Bühne
7. Juni 2007
Neumarkt: Frustrierter Direktor packt aus
Noch immer hat Neumarkt-Direktor Wolfgang Reiter nicht verkraftet, dass sein Vertrag nicht verlängert wurde, noch immer wundert er sich, dass auch in einem experimentellen Haus das Ziel nicht sein kann, vor leerem Haus zu spielen. Nun packt der frustrierte Direktor im Tages-Anzeiger brisante Details aus. Er behauptet, das Theater am Neumarkt habe eine Erbschaft erhalten, der Verwaltungsrat habe diese jedoch nicht für den Spielbetrieb freigegeben. Und weiter:
“Thomas Wartmann, Präsident des Verwaltungsrats, hat seiner Anwaltskanzlei den gut entlöhnten Auftrag zugeschanzt, die Erbschaftssache zu erledigen. Der Anwalt der Erblasserin hätte es gratis gemacht, doch als er von Wartmanns Mandat erfahren hatte, stellte er ebenfalls eine Rechnung — so bezahlte das Theater zweimal.”
Das ist nur einer von vielen Vorwürfen. So soll Wartmann dem kaufmännischen Leiter fünf Minuten vor der Pressekonferenz, bei der Reiters Nachvolge vorgestellt wurde, mitgeteilt haben, dass er seinen Job los sei. Wenn das alles stimmt, so gäbe es für Wartmann nur noch eine Konsequenz: Rücktritt.
Vor 14 Jahren wollte die Stadt das Theater schliessen. Das Theater am Neumarkt ist in der Stadt heute künstlerisch nicht mehr unabdingbar. Nach diesen Querelen würde es nicht erstaunen, wenn das Theater von der Politik bald wieder in Frage gestellt würde. Es wird am neuen Direktionsduo Weber/Sanches liegen, ob das Haus überleben wird.
philipp meier schrieb:
hey! da lob ich mir die deutschen und österreicher. die können wenigsten noch das maul aufreissen (im positiven sinne). dieses heuchlerische niemandem-wehtun-gesäusle auf allen kulturkanälen in zürich ist ober mühsam. ich bin zwar mit meinem «verwaltungsrat» (bei uns heisst das «trägerverein») sehr zufrieden…; der druck jedoch, nicht provozieren, nicht anecken, nicht kulturinstitutionen gegeneinander ausspielen zu dürfen, etc.pp. ist trotzdem sehr gross. auch wenn es nach schlechtem verlierer ausschaut: ich finde es toll, wenn wenigstens leute die (in zürich) nichts mehr zu verlieren haben, klartext reden.
Geschrieben am 8. Juni 2007 um 11:28Uhr | Permalink
rb schrieb:
Jawohl, es soll mehr provoziert und Klartext geredet werden — sofern dabei nicht einfach Unwahrheiten verbreitet werden…
Geschrieben am 9. Juni 2007 um 18:35Uhr | Permalink
p.s. schrieb:
“… so gäbe es für wartmann nur eine konsequenz”? – ist in zürich schon je jemand zurückgetreten, weil er/sie gute geschäfte gemacht hat? und ausserdem die seilschaften: regine aeppli wird ihrem mann schon den rücken stärken. gelebte schweizer solidarität!
Geschrieben am 9. Juni 2007 um 21:52Uhr | Permalink
Beat schrieb:
Lieber Rico Bandle, Ihr Blog-Credo, dass, “was nicht sicher ist, … als Gerücht oder Vermutung (deklariert wird)” (Tages-Anzeiger vom 10.1.2007) in Ehren. Aber wenn es dann bloss darauf hinausläuft, zu vermuten, dass jemand “einfach Unwahrheiten verbreitet”, scheint mir das selbst für Blog-Usancen zu weit zu gehen ….
Geschrieben am 9. Juni 2007 um 22:07Uhr | Permalink
rb schrieb:
@Beat: was in einem Blog zu weit geht und was nicht, das kann jeder selber entscheiden. Ganz unrecht haben Sie aber nicht: ich habe Herrn Wartmann per Mail eingeladen, einen Kommentar zu schreiben und seine Sicht der Dinge darzulegen. Er hat mir nur geantwortet, er werde mir am Montag eine offizielle Stellungnahme «zeitgleich mit den Medien» zustellen. Falls Sie mehr wissen: Man darf mir jederzeit Beweismaterial zusenden ;-).
Geschrieben am 10. Juni 2007 um 08:37Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@beat: ihre verwendung des wortes «blog-usanzen» finde ich schon ziemlich grenzwertig. wenn mit den blogs quasi eine ergänzung zur bisher üblichen medienöffentlichkeit hergestellt werden soll, dann müssen hier auch andere spielregeln gelten. im gegensatz zur zeitung haben hier alle die möglichkeit, quasi in echtzeit kommentare zu hinterlassen (was übrigens immer wieder zu, übrigens sichtbar belassenen, korrekturen von blogeinträgen führen kann). blogs sind (waren ursprünglich) tagebucheinträge. als solche sollten sie auch (in erster linie) gelesen werden.
Geschrieben am 11. Juni 2007 um 13:07Uhr | Permalink
Martha schrieb:
Es wäre beim Theater Neumarkt auch einmal nachzuprüfen, wieviele finanzierte Stückaufträge erteilt worden sind seit 2004. Ich weiss von Stückaufträgen an Gerhard Meister, Samuel Schwarz, Marcel Luxinger, Hannes Glarner. Wo sind die dazugehörigen Aufführungen? Wieviel Geld wurde da einfach verprasst? Wieviele Autoren schlampig behandelt? Dass der Verwaltungsrat die Direktion entlassen ( nicht verlängert) hat, ist richtig, aber er hätte sie auch gar nie einstellen sollen, Herr Reiter hatte überhaupt keine Erfahrungen in der Branche. Bundesrat Blocher initiert gerade eine Neuerung, dass in der Wirtschaft Verwaltunsgräte Jahr für Jahr neu gewählt werden müssen. Unsere Kunst- Verwaltungsräte wurschteln seit Jahren vor sich hin, haben keine Selbstwahrnehmung gemachter Fehler. Sie behindern die gewählten Künstler, kurz nachdem haben sie sie gewählt haben. Die Künstler sind die Toy-Boys/Girls der Verwaltungsräte und wenn sie anfangen die illustre Gesellschaft zu langweilen, holt man halt neues Künstlerfleisch. Auf Erfahrungswerte wird bei den Kandidaten nicht geschaut, eher auf den kurzweiligen Kitzel, der der Künstler/die Künstlerin garantiert. Wie lange soll dieses Gewurschtel noch weitergehen?
Geschrieben am 11. Juni 2007 um 21:12Uhr | Permalink
rb schrieb:
@Martha: Das mit den Stückaufträgen höre ich zum ersten Mal (Samuel Schwarz hatte doch den Schweizerspiegel aufgeführt), vielleicht kann das jemand aus dem Neumarkt klarstellen/erklären?
Das mit der Direktorenwahl sehe ich jedoch anders. Das Theater am Neumarkt hat zur Aufgabe, Experimentelles zu fördern, da wäre es falsch, nur noch etablierte Intendanten einzustellen. Das Risiko zu scheitern gehört bei der Kunst dazu — wenn man nicht mehr bereit ist, das auf sich zu nehmen, dann kann man das Haus gleich sofort schliessen.
Geschrieben am 11. Juni 2007 um 21:51Uhr | Permalink
martha schrieb:
@rb. Risiko, sicher! Da gebe ich Ihnen Recht. Nur muss dann ein VR auch den Mut haben, hinter einer gewählten Entscheidung zu stehen. Nur mutig bei der Wahl zu sein, ist dann auch keine Lösung. Ein bisschen mehr “vernünftige” Vorausschau wäre zum Teil schon angebracht. Risiko ist auch Nachlässigkeit manchmal. Für die fragwürdige Wahl von Wolfgang Reiter und dem daraus entstandenen Schaden für das Neumarkt ist auf jeden Fall der VR zu grossen Teilen mitverantwortlich. Zu den Stückaufträgen: Hier würde es sich lohnen, die Situation an den Zürchern Theatern überhaupt zu analysieren. Es ist einzig Stephan Roppel, der Sorgfalt walten lässt. Die anderen Theater behandeln Autoren als Schreibsklaven.
Geschrieben am 12. Juni 2007 um 07:45Uhr | Permalink
rb schrieb:
@martha: sind Sie selber Autorin? Ich würde gerne mehr über Ihre Erfahrungen wissen. Melden Sie sich doch unter -> info[ät]kulturblog.ch
Geschrieben am 12. Juni 2007 um 13:08Uhr | Permalink
dietmar seiler schrieb:
lieber rico bandle, liebe diskutanten, wenn hier schon nach «jemandem aus dem neumarkt» gerufen wird, möchte ich die gelegenheit gleich nutzen, um auch einige andere dinge klarzustellen:
* @rb: woher nehmen sie eigentlich die gewissheit, dass wolfgang reiter frustriert ist? woher wissen sie so genau über die motive für sein interview bescheid? – nehmen wir mal an, ihre unterstellungen träfen nicht zu – worum könnte es dann gehen? vielleicht weniger um «brisante details» als darum, dass jemand, der ohnehin für seine konzilianz und seinen jahrelangen willen zur verständigung bekannt ist, eine ernsthafte diskussion über bedingungen künstlerischer arbeit möchte – im interesse des hauses und seiner mitarbeiter und womöglich auch der zukünftigen leitung.
* im gegensatz zu ihnen bin ich nicht der meinung, dass das neumarkt «künstlerisch nicht mehr unabdingbar» ist. schon weil ich glaube, dass hier hochwertige produktionen stattfinden können, die sonst nirgends platz haben. und auch am neumarkt oft nur unter einschränkenden bedingungen. man müsste also vielleicht einfach mal mutig, offen und mit etwas phantasie darüber reden, was dieses haus heute sein könnte – statt einfach stur an traditionen festzuhalten. oder anders gesagt: zuerst über strukturen reden, dann über menschen.
* sie werden es nicht glauben: es ist niemandes ziel, «vor leerem haus zu spielen». oder lassen sie es mich so sagen (ohne dabei übrigens die arbeit der kollegen am schauspielhaus auch nur im geringsten kritisieren zu wollen): laut jahresbericht hatte das schauspielhaus in der letzten saison am pfauen eine auslastung von 61%, für den schiffbau wurden gar keine zahlen angegeben. das neumarkt hatte im selben zeitraum eine gesamtauslastung von 67%, wobei das platzangebot natürlich wesentlich geringer ist, allerdings auch die produktions- und werbemittel. – die frage ist nun: warum muss sich wolfgang reiter permament rechtfertigen? vielleicht, weil er so blöd war, mit der eigenen arbeit wie auch mit den rahmenbedingungen vor ort (selbst-)kritisch, offen und transparent umgehen zu wollen?
* @martha: es ist korrekt, dass es drei auftragsstücke gibt, die voraussichtlich nicht mehr auf die bühne kommen werden. mir ist allerdings nicht klar, was da gross nachgeprüft werden müsste. zur erläuterung: das risiko, dass ein auftragsstück letztlich nicht auf die bühne gebracht werden kann, ist nie ganz auszuschliessen. es kann dispositionelle probleme geben, es kann besetzungstechnische probleme geben, es kann finanzielle probleme geben – so waren auch zwei dieser drei neumarkt-auftragsstücke bereits bestandteil des spielplans, mussten aber ganz einfach deswegen wieder gestrichen werden, weil sich verabredete koproduktionen zerschlugen…
es kann allerdings auch sein, dass man ein stück einfach nicht für gut genug hält – auch diese entscheidung muss die direktion fällen, schliesslich wäre es fahrlässig, das zehnfache und mehr der kosten eines auftragsstückes zu riskieren, nur damit ein stück nicht in der schublade bleibt. glücklich ist mit einer absage niemand, ganz sicher wird damit aber auch kein geld «verprasst». die förderung zeitgenössischer schweizer dramatik ist explizit auftrag des neumarkt, und die stücke, denen wir zur welt geholfen haben, können jederzeit woanders aufgeführt werden.
übrigens liegen wir insgesamt nicht so schlecht: auch wenn wir die drei stücke nicht auf die bühne bringen können, so stehen ihnen mit ende der nächsten saison voraussichtlich 18 realisierte produktionen gegenüber, die auftragsstücke sind bzw. wesentlich auf beauftragten texten beruhen. ich kenne schon auch intendanzen, die deutlich mehr als die hälfte ihrer auftragsstücke letztlich ablehnen, weil sie autoren zwar eine chance geben möchten, dann aber die realisierung nicht verantworten können.
* dass wir autoren angeblich als «schreibsklaven» behandeln – dazu kann ich nichts sagen, weil ich einfach nicht weiss, was damit gemeint ist. wir halten uns jedenfalls keine autoren im keller, die wir täglich mit der peitsche zu einigen seiten treiben…
Geschrieben am 12. Juni 2007 um 14:51Uhr | Permalink
rb schrieb:
Lieber Dietmar Seiler, schön, dass sich “jemand aus dem Neumarkt” meldet. Zu Ihren Punkten.
* Ich habe überhaupt keine Gewissheit über Herrn Reiters Motive, ich mach hier keine psychologische Ferndiagnosen. Was ich schreibe ist mein ganz subjektiver Eindruck, nachdem ich das Interview gelesen habe. Wolfgang Reiters Wille nach einer ernsthaften Diskussion habe ich dabei nie in Zweifel gezogen.
* “man müsste also vielleicht einfach mal mutig, offen und mit etwas phantasie darüber reden, was dieses haus heute sein könnte” Da bin ich ganz Ihrer Meinung.
* Um über Statistiken zu sprechen bräuchte man viel mehr Platz. Nur so viel: dieser Befund hier macht mir Sorgen (auch wenn die Zahlen seither wieder etwas gestiegen sind), wieviel das alles mit den einzelnen Direktoren zusammenhängt, ist die andere Frage.
Geschrieben am 13. Juni 2007 um 00:45Uhr | Permalink
martha schrieb:
@dietmar seiler. Ihre Antwort lässt tief blicken. Was sie da beschreiben, ist keine Autorenförderung, das ist Autorenfledderung. Ein vom Leuchtturmtheater Neumarkt in Auftrag gegebenes Stück ist – nach einer Ablehnung dort – unabhängig von der Qualität – nachher ein toter Fisch. Der Betrieb funktioniert da sehr animalisch. Sie müssten sich ihrer Verantwortung bewusster sein. Aber ziellos Autorenaufträge zu erteilen und dann darauf hoffen, dass irgendeines dieser Stücke dann einfach so gut wird, ist noch keine Autorenförderung. Im Gegenteil. Solches verdirbt die Autoren und zwingt sie, ihren Fokus auf Zwischenmenschliches, wie das Zeigen von Demut, zu lenken als auf den Stoff. Das ist am Schauspielhaus auch so. Das Neumarkt imitiert da nur den grossen Bruder. Aber ich meine, die Autoren sollten sich selber mal melden.
@rb. Diese Statistik ist sehr interessant. Die subventionierten Theater müssen es eben wagen, brisanter zu sein. Dieses brave nischelige halbkritische Theater, das interessiert ausser ein paar Toskana-Wanderer niemanden und ist auch unerotisch. Das Hechtplatztheater ist in der Tat im Moment nicht nur farbiger, sondern auch subversiver – gerade das Musical reflektiert sich und seine Entstehung mehr – ist brechtscher, knalliger, bunter, klüger – als das zeitgenössische Defensiv-Theater a la Neumarkt. Der Grund für den Schwund liegt nicht an zuviel Reflexion. Es liegt an dem Mangel an Reflexion. Dies sowohl bezüglich Stoffen wie auch hinsichtlich PR.
Geschrieben am 13. Juni 2007 um 07:30Uhr | Permalink
dietmar seiler schrieb:
liebe martha, bitte nicht polemisch werden: ich habe nicht gesagt, dass wir «ziellos autorenaufträge erteilen» und «dann darauf hoffen, dass irgendeines dieser stücke dann einfach gut wird». und trotzdem weiss ich sehr gut, dass wir in diesem bereich noch viel mehr leisten sollten und auch könnten. nur: was denken sie wohl, warum wir immer wieder so eindringlich vor der totalen ökonomisierung des theaters warnen? (denn davon handelt diese ganze diskussion im grunde.) es geht ja nicht nur um autoren, die sich anpassen müssen. es ght auch im regisseure, die wissen, dass sie nach einer verpatzten inszenierung nicht mehr engagiert werden. es geht um schauspieler. es geht sogar um intendanten, die kaum die zeit haben, ein konzept zu entwickeln, wenn ihre verwaltungsräte ihre arbeit shareholder-value-mässig beurteilt, wie dies in der wirtschaft aus guten gründen schon nicht mehr üblich ist…
bitte nicht polemisch werden (2): wir imitieren niemanden. wir machen unsere fehler selbständig!
was subversion und affirmation betrifft, haben wir offenbar etwas sehr unterschiedliche vorstellungen. ich freue mich also schon sehr auf ihren langen – und reflektierten – eintrag zum thema “die subversive kraft des muscials”… ;–)
Geschrieben am 13. Juni 2007 um 11:53Uhr | Permalink
rb schrieb:
Lieber Herr Seiler, Sie mögen ja recht haben mit dem Sharholder-Value-Gedanken und ihrem Aufruf nach einer Duskussion um Strukturen. Doch allein daran ist Ihr Team nicht gescheitert. Als Beobachter, der am Anfang oft, dann immer weniger ins Neumarkt kam, musste ich festsellen, dass der Anspruch nach experimentellem Theater da war wie schon lange nicht mehr, die Umsetzung aber zu oft nicht befriedigte. Der Grund lag und liegt für mich v.a. auch daran, dass es Herrn Reiter nicht gelungen ist, ein Ensemble mit Persönlichkeiten zusammenzustellen, für die man gerne immer wieder ins Theater kommt (einzelne Ausnahmen ausgenommen), die auch konzeptionell nicht so überzeugende Projekte hätten rumreissen können.
Damit will ich vor allem sagen: es ist nicht an allem der böse Verwaltungsrat schuld.
Geschrieben am 13. Juni 2007 um 12:56Uhr | Permalink
dietmar seiler schrieb:
natürlich nicht! ich stelle nur einfach immer wieder den kontext her, in dessen rahmen wir hier diskutieren.
vor allem: nachdem wir eine alles in allem (trotz vieler schwierigkeiten wie einer abgesagten produktion) sehr erfolgreiche spielzeit hinter uns und eine vielversprechende produktion (“über tiere”) vor uns haben, sehe ich keinen grund, von “scheitern” zu sprechen. das mögen sie gerne anders sehen.
dass nicht immer alles gleich klappt, wenn man neues ausprobiert, ist übrigens per definitionem so: wenn man es schon könnte, müsste man es nicht erst probieren. oder um einen unverdächtigen zeugen zu zitieren – matthias hartmann hat vor einiger zeit in einem interview (sinngemäss) gesagt: wenn nicht 50% der produktionen in die hose gehen, stimmt etwas nicht. klaus bachler, der scheidende direktor des wiener burgtheaters, hat es übrigens noch drastischer gesagt: er habe in den ersten zwei jahren nur scheisse gebaut… – vielleicht müsste man diese zwei jahre einfach mal zeit haben…
Geschrieben am 13. Juni 2007 um 13:26Uhr | Permalink
martha schrieb:
@dietmar seiler. ich bleibe bei der polemik. dies ist doch auch das forum dafür. unfair werde ich nicht. komischerweise holen sie dann doch matthias hartmann als vergleichsbeispiel herbei, aber nur, wenn es ihnen in den kram passt. kurz vorher wollten sie noch unbedingt eigene fehler machen wollen. und: was soll diese arroganz gegenüber dem musiktheater? sind sie etwa stolz auf ihre flops wie “körperzeit”, die mit dem populären kokettieren, es aber nicht schaffen, mehr leute anzuziehen ( ich sass in einer vorstellung mit sechs leuten). für “körperzeit” wurde übrigens genau nach den von ihnen geschmähten marktwirtschaftlichen prinzipien für viel viel geld ein starautor mit einem hohem virtuellen ranking eingeflogen ( wie man das in der werbung macht). ist das nun die art stück, die ihren anscheinend so hohen qualitativen anforderungen gerecht wird? anforderungen, denen die texte glarner, meister, luxinger nicht gerecht wurden? . ich finde, sie reden sich völlig heraus. niemand will, dass das theater durchökonomisiert wird. im gegenteil. die leute suchen nach utopien, nach freien denkräumen, nach kühnen würfen. wenn sie das nun nicht im neumarkt, sondern mehr beim musical finden, ist das nicht die schuld dieser leute. die zuschauer wollen haltungen sehen. die zuschauer wollen mit etwas konfrontiert werden, das irgendwie mit ihnen zu tun hat, mit etwas das brennt, mit etwas das schnauft, mit etwas, das riecht, mit etwas, das swingt, mit etwas, das über sich selber nachdenkt, mit etwas, das tanzt. dazu braucht es handwerk. auch autorenhandwerk. sie müssen das, was das hechplatztheater an farbigkeit und lustigkeit bietet mit waghalsigen gedanken oder poesie toppen! niemand will, dass im neumarkt gesteppt wird und gegrinst. aber es muss öffentlich gedacht werden! und zwar so, dass man es auch mal hört. sie müssen die autoren lieben, herr seiler! so fest, dass diese gute texte schreiben für sie. diesem thema sollten sie nicht ausweichen!
Geschrieben am 13. Juni 2007 um 21:15Uhr | Permalink
Wolfgang Reiter schrieb:
@ „Martha“, alias Samuel Schwarz, kommt doch endlich aus der Deckung! Du hast am Neumarkt (in der Regie deiner Frau, die bis Ende der Saison bei uns im Ensemble ist) die Schillersche Elisabeth als wunderbare Drag-Queen gespielt. Jetzt kannst du deine Rolle wieder ablegen. Du bist doch – um Unterschied zu sehr vielen deiner Kollegen – dafür bekannt, offen deine Meinung zu sagen. Dann lass uns doch auch diese Diskussion ohne Pseudonym-Schild ausfechten. Wenn du aus der Deckung kommst, lieber Sam, bin ich dazu bereit.
Geschrieben am 13. Juni 2007 um 23:44Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
heyssa…, wie mir das hier gefällt!
da kann ein(e) martha voller feuer und energie satz an satz reihen, um dann doch ziemlich simpel damit zu schliessen, dass er/sie doch einfach nur so richtig ganz dicke fest geliebt werden möchte.
@dietmar/w.reiter: wir schweizer haben grosse mühe, wenn wir offen(oder gar öffentlich) kritisiert werden. wir haben eben dann das gefühl, dass wir nicht geliebt werden. ich weiss jedoch auch, dass dies ein missverständnis ist. es gab in der schweiz mal grosse intellektuelle, die das kleine land mit den engen bergtälern und den viele gefängniswärtern liebten…, und trotzdem, oder eben gerade deshalb, kritisierten. wir sollten wieder lernen, dass kritik äussern ein liebesbeweis ist. dann müssten wir uns auch nicht hinter pseudonymen verstecken…;)))
Geschrieben am 14. Juni 2007 um 11:22Uhr | Permalink
dietmar seiler schrieb:
liebe martha!
(ich nehme dich gerne weiterhin so, wie du dich gibst, aber weil mir schon auch die ganze zeit klar ist, dass wir uns kennen, gehe ich mal zum vertraulicheren du über…)
* matthias hartmann ist kein “vergleichsbeispiel” – ich habe nur eine aussage von ihm zitiert, die etwas auf den punkt bringt. (lieber hätte ich natürlich so getan, als stamme der satz von mir, aber ich bin halt schon gut erzogen…) und distanzieren muss ich mich von matthias hartmann auch nur dort, wo mir – siehe oben – vorgeworfen wird, wir würden ihn imitieren. matthias hartmann macht seine sache, und wir machen unsere sache, und ob dahinter auch verschiedene auffassungen von theater stehen, ist hier noch nicht mal das thema.
* ich habe nichts gegen musiktheater. im gegenteil. (und wenn ich jetzt noch dazusagte, dass ich manche musiktheater-formen wesentlich interessanter finde als sprechtheater, dann würde dir dazu sicher ein ganz genialer vorwurf einfallen. also lasse ich es und sage nur: musiktheater ist geil! sprechtheater ist noch viel geiler!)
* ich bin nicht stolz auf flops. und “körperzeit” ist übrigens ein gutes beispiel. die produktion kam schon ganz anders zustande, als du uns unterstellst. da war keine art von werbestrategie dahinter, sondern der regisseur schlug uns einfach vor, diese geschichte auf die bühne zu bringen, und wir waren begeistert, weil diese karge geschichte unserer meinung nach wesentliche rätsel menschlicher existenz zu fassen kriegt. oder um es noch pathetischer zu sagen: ich glaube, dass wir zeitgenossen die auseinandersetzung mit dem, worum es in “körperzeit” geht (trauer, erinnerung und langsamkeit), bitter nötig haben. deswegen hätten wir dieses projekt auch gemacht, wenn es von einer unbekannten autorin namens martha gekommen wäre (und das gilt sowohl für den ursprünglichen roman wie auch für die stückfassung).
und ich glaube, dass die produktion den künstlerischen anspruch auch eingelöst hat: sie macht (um ein wenig mit deinen worten zu sprechen) utopische freiräume sichtbar und gibt hoffnung. was für mich auch heisst: über diese produktion reden nur mit dem ständigen gedanken im kopf, dass wir de facto nicht hier und nicht anderswo in der besten aller möglichen welten leben. (und damit du mir nicht unterstellst, das wären jetzt nur ausreden: auch kritiker und zuseher nahmen das so wahr; kannst du auf unserer website nachlesen.)
* “körperzeit” war aber jedenfalls auch sperrig und spröde – und damit für viele enorm anspruchsvoll. es war absehbar, dass der abend nicht auf enormes interesse stösst (auch wenn man sich das natürlich immer wünscht und mit aller kraft darauf hinarbeitet). man kann also die konsequenz ziehen und sagen: solche produktionen darf es nicht geben! oder man kann zur kenntnis nehmen, wie sehr sich menschen berühren lassen können und die frage stellen, ob es solche abende nicht AUCH geben MUSS (neben anderen, die gut und sehr gut verkauft sind). und darum geht es mir. (und manchmal erlebt man ja auch überraschungen: wie oft hat man mir nicht ins gewissen geredet, valère novarinas “der rote ursprung” auf keinen fall zu wagen – und dann wurde die produktion ein totaler erfolg…)
* damit will ich nicht sagen, dass es nicht auch bunt und laut und nachdenklich und grinsend und brennend und riechend und swingend und waghalsig zugehen darf und soll. aber manchmal muss ohrenbetäubend leise nachgedacht werden. es wird genug geschrieen.
* ich habe mit keinem wort gesagt, dass texte von glarner, meister, luxinger irgendwelchen qualitativen anforderungen nicht gerecht werden – bitte nachlesen! ich habe nur ganz allgemein festgestellt, dass auftragsstücke auch aus qualitativen gründen abgelehnt werden können. hätte ich das nicht gesagt, hättest du mir wahrscheinlich vorgeworfen, qualität wäre kein thema bei uns…
* ich liebe autoren. ich liebe auch die zuschauer, die regisseure, die bühnenbildner, die kostümbildner, die musiker, die schauspieler, die mitarbeiter des hauses (und alle genannten gruppen jeweils auch in der weiblichen form… :–) ). und ich liebe auch dich, liebe martha.
Geschrieben am 14. Juni 2007 um 14:34Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
ah…, genau…, da ging es ja auch noch um etwas anderes: musical vs. (ja…, vs. was eigentlich…?) vs. knochentrockene gehirndehnübungen? vs. intellektuelles rumgeturne? eigentlich dürfte ich hier gar nicht mitreden(-schreiben), denn ich halte bekanntlich ja eh nichts vom theater (diese verdammte letztjahrhundertrige guckkastenscheisse kann mir gestohlen bleiben;)). die dadaisten haben den inhalt auf der bühne demontiert…; und wir sollten nun eigentlich längst die bühnen als solches demontiert haben. so gesehen ist diese diskussion eh irrelevant. wenn ich mich trotzdem zum guckkasteninhalt äussern soll/darf/muss, dann folgendes: weder besucherzahlen noch sexyness stehen für qualität. gut ist, was nicht stört? diese stadt ist infisziert von «xxx, was nicht stört». wenn leere theatersääle stören, dann interessiert mich das. letztendlich würde ich dann aber doch am liebsten den theatersaalleerern zurufen: bringt die kunst zu den leuten und nicht die leute zur kunst.
Geschrieben am 14. Juni 2007 um 16:52Uhr | Permalink
martha schrieb:
@dietmar seiler. ich bin nicht die person, die sie meinen. und ihre liebe suche ich nicht. aber lassen sie uns beim thema bleiben. sie planen also absichtlich produktionen wie “körperzeit”, bei denen es absehbar ist, dass sie nicht auf grosses interesse stossen? anders kann man die obigen zeilen nicht lesen. und das mit einem der bekanntesten und teuersten autoren der deutschen theaterszene? eieiei. ihre argumente entwickeln sich aus dem schreibfluss heraus.
kommunikationstechnisch interessant ist es, wie sich der chef-dramaturg des neumarkt-theaters in einem solchen blog verlieren kann! diese parallelrealitäten absorbieren doch sehr viel energie und trüben den blick auf die betriebsrealität. hätten sie sich nicht lieber ihren betrieb gekümmert, um ihre kunst, um ihre autoren und schauspieler, als auf solchen blogs zu fechten? ( damit sei nix gegen solche blogs gesagt, wohl aber gegen verführerische marthas, die einen in solche gefechte locken). ich nehme nicht an, dass dieses gefecht hier eine ausnahme ist. gefechte wie diese waren wohl eher die betriebsrealität des theater neumarkts der letzten jahre. und damit wäre auch der öffentlichkeit ihre zurechtschreibeschrei der realität bewiesen und meine schuldigkeit der oeffentlichkeit gegenüber getan.
@philippe meier. ich kann ihr gefühl gegenüber dem theater sehr gut verstehen: aber wichtig ist mir dieser immer folgender gedanke, wenn es um theater geht: theater sind eben nicht nur diese holzlatten, die die welt bedeuten. theater ist vielmehr eine haltung oder auch eine montagetechnik. es ist das spiel mit posen und imitierten haltungen, die, ineinandermontiert, neue haltungen ergeben (aber sie sind in kunsttheorie sicher versierter als ich). für mich ist aber sicher klar, dass theatralität sehr sehr selten in den heutigen theaterhäusern vorkommt. dazu haben die schauspiel- und regiestudenten leider oft die falsche ausbildung genossen. eigentlich wäre theater sicher eine sehr lebendige und relevante kunstform. als eigene kunstgattung gibt es theater heute fast nicht mehr, zumindest nicht dort, wo gross THEATER drauf steht. theatralität als haltung ist viel mehr in anderen künsten zu finden, sicher auch auf kulturblogs, sicher auch in ihren wunderbaren zeilen.
Geschrieben am 14. Juni 2007 um 21:12Uhr | Permalink
dietmar seiler schrieb:
liebe marter,
* ich habe doch gar nicht verlautbart, für wen ich dich halte…
* schon seltsam, wenn man seinem diskussionspartner vorhält, dass er sich für einen zeit nimmt… – aber nur keine angst: wenn ich zehn, fünfzehn minuten eines langen tages dir widme, gehe weder ich verloren noch geht das neumarkt unter.
* nein, wir planen nicht absichtlich produktionen, die keinen interessieren. also nochmal für die bösartigen: man hat gewisse erfahrungswerte, was beim publikum ankommt und was nicht. dabei ist jedoch wesentlich: man kann sich täuschen, und zwar in jede richtung. die frage, die zu stellen ich versucht habe, lautet: soll man von künstlerisch, inhaltlich, politisch… wichtigen vorhaben von vorneherein absehen, wenn es eine gewisse wahrscheinlichkeit, dass sie nicht ankommen? ich sage nicht: «nein» und «auf keinen fall», aber ich glaube, wenn man diese frage grundsätzlich mit «ja» beantwortet, dann kann man sich gleich verabschieden. und genau das passiert zusehends. (und deshalb finde ich treffend, was philipp schreibt.)
* ist mir schon klar, dass man sich sehr angreifbar macht, wenn man möglichst offen und differenziert und angesichts komplexer sachverhalten naturgemäss etwas verkürzt diskutiert – vor allem für jene, die nur auf der suche nach angriffsflächen sind.
* tatsächlich glaube ich, dass diskussionen zur verständigung oder wenigstens zur klärung von standpunkten beitragen können. und manchmal waren es nur gefechte…
Geschrieben am 15. Juni 2007 um 15:15Uhr | Permalink
hinweis schrieb:
siehe http://www.youtube.com/untertieren , ein versuch, den kulturblog zum sprechen zu bringen. noch nicht wirklich überzeugend.
Geschrieben am 18. Juni 2007 um 07:51Uhr | Permalink
Lara schrieb:
Lasst doch die Fakten sprechen: Alle die hervorragenden Leute, die gekündigt haben! Eine solche Fluktuation spricht für sich. Dann die vielen “originellen” Stücke, die man nur am Neumarkt sehen kann und die doch längst bekannt sind in Zürich: Schauplatz International, Samuel Schwarz, ist das Risiko? Und wie wurden die vielversprechenden Jungtalente geförtert? Indem sie nach einem Stück fallen gelassen wurde.
Allerdings verwundert all dies nicht, hat doch der Chefdramaturg nie als Dramaturg gearbeitet zuvor und der Direktor bisher nur ganze Stücke eingekauft.
Gut, dass die zwei Jammerlappen das Feld anderen überlassen müssen!
Geschrieben am 17. Juli 2007 um 13:48Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
wer anonym auf den mann (die männer) spielt, der oder die diskreditiert sich selber. es scheint bezeichnend zu sein, dass (auch in diesem blog) v.a. deutsche und österreicher offen zu ihrer meinung stehen können. ach ihr armen schweizerlein, die ihr um euer gedankenzwergengärtchen, euer kulturelles quersubventiönchen und euer milchbuchsparbüchlein fürchtet…
Geschrieben am 17. Juli 2007 um 14:42Uhr | Permalink