Bühne


Absurder Applaus

Wie oft kommt es vor, dass eigentlich gar niemand mehr applaudieren möchte, doch die Schauspieler kommen noch einmal, zweimal, zehnmal auf die Bühne. Aus Höflichkeit klatscht man dann noch mit – obwohl man lieber schon längst an der Bar vor einem Bier sitzen würde. Es ist überall das selbe: die Schauspieler reizen die Applaustoleranz der Zuschauer bis zur Schmerzgrenze aus, bis auch der allerletzte, einsam klatschende Freund im Publikum endlich aufgibt. Immerhin, im Opernhaus kann man die Verbeugungszeremonie der Opern-Diven auch als Comedy-Show auffassen. Dies gilt insbesondere beim Spoerli-Ballett. Wenn die Tänzer mit geschwollener Brust, die Nasenspitze wie Hans-Guck-in-die-Luft nach oben gestreckt zur Verbeugung hüpfen, so entspricht dies dem Unterhaltungswert eines Pingu-Films.
Das in die Länge gestreckte Applausritual im deutschsprachigen Theater finden auch einige Bühnenprofis absurd. Schauspieler Josef Bierbichler, unter Marthaler ein hoch geschätztes Mitglied im Schauspielhaus-Ensemble, sagt in der F.A.Z. von heute:

“Naja, beim Applaus sieht man ja, dass viele des Applauses bedürfen. Auch der Applaus ist mir peinlich, dass man dann fünf-, sechsmal rausgeht, das ist mir unangenehm. Das hat es zu Kaisers Zeiten nicht gegeben, und danach würde ich mich zurücksehnen. In New York haben wir mal bei einer Eisler-Veranstaltung im Lincoln Center vor ausverkauftem Haus gespielt, da ist das Publikum hinterher aufgestanden, hat zwei Minuten stehend geklatscht und ist gegangen – das hat mir gefallen. Aber hier ziehen sie ihre inszenierten Appläuse durch, zwanzig Minuten lang, und putschen das Publikum noch mal hoch beim Applaus, weil das angeblich der Erfolg wäre. Das ist doch absurd.”

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