Doris Fiala und 20 Minuten-Leser wollen Cabaret Voltaire abstrafen
Die Hirschhorn-Affäre wiederholt sich. Mitten in Zürich. FDP-Präsidentin Doris Fiala hat dem Stadtrat ein Postulat übergeben, wonach die Subventionen für das Cabaret Voltaire gestrichen werden sollen. Als Strafe für die Graffiti-Aktion der britischen Künstlergruppe C6. “Wenn Dada derart gaga handelt, sind Gelder besser für die Entfernung allfälliger illegaler Schmierereien einzusetzen”, sagte Fiala gegenüber 20 Minuten.
Das Pendlerblatt hat gleich eine Umfrage gestartet — und siehe da, auch die Mehrheit der 20min.ch Umfragemitmachern antwortet auf die Frage, ob das Cabaret Voltaire weiterhin subventioniert werden soll, mit nein (Stand 12:30 Uhr):
Die Subvention zugunsten des Cabaret Voltaire besteht darin, dass die Stadt den Betreibern das historische Gebäude an der Spiegelgasse kostenlos zur Verfügung stellt. Die Betriebskosten übernimmt zum grossen Teil die Swatch Group. Was würde eine Streichung der Subventionen bedeuten? Dass die Stadt dem Cabaret Voltaire zukünftig die Miete in Rechnung stellt? Oder sich gleich einen andern Mieter sucht?
Dada, in Zürich geboren, ist eine der einflussreichsten Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts. Will nun Doris Fiala tatsächlich für etwas Wahlkampfpropaganda das Cabaret Voltaire opfern? Frau Fiala, das ist gaga!
Balts Nill: Kunst und Politik vertragen sich nicht
Als Expo02-Direktorin Nelly Wenger zur Chefin von Nestlé Schweiz berufen wurde, so sah sich manch ein Kulturschaffender bestätigt: Wer Kulturprojekte durchzuziehen vermag, der setzt sich auch in der Wirtschaft durch. Das Projekt Wenger/Nestlé scheiterte kläglich an Schokoladenverpackung.
Dann berief Bundesrat Moritz Leuenberger den Stiller-Has-Musiker Ueli Balsiger alias Balts Nill zu seinem Redenschreiber. Und wieder dachte der Kulturmensch: eine Idealbesetzung – Künstler die Politreden schreiben, das wird Schule machen. Doch weit gefehlt. Nach 13 Monaten ist das Projekt gescheitert, wie Balts Nill im Stellenanzeiger(!) der BernerZeitung und des Bunds ausführt. Er habe in dem Job seine ”Unbeschwertheit und Kreativität” eingebüsst. “Manchmal blieb kaum etwas stehen von meiner Version, manchmal überlebten ein paar Sätze.” Sein Fazit: “Wenn sich Politik mit Kunst verbindet, kommt das selten gut heraus.”
Kulturleute sollten vielleicht einfach bei der Kultur bleiben.
Es wird als grosse Sensation angekündigt: Das britische Künstlerduo Gilbert and George stellt ein speziell angefertigtes Werk für einen beschränkten Zeitraum im Internet zum kostenlosen Download bereit. Das Werk kann man selber zu Hause ausdrucken – jeder Ausdruck ist ein Original.
Eine gute Idee, die jedoch die Kunsthaus-Kuratorin Mirjam Varadinis schon vor einem Jahr umsetzte. Auf azple.com kann in regelmässigen Abständen während eines beschränkten Zeitraums exklusiv ein Kunstwerk heruntergeladen werden. Zur Zeit zum Beispiel eine Edition von Loredana Sperini.
Das Gilbert-and-George-Kunstwerk ist übrigens diese Nacht ab 0.30 Uhr während 48 Stunden zum Download freigeschaltet, auf bbc.co.uk/imagine und guardian.co.uk/art.
Casinotheater feiert Geburtstag: nett aber harmlos
Das Casinotheater Winterthur feierte gestern seinen fünften Geburtstag mit einer Spezialausgabe des Casinomix, der monatlichen ungeprobten Show. Für eine ungeprobte Show war das Ganze etwas gar glatt - ungeprobt schien bloss die Tontechnik. Alle zeigten ihr Ding; Improvisationen mit Beteiligung mehrerer Künstler bzw. Gruppen gab es keine. So handelte es sich schlicht um ein Variété mit hochkarätigen Gästen, da waren zum Beispiel Ursus und Nadeschkin, das Duo Fischbach und Stahlbergerheuss. Durchs Programm führten Viktor Giacobbo und Mike Müller, die hiermit gleich für ihre neue TV-Show üben konnten.
Ein ganz netter Abend, durchaus witzig, jedoch etwas mutlos, ganz ohne bissige Satire. Für den stimmigsten Moment des Abends sorgte das Duo Fischbach. Das verknorkste Paar liess seine Hochzeitsnacht Revue passieren - hochbrisant, was sich unter Fischbachs Bettdecke abspielte…
Er hat mir mich schon vor vielen langweiligen Abenden gerettet und mir unzähligen verpassten Kinofilm nachgeliefert: der Filmriss. Diese kleine Videothek in Wiedikon ersetzt den Dorfladen – oft trifft man dort zufällig einen Bekannten. Kürzlich ist mir zu Ohren gekommen, dass die Filmriss-Besitzerin (keine Ahnung, wer das ist) aus Prinzip nur Frauen einstellt. Und tatsächlich, ich kann mich nicht erinnern, je einen Mann hinter dem Tresen gesehen zu haben. Sind Frauen die besseren Filmverleiher? Können sie besser DVD-Scheiben sortieren? Glaubt man ihnen eher, dass sie die Filme, die sie empfehlen, tatsächlich schon gesehen haben? Eigentlich egal, Hauptsache die Filmauswahl stimmt (und das tut sie). Dennoch, wer den Grund kennt, darf ihn gerne in die Kommentarspalte schreiben…
Irgendwie schon erstaunlich. Da hat Schauspielhaus-Direktor Matthias Hartmann die turbulenteste Saison hinter sich, die man sich für einen Direktor vorstellen kann, nebenher brachte er als Regisseur zwei Neuinszenierungen und eine Wiederaufnahme auf die Bühne. Und gestern kam noch eine dritte Neuinszenierung hinzu. Ermüdungserscheinungen waren keine erkennbar, im Gegenteil: es ist die bisher beste Regiearbeit Hartmanns in Zürich.
In “Pool (No Water)” zeigt Mark Ravenhill auf, was geschehen kann, wenn man merkt, dass einem eine ungeliebte Kollegin intellektuell und charakterlich überlegen ist. Da freut man sich sogar über ihren Sturz in einen leeren Swimming Pool (“Irgendwie ist das gerecht, es gibt keine Zufälle”).
Hartmann ist nicht nur für die Regie, sondern auch für die Bühneninstallation zuständig. Die Darsteller stammen aus verschiedensten Kunstrichtungen, da sind drei Schauspieler, ein Maler, ein Tänzer, ein Videokünstler und ein Musiker. Noch selten habe ich erlebt, dass die Sparten dermassen nahtlos ineinander übergehen. Eine Künstlergruppe spielt eine Künstlergruppe, das passt hier perfekt. Selbst die Souffleuse ist Teil der Installation – und wenn ein Microport nicht mehr funktioniert, dann springt ein Tontechniker auf die Bühne, als würde auch er dazugehören.
Um noch etwas Premierenklatsch zu verbreiten: Nach der Vorstellung unterhielt sich Blogger-Kollege Moritz Leuenberger intensiv mit Blick-Sexberaterin Eliane Schweitzer. Theater sorgt für Gesprächstoff…
Es ist wohl das einzige Filmfestival, an dem keine Filme gezeigt werden. Bei “Total Recall“, dem “Internationalen Festival des nacherzählten Films”, werden Filme bloss nacherzählt – und wers am besten macht, der erhält die ”Silberne Linde”. Das nächste Festival findet am 12. Mai in der Gessnerallee statt. Die Verantwortlichen des Festivals haben sich mit der dringenden Bitte an mich gewendet, diesen Aufruf zu veröffentlichen:
Silberne Linde 2007
FilmnacherzählerInnen aufgepasst! TOTAL RECALL, das internationale Festival des nacherzählten Films, bietet die Chance als Filmnacherzähler den Wettstreit um die Silberne Linde zu gewinnen – am 12. Mai ab 18h im Theaterhaus Gessnerallee in Zürich. Die Kandidaten haben 10 Minuten Zeit über ihren (Lieblings-)Film zu erzählen. Es dürfen keine Hilfsmittel benutzt werden – einfach erinnern und erzählen!
Sie ist die aufregendste freie Theatergruppe der Schweiz. 400asa. In den letzten Wochen hat sie Schnipsel aus ihren bekanntesten Stücken auf YouTube gestellt (hier). Darunter auch den genialen Monolog über das Wesen der Zürcher Kulturförderung aus “HOB(B)Y-HAMLET” (2003). Text: Lukas Bärfuss. Unter den Zuschauern: Elmar Ledergerber und Jean-Pierre Hoby. Unbedingt ansehen.
Aus, vorbei, die Buchpreisbindung gibts nicht mehr. Mit deutschem Geld haben die Verbände lange gegen die Abschaffung dieses alten Zopfs gekämpft – ohne zu merken, dass von einer Beibehaltung einzig die deutschen Online-Buchhändler und die Grossbuchhandlungen wie Orell Füssli oder Thalia profitieren. Jetzt erhalten findige (Klein-)Buchhändler die Chance, sich durch kreative Preisgestaltung von den andern abzuheben und Kunden aus dem gesamten deutschsprachigen Raum zu gewinnen. Verlieren werden jene Buchhändler, die weiterhin passiv vor ihren verstaubten Bücherregalen sitzen – doch die würden auch mit Buchpreisbindung früher oder später verschwinden. Der Entscheid des Bundesrats bringt neuen Schwung in die Branche, davon profitieren alle. Offen bleibt die Frage: wie reagiert nun Deutschland?