Bühne


Dumpingpreise im Schiffbau

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Es ist ein toller Fotoband, das neue Jahresspielzeitheft des Schauspielhauses (pdf). Die erste Hälfte besteht aus den spannend inszenierten Fotografien von Taiyo Onorato und Nico Krebs, die andere aus dem Pflichtteil, der Präsentation der neuen Produktionen. Ganz hinten findet sich das Geleitwort von – nein, nicht Matthias Hartmann – sondern von Markus Sulzer, Marketingleiter. “Spannung, Unterhaltung und Inspiration”, titelt er und kündet “faire Preise, attraktive Angebote und einen kundenorientierten Service” an. Schön. Und weiter: “Die Ticketpreise im Schiffbau senken wir sogar um durchschnittlich 15 — 20 %”. Wow, dort wo das spannendste Theater gezeigt wird, senkt man die Preise! Doch wenn schon Dumpingpreise, warum dann nicht ganz gratis? Schon jetzt bringen die Vorstellungen im Schiffbau kaum etwas ein, die Ticketeinnahmen decken meist nicht einmal 10 Prozent der Ausgaben. Viel zu verlieren hätte das Schauspielhaus also nicht — dafür wäre Zürich mit einem Gratis-Theater auf höchstem Niveau um eine echte Attraktion reicher.

Zum Thema:
Verschenkte Karten im Schiffbau?

Film


Schweizer Filmer im Preisrausch

Das Filmfestival von Cannes ist zu Ende, von Schweizer Filmen hat man nichts gehört. Trotzdem, die Schweizer Filmer sind im Preisrausch; kaum eine Woche, in der die Promotionsagentur SwissFilms nicht eine Auszeichnung für einen Schweizer Film im Ausland vermeldet. Allein diesen Monat kamen sieben Schweizer Filme(r) zu Ehren. Meist handelt es sich um Festivals, von denen noch nie jemand gehört hat – und oft um (Kurz-)Filme, deren Namen nie wieder auftauchen werden. Wie kommt dieser Preisregen (abgesehen vom unbestrittenen Qualitätssprung in den letzten Jahren)? Zwei Erklärungen: Für die Teilnahme an Festivals gibts in vielen Fällen Fördergelder, also versucht man möglichst oft dabei zu sein, selbst bei unbedeutenden Festivals. Und: SwissFilms steht unter Druck, bekanntlich möchte BAK-Filmchef Nicolas Bideau die Agentur am liebsten auflösen, also klammert sie sich an jede noch so kleine Erfolgsmeldung.

Kunst/Museen


Gottfried Honegger: Kunst gegen Drogen

Das Zürcher Kunst-Urgestein Gottfried Honegger wird 90, aus diesem Anlass ist ihm in der ETH eine Ausstellung gewidmet. Honegger gehört zu den wenigen, die ganz genau wissen, was Kunst ist und soll — nicht nur seine Kunst, sondern Kunst allgemein. Immer, wenn man eine Stimme braucht, die sich gegen eine Kunstaktion oder einen Kunsttrend ausspricht, kann man Gottfried Honegger anrufen, und mit ziemlicher Sicherheit wird er spontan ein druckreifes Pamphlet dagegen halten. So war das auch bei der Affäre um Thomas Hirschhorn oder, mit besonderer Vehemenz, bei der Teddybären-Aktion in Zürich. In dem besagten Teddybären-Interview im Tages-Anzeiger (Ausschnitt hier) behauptete er so ganz nebenbei, dass keines der Tausenden von Kindern, die in seinem Espace de l’art concret in Mouans Sartoux sein kunstpädagogisches Programm besucht hätten, später drogenabhängig wurden.
Darum, wer sich und seine Kinder vor Drogen schützen will, der mache einen Familienausflug an die Ausstellung im ETH-Hauptgebäude.

Bühne


Schauspielhaus: Gilles Tschudi nicht böse

Foto: Leonard Zubler
In Bochum setzte Schauspielhaus-Direktor Matthias Hartmann auf Harald Schmidt, in Zürich sollten Mike Müller und Gilles Tschudi das Volk anlocken. Müller überzeugte als Horatio in “Hamlet”, Gilles Tschudi verkörpert in Schillers “Kabale und Liebe” den machtgierigen und intriganten Präsidenten von Walter. Gestern war Premiere, und es stellte sich heraus, dass der schmächtige Tschudi auf der Bühne nicht halb so böse wirkt wie im Fernsehen. Er ist eine blosse Parodie, die Autorität nimmt man ihm nie ab.
Regie-Jungstar David Bösch kommt längst nicht an seine gefeierte “Romeo und Julia”-Inszenierung heran. Er befreit zwar das Stück vom Politballast, der Fokus liegt ganz auf der Liebesgeschichte — doch nicht einmal die überzeugt. Die Bühne lässt er leer, für die Ausschmückung ist die stark stilisierte Spielweise zuständig. Wenn schon nicht auf Erden, so kann das Paar seine Liebe am Schluss immerhin im Jenseits ausleben. Parodie oder Ernst? Der Regisseur weiss es wohl selber nicht so recht.
Ein altbekanntes Ärgernis im Pfauen ist diesmal besondes ausgeprägt: die Schauspieler sprechen zum Teil so leise, dass ich schon in der zwölften Reihe (etwa in der Mitte) nichts mehr verstanden habe. Wenn die Akkustik das Pausengespräch Nummer eins ist, so sollte die Direktion hellhörig werden.

Kunst/Museen


Kunst-Vögeli in Tagesschau geschmuggelt

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Eine Künstlergruppe hat sich zum Ziel gesetzt, Vögel und andere im öffentlichen Raum platzierte (“freigelassene”) Kunst-Tiere zu sammeln und zu veröffentlichen. Mitmachen kann jeder, einfach Vogel frei lassen, fotografieren und auf www.windowzoo.com hochladen. Heute meldet die Gruppe, sie habe am 15. Mai in der Tagesschau des Schweizer Fernsehen heimlich zwei Vögel platziert (RealVideo hier). Gestern war in einem Beitrag der Rundschau neben Micheline Calmy-Rey ein Vögeli zu sehen.
Ein harmloser Lausbubenstreich, erinnert mich an meine Zeiten beim Blick, als einige Redaktoren jeweils gewettet haben, wer als Erster ein bestimmtes ausgefallenes Wort in einem Artikel unterbringen kann.

Literatur, Politik


Wie die Schweiz nachbarschaftliche Prinzipien unterwandert

Die Schweiz hat die Buchpreisbindung abgeschafft und unterwandert damit das Verkaufssystem der deutschsprachigen Nachbarn. Die Waadtländer Kantons- und Universitätsbibliothek (BCU) lässt als erste französischsprachige Bibliothek seinen Bestand von Google scannen. Damit unterwandert Lausanne das französische Prinzip, wonach aus Angst vor Kulturimperalismus das Google-Buchprogramm boykottiert wird. Zwei Beispiele für einen eigenständigen Weg, gegen den Widerstand der Nachbarn. Das Selbstbewusstsein der Schweiz in Kulturfragen ist so stark wie nie.

Zum Thema:
Zürcher Theater: Rückkehr der Schweizer

Kunst/Museen, Politik


Cabaret Voltaire: Keine RAF T-Shirts mehr

Das Cabaret Voltaire solle sich mehr auf die Kunst anstatt auf Politik konzentrieren, sagte Jean-Pierre Hoby im Tagi zu den RAF T-Shirts im Cabaret Voltaire. Kunst minus Politik, was bleibt da übrig? Vielleicht Rolf Knie? Trotzdem, nachdem er schon wegen der Graffiti-Aktion von einer Politikerin unter Druck gesetzt wurde, hat Cabaret-Voltaire-Direktor Philipp Meier die T-Shirts nun zurückgezogen. “Diese T-Shirts wurden und werden massiv überbewertet”, schreibt er in einer Pressemitteilung.
Von aussen, wenn man nicht selber Angst ums Geld haben muss, ist es einfach zu kritisieren. Und dennoch, in Verbindung mit diesem Vorfall hier, wird klar, dass auch für Dadaisten gilt: Geld regiert die Kunst.

Nachtrag, 23.05: Das Cabaret Voltaire nimmt die T-Shirts wieder in seinen Shop auf. Ein Exemplar kaufen darf aber nur, wer zuvor einen Katalog mit 50 Fragen ausgefüllt hat. Die Fragen reichen von ‘Gibt es gute Gründe für einen Mord?’ bis ‘Ist Brigitte Mohnhaupt eine schöne Frau?’. Alle Fragen bei rebell.tv.

Zum Thema:
Doris Fiala und 20Minuten-Leser wollen Cabaret Voltaire abstrafen
Dada-Streit: Kommerz siegt über Kunst

Musik, Sonstiges


UBS und die Erigierten Penisse

Die Kollegen des Berner Kulturblogs KulturStattBern haben mit Erstaunen festgestellt, dass die UBS ein Konzert der britischen Skandalband Throbbing Gristle sponsert. Throbbing Gristle bedeutet im Slang ‘erigierter Penis’.
Kultursponsoring birgt immer gewisse Risiken. Und dennoch: was früher geschockt hat, gehört heute zum Lifestyle. Darum: Mit einer Band wie Throbbing Gristle in Verbindung gebracht zu werden, ist für die UBS keineswegs mehr rufschädigend, im Gegenteil, mit sowas kann man sich wunderbar schmücken.

Kunst/Museen, Politik


Zürich im internationalen Stadtraum-Wettbewerb

Der Stadtrat hat ein Strategiepapier zur Entwicklung des öffentlichen Raums herausgegeben. In einer grundsätzlichen Vorbemerkung meinen die Autoren zu Sinn und Zweck der Gestaltung des öffentlichen Raums: 

“die Gestaltungsqualität des öffentlichen Stadtraums [wird] auch immer mehr zu einem erfolgskritischen Moment im nationalen und internationalen Städtewettbewerb.”

Jawohl, auch hier das Tina-Turner-Müllermilch-Anlockargument! Aber wenn wir schon dabei sind, wie steht denn Zürich im internationalen Stadtraum-Wettbewerb?

“Im internationalen Vergleich mit anderen Städten weisen Zürichs öffentliche Stadträume eine ansprechende Gestaltungsqualität nicht nur in der Innenstadt sondern auch in den Aussenquartieren auf. Auch ‘Sicherheit’ und ‘Sauberkeit’ genügen auf dem ganzen Stadtgebiet hohen Ansprüchen.”

Nur ansprechend? Ungewohnt bescheidene Worte, Ledergerber hat da offensichtlich nicht mitgeschrieben. Weiter hinten im Bericht kommt auch die Kunst vor, auf Seite 21 heisst es:

“Kunst soll im öffentlichen Stadtraum an ausgewählten Orten eine erfahrbare Präsenz haben. Sie prägt damit einerseits das kulturelle Profil Zürichs mit und trägt andererseits als sinnliches Erlebnis zu einer höheren Aufenthaltsqualität bei. (…)”

Ich glaube, damit können wir leben; schliesslich ist die Arbeitsgruppe für Kunst im öffentlichen Raum ganz ansprechen besetzt (siehe Link unten). Nur die Skater, die hätten wohl lieber eine befahrbare als eine erfahrbare Präsenz…

Zum Thema:
Gegenkonzept für Teddybären

Bühne


Zürcher Theater: Rückkehr der Schweizer

Immer mehr Deutsche leben in Zürich — und drängen auch in Führungspositionen. Die Theaterlandschaft erweist sich als antizyklisch. Gleich drei wichtige Direktionsposten wurden von Schweizern zurückerobert. Die Baslerin Barbara Frey ersetzt den deutschen Matthias Hartmann am Schauspielhaus, der Zürcher Sandro Lunin kommt für die deutsche Maria Magdalena Schwaegermann ans Theaterspektakel, und heute wurde bekannt, dass die Toggenburgerin Barbara Weber und der Basler Rafael Sanchez den Österreicher Wolfgang Reiter im Theater am Neumarkt ablösen. Der Trend ist nicht auf Zürich beschränkt, auch in Basel und Luzern wurden in den letzten zwei Jahren deutsche Direktoren durch Schweizer ersetzt.
Es gab eine Zeit, da wurden einheimische Lösungen als spiessig und provinziell abgetan. Schweizer hatten im Ausland grössere Chancen auf einen hohen Kulturposten als in der Schweiz. Das ist jetzt vorbei. Und das ist gut so.

Film


Pipilotti Rist dreht einen Spielfilm

Videokünstlerin Pipilotti Rist macht einen Abstecher zum Spielfilm. ”Pepperminta” heisst ihr erster Streifen, produziert von “Vitus”-Produzent Hugofilm. An einem Projektmarkt am Filmfestival Rotterdam habe sie den Film bereits vorgestellt. Über den Inhalt ist mir nichts bekannt. Jedoch, dass die Jungregisseurin auf Fördergelder zurückgreifen kann, als gehöre sie schon zu den Grossen: Für ihr Debut erhält sie vom Bundesamt für Kultur 500′000 Franken, von der Züricher Filmstiftung und vom Kanton St. Gallen je 300′000.

Zum Thema:
Das offizielle Pipilotti-Fanposter

Bühne


Hartmann: Zürich das Event-Label angehängt

Selbst wenn sie vielleicht nicht ganz falsch ist, die Aussage, “Zürich ist eine Event-Stadt”, ist ziemlich abgedroschen. Schauspielhaus-Direktor Matthias Hartmann wiederholt sie in einem Interview mit dem Standard einmal mehr:

“In Zürich hat alles Event-Charakter, hier geht man im Unterschied zu Wien nicht automatisch in eine Premiere. Deren Qualität muss sich als Event herumsprechen, und dann läuft das einige Zeit. Konsequenz: Herr Pereira macht auf der Oper fünfzehn Premieren pro Spielzeit. In Wien gibt es ein Grundvertrauen ins Theater. Man geht ins Theater, wie man ins Kino geht. Die Premieren sind voll. Je nach Qualität kann das bleiben. Oder abnehmen.”

Hartmanns Event-Logik ist schwer durchschauber. Macht Pereira 15 Premieren, weil man in Zürich nicht automatisch in eine Premiere geht? Ist nicht gerade in Wien jede Premiere voll, weil dort Premieren noch Event-Charakter haben? Egal – es geht um etwas anderes. In Kulturkreisen ist das Wort “Event” ein Schimpfwort. Und immer, wenn jemand im Kulturumfeld irgendwem oder -was das Label “Event” anhängen möchte, so heisst das vor allem Geringschätzung.

Literatur


Peter von Matts Allgemeinformel für gute Schreiber

Peter von Matt wird 70. Ein grosser Mann. Auf DRS2 gab er heute ein Interview. Da sagte er einen Satz, der von jedem Schriftsteller stammen könnte – aber auch auf die meisten guten Journalisten und Blogger zutreffen müsste:

“Ich schreibe mühsam, ich leide beim schreiben, aber trotzdem muss ich sagen, dass ich unglaublich gern schreibe.”

Der zwölf Jahre ältere Sprachguru Wolf Schneider formuliert diese Allgemeinformel so:

“Der Schreiber muss sich quälen und nicht den Leser.”

Literatur


Die Qual der Buchändlerin beim Preise Senken

Freie Buchpreise = böse. Diese Gleichung scheint sich bei den Buchhändlern im tiefsten Innern festgesetzt zu haben. Am Freitag durchstöberte ich im Orell Füssli die Neuerscheinungen. Eine Buchhändlerin klebte auf jeden Bestseller einen runden Kleber, auf dem 20 oder 30 Prozent Rabatt angepriesen wurden. Sie litt sichtlich unter ihrer Arbeit – jeder Kleber war, als müsse sie ihrem Büsi einen Nadelstich verpassen. Ich kam mit ihr ins Gespräch, hier das Protokoll:

Buchhändlerin (bh): (Klebt Kleber auf) Jetzt geht es los. 
rb: Ja.
bh: Jetzt geht es los.
rb: Die Bücher werden billiger.
bh: (kopfschüttelnd) Ja, sie werden billiger.
rb: Viele Leute freut das.
bh: Wo führt das bloss hin?
rb: Hmm.
bh: Der Wertzerfall, das kann doch nicht gut sein.
rb: Wertzerfall?
bh: Die Bücher haben einen Wert, die kann man nicht einfach so billig verkaufen.
rb: Die Bücher bleiben doch dieselben.
bh: Hmm.
rb: Vielleicht kaufen jetzt sogar mehr Leute Bücher.
bh: Ich spüre, das ist einfach nicht gut.

Literatur, Sonstiges


Sprachpolizei mit Filippo Leutenegger

Sie haben der Verluderung der Sprache den Kampf angesagt. Und mit Verluderung meinen sie die neue deutsche Rechtschreibung. Seit kurzem hat die selbsternannte Sprachpolizei Schweizer Orthographische Konferenz SOK auch einen Internet-Auftritt. Dort heisst es:

“Die Schweizer Orthographische Konferenz wurde von Sprachwissenschaftern und Praktikern der Presse und der Verlage gegründet, um die von der Rechtschreibreform beschädigte Einheitlichkeit und Sprachrichtigkeit der Rechtschreibung in Presse und Literatur der Schweiz wiederherzustellen.”

Die beschädigte Stilistigkeit (Achtung: Wort vom SOK noch nicht genehmigt) ist beim SOK offenbar kein Thema. 
Auf der Homepage werden die Rechtschreibe-Empfehlungen dokumentiert. Da ich die langen Wörterlisten nicht durchackern wollte, übernehme ich hier einige Beispiele aus einem Artikel des St. Galler Tagblatts:

“Die SOK empfiehlt (…) «ohne weiteres», «des weiteren» (nicht: «ohne Weiteres», «des Weiteren») und «der eine», «der erstere» (nicht: «der Eine», «der Erstere»). Ferner sollte das längst übliche Wort «jedesmal» (nicht: «jedes Mal») verwendet werden. In Fügungen wie «Modus vivendi» sei der grosse Buchstabe sparsam zu setzen (nicht: «Modus Vivendi»).” 

Übrigens, in dem Gremium sitzt auch ein alter Bekannter: Filippo Leutenegger.