Tisch hervor”, schreibt YouTube-Nutzer schuhuschu zu seinem kleinen Filmchen. Aufgenommen hat er es an der “Rigoletto”-Vorstellung vom 3. November.
Ein Mitarbeiter, der heimlich die Opernhausbesucher filmt und die Bilder dann ins Internet stellt… wenn das der Herr Pereira wüsste!

Musik


Tonhallen-Knatsch: Geheimer Sponsor zahlt Abfindungen

Das Tonhalle-Orchester hat turbulente Wochen hinter sich. Erst schmiss die neue kaufmännische Direktorin, Regula Koch, nach nur wenigen Tagen im Amt das Handtuch. Ihr war vertraglich zugesichert worden, sie leite das Haus gleichberechtigt mit Tyrgve Nordwall, dem künstlerischen Direktor. Nordwall akzeptierte jedoch keine gleichberechtigte Partnerin neben sich. Im Umfeld der Tonhalle wird gemunkelt, Nordwall habe plötzlich auf eine uralte, längst nicht mehr praktizierte Klausel in seinem Vertrag verwiesen, laut derer er der Chef sei. Für Koch konnte rasch ein Ersatz gefunden werden. Der Kompetenzkonflikt wurde gelöst, indem auch Nordwall das Haus verliess – “in gegenseitigem Einvernehmen”.
Ein teures Einvernehmen, wie die Tonhalle laut NZZ an der Pressekonferenz von gestern zugab. Nordwall und Koch dürften hohe Abfindungssummen erhalten haben - doch dazu haben die Beteiligten Stillschweigen vereinbart. Nur eines wurde verraten: Eine private Stiftung habe die Kosten übernommen. Ein glücklicher Vorstand, der Sponsoren findet, um Probleme kurzerhand mit einem Sack voll Geld zu lösen.

Film, Politik


Verbandsmeierei

“Treffen sich zwei Schweizer, so gründen sie einen Verein”, lautet ein juristisches Bonmot. Weiter müsste es heissen: “Treffen sich zwei Schweizer Kulturschaffende, so gründen sie einen Verband.” Die Liste der Verbände und Interessensgruppierungen im Kulturbereich ist endlos. Allein die Filmbranche zählt gemäss Linkliste auf filmnet.ch 31 Verbände. Bald könnte die Nummer 32 dazu kommen, der Verband der Kurzfilmer. Neigen Kulturschaffende normalerweise freiwillig dazu, endlose Verbands-Sitzungen einzuberufen, um dann irgendein gutgemeintes Pamphlet zu veröffentlichen, geschieht dies diesmal auf Druck. BAK-Filmchef Nicolas Bideau hat die Kurzfilmer aufgefordert, sich zu organisieren. Auch für die Kultur gilt in Bundesbern das Credo: Hauptsache durchstrukturiert.

Bühne


Lohnkürzung für Hartmann?

In Wien kursiert das Gerücht, der Verwaltungsrat des Zürcher Schauspielhauses wolle Noch-Direktor Matthias Hartmann den Lohn kürzen, da er bereits eine Menge Zeit für die Vorbereitung auf die Intendanz am Wiener Burgtheaters aufwende. Schwer vorstellbar, dass dem tatsächlich so ist. Dennoch würde dies einiges erklären. Vor zwei Wochen war die gesamte Zürcher Kulturszene verwundert, wie Hartmann in den Medien gegen seinen Chef, den Stadt- und Verwaltungsratspräsidenten Elmar Ledergerber, schoss. Nach der Einigung beim Konflikt mit dem technischen Personal deckte Hartmann Ledergerber mit Vorwürfen ein. Wirklich nachvollziehbar waren die Anschuldigungen nicht. Ging es in Wirklichkeit doch um Geld für Hartmann und nicht – wie Hartmann immer betonte – um Geld für die Kunst?

Zum Thema: Der Pfauen liegt am Broadway

Kunst/Museen


Hirschhorn wichtiger als UBS

Thomas Hirschhorn ist wichtiger als die UBS. Zumindest was den Einfluss in der Kunstwelt anbelangt, meint das Art Review Magazine. Das renommierte Magazin hat eine Rangliste mit den 100 einflussreichsten Personen der Kunstwelt erstellt (ist zwar schon einige Wochen her, mir aber erst jetzt aufgefallen). Hier die Schweizer:

Rang 5: Samuel Keller (Direktor Art Basel)
Rang 14: Iwan Wirth (Galerist Hauser & Wirth)
Rang 34: Simon de Pury (Auktionator)
Rang 42: Thomas Hirschhorn (Künstler)
Rang 49: UBS (Bank)

Rang 56: Herzog & de Meuron (Architekten)
Rang 78: Michael Ringier (Verleger und Kunstsammler)
Rang 82: Lorenz Helbling (Galerist??)

Auch wenn solche Rankings bloss der Unterhaltung dienen, die Einordnung Hirschhorns als einem der wichtigsten Künstler der Welt ist völlig korrekt. (Siehe auch rebell.tv). 
Übrigens, der Mann, der wegen seines Ärgers über Hirschhorn die Strafaktion gegen die Pro Helvetia angezettelt hatte, ist ab dem 1. Januar unser neuer Ständeratspräsident.

Bühne, Musik


UBS-Wufflis Opern-Bla-Bla

Dass Alexander Pereira, kaum hat er vom Kanton mehr Geld erhalten, schon wieder mehr Subventionen fordert, lasse ich für einmal unkommentiert. Stattdessen ein Zitat aus dem neuen Opernhaus-Magazin, in dem UBS-CEO Dr. Peter Wuffli als Hauptsponsor der neuen Produktion “Ariadne auf Naxos” ein Grusswort an die “geschätzten Opernfreunde” richten darf. Er, bzw. sein Ghostwriter, übertrifft mit seiner hochgestochenen, nichtssagenden Sätzen jeden noch so abgehobenen Dramaturgen:

“Auflösung der Gegensätze von Ernst und Humor auf höherer Ebene also – berauschende Ästhetik und ironisches Zitat sind die Stilmittel, mit denen Richard Strauss dieses Programm musikalisch umsetzt: Spielerisch-leicht, zugleich fesselnd in der Fülle der Innovationen. Claus Guth ist bekannt dafür, als Regisseur neue Sicht- und Hörweisen in scheinbar vertraute Stoffe zu bringen und Vielschichtiges mit genaum Blick für Subtilität ans Tageslicht zu fördern…”

Um bei Wufflis Wortwahl zu bleiben: dies ist berauschender Unsinn auf höherer Ebene also.

Musik


Zürcher Orchester: Bei der Gleichstellung top


(Quelle: APA/derstandard.at)

Die österreichischen Grünen fordern eine Frauenquote bei den Wiener Philharmonikern. Im weltberühmten Orchester herrschen schlimmere Zustände als im Kanton Appenzell IR. Nachdem in Appenzell die Frauen im Jahr 1990 das Stimm- und Wahlrecht erhielten, mussten die Wiener Musikerinnen noch sieben Jahre warten, bis sie bei den Philharmonikern mitspielen durften. Zurzeit ist nur eine Frau Mitglied in dem ehrenwerten Halbkreis. Die österreichische Nachrichtenagentur APA hat zu dem Thema eine Graphik veröffentlicht. Und siehe da, das Orchester der Oper Zürich steht mit einem Frauenanteil von 40 Prozent vorbildlich an erster Stelle. Der Frauenbeauftragte von kulturblog.ch meint: Bravo.

Bühne, Film, Kunst/Museen, Literatur, Musik


Schweizer Kultur boomt

2006 war für die Schweizer Kultur ein Boomjahr - zumindest was die Zahlen angeht. Der Marktanteil der Schweizer Filme in den Kinos war so hoch wie selten zuvor. Bei den Büchern dürfte es ähnlich sein. Das ganze Jahr über standen Schweizer Schriftsteller ganz oben auf der Bestsellerliste: Charles Lewinsky, Peter Stamm, Martin Suter, Thomas Hürlimann etc. In der Theaterwelt zeigt die Tendenz nach schwachen Jahren wieder steil aufwärts. Das Schauspielhaus läuft in dieser Saison so gut wie schon lange nicht mehr, auch andere Theater äussern sich zufrieden. Bei der Kunst ist eine quantitative Beurteilung schwieriger, jedenfalls mischen einige Schweizer in der internationalen Szene ganz oben mit. Einzig bei der Musik wäre es wohl übertrieben, von einem ausserordentlichen Jahr zu sprechen.
Aus dem Boom scheint aber einzig die Filmbranche Kapital zu schlagen. Vor allem die Buchlobby (hier und hier) verschläft es sträflich, den Erfolg seiner Schriftsteller zu vermarkten und in Bern als Druckmittel für mehr Fördergelder einzusetzen. Denn, das scheint die Buchlobby noch nicht begriffen zu haben: Unterstützung erhalten die, die Erfolg haben und nicht die Almosenbettler.

Kunst/Museen


In leere Vitrinen gucken

(c) rb
Heute lud das Museum Rietberg zum Tag der offenen Tür. Erstmals konnte man sich den Neubau von innen ansehen. Ein leeres Museum - eigentlich ebenso spannend wie ein volles. Der grosse Ausstellungsaal erinnert an eine noble Turnhalle, in den kleineren Räumen stehen Vitrinen, den Inhalt muss man sich selber erdenken. 
Das ist er also, der neue “Leuchtturm” (Ledergerber), der eigentlich ein Leuchtkeller ist. Die Front sieht aus wie der Eingang zu einem Luxus-Hamam (Bild), per Holztreppe gehts dann in die Tiefe, die eleganten Ausstellungsräume befinden sich in den zwei Untergeschossen. Ein gelungener Erweiterungsbau, passend zu diesem Museum, in dem sich das Zürcher Bildungsbürgertum einen Blick in ferne Kulturen erhascht.

Bühne


Absurder Applaus

Wie oft kommt es vor, dass eigentlich gar niemand mehr applaudieren möchte, doch die Schauspieler kommen noch einmal, zweimal, zehnmal auf die Bühne. Aus Höflichkeit klatscht man dann noch mit – obwohl man lieber schon längst an der Bar vor einem Bier sitzen würde. Es ist überall das selbe: die Schauspieler reizen die Applaustoleranz der Zuschauer bis zur Schmerzgrenze aus, bis auch der allerletzte, einsam klatschende Freund im Publikum endlich aufgibt. Immerhin, im Opernhaus kann man die Verbeugungszeremonie der Opern-Diven auch als Comedy-Show auffassen. Dies gilt insbesondere beim Spoerli-Ballett. Wenn die Tänzer mit geschwollener Brust, die Nasenspitze wie Hans-Guck-in-die-Luft nach oben gestreckt zur Verbeugung hüpfen, so entspricht dies dem Unterhaltungswert eines Pingu-Films.
Das in die Länge gestreckte Applausritual im deutschsprachigen Theater finden auch einige Bühnenprofis absurd. Schauspieler Josef Bierbichler, unter Marthaler ein hoch geschätztes Mitglied im Schauspielhaus-Ensemble, sagt in der F.A.Z. von heute:

“Naja, beim Applaus sieht man ja, dass viele des Applauses bedürfen. Auch der Applaus ist mir peinlich, dass man dann fünf-, sechsmal rausgeht, das ist mir unangenehm. Das hat es zu Kaisers Zeiten nicht gegeben, und danach würde ich mich zurücksehnen. In New York haben wir mal bei einer Eisler-Veranstaltung im Lincoln Center vor ausverkauftem Haus gespielt, da ist das Publikum hinterher aufgestanden, hat zwei Minuten stehend geklatscht und ist gegangen – das hat mir gefallen. Aber hier ziehen sie ihre inszenierten Appläuse durch, zwanzig Minuten lang, und putschen das Publikum noch mal hoch beim Applaus, weil das angeblich der Erfolg wäre. Das ist doch absurd.”

Sonstiges


Das 100-Millionen-Franken-Lexikon

Das Historische Lexikon Schweiz (HLS) ist eine grossartige Sache. Aber auch grossartig teuer. Über 100 Millionen Franken investiert der Staat in das Projekt. Bisher sind in jeder der drei Landessprachen fünf von dreizehn Bänden erschienen. Jeder Band kostet 300 Franken. Über das Internet sind die Artikel ebenfalls abrufbar - kostenlos. Aber wie lange noch? Der HLS-Chefredaktor Marco Jorio schlägt in einem Interview auf swissinfo.org Alarm:

“Parlament und Regierung haben beschlossen, die erste Etappe [des Lexikons] zu finanzieren, also die Veröffentlichung von dreizehn Bänden in drei Sprachen. Was danach kommt, ist nicht bekannt. Das Schlimmste wäre, wenn der Bund sich nach der Veröffentlichung zurückzöge. Das würde das Ende der Datenbank bedeuten. Und das wäre eine Dummheit. Es wäre, wie wenn man eine Brücke baute – wir sind eine Art Brücke zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit – und danach den Unterhalt des Baus einstellen würde. Die Investition von 100 Mio. Franken muss aber genutzt werden.”

Das 100-Millionen-Franken-Lexikon verludern zu lassen, wäre tatsächlich eine Dummheit. Eine Dummheit ist es aber auch, im Zeitalter von Wikipedia ganz auf die Mitarbeit von freiwilligen Hobby-Historikern zu verzichten und nur auf teuer bezahlte Profis zu setzen (zurzeit 40 Redaktoren und 2500 Autoren). Mit einem restriktiven und von Redaktoren kontrollierten Wiki-System könnte das HLS in Zukunft kostengünstig(er) und ohne Qualitätseinbussen auf aktuellem Stand gehalten werden. Wahrscheinlich scheitert dies aber am Stolz der Historikergilde.