Skandal: Filmzensur in Zürich
Die Stadtpolizei verbietet die Vorführung von Pasolinis “Salò oder die 120 Tage von Sodom”.
Wie der Tages-Anzeiger berichtet, konnte der Film vor ein paar Jahren noch problemlos öffentlich gezeigt werden. Jetzt aber schreitet die Polizei ein. Offenbar sind die “Gefühle” religiöser Fanatiker mittlerweile wichtiger als die in der Verfassung festgehaltene Kunstfreiheit. Eine beängstigende Entwicklung, gegen die mit aller Kraft angekämpft werden muss.
Diego schrieb:
Was die arabische Welt in Dänemark erreichen wollte, scheinen die orthodoxen Christen in Zürich zu schaffen.
Wo Zensur beginnt, endet die Glaubwürdigkeit jedes politischen Systems.
Geschrieben am 12. Februar 2007 um 09:53Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
das ist zwar wirklich extrem unschön…, jedoch meines erachtens noch keine «entwicklung».
@diego: es ist immer(!) die frage, was wo wie «zensuriert» werden soll. wir erklären uns zwar ständig für aufgeklärt, möchten dann aber doch die leute bevormunden, wenn es um die lächerliche holocaust-leugnung oder z.b. homophobe rapper geht.
Geschrieben am 13. Februar 2007 um 10:37Uhr | Permalink
Diego schrieb:
Gesehen?
http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/zuerich/719251.html
Geschrieben am 13. Februar 2007 um 17:14Uhr | Permalink
Martin schrieb:
Was die Zürcher Stadtpolizei sich da geleistet hat, ist grotesk und wird sich keinesfalls halten können. Die Zensurierung von Pasolinis Salò beruht auf einer qualifiziert falschen Anwendung des Verbots harter Pornografie. Dieses Verbot ist auf Pasolinis Film gar nicht anwendbar. Ausgenommen sind nämlich Werke von kulturellem Wert. Und dieser ist «aus der Sicht eines künstlerisch aufgeschlossenen Betrachters zu beurteilen» – so das Bundesgericht in einem neueren Entscheid zur betreffenden Strafbestimmung. Das «Kunstverständnis des Durchschnittsmenschen» ist nicht massgebend, und schon gar nicht die Einschätzung einiger offenbar nicht sonderlich kulturbeflissener Polizisten. Dass es sich beim verbotenen Film um ein Kunstwerk handelt, kann nicht ernsthaft bezweifelt werden.
Den Vorgang in Zürich finde ich skandalös und ich verstehe nicht, weshalb sich die lokalen Medien dieser Frage nicht in den Kommentarspalten annehmen.
Geschrieben am 14. Februar 2007 um 02:43Uhr | Permalink
Diego schrieb:
@Martin
Die Medien in Zürich lesen von Marco Cortesis Lippen und publizieren seine unsäglichen Pressemitteilungen ohne die Fipptehler darin zu entfernen – geschweige denn deren Inhalt journalistisch zu hinterfragen. Das ist bedenklich, aber nicht neu.
Deine Aussage vom «Kunstverständnis des Durchschnittsmenschen» finde ich gefährlich. Was ist denn ein Durchschnittsmensch? Gibt es den überhaupt?
Geschrieben am 14. Februar 2007 um 11:37Uhr | Permalink
Egon schrieb:
Salò oder die 120 Tage von Sodom» darf nun doch gezeigt werden. Man habe den künstlerischen Wert zu wenig gewürdigt….
http://www.tagesanzeiger.ch/dyn/news/zuerich/719692.html
Geschrieben am 14. Februar 2007 um 14:09Uhr | Permalink
Martin schrieb:
@Diego
Betreffend «Kulturverständnis des Durchschnittsmenschen» – gute Frage: Es handelt sich dabei um ein wörtliches Zitat aus einem neueren Bundesgerichtsentscheid (BGE 131 IV 64 Erwägung 10.1.3. – siehe Link). Ich weiss, es klingt ein wenig befremdend, der Begriff zielt aber nicht auf konkrete Individuen ab. Das BGer meint damit einen durchschnittlichen Betrachter eines Kunstwerks, also weder ein besonders Kulturbeflissener noch eine Kulturbanause. Etwas zwischendrin, was einer grossen Mehrheit in etwa entspricht. In der angegebenen Passage will das BGer klarstellen, dass es für die Beurteilung des kulturellen Werts eines Werkes eben nicht auf die Einschätzung des Durchschnittsadressaten ankommt, sondern auf jene eines kulturell Interessierten.
Im Grunde genommen will das BGer damit sagen, dass es die Frage des künsterlischen Werts nicht eine Frage von Mehrheiten sein kann. Die in der Verfassung garantierte Kunstfreiheit (Art. 21) verlang vielmehr, dass Kunstschaffende über das allgemein Akzeptierte hinausgehen, Grenzen ausloten und ihr Wirken auf neue Felder ausweiten können. «Es liegt im Wesen der Kunst, dass sie ständig neue Formen annimmt, Normen sprengt und das Bestehende in Frage stellt, weshalb es nicht möglich ist, sie abschliessend zu definieren» – auch dies ein Zitat aus dem angegebenen Entscheid.
Wenn das Bundesgericht also vom «Durchschnittsmenschen» spricht, ist dabei nicht an konkrete Individuen zu denken, die in irgend einer Hinsicht durchschnittlich wären. Der Begriff ist als abstrakter Orientierungspunkt zu verstehen.
Geschrieben am 15. Februar 2007 um 01:07Uhr | Permalink
Martin schrieb:
hier noch der Link:
http://relevancy.bger.ch/cgi-bin/JumpCGI?id=BGE-131-IV-64&lang=de&zoom=OUT
Geschrieben am 15. Februar 2007 um 01:10Uhr | Permalink
Diego schrieb:
@Martin
Danke.
Geschrieben am 15. Februar 2007 um 11:35Uhr | Permalink
rb schrieb:
Auch ich danke Martin für seinen sehr interessanten Beitrag. Auf dieses BG-Urteil werde ich in Zukunft wohl noch öfters verweisen können.
Übrigens, so habe ich von einen Insider gehört, hatten zwei Beamte der Sittenpolizei den Pasolini-Film gesichtet und jede Handlung darin streng mit dem Gesetzbuch abgeglichen. Dass da noch so etwas wie ein «kultureller Wert» sein könnte, hatten die beiden gar nicht erst in Betracht gezogen. So einfach kam diese merkwürdige Zensurgeschichte zustande.
Geschrieben am 15. Februar 2007 um 22:56Uhr | Permalink
Martin schrieb:
@rb
Die Vorstellung, dass zwei Polizeibeamte mit dem Strafgesetzbuch auf den Knien im stillen Kämmerchen den Film anschauen und sich – ohne Art. 197 StGB bis zu Ende gelesen zu haben – eifrig Notizen über einzelne Szenen von besonderer Derbheit machen, hat schon fast etwas Ulkiges! Wenn die wüssten, wie ich mir diese Woche die Finger wund geschrieben habe, nur weil sie offenbar keine grossen Kinogänger sind. … Dabei wäre es in diesem Fall so einfach gewesen: Ein Blick in ein gutes Lexikon hätte genügt.
Dafür wurden sie ihrerseits, wenn auch anonymisiert, auf wikipedia verewigt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Die_120_Tage_von_Sodom_%28Film%29
Ob sie das verdient haben?
Geschrieben am 17. Februar 2007 um 02:35Uhr | Permalink
Michael schrieb:
http://www.zeit.de/2007/09/Morricone?page=4
Geschrieben am 24. Februar 2007 um 09:05Uhr | Permalink