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Kulturpreise: wer hat, dem wird gegeben

Wer Preise für kulturelle Leistungen vergibt, steckt in einem Dilemma. Geht der Preis an eine Berühmtheit, so verhält sich der Vergeber ganz im Sinne des Mainstream. Geht der Preis an einen Unbekannten, so muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, die Erfolglosigkeit auszuzeichnen. Da auch Preisjuroren dem Zeitgeist ausgesetzt sind, geht der Trend klar in die eine Richtung: wer hat, dem wird gegeben. Hier einige Beispiele von Geehrten aus den letzten zwei Wochen:
     – Bruno Ganz (Ritter der frz. Ehrenlegion)
     – Martin Suter (Friedrich-Glauser-Preis, 5000 Euro)
     – Urs Widmer (Prix Littéraire Lipp, 8000 Franken)
     – Pipilotti Rist (St. Galler Kulturpreis, 30′000 Franken)
Wie dem Dilemma entgegnen? Charles Lewinsky, ebenfalls mehrfacher Preisträger, schlug kürzlich folgendes Szenario vor: ein verdienstvoller Künstler wird von der Jury auserwählt, einem jungen Künstler seiner Wahl ein Preisgeld zu übergeben. Damit profitieren beide: der etablierte Künstler kriegt die Ehre, der junge das Geld. 

Kommentare (6) zu “Kulturpreise: wer hat, dem wird gegeben”

  1. philipp meier schrieb:

    das ist wirklich ein toller vorschlag. das würde dann auch gleich die «vettern-(basen-)wirtschaft» offen legen…;)

  2. Zappadong schrieb:

    Guter Ansatz. Ich schlage aber vor, dass der Preisträger das Geld in Projekte steckt, welche das Kulturinteresse unserer jüngern (und von mir aus auch mittleren und älteren) Generation generell fördern.

    Beispiel: Alle Welt (na ja, das ist relativ) nervt sich darüber, dass niemand liest. Statt nun Werkbeiträge und Preise an Autoren zu vergeben, steckt man dieses in Projekte, welche die Lust und Neugier aller auf das Lesen wecken. Dann würde man nämlich irgendwann mehr Bücher verkaufen. Wovon alle etwas hätten.

    Sollte ich je einen Preis gewinnen *hüstel*, ginge mein Preisgeld an gezielte Leseförderprojekte in Schulen.

    Zappadong

  3. Emilian Buza schrieb:

    Der Vorschlag klingt gut, aber mal ehrlich sind Preise nicht genau dazu da, um die zu ehren, die am beliebtesten sind (sonst würde sie ja kein Preis bekommen)? Ich persönlich finde Preise genau aus diesem Grund nichtssagend und halte sie für keinen Indikator guter Qualität, sondern eher für ein Mittel um Einfluss auf das Publikum zu nehmen, also für eine Art Machtinstrument. Da finde ich, sollte man lieber Preise ganz sein lassen und das Geld lieber in Projekte stecken, welche der Gesellschaft im Allgemeinen dienen, so ähnlich wie Zappadong.

  4. Zappadong schrieb:

    Vorneweg: Ich mag Preise. Und irgendwann hätte ich gerne auch einen :-)

    Bei einem Preis sollte es um Anerkennung gehen (ich finde zum Beispiel, dass Martin Suter den Glauser redlich verdient hat), ob und wie weit da auch Geld im Spiel ist / sein muss, darüber könnte man diskutieren.

    Man könnte in diesem Zusammenhang auch über Werkbeiträge diskutieren. Da bekommt jemand einen Werkbeitrag – um etwas zu fördern, das unter Umständen dann niemand lesen /hören/ sehen will. Würde man mit diesem Geld nicht viel gescheiter Projekte fördern, welche den Leuten die Kultur näher bringen, damit sie dann so neugierig auf diese Projekte sind, dass sie sie lesen/hören/sehen wollen?

    Versteht mich nicht falsch: Ich freue mich für Künstler, die Werkbeiträge erhalten. Aber für jeden Künstler, der etwas erhält, gibt es eine grosse Anzahl Künstler, die nie etwas erhalten, deren Werke aber genau so lesens-/hörens-/sehenswert sind. Könnte man die Leute allgemein mehr für Kultur begeistern, hätten auch die “übergangenen” Künstler etwas davon.

    Das wäre dann sozusagen die Kulturrevolution “von unten” :-)

    Zappadong

  5. /sms ;-) schrieb:

    hehe!

    1) als bibelausleger musst du noch nachlegen. der spruch, welcher jesus zugeordnet wird, so kapitalistisch auslegen wie du es tust, scheint mir suboptimal zu sein.

    2) wer auszeichnet, produziert verlierer. wer verlierer markiert, hat erfolgreich eine gruppe umschrieben. ohne abgegrenzte gruppe, keine möglichkeit preise zu vergeben. (lasst uns möglichst viele looser finden!)

    3) auch die vergabe von werkbeiträgen finde ich ärgerlich. es müsste ja dann eine jury geben, welche darüber befindet, welche werke wertvoll wären, umgesetzt zu werden. igitt…

    4) ich bleibe stur und zititere weiterhin den scheffökonomen der gewinngeilsten bank (ubs!) der welt: klaus w. wellershoff: “geld als mittel der freiheit.” – will sagen: wer freiheit düdelt, soll milton friedmans vorschlag einer “negativen einkommenssteuer” realisieren.

    5) wer talente nicht im acker (der zwangsarbeit) vergräbt, sondern sie einsetzt und mit ihnen wirkt, kann erleben, dass sich diese vermehren… (falls jesus dieses grottenschlechte – weil brutalstmöglichmissverständliche – gleichnis gemacht haben sollte, hat er es hoffentlich so gemeint!)

    6) wozu preise, wenn freiheit möglich ist?

    7) oh!halleluja. AMEN :-)

  6. rb schrieb:

    Als Bibelausleger fühle auch ich mich nicht kompetent. Aber ganz gegen Werkbeiträge und Preise möchte ich mich nicht aussprechen (obwohl dein “Igitt” ein berechtigter Einwurf ist). Denn im heutigen System würde das heissen, dass fast nur noch die institutionalisierte Kultur übrig bliebe.