Literatur


Gabriel Vetter: Schriftsteller sehen sich als religiöses Medium

Die taz aus Berlin veröffentlicht heute ein Interview mit Gabriel Vetter, dem ”europäischen Champion” des Poetry Slam. Der Schaffhauser, mittlerweile Berufsschreiber, bringt das Wesen des klassischen Literaturbetriebs auf den Punkt:

“Dichterlesungen sind oft etwas dröge, die Autoren und Autorinnen distanzierten sich von ihrem Text. (…) Gerade in Deutschland oder in der Schweiz hat man sich als Schriftsteller schon fast als religiöses Medium zu verstehen, durch das der Text nur fliesst.”

Und:

“Ich würde gern richtig leiden, aber es geht nicht! Ich möchte dem Klischee des 19. Jahrhunderts entsprechen, aber wenn ich wirklich leide, kann ich nicht funktionieren. Lange habe ich mir Poesie so vorgestellt: Über sieben Brücken musst du gehn, sieben dunkle Jahre überstehn, dann hast du einen guten Text. Eigentlich ein christliches Bild: Viel harte Arbeit, viel Leid – dann habe ich etwas verdient, etwas geschafft. Aber das stimmt nicht!

2006 erhielt Vetter den renommierten Kabarettpreis Salzburger Stier. Ich behaupte, der Preis war das Resultat eine Konspiration! All die Schreiber, die sich über Jahrzehnte einen leidenden Gesichtszug aufgesetzt hatten, sahen sich durch Vetter verraten. Mit dem Salzburger Stier wollten sie ihn ein für allemal in die Komödianten-Ecke stellen – und damit unschädlich machen. Doch so einfach wird man den Vetter nicht los…

Kommentar (1) zu “Gabriel Vetter: Schriftsteller sehen sich als religiöses Medium”

  1. dirk.schroeder schrieb:

    Die Texte, heute, viele, sind nun gar nicht 19. Jahrhundert. Aber die Autorenrolle. Die den Text zur Literatur adelnde Pose. Das neueste Wort muss sein, im Gehrock. Ich denke, das hat mit der Verteidigung des Buches gegen allerlei Medienkonkurrenz zu tun. Mit der Wahrung wirtschaftlichen Schonraums. Schade ist die Verpflichtung der Autoren auf diese Rolle, weil sie ihnen zu wenig vom Kuchen lässt, sich nur für Stars lohnt. Der Autor gibt das Püppchen, damit die Schranzen ihr Auskommen haben, ist süchtig nach den milden Ehrengaben. Lieber Hunger als kein Kranz im Haar. Egal – die ökonomischen Alternativen liegen längst offen (wie Vetter weiß), das wird vorüber gehen.