Bühne, Kunst/Museen
1. Juni 2007
Wo sind die Theater- und Kunst-Trailer?
Jedes Kind schafft es heute, Filmchen ins Internet zu stellen, für die meisten Kulturleute ist dies noch ein unerforschtes Feld. Obwohl für visuelle Künste Internet-Filmchen die ideale Form der Vermittlung wären. Das Schauspielhaus lässt zwar von art-tv.ch für jedes seiner Stücke einen Trailer erstellen, die Filme laufen aber nur im Foyer. Auf die Idee, sie auch auf der Homepage zu veröffentlichen, ist noch niemand gekommen [Nachtrag, 6. Juni: Berichtigung des Schauspielhauses, siehe Kommentare]. Auch alle andern Zürcher Kulturinstitutionen beschränken sich bei der Bewerbung ihrer Produktionen und Ausstellungen im Internet auf statische Bilder und geschriebenen Text. Eine löbliche Ausnahme ist die Theatergruppe 400asa. Sie hat begonnen, die besten Szenen ihrer alten Stücke auf YouTube zu veröffentlichen, gestern stellte sie auch noch einen Trailer für das neue Stück “Der Sender” aufs Netz:
Zum Thema:
400asa: Elmar die Kultur erklärt
rafael schrieb:
freut mich. 400 asa ist meine liebste Theaterproduktion der Schweiz.
Geschrieben am 1. Juni 2007 um 23:32Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
logo: kulturfuzzis sind extrem hinterwäldlerisch. keine ahnung, wer auf die idee kam, dass das was wir als kunst betrachten irgendwas mit unserer gegenwart zu tun hat.
apropos kunst-trailer: da gäbe es auch noch http://www.rebell.tv, der regelmässig unregelmässig aus und übers cabaret voltaire berichtet (als offizieller medienpartner) (unsere website gibt es im moment gar nicht zu sehen; wenn schon denn schon…;)
Geschrieben am 4. Juni 2007 um 17:31Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
nachtrag: ich finde rimini protokoll besser (sofern sie nicht im theater spielen). aber: 400 asa sind auch sehr gut (und ihre trailer eine entdeckung:))
Geschrieben am 4. Juni 2007 um 17:32Uhr | Permalink
Matthias Wyssmann schrieb:
Richtig und falsch, lieber kulturblog.ch.
Wir vom Schauspielhaus stellen unsere Trailers immer öfters ins Net (guck mal – vor der nächsten Halbfalschmeldung – unter http://www.schauspielhaus.ch/www/107_430.asp?PlayID=233 oder unter http://www.schauspielhaus.ch/www/107_430.asp?PlayID=234), und wir produzieren immer mehr auch in-house. Unser mehrfach preisgekrönter Kino-Trailer konnte bis vor Kurzem wochenlang von unserer Homepage runtergeladen werden – und wurde übrigens auch von kulturblog.ch aufgegriffen, wenn ich mich richtig entsinne.
400asa mag eine löbliche Ausnahme sein. Tatsache aber ist, dass heute die wenigsten Kulturinstitute über die Mittel verfügen, Videos zu produzieren, die ihrem künstlerischen Anspruch gerecht werden.
Jedes Kind mag ein Filmchen drehen, ein bisschen finalcutten und ins Internet stellen, aber was von all dem hat wirklich Güte? Was ist auf der Höhe von dem, woran sich Künstler lange abgearbeitet haben? Da verwechselt Philipp Meier etwas. Es ist eben der Hinterwäldler, der jedes seiner Werklein, jeden Dada gleich mit der ganzen Welt teilen will – mehr kindisch als kindlich.
Und die vermeintlich ganze Welt, die sich auf YouTube und MySpace produziert, vergisst wohl zu oft, dass ihre ach so wertvollem Erzeugnisse ausschliesslich zur Datensintflut, einer neuartigen, digitalen Ursuppe, aber wenig zu einer echten Auseinandersetzung mit Kunst und Gesellschaft beitragen.
Mehr Videos, sicher, “culture, go online!”, klar, aber nur dann, wenn die Vermittler wirklich in der Lage sind, mit ihren Clips zu stören, zu unterbrechen, zu erhellen.
Geschrieben am 6. Juni 2007 um 14:50Uhr | Permalink
rb schrieb:
Tatsächlich, obwohl ich sehr oft für den Spielplan und die Besetzungen schauspielhaus.ch aufrufe, habe ich die Trailer noch nie bemerkt (ausser natürlich den tollen Kino-Trailer, kulturblog.ch-Beitrag hier), Entschuldigung.
Zur Qualität: natürlich muss die stimmen und dem Haus bzw. der Produktion entsprechen — und wenn die Mittel dazu nicht vorhanden sind, dann lässt man es lieber sein. Oft habe ich aber das Gefühl, dass schlicht das Interesse oder das Know How fehlt. Wären die Schauspielhaus-Trailer zum Beispiel als Flash-Filme gleich in die jeweilige Seite implementiert, könnte sie jemand wie ich auch nicht einfach übersehen ;-)
Geschrieben am 6. Juni 2007 um 15:18Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@matthias wyssmann: sie kennen meine position noch nicht. das kann ich ihnen nicht übel nehmen, denn sie scheinen mit der informationsflut mühe zu haben. doch dazu später/weiter unten mehr. ihnen, als vertreter des schauspielhauses, würde ich folgendes darauf antworten: auf der bühne ist alles schon gezeigt und gespielt worden. die dadaisten haben den inhalt auf der bühne demontiert. wir demontieren nun die form als solches. der schaukasten hat ausgedient. genauso wie das museum; und das opernhaus sowieso. sie vertreten hier einen kunstbegriff, der definitiv vorgestrig ist. wenn ich mich auf die (kulturelle) zukunft meiner kinder vorbereite, dann kaufe ich mir bestimmt viel besser eine spielkonsole als ein abo des schauspielhauses. es ist bezeichnend, dass vertreter der ach so grossen kunst, vor der datensintflut warnen…; derweil die kids elegant auf deren wellen surfen.
Geschrieben am 7. Juni 2007 um 12:43Uhr | Permalink
greg schrieb:
richtig, richtig, richtig, philipp. den schauspielhäusern sollte man die gelder streichen.
ps: ich finde schauplatz international die besten, aber auch, wie bei rimini: nicht, wenn sie im theater spielen
Geschrieben am 11. Juni 2007 um 22:08Uhr | Permalink
si schrieb:
mein liebster song: “we are all bourgeois now” von den manic street preachers. und dann noch ein chinesisches sprichwort “der idiot schaut immer auf den finger der zeigt, und nicht dorthin wo der finger zeigt” wwwau.
Geschrieben am 12. Juni 2007 um 14:29Uhr | Permalink
ms schrieb:
@philipp meier: was für ein frustrierter dummschwätzer… “wir demontieren nun die form als solches”… klingt gross, aber was soll das denn nur heissen? und was wird dadurch besser? für die wertung von qualität gibt’s wohl adäquatere massstäbe. theater ist vorgestrig? nur soviel hierzu: weil es den buchdruck seit dem 15. jh. gibt, ist wohl gemäss ph.m. das buch als medium auch vorgestrig und sowas von überholt… mein lieber: so viel bornierte kleinkarriertheit ist schwer zu ertragen.
Geschrieben am 13. Juli 2007 um 14:01Uhr | Permalink
rb schrieb:
@ms: hey, hey, wenn jemand althergebrachte Formen hinterfragt wie ‘auf der Bühne sagen Schauspieler einen vorgegeben Text auf, und die Zuschauer auf festgeschraubten Sitzen schauen schweigend zu’, so ist dieser noch lange nicht ein “frustrierter Dummschwätzer” — auch wenn er es etwas salopp formuliert. Und machen wir uns nichts vor: borniert und kleinkariert sind wir doch alle ein bisschen.
Geschrieben am 13. Juli 2007 um 14:26Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@ms: achten sie jeweils beim schreiben auf ihre wortwahl oder stecken in jeder ihrerer zu worten geformten digitalen spur im netz die begriffe «borniert» und «kleinkariert», weil die scheinbar in der heutigen (vermeintlich) globalen welt besonders schmerzen? ich frage sie daher, weil ich insbesondere «kleinkariert» eher als das gegenteil von dem betrachten würde, was mich antreibt: bestehendes zu hinterfragen und neue (kunstvermittlungs)wege zu erforschen. ich wähle des weiteren darum diese «saloppe formulierung» (rhetorische zuspitzung;), weil ich die weiterentwicklung der kunst durch die veraltete monitäre leitkultur (opernhaus, schauspielhaus, tonhalle, kunsthaus) massivst behindert sehe. haben sie wirklich das gefühl, dass ein krümelchen hier (rote fabrik), ein krümelchen da (gessnerallee) und ein krümelchen dort (cabaret voltaire) die kunst aus dem alten korsett befreien kann?
verstehen sie mich nicht falsch. ich wäre der erste, der museen, konzertsääle, theater- und opernhäuser fordern würde…., wenn die letzten geschleift sein sollten. davon sind wir jedoch noch gaaaaaanz weit entfernt.
ihr vergleich mit den büchern hinkt insofern, weil das buch insofern «moderner» als das theater ist, weil ich es zu mir nachhause nehmen kann, weil es niemanden kümmert, ob und wie ich das buch lese und schon gar nicht, wie ich grundsätzlich mit dem buch umgehe. bücher stehen nicht wie um sich selber drehende, scheinbar auf immer und ewig zementierte, millionenverschlingende, «blinde» leuchttürme in der kulturlandschaft rum.
und vergessen sie nicht: ich habe einen auftrag!!! beachten sie das bitte, bevor sie sich/mich «was soll das heissen?» fragen.
Geschrieben am 13. Juli 2007 um 14:56Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@ms: oke…, ich gebs ja zu, dass die vorhergehende antwort vielleicht etwas borniert daher kommt….;)
darum nun noch eine etwas konkrere und differenziertere antwort:
kann qualität von kunst nur in bestehenden kunstformen/-disziplinen definiert werden? das wäre ein armutszeugnis für unsere kultur. ich habe gleichzeitig nirgends geschrieben, dass alles nur darum gut sei, weil es neu ist.
mit meinem rundumschlag möchte ich darauf aufmerksam machen, dass wir uns vieles verbauen, wenn wir auf biegen und brechen an althergebrachten festhalten. respektive, umgekehrt gefragt: wie sollen neue kunstdisziplinen und -formen eine chance erhalten, wenn sie nicht in die bestehenden gefässe (häuser) passen? sie fragen, was dadurch besser würde. ich weiss es auch nicht. vielleicht könnten wir jungen menschen den einstieg in die kunst und kultur erleichtern? vielleicht lernen wir dadurch, fremden und fremdem gegenüber offener zu sein? vielleicht könnten wir neue kunstwelten entdecken? vielleicht würden wir mehr und bessere antworten auf die komplexität der welt finden? vielleicht werden wir aber auch mit vielen neuen fragen konfrontiert, die die alten fragen ergänzen, ablösen oder zumindest in frage stellen? ich kann ihnen keine garantie abgeben, dass alles besser wird. ich habe mir in meinem amt den auftrag gestellt, bestehendes in frage zu stellen, an tabus zu kratzen, falsch in den bestehenden kanon einzustimmen…;verbunden mit der hoffnung, dem erbe der dadaisten gerecht zu werden.
ich arbeite ständig mit der angst, durch das heutige cabaret voltaire den dadaismus zu institutionalisieren…; und dadurch zu begraben.
«dada ist tod! lang lebe dada!» stand bei der eröffnungsausstellung des cabaret voltaire auf einer schleife an einem grabkranz, der in der krypta an eine säule gelehnt war. in diesem sinne versuche ich, den dadaismus zu einem postdadaismus werden zu lassen…; befreit von dada aber in seinem sinne weitergeführt.
wenn sie fragen «was soll denn das nur heissen?», dann kann ich sie einfach nur auf projekte von uns verweisen, die versuchen, fern des institutionellen neue wege zu begehen…; die da biespielsweise sind:
http://www.gugusdada.ch
http://www.opera-calling.ch
http://www.rebell.tv
http://www.download-finished.com
http://c6.org/thedotmasters/
des weiteren führen wir im cabaret voltaire einen «kuratierten shop» (nicht mit museumsshop zu verwechseln!), in welchem wir kunst/themen/gesten/zeichen auf produkt-ebene vermitteln…; der jedoch gleichzeitig auch ganz simpel der honigtopf ist, den die shoppingpeople im niederdorf in die dada-geburtsstätte lockt.
ähm…, habe sie sonst noch fragen…?
Geschrieben am 13. Juli 2007 um 16:11Uhr | Permalink
Felix Schenker schrieb:
Ich kann Rico Bandle (rb) nur recht geben. Es ist erstaunlich wie verschlafen die meisten der (Zürcher) Kulturinstitutionen mit den neuen Medien umgehen. Dies gilt aber gerade nicht für das Schauspielhaus, für uns von art-tv.ch ist es DAS VORZEIGEBEISPIEL. Ich kenne kein Haus in der Schweiz, das es besser macht, wenn es darum geht, Videos einzusetzen und das gleich mehrfach: auf der eigenen (sehr schönen) Website, im Foyer, an der Fassade des Pfauen und auf art-tv.ch.
Es stimmt, dass das Schauspielhaus die Videos von uns produzieren lässt. Ich bin also in dieser Frage alles andere als neutral, möchte aber betonen, dass die redaktionelle Arbeit nichts kostet, man also bei uns für Videos nichts bezahlt, es sei denn eine Institution will eben eine praktisch lückenlose Abdeckung der Produktionen. Dann müssen wir auch mal unsere Vereinskasse ins Spiel bringen. Mit Geld allein hat es aber nicht (nur) zu tun. Das superreiche Opernhaus z.B. zeigt eher, wie man es nicht machen sollte und auch das Kunsthaus Zürich hat eine allenfalls mittelmässige Website, während andere Häuser mit praktisch gar keinem Geld durchaus kreativ mit den neuen Medien umgehen. (wobei neu sind die ja auch nicht mehr).
So und wenn ich schon am TIPPEN bin, noch ein grosses Lob für den kulturblog.ch. Wenn in den Tageszeitungen mehr in diesem Stil über Kultur berichtet würde, würde sie wohl auch stärker beachtet.
Geschrieben am 1. März 2008 um 16:11Uhr | Permalink