Kantonale Kulturförderung abschaffen?
Der Kanton Genf will die Kulturförderung vollständig der Stadt überlassen, wie der Tages-Anzeiger heute schreibt. Die Kulturschaffenden reagieren mit scharfem Protest. Falls die Gesamtmenge an Fördergeldern gleich bleibt, ist es dann ein Problem, wenn es eine Förderstelle weniger gibt? Die freien Kulturschaffenden in Genf glauben, dass sie die Leidtragenden sein werden, wenn es nur noch “einen Schalter” gäbe, um Unterstürzung anzufordern. Tönt plausibel. Nur: De facto gibt es in vielen Kantonen schon heute nur noch “einen Schalter”. Stadt und Kanton (oft auch noch Migros Kulturprozent) sprechen sich ab, die eine Stelle zahlt nur, wenn die andere auch zahlt. Lehnt eine Stelle ab, hat man bei den anderen keine Chance mehr. Die “mehreren Schalter” bedeuten also bloss einen Mehraufwand – für Kulturschaffende und Förderer.
Erinnerung an César Keiser

Vor knapp zwei Jahren hatte ich Cés Keiser zum letzten Mal gesehen, in der Kronenhalle, zu einem Interview anlässlich seines 80. Geburtstags. Da signierte er mir auch sein Buch “Wer lacht, lebt länger!”. Jetzt ist Cés Keiser tot. In seinem letzten grossen Bühnenprogramm, “Frisch geliftet”, machte er sich mit seiner Frau, “der Läubli”, noch übers Älterwerden lustig. Ohne jegliche Verbitterung thematisierte er in den Sketchen den Gedächtnisverlust und andere Altersgebrechen. Im persönlichen Gespräch erwies sich Keiser als ernsthafter, nachdenklicher Mann. Auch seine Bühnentexte wirkten nie spontan hingeschrieben, sondern lange durchdacht.
Beim Gespräch vor zwei Jahren war Keiser schon sehr auf die Hilfe von Margrit Läubli angewiesen. Doch ich war erstaunt, wie gut Keiser noch über die aktuelle Kabarett- und Komikerszene im Bilde war. Und dass er keineswegs in nostalgische Gefilde flüchtete, sondern der jungen Szene sehr viel abgewinnen konnte. Das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Er wird als grosse Persönlichkeit in Erinnerung bleiben.
Karl Marx auf der Bühne

Der erste Band von Karl Marx’ “Das Kapital” besteht aus 750 Seiten voller Bandwurmsätze über das Wesen des kapitalistischen Wirtschaftsystems. Rimini Protokoll, eine der spannendsten Theatergruppen zurzeit, bringt das Werk im Schiffbau auf die Bühne. Wie immer verzichtet Rimini Protokoll auf Schauspieler und greift auf Menschen aus dem Leben (“Experten des Alltags”) zurück, die dann sich selber spielen und ihre Lebensgeschichte erzählen. Für das aktuelle Stück sind das Experten für Geld, Betrug und Kommunismus. Einer von ihnen, der schrullige Wirtschaftshistoriker und Marx-Spezialist Thomas Kuczynski, sieht Marx erstaunlich ähnlich. Ein anderer wandelte sich vom überzeugten Kommunisten zum Unternehmensberater (passt zum Artikel im aktuellen Magazin “Gestern links, heute rechts”) und entsorgt auf der Bühne seine Sammlung an leninistischer und stalinistischer Literatur. Um den Zitaten aus dem “Kapital” zu folgen, erhalten alle Zuschauer einen Band geliehen, so können sie wie beim Gesangsbuch in der Kirche die entsprechenden Stellen nachschlagen und mitlesen.
Die trockene Theorie bildet aber höchstens das Gerüst, der Theaterabend ist unterhaltsam wie eine Soap-Opera, selbst für jene, die mit Marx nichts anfangen können. Einige Darsteller kokettierten damit, dass sie das Buch nicht gelesen haben – und nie lesen werden. Auch ich muss mich dieser Gruppe anschliessen, obwohl bei mir zu Hause schon lange eine Fassung des “Kapitals” irgendwo rumliegt.
Buch-Autor wirbt mit Migros-Aushang

Neulich gesehen bei den Gratis-Inseraten in der Migros Wiedikon: Ein Aushang mit Abrisszetteln für ein Kurzgeschichten-Band – gleich neben einer Suchanzeige für eine entlaufene Katze und einem Inserat für eine Kinderspielgruppe. “Licht im Dunkeln”, heisst das Buch, das Arthur Berginz im Eigenverlag herausgibt. “Es sind vorwiegend nachdenkliche, aber auch heiter stimmende Kurzgeschichten und Gedichte”, steht auf dem Aushang. Und von Hand dazugeschrieben: “in jeder Buchhandlung”.
Das ist echte Eigeninitiative! Arthur Berginz platziert seine Werbung genau am richtigen Ort. Schliesslich ist der Grossteil der Literatur-Leserschaft weiblich, wie auch der Kundenkreis der Quartier-Migros. Ein Abrisszettel war bereits weg, für Bergins bedeutet dies vielleicht ein (weiteres?) verkauftes Buch.
Abnickergremium Tonhalle-Gesellschaft
Man stelle sich vor, einem Orchester entstehen wegen verschiedener ausserordentlicher Abgänge Kosten in der Höhe von mehreren Hunderttausend Franken und an der Mitgliedervesammlung wird nur über den falschen Neigungswinkel der neuen Stühle gesprochen. Dies geschah tatsächlich an der gestrigen Versammlung der Tonhalle-Gesellschaft, wie die NZZ berichtet. Die Kosten wurden zwar von einem anonymen Sponsor übernommen (siehe hier), dennoch wären da noch einige Fragen zu klären. Vor allem über die Rolle des entlassenen Intendanten Tyrgve Nordwall, dem Verursacher des Chaos. Anstatt dass sein Gebaren offen gelegt wurde, durfte er nochmals in einer Abschiedsrede über gewisse Zustände in der Tonhalle herziehen. Natürlich wurde auch die Jahres-Rechnung ohne Gegenstimme abgenickt. Zustände, wie man sie von der früheren Sowjetunion kennt.
Zum Thema:
Tonhallen-Knatsch: Anonymer Sponsor zahlt Abfindungen
Subventionierter Porno: Idee für Rätoromanen?
In Spanien reibt man sich die Augen: die Regierung Kataloniens subventionierte einen katalanischen Porno-Film – aus Sprachgründen. Dass in der Schweiz noch niemand auf die Idee gekommen ist; ein Porno-Film mit rätoromanischem Gestöhn! Auch dafür liessen sich wohl problemlos die üppig gefüllten Subventionstöpfe für die vierte Landessprache anzapfen.
SP: 100 Millionen Franken mehr in die Giesskanne
Nach der SVP hat auch die SP ihr Positionspapier zur Kulturpolitik veröffentlicht. Sie fordert “mindestens rund 100 Millionen Franken” mehr für Kultur, die dann nach dem Giesskannenprinzip verteilt werden.
“Ohne Erhöhung des Kulturbudgets sind weder eine attraktive Museumspolitik, eine erfolgreiche Filmpolitik, eine koordinierte Buch- und Musikförderpolitik noch eine gezielte Unterstützung von schweizweit bedeutenden Kulturangeboten möglich.”
Die SP will sowohl die Einkünfte einfacher Künstler sichern (“So ist die soziale Sicherheit der Kunstschaffenden als Grundsatz im KFG festzuhalten, muss aber im Sozialrecht, Arbeitsrecht und Steuerrecht konkretisiert werden”), als auch Herrn Pereiras “Leuchtturm” noch ein bisschen mehr Geld geben. Strukturell hat die SP nichts zu bieten, die bestehenden Organe (Pro Helvetia etc.) sollen wie bisher weiterbestehen.
Anstatt Prioritäten zu setzen, bleibt die SP bei der unrealistischen Forderung, dass einfach alle mehr Geld erhalten sollen – sogar jene, die schon sehr viel haben. Die Pro Helvetia soll zwar gestärkt werden, doch es fehlt eine kühne Forderung, z. B. dass der Stiftung die gesamte nationale Kulturförderung übertragen wird (also auch der Film). Ein mutloses Papier.
Coverboy und Covergirl

Heute ist die grosse “Zauberflöten”-Premiere im Opernhaus, doch Gesprächsthema Nummer eins ist wohl weder Papageno noch die Königin der Nacht, sondern wie sich der heutige Blick-Coverboy mit seinem Covergirl in der Direktionsloge verhält. Laut Blick (meinem früheren Arbeitgeber) soll Pereira dort seine 39 Jahre jüngere Freundin ab und zu küssen anstatt auf die Bühne zu schauen. Und in der Zürcher Society sorge dies für rote Ohren. Immerhin, UBS-CEO Peter Wuffli gehört nicht zur Rote-Ohren-Fraktion, er und seine Ehefrau lassen sich mit den beiden fröhlich lächelnd fotografieren. Wer ob des grossen Altersunterschieds Böses ahnt, der tut dem Liebespaar Unrecht. Denn, so titelte der Blick vor ein paar Jahren über Pereiras Finanzsituation: “Pferde fressen seine Millionen weg”.
Skandal: Filmzensur in Zürich
Die Stadtpolizei verbietet die Vorführung von Pasolinis “Salò oder die 120 Tage von Sodom”.
Wie der Tages-Anzeiger berichtet, konnte der Film vor ein paar Jahren noch problemlos öffentlich gezeigt werden. Jetzt aber schreitet die Polizei ein. Offenbar sind die “Gefühle” religiöser Fanatiker mittlerweile wichtiger als die in der Verfassung festgehaltene Kunstfreiheit. Eine beängstigende Entwicklung, gegen die mit aller Kraft angekämpft werden muss.
Lukas Bärfuss: Theater schützen wie Berner Altstadt
“Theater ist amoralisch”, sagt Lukas Bärfuss in einem Facts-Interview. Ist die moralische Anstalt tatsächlich amoralisch geworden? Schiller sagte in seiner berühmten Rede:
“Die Gerichtsbarkeit der Bühne fängt an, wo das Gebiet der weltlichen Gerichte sich endigt. Wenn die Gerechtigkeit für Gold verblindet und im Solde der Laster schwelgt, wenn die Frevel der Mächtigen ihrer Ohnmacht spotten und Menschenfurcht den Arm der Obrigkeit bindet, übernimmt die Schaubühne Schwert und Wage und reißt die Laster vor einen schrecklichen Richterstuhl.”
Wahrscheinlich könnte dies Bärfuss zu einem grossen Teil unterschreiben. Schliesslich befasst auch er sich mit Themen, bei denen die weltliche Gerichtsbarkeit an ihre Grenzen stösst – Religion, Sterbehilfe oder zuletzt Kukuckskinder. Doch Bärfuss, so sagt er im Interview, ist glücklich, wenn die Zuschauer dem Besuch des Stücks ratloser sind als vorher. Festgefahrene Meinungen aufbrechen – dies kann man durchaus als eine moderne Form der moralischen Anstalt betrachten.
Bärfuss sieht sich denn auch eher als Bewahrer denn als Erneuerer. Im selben Interview greift er eine in Deutschland lange diskutierte Idee wieder auf und findet, das deutschsprachige Theatersystem sollte von der UNESCO als Weltkulturerbe deklariert werden, ”wie die Berner Altstadt”. Das ist meiner Meinung nach dann doch zu sehr rückwärtsgewandt. Schliesslich soll man das Theater nicht bloss wegen seiner Bedeutung in der Vergangenheit bewahren, sondern weil es noch heute einiges bewirken kann bzw. soll. Und dann muss man das Theater auch nicht unter Heimatschutz stellen.
Und die Moral der Geschicht’? Oft ist man auch moralisch, wenn man amoralisch sein will.
Schauspielhaus = Hechtplatz = Miller’s Studio
Nie war das Schauspielhaus so rasch ausverkauft, wie vor ein paar Wochen, als Ursus & Nadeschkin im Pfauen einige Gastspiele gaben. Das erfolgreichste Komikerduo der Schweiz zeigte das selbe Programm zuvor bereits im Miller’s Studio.
Am 24. Februar ist ABBA jetzt im Pfauen zu Gast, eine wunderbar schräge Hommage dreier Männer an die schwedischen Popikonen. Zuletzt habe ich die Gruppe im Theater am Hechtplatz bewundert. Im Kleinkunstbereich sahnt das grosse Schauspielhaus von den kleineren Theatern ab – nicht gerade eine innovative Strategie, erfüllt aber ihren Zweck: die Zuschauerstatistik nach oben zu treiben.
Zürcher Kultur 2025: Wachstumsfaktor und Imageträger
Die Stadt Zürich hat das “Positionspapier Strategien Zürich 2025” herausgegeben, das aufzeigt, in welche Richtung sich die Stadt entwickeln soll. Gemäss dem Papier ist die Kultur in zweierlei Hinsicht von Bedeutung: als Wirtschaftszweig mit Wachstumspotenzial (“Kreativwirtschaft”) und als Standortfaktor (“Das reichhaltige Kulturangebot ist Teil der erstklassigen Lebensqualität Zürichs und beeinflusst als wichtiger Imageträger die Standortentscheide von Personen und Unternehmen”).
Ebenso uninspiriert und armselig wie die Bestandesanalyse sind die Strategien für die Weiterentwicklung des Kulturangebots:
- Die Stadt betreibt weiterhin eine engagierte und breit abgestützte Kulturpolitik.
- Events mit internationaler Ausstrahlung und hochklassige Veranstaltungen sind in Zürich willkommen und werden vermehrt als Imageträger für den Standort genutzt.
- Die Stadt unterstützt vielversprechende private Initiativen für neue Kulturangebote.
- Zürichs Kulturangebot wird international besser vermarktet.
Im Vergleich dazu erscheinen die Strategien für die Kreativwirtschaft richtiggehend visionär:
- Der öffentliche und öffentlich geförderte Kulturbetrieb wird als Impulsgeber für die Kreativwirtschaft verstanden und in Qualität und Vielfalt weiter gefördert.
- Die Vernetzung der Akteure der Kreativszene mit den entsprechenden Ausbildungsstätten und den öffentlichen und privaten Kultureinrichtungen wird aktiv gefördert.
- Die Stadt unterstützt die Kreativszene bei der Suche nach geeigneten, die Vernetzung fördernden Räumlichkeiten.
Tote Tiere gucken

Vor vielen Jahren, als man sich hierzulande noch nicht vorstellen konnte, wie lang ein Giraffenhals tatsächlich ist, mag das Zoologische Museum noch bedeutsam gewesen sein. Heute ist es eher kurios, dass man sich in einem Museum lauter ausgestopfte Tiere anschauen kann, die es einige 100 Meter weiter oben im Zoo auch lebendig zu betrachten gibt. Das Musuem ist zwar modern eingerichtet, einige Präparate sind aber dermassen alt und schrunzlig, dass sie einem richtiggehend leid tun. Der Löwe zum Beispiel sieht aus, als sei er schon auf der Arche Noah mit dabei gewesen. Dennoch, die Kinder lieben das Museum - nie kommen sie sonst den Tiere dermassen nahe. Und so ist das Tote-Tiere-Museum Zoologische Museum auch heute noch ein nicht wegzudenkender Bestandteil der Zürcher Museumslandschaft – zumindest für Eltern, die sich ein Schlechtwetterprogramm ausdenken müssen.
Mörgeli seit heute Theaterkritiker und Kulturpolitiker
Es schaut aus wie eine koordinierte Aktion. Heute erschien in der Weltwoche eine klassische Rezension der Schauspielhaus-Aufführung von Frischs “Biedermann und die Brandstifter”. Autor: Christoph Mörgeli. Und heute gab die SVP ihre Leitlinien für eine neue Kulturpolitik des Bundes bekannt. Sprecher: Christoph Mörgeli. Der SVP-Haudegen, Professor und begnadete Kolumnenschreiber war bisher weder als Theaterkritiker noch als Kulturpolitiker bekannt. Seine Rezension ist von guter Qualität, aber harmlos – so wie die Inszenierung am Pfauen. Mörgeli wollte wohl den Beweis erbringen, dass sich seine Kulturkenntnisse nicht auf Totentänze beschränken. Bei seinen kulturpolitischen Forderungen geht es hauptsächlich darum, Kulturförderorgane und -institutionen zusammenzulegen. Und natürlich um mehr “Eigenverantwortung”.
Viele Vorschläge sind durchaus diskussionswürdig. So will Mörgeli die Aufgabenteilung zwischen der Pro Helvetia und dem Bundesamt für Kultur neu regeln. In seiner Schlussfolgerung widerspricht er sich jedoch: so soll die Pro Helvetia quasi abschgeschafft und deren Aufgabenbereiche dem Bundesamt für Kultur übertragen werden. Andererseits möchte er möglichst keine befohlene oder verordnete “Staatskultur”. (Wer will das schon?). Wenn jedoch statt einer einigermassen unabhängigen Stiftung ein Bundesamt (sprich die Politik) entscheidet, wer Fördergelder kriegt, so bedeutet dies mehr und nicht weniger “Staatskultur”.
Die SVP hat den ersten Stein geworfen, hoffentlich ziehen die anderen Parteien nun nach - und erheben die Kulturpolitik zum Wahlkampfthema.
Diogenes wieder Nr. 1
Der Zürcher Diogenes Verlag ist wieder die Nummer 1 im Jahres-Verlagsranking Belletristik des deutschen Buchreports. Acht Jahre in Folge führte Diogenes die Liste an, 2005 folgte der Absturz auf Platz vier, jetzt ist er wieder ganz oben. Ein Grund stolz zu sein? Nur bedingt. Geht man in die Details, so sieht man, dass Diogenes den Spitzenplatz grösstenteils dem Sinnsuchmeister Paolo Coelho zu verdanken hat. Gleich drei Coelho-Titel waren 2006 unter den Top 100 der meistverkauften Bücher. Ein Lichtblick: der grossartige Kein & Aber Verlag schafft es im Verlags-Ranking auf den 30. Platz.