Bühne
8. März 2007
Sich in Milch und Eiern wälzen

Da übergiessen sich die Darsteller literweise mit Milch, in einem Stammbaum ist jedes Familienmitglied als ein Stück Scheisse dargestellt, von der Decke fallen Kiloweise Lebensmittel herunter und zerschmettern auf der Bühne. Was Rodrigo Garcia und sein Teatro La Carniceria (Schlachthaus) aus Madrid in der Gessnerallee zeigten, ist eine Theaterperformance, wie man sie hier schon längst ausgestorben glaubte.
Während fast zwei Stunden stellen die Künstler die Konsumgesellschaft bloss, zuweilen etwas gar simpel, aber immer überraschend, irgendwo zwischen Ironie und bitterem Ernst. Anhand von alten Zeichentrickfilmen erklären sie den Sozialdarwinismus, Michael Schanze wird als Pädophiler enttarnt und zwischendurch holt ein Darsteller seine Frau und seine zwei kleinen Kinder auf die Bühne. Dass die Kinder später dem Vater aus der ersten Reihe zusehen müssen, wie ihm durch einen Schlauch Coca Cola in den Hintern eingeführt wird, liess sogar mich einmal leer schlucken, das war wohl auch das Ziel der Sache.
Die ganze Bühne ist am Schluss voller zermantschter Lebensmittel, mittendrin stehen die drei Darsteller als traurige Ronald McDonald Clowns. Denn darum ging es ja, um “Die Geschichte von Ronald, dem Clown von McDonalds”, wie der Titel sagt.
Ein Theater, das sich um alle Moden foutiert; schmerzhaft unverfroren, schmerzhaft verschwenderisch, brutal stark.
Nachtrag 9. März: Eben habe ich erfahren, dass es in der ersten Vorstellung (ich war in der zweiten) zum Eclat gekommen ist. In einer Szene hält ein Schauspieler ein Goldfischglas in den Händen. Ein anderer saugt über einen Schlauch das Wasser ab. Langsam sinkt der Wasserspiegel, bis der Fisch im Trockenen zappelt. Einige lange Sekunden später wird das Wasser wieder nachgefüllt - doch so weit kam es in der besagten Vorstellung nicht. Eine Besucherin hielt es nicht aus, zuzusehen, wie das Wasser um den armen Fisch immer weniger wurde. Sie rannte auf die Bühne und entriss dem Schauspieler das Glas. Es kam zu einer mehrere Minuten langen, lautstarken Diskussion zwischen Regisseur und Publikum, die aufgebrachte Dame verliess den Saal.
Intervenierende Zuschauer, emotionale Diskussionen – so sollte Theater sein!
Thinkabout schrieb:
Brutal stark? Es ist mehr als zwanzig Jahre her, als solches Theater en vogue war – und es hat mir den Spass daran nachhaltig verdorben. Mag sein, dass ich ein Bünzli bin, der durch seinen Ekel gerade als spiessig enttarnt wird – ich kann dennoch nicht anders als dieses Theater als Affentheater zu sehen. Was bitte soll irgendwer aus einem solchen Abend mit nach Hause nehmen?
Geschrieben am 8. März 2007 um 00:34Uhr | Permalink
rb schrieb:
Ich weiss, oft ist/war das nicht so, aber in diesem Fall wird nichts nur dem Effekt wegen gemacht. Das Stück wird seit Jahren rund um die Welt gezeigt und ist dramaturgisch sehr ausgereift – es entsteht ein Sog, der einen unablässig in den Bann zieht. Aber natürlich bin auch ich froh, dass nicht (mehr) jedes Theater so ist…
Geschrieben am 8. März 2007 um 09:41Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
das widersprüchliche an der negativen kritik gegenüber solcherart theater ist, dass dadurch indirekt alle anderen, zu 90% popellangweiligen stücke als «das neue» gepriesen wird. wieso kann man tausendfach shakespeare zelebrieren, punk als stilmittel im gegensatz als verstaubt oder vorbei kritisieren…?
danke, lieber rb, für diese erfrischende kritik!
Geschrieben am 8. März 2007 um 12:14Uhr | Permalink