Kunsthaus-Erweiterung: Zürich wie Bern?
In Bern droht der Mäzen damit, seine Spende von 20 Millionen Franken für die Erweiterung des Kunstmuseums zurückzuziehen, da er erst aus der Presse erfahren hat, dass nicht das von ihm bewilligte Siegerprojekt realisiert wird, sondern ein anderes. Nach dem Konflikt um die Fötus-Möwe wieder ein Kommunikationsdebakel der Truppe um Museumsdirektor Matthias Frehner. Abgesehen davon zeigt der Fall einmal mehr die Risiken einer Abhängigkeit von einem einzigen grossen Mäzen auf. Wenn der nicht will, steht alles still.
Diesem Risiko ist auch das Zürcher Kunsthaus mit seiner Erweiterung ausgesetzt. Der gesamte Erweiterungsbau hängt vom guten Willen der Stiftung Bührle ab, wie Museumsdirektor Christph Becker gegenüber der NZZ zugab: ”Ohne die Sammlung Bührle müsste man sich tatsächlich fragen, ob eine Erweiterung sinnvoll wäre.” Die Stiftung soll dem Kunsthaus seine Sammlung übergeben und einen Teil der Erweiterung bezahlen. Falls Herr Becker die Erweiterung wirklich möchte, so kann man ihm nach dem Fall Bern nur raten: Immer zuerst den Stifter informieren, erst dann die Presse.
Kulturpreise: wer hat, dem wird gegeben
Wer Preise für kulturelle Leistungen vergibt, steckt in einem Dilemma. Geht der Preis an eine Berühmtheit, so verhält sich der Vergeber ganz im Sinne des Mainstream. Geht der Preis an einen Unbekannten, so muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, die Erfolglosigkeit auszuzeichnen. Da auch Preisjuroren dem Zeitgeist ausgesetzt sind, geht der Trend klar in die eine Richtung: wer hat, dem wird gegeben. Hier einige Beispiele von Geehrten aus den letzten zwei Wochen:
– Bruno Ganz (Ritter der frz. Ehrenlegion)
– Martin Suter (Friedrich-Glauser-Preis, 5000 Euro)
– Urs Widmer (Prix Littéraire Lipp, 8000 Franken)
– Pipilotti Rist (St. Galler Kulturpreis, 30′000 Franken)
Wie dem Dilemma entgegnen? Charles Lewinsky, ebenfalls mehrfacher Preisträger, schlug kürzlich folgendes Szenario vor: ein verdienstvoller Künstler wird von der Jury auserwählt, einem jungen Künstler seiner Wahl ein Preisgeld zu übergeben. Damit profitieren beide: der etablierte Künstler kriegt die Ehre, der junge das Geld.
Markus Weiss: Politkunst zu wörtlich genommen

Wie die Sendung Kulturplatz gestern enthüllte (Viedeo hier), plant der Zürcher Künstler Markus Weiss für den neu gestalteten Berner Bahnhofplatz drei Kunst-am-Bau-Werke: Je nach Entscheid im Stände- bzw. Nationalrat wird das Dach andersfarbig beleuchtet, ein Passant wird nach dem Zufallsprinzip von einem Verfolgerscheinwerfer fokussiert und ein Telefon soll einen Draht zum Bundes- bzw. Stadtpräsidenten ermöglichen. Für die Kollegen des Berner Kulturblogs tönt dieses Projekt wie ein verspäteter Aprilscherz: “Trümmligeres hätte gar nicht ausgedacht werden können.” Und dennoch: ”trümmliges braucht diese Stadt ganz dringend.”
Ich glaube kaum, dass Weiss ein trümmliges Projekt vorlegen wollte. Ihm ist das ernst, auch wenn er sich im Kulturplatz-Bericht hinter der Ironie zu verstecken versucht. Das Problem ist (sofern in diesem Fall eine Ferndiagnose zulässig ist): Weiss hat den Begriff Politkunst zu wörtlich genommen – und bleibt damit banal. Dass hinter der hübschen Färbung des Dachs ein realer politischer Entscheid steht, wird wohl ausser einige Lokalpolitiker niemanden interessieren.
Gregor Metzger: Dimitri gibt den Tarif durch

Gregor Metzger, einst Solist bei Maurice Béjart, dann Teil des grandiosen Trios Metzger / Zimmermann / de Perrot, hat mit seiner neuen Truppe einen schwierigen Weg hinter sich. Die Premiere des Stücks P.U.S.H. in der Gessnerallee war für letzte Woche geplant, doch zwei Tage vor der Premiere sprangen zwei Darsteller ab. Die Premiere wurde verschoben und Metzger, der sich eigentlich auf die Regieführung konzentrieren wollte, musste für die zwei Abtrünnigen einspringen.
Gestern wurde die Premiere nachgeholt. Das Stück ist eine Aneinanderreihung von spirituellen Ritualen, ein Spektakel ganz in Trance, bei dem man nie weiss, wie sehr die Darsteller das auch glauben, was sie auf der Bühne zeigen. Gerettet hat den Abend Clown Dimitri, der mit einigen andere Zuschauern den Saal frühzeitig verliess. Von einem Performer aufgefordert, er solle doch bleiben, antwortete er: “Ich will nicht in deine Sekte eintreten”, und machte sich davon. Das war der richtige Weckruf zur richtigen Zeit. Dimitri schaffte es, mit einem Satz die angespannte Stimmung im Saal zu lösen. Metzger sollte ihn fest engagieren.
Zürichs Miss Graffiti
Durch ihre Äusserung zur Graffiti-Aktion des Cabaret Voltaires, “Ob die das als Kunst sehen, ist mir völlig wurscht. Sprayereien sind illegal”, ist die städtische Graffiti-Beauftragte Priska Rast letzte Woche erstmals ins Bewustsein der Öffentlichkeit geraten. Wer ist diese Priska Rast? Auf ihrer Homepage www.priska-rast.com erfährt man mehr: “Hier findest du viele Infos zu mir, meinen Hobbys und sonstiges mehr…” Zu ihren Lieblingsbeschäftigungen gehören malen und töpfern. Über Weihnachten verbrachte sie mit Martina einige Ferientage in Zermatt (Bilder online). Und der Mann da in der Baywatch-Pose, das ist ihr “Goldschatz” Carlo (etwa auch ein Sprayer?).

Über sich selbst schreibt sie, sie sei “Zürich’s Miss Graffiti”. Womit sie sich täglich auseinander zu setzen hat, findet man aber nicht auf ihrer Seite, sondern schön dokumentiert im fubalu street art blog.
Zum Thema:
Graffiti-Beauftragte: Kunst ist mir Wurst
BAK weist Pro Helvetia zurück
“Pro Helvetia ist das operative Zentrum der Schweizer Kulturförderung”, heisst es kühn im neuen Leitbild der Pro Helvetia, das am Donnerstag präsentiert wurde (siehe unten). Die Antwort von BAK-Direktor Jean-Frédéric Jauslin folgte umgehen: Der Bund (inklusive Pro Helvetia) solle sich aus der Kulturförderung zurückziehen und sich auf die blosse Verbreitung der Kultur konzentrieren, forderte er in der Zeitung Le Temps.
Das Ringen um das neue Kulturförderungsgesetz kommt in die spannende Phase. Mal schauen, wie sich die freie Szene für die Pro Helvetia einsetzen wird. Diese hätte unter einem Zwangsrückzug der Pro Helvetia aus der Kulturförderung am meisten zu leiden.
Pro Helvetia will mutig sein
Die Pro Helvetia hat sich ein neues Leitbild verpasst. Wie immer tönt auch dieses Leitbild toll, doch was wird davon auch umgesetzt? “Pro Helvetia ist das operative Zentrum der Kulturförderung des Bundes”, heisst es da zum Beispiel. Ein begrüssenswerter Ansatz, doch der welsche Block im Bundesamt für Kultur wird dies nie zulassen.
Des Weiteren steht unter dem Stichwort “Kunst ist Experiment”: “Pro Helvetia unterstützt neue und mutige Projekte.” Ein Pro-Helvetia-Insider hat mir mal erzählt, wie die Vergabe von Fördergeldern (im Theaterbereich) funktioniert und dabei alle Vorurteile bestätigt: Man schaut rasch über die Namen der Mitwirkenden, sind sie bekannt und gehören zu den Immergleichen, die Fördergelder erhalten, erhalten sie diese wieder. Neue Köpfe haben kaum eine Chance – egal wie mutig ihr Projekt ist. Ob das neue Leitbild irgend etwas an dieser Vergabepraxis ändert? Mutiges zu fördern braucht Mut.
Graffiti-Beauftragte: Kunst ist mir Wurst

Es gab einmal einen berühmten Sprayer von Zürich. Als er mit seinen Spraydosen Figuren an die Wände malte, wurde er kriminalisiert und zur Persona non grata erklärt. Ob seine Bilder Kunst waren oder nicht war Wurst. Jahrzehnte später versuchte die Stadt die letzten erhaltenen Graffitis von Harald Nägeli mit grossem Aufwand zu schützen und zu restaurieren.
Die Geschichte wiederholt sich. Am Wochenende führte die Londoner Gruppe C6.org im Cabaret Voltaire einen Graffiti-Workshop durch. Daraufhin hat sie laut 20 Minuten ein halbes Dutzend Wände besprayt – u.a. die Mona Lisa an die Fassade des Cabaret Voltaire. Und was sagt die Zürcher Graffiti-Beauftragte Priska Rast? “Ob die das als Kunst sehen, ist mir völlig wurscht. Sprayereien sind illegal.”
Wem diese Kunst nicht Wurst ist, der kann nach den Graffitis suchen und per SMS gleich einen Abdruck davon bestellen (wie das funktioniert steht hier). Moderne Graffitikünstler wollen schliesslich an ihrer illegalen Kunst auch was verdienen…
Nachtrag, 22.04.2005 Das meinen die NZZ und der Hauseigentümerverband zum Thema: (weiterlesen…)
Theater 2.0: Funktioniert nicht
Immer wieder wird versucht, die Möglichkeiten von Web 2.0 auch im Theaterbereich zu nutzen. Meist erfolglos. Seit längerem gibts auf theateramneumarkt.ch ein Diskussionsforum. Früher war es dauernd Zielscheibe für Werbeeinträge, dies hat sich gebessert, doch eine Diskussion entsteht auch heute nicht wirklich.
Vielleicht erreicht das Theaterpublikum die kritische Masse nicht, damit eine Diskussion ins Rollen kommt, vielleicht diskutieren die Theatergänger aber auch einfach lieber in der Kneipe bei einem Bier als am Computer. Diese Erfahrung mussten schon viele machen, auch ich, Theaterbesprechungen finden kaum Resonanz in den Kommentarspalten.
Vor einigen Wochen hat der ZüriTipp einen neuen Versuch gestartet. Auf zuetitipp.ch hat er ein Bühnen-Rating eingeführt, daraus werden die “Bühnen-Charts” ermittelt:

Auch das ist zum Scheitern verurteilt. Zu wenige Leute bewerten die Stücke. Das Musical “We Will Rock You” wurde bisher immerhin von neun Personen bewertet. ”Die 6-Fingerhand” im Theater Stok erhielt eine Bewertung - die Bestnote. Eine einzige Person (z. B. der Veranstalter selber) reicht, um ein Stück zuoberst auf die Rangliste zu bringen. Wird wohl nicht lange dauern, bis diese “Charts” wieder verschwinden.
Bücher wandern ins Netz
In der Zeitungsbranche ist die elektronische Verbreitung der Inhalte ein Riesenthema – in der Buchbranche ist es diesbezüglich noch ruhig. Versuche mit elektronischen Büchern sind bisher gescheitert - wer will schon seine Bett- oder Parklektüre am Bildschirm lesen? Die Gelassenheit der Buchbranche gegenüber den neuen Medien dürfte bald zu Ende sein. Die Hemmschwelle für die elektronische Publikation von Literatur nimmt mehr und mehr ab: Zurzeit veröffentlicht Nobelpreisträgerin Elfride Jelinek einen Roman auf dem Internet, und in Japan boomt die Literatur auf dem Mobiltelefon, wie die Süddeutsche heute berichtet.
Natürlich, das Papier wird all das überleben. Doch die übliche Verwertungskette (Hardcover, Taschenbuch, evtl noch Hörbuch) kommt ins Wanken. Wenn die Buchbranche gegenüber den neuen Medien dieselbe Abwehrhaltung einnimmt, wie bei der Buchpreisbindung, steht ihr eine harte Zeit bevor.
SP-Desaster: Kulturpolitisch logisch
Erst belohnt Regierungsrat Markus Notter (zusammen mit Parteikollege Elmar Ledergerber) die Gewerkschaften dafür, dass sie das Schauspielhaus lahmgelegt haben – und dies auf dem Buckel des künstlerischen Etats. Dann unterstützt die SP-Kantonsratsfraktion geschlossen die Budgeterhöhung des Opernhauses – u.a. mit der Begründung, die Stars bräuchten mehr Geld. Aus kulturpolitischer Sicht ist das SP-Desaster an den Kantonsratswahlen nur logisch.
Zum Thema:
SP und Opernhaus wie FDP und Swissair
Grüezi, Frau Frey

Nein, gleich zur Schweizer Hauptstadt wird Zürich durch die Wahl Barbara Freys zur Direktorin des Schauspielhauses gewiss nicht, auch wenn die österreichische Zeitung Der Standard dies behauptet. Dennoch: eine international erfolgreiche Regisseurin und erst noch eine Schweizerin - für Stadtpräsident Elmar Ledergerber ist Barbara Frey eine Ideal-Vorzeige-Lösung. Zudem hat sie noch nie ein Theater geleitet und wird – so wohl der Wunsch Ledergerbers – einfacher zu steuern sein als ihre Vorgänger. Barbara Frey ist tatsächlich keine Stefanie Carp. Wer weiss, vielleicht findet der Stapi nun endlich einen Verwaltungsratspräsidenten und kann diese lästige Aufgabe abgeben.
Doch was geschieht künstlerisch? Was ich bisher von Barbara Frey gesehen habe, war hervorragendes Handwerk. Ausserdem kennt sie von ihrer Arbeit an den grossen Häusern die üblichen Anwärter auf einen Platz am Berliner Theatertreffen persönlich. Grosse Namen wird’s also weiterhin geben. Aber wird sie auch Neuentdeckungen präsentieren? Leute, die nach einer neuen Theatersprache suchen? Hoffen wir’s.
Andreas Thiel: Moslems sind schwul

Früher waren die Juden die Israelis die Bösen, jetzt sind es die Moslems. Andreas Thiel hat in “Politsatire 2″ die Fronten gewechselt. Na ja, Ariel Sharon muss auch in diesem Programm wieder einiges einstecken, er teilt im Himmel den Sektor der Massenmörder mit Arafat, Mussolini, Mao etc. Doch Israel ist kaum mehr ein Thema – die Nachbarn umso mehr.
Die meisten Moslems sind homosexuell, sagt Thiel, deshalb würden jene, die eine Frau haben, sie aus Scham zu Hause verstecken. Um beim Thema zu bleiben: “Was bietet der Islam der Frauenbewegung? Etwa ein genereller Mummenschanz?” Doch: “Lassen wir die Moschee im Dorf.”
Ein wenig Platz bleibt auch für Schweizer Themen, für Doris Leuthard zum Beispiel, oder – ein Glanzstück – die Tagebücher von Joseph Deiss und Werner De Schepper (endlich wird offiziell, was alle bereits wussten: Deiss entnahm jeweils dem BLICK, was er zu entscheiden hatte).
Ja, der Thiel ist einfach gut. Ein Humor wie Borat - aber wohlformuliert und eloquent. Was Roger Köppels Weltwoche in der Medienlandschaft ist, ist Andreas Thiels Politsatire in der Kleinkunstszene. Gestern war Premiere der zweiten Folge im Hechtplatz. Hingehen.
Theater beliebter als Fussball
Kürzlich wurde bekannt, dass in Italien mehr Leute ins Theater als ins Fussballstadion gehen: 13,5 Millionen Theatergängern stehen 9 Millionen Fussballfans gegenüber. Auch die Zürcher schauen lieber auf die Bühne als auf den Rasen. Letzte Saison bzw. Spielzeit kamen Schauspielhaus und Opernhaus zusammen auf die schöne Zahl von 399′888 Besucher, der FCZ und GC hatten 290′650 Zuschauer. Nur der Kulturblog hinkt bei den Leserzahlen dem Fussballblog noch etwas hinterher…
BAK: Verbände als Manövriermasse
Das Bundesamt für Kultur fordert Kulturschaffende auf, sich zu Verbänden zusammenzuschliessen. Als Ansprechpartner sind Verbände praktischer als unzählige Einzelkämpfer. Andererseits sind die Zuwendungen an die 36 unterstützten Verbände und Organisationen in den letzten Jahren stark gekürzt worden, wie dem astej-Blog zu entnehmen ist.
Eigentlich nicht so tragisch, das Geld soll lieber in die Kultur anstatt in die Verbandsbürokratie fliessen. Bedenklich ist jedoch der unprofessionelle Umgang des BAK mit den Verbänden. Hans Läubli, Geschäftsführer der Vereinigten Theaterschaffenden der Schweiz (VTS), schildert in seinem Blog-Beitrag das unrühmliche Vorgehen der Berner Beamten:
“Nach jahrelangen Verhandlungen konnte den Funktionären des Bundesamtes für Kultur das Versprechen abgerungen werden, dass die Kürzungen jeweils schon am Ende des Vorjahres mitgeteilt würden und nicht erst dann, wenn die Verbände schon alle ihre Budgets gemacht (…) haben. So waren für das vergangene und das laufende Jahr Kürzungen von bis zu 30% bekannt, es wurden aber immerhin Beiträge zugesagt, auf welche die Verbandsleitungen glaubten, sich verlassen zu können.
Dies musste von den Geschäftsstellen der Verbände allerdings teuer bezahlt werden. So ist jeweils bis Ende Oktober dem Bundesamt für Kultur ein rund zwanzigseitiger Fragebogen sowie Budget und Ausblick für das kommende Jahr zuzustellen – termingerecht, ansonsten kein Anspruch auf Unterstützung mehr gestellt werden kann!
Nun traf Ende Januar, nach mehrmaliger Nachfrage, in allen Briefkästen der Kulturverbände eine Mitteilung ein: Die Beiträge für das laufende Jahr könnten, um den jüngsten Budgetvorgaben Folge zu leisten, nicht in der vorgesehen Höhe zugesprochen werden.”
Zum Thema:
Verbandsmeierei