Bühne


Lukas Bärfuss: Theater schützen wie Berner Altstadt

“Theater ist amoralisch”, sagt Lukas Bärfuss in einem Facts-Interview. Ist die moralische Anstalt tatsächlich amoralisch geworden? Schiller sagte in seiner berühmten Rede:

“Die Gerichtsbarkeit der Bühne fängt an, wo das Gebiet der weltlichen Gerichte sich endigt. Wenn die Gerechtigkeit für Gold verblindet und im Solde der Laster schwelgt, wenn die Frevel der Mächtigen ihrer Ohnmacht spotten und Menschenfurcht den Arm der Obrigkeit bindet, übernimmt die Schaubühne Schwert und Wage und reißt die Laster vor einen schrecklichen Richterstuhl.”

Wahrscheinlich könnte dies Bärfuss zu einem grossen Teil unterschreiben. Schliesslich befasst auch er sich mit Themen, bei denen die weltliche Gerichtsbarkeit an ihre Grenzen stösst – Religion, Sterbehilfe oder zuletzt Kukuckskinder. Doch Bärfuss, so sagt er im Interview, ist glücklich, wenn die Zuschauer dem Besuch des Stücks ratloser sind als vorher. Festgefahrene Meinungen aufbrechen – dies kann man durchaus als eine moderne Form der moralischen Anstalt betrachten.
Bärfuss sieht sich denn auch eher als Bewahrer denn als Erneuerer. Im selben Interview greift er eine in Deutschland lange diskutierte Idee wieder auf und findet, das deutschsprachige Theatersystem sollte von der UNESCO als Weltkulturerbe deklariert werden, ”wie die Berner Altstadt”. Das ist meiner Meinung nach dann doch zu sehr rückwärtsgewandt. Schliesslich soll man das Theater nicht bloss wegen seiner Bedeutung in der Vergangenheit bewahren, sondern weil es noch heute einiges bewirken kann bzw. soll. Und dann muss man das Theater auch nicht unter Heimatschutz stellen.

Und die Moral der Geschicht’? Oft ist man auch moralisch, wenn man amoralisch sein will.

Kommentare (2) zu “Lukas Bärfuss: Theater schützen wie Berner Altstadt”

  1. philipp meier schrieb:

    zum x-ten male: das theater ist total überbewertet, wie auch das museum und sowieso die oper. diese zementierten und backsteinernen gebilde sind total unfähig, sich durchdringen zu lassen; geschweige denn, die welt ausserhalb zu durchdringen. für sowas brauchen wir höchsten archive und lagerhallen, im besten fall schaulager.

  2. rb schrieb:

    So radikal würde ich das nicht sehen. Ein grosses Problem dieser Gebilde liegt aber tatsächlich bei der Durchdringung: wer drin ist, hat gewonnen; wer draussen ist, hat kaum eine Chance reinzukommen.