Kunst/Museen, Politik


Cabaret Voltaire: Muss Philipp Meier gehen?

Dem Stadtpräsidenten ist das Cabaret Voltaire zu unbequem, er hat dem Trägerverein per Brief seine “grosse Besorgnis” mitgeteilt, schreibt die WoZ. Dabei geht es vor allem um Direktor Philipp Meier. Jean-Pierre Hoby: “Es gab eine Anfangsphase, in der es galt, das Cabaret Voltaire bekannt zu machen. Jetzt muss diese Happeningwelle, dieser Aktionismus ein Ende haben, wir brauchen eine vertiefte Auseinandersetzung mit Kunst.” Aha — und darum will die Stadt Philipp Meier nun also loshaben. Das Cabaret Voltaire ist aus einer Eigeninitiative entstanden, die Stadt unterstützt das Haus mit 300′000 Franken jährlich. Falls es irgendwie geht, sollte das Cabaret Voltaire freiwillig auf die 300′000 Franken verzichten – und dann erst recht einen Aktionitis- und Happeningtsunami über das Ledergerber-Pereira-Städtchen herziehen lassen.

Nachtrag: Gespräch zum Thema mit Philipp Meier auf rebell.tv hier.

Zum Thema:
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Kommentare (10) zu “Cabaret Voltaire: Muss Philipp Meier gehen?”

  1. dietmar seiler schrieb:

    ein kulturpolitischer offenbarungseid.

  2. Sarah schrieb:

    Wär ja jammerschade, wenn diese Stadt, die sonst überall so schön sauber und satt ist, ein kitzekleinbisschen Provokation nicht mehr ertrüge!

    Ich schätze die Sauberkeit dieser Stadt, aber ich hasse die Langeweile. Zureich soll keine blitzblanke langweilige Stadt sein, sie soll darüber diskutieren, was man darf, was nicht, soll angestachelt werden, über die Gestaltung des öffentlichen Raumes zu debattieren. Wenn Plakatgesellschaften neue Aushangstellen bewilligt bekommen, wird auch niemand gefragt, ob man sich das ansehen möchte. Da ist mir ein künstlerisches Grafitti unter Umständen um einiges lieber als ein schlechtes Plakat, das mir etwas aufschwatzen will. Auch lieber als das neuerdings ebenso ungefragt hingepflanzte Kunstobjekt beim Bahnhof Enge.

    Dada ist nicht handzahm, und das soll auch so bleiben. Und darum ist Philipp Meier der richtige Direktor, um als Institution Zürich ab und zu aus dem wohlgenährten, unbekümmerten Tiefschlaf zu erwecken.

  3. Attila schrieb:

    J-P greift den Meier bloss an, weil er (J-P) mehr Aktionismus möchte, mehr Kunstterrorismus. Das ist nur Provokation unter einem falschen Deckmantel und deshalb verwerflich. Wo bleibt die Moral in unserer schönen Stadt? Werbeplakate sind eine schickliche, legale Form der freien Meinungsäusserung. Das kann man nicht behaupten von Menschen, die Tauben Köpfe abbeissen, Polizisten mit Pflastersteinen bewerfen und die Oper unters Volk bringen. Da lob ich mir die farbigen Teddybären aus hochwertigem, leicht zu reinigendem Kunststoff.

  4. NZZ Campus Sarahs Blog - Semesterende - Endzeitstimmung schrieb:

    [...]   Wetter-Endzeitstimmung gestern, das mögliche Aus für Philipp Meier im Cabaret Voltaire am Horizont, das Ende von Printmedien. Passt schlussendlich auch irgendwie zum Semesterende, wovon man als Lizenziandin ohnehin nichts hat. [...]

  5. Urs schrieb:

    “Das Cabaret Voltaire ist aus einer Eigeninitiative entstanden” – ja, aber nicht der jetzigen Betreiber…! Habe weder Wozartikel noch das Schreiben gesehen (ist sicher schlimm) – aber weniger übersättigter Eventismus und Parodieren von Institutionen, die ehedem etwas bewegt haben, wär für Zürich eigentlich die richtige Richtung.

  6. Christian schrieb:

    Der grassierende Eventismus ist ja kein Phänomen der Kulturszene, sondern der im besten Fall Gähnen auslösenden kommerziellen Aktionen: IKEA im HB, Guerilla-Marketing allerorts, nutzlose, übergehypte Gadgets, die unbedingt an Mann und Frau gebracht werden müssen bevor das Werbebudget ausgeschöpft ist. Nicht zu umgehende Sponsoring-Gags u.ä. wie Swisscom-Cup, Alinghi-UBS, Bluewin-Tower, u.v.m. Oder totgesponserte Anlässe wie Züri-Fest, Streetparade, Caliente, Sechseläuten.

    Das schnuckelige Cabaret Voltär darf unter diesen Voraussetzungen ruhig weiterwerkeln, und wer eine Degenerierung unserer Gesellschaft befürchtet, dem sei versichert: um im kommerziellen Geräuschpegel wahrgenommen zu werden, braucht es mehr als ein paar findige Köpfe, die lustige Dinge veranstalten.

  7. sven schrieb:

    dem stapi-gerber sollte mal jemand das leder über den hoby ziehen, und zwar solange, bis sein schäumendes populäres volkskultur-empfinden in einem mass voll bier im goldenen opfernhaus ertränkt wird. clever: statt subventionen streichen zu wollen, wie andere windschatten-politikerInnen, wir hier “nur” der kopf des happening-machers gefordert, damit wieder ruhe in die dröge zwingli-stadt kehrt. schliesslich ist ja zürich jetzt fussball-stadt, und was sind schon 18 millionen für hundertausende von betrunkenen fans. dann wehe, wenn das voltaire während diesem fussballfest mit einer öffentlichen “wie-werde-ich-bierbauch-hooligen-in-fünf-minuten”-kunst-aktion zu aufwartet. dann gilt lex hooligan und dann fermer la boutique.

  8. philipp meier schrieb:

    @urs: richtig, ich war bei der besetzung nicht dabei. ich war und bin sehr im zweifel, ob dieses haus der richtige weg ist, dem dadaismus zu huldigen (oder wie auch immer). die ironie der geschichte ist jedoch die, dass mitglieder der mediengruppe bitnik (u.a. http://www.opera-calling.com & graffiti-workshop) relativ nahe bei der besetzung des hauses dabei waren….; und es gerade da nun wieder eine abstrafung stattfinden soll. ich habe überhaupt kein problem, hier abzudanken. es geht viel weniger um mich und meinen job hier. das cabaret voltaire wäre nach dem kniefall vor fiala, tuena & co. jedoch bestimmt ferner den ideen des dadaismus und der besetzern des hauses denn je.
    @sven: keine ahnung von wo du dein wissen nimmst. die scheinst irgendwie insider-infos zu haben…;)
    @alle: grüsse vom bauernhof im toggenburg, wo es noch menschen gibt, die bereits vor dem hippen begriff PREKARIAT hart arbeiten mussten

  9. barbara streiff schrieb:

    liebe kunstfreunde und an alle geplagten betonlover der stadt zerich,
    das ist ja echt dada-gaga was da läuft. so werden es die zuercher nie mehr schaffen in der kunst an der front zu stehen, wie es eben beim dadaismus war.
    in der zeit wie die berliner mauer, welche von den gesprayten geschichten des alltages von anno dazumal lebt und von 1000den von touristen alle tage besucht wird, ist die strasenkunst schon über 20 jahre in die arthistory international eingegangen. habe euch extra einen blog gestaltet um was heute so weltweit läuft informell zu ergänzen. http://streetartwork.blogspot.com
    ja die strasenkunst hat sich etabliert, wie sie in all den kunstaktionen in china, brasilien, nyc, berlin etc. bei interesse einsehen können. sei die christo, welcher im centralpark new york installiert, der extreme hunger und unter wasserkünstler, oder die weltkugel mit den jeanshosen in hongkong etc. um ihnen einige der populärsten strassenaktionen in erinnerung zu bringen.
    im jahre 2001 wurde meine strassenperformance in die bücher der hermitage des guggenheim museums aufgenommen und 2005 erhielt ich von der ocpa/unesco paris die anerkennung für ein strassenmalprojekt in brasilien. in welchem zeitalter lebt ihr denn so in zuerich. sicher ihr hattet ja schon probleme mit dem näggeli und jetzt wollen die schon wieder den grauen beton farbig anmalen. alles hat seine grenzen, jedoch wie enger die gesetzt werden um so agressiver wird die szene.
    äs liäbs grüessli vumenä grossmüetterli us em glarrnerland
    barbara streiff

  10. Hans Gretler schrieb:

    Philipp Meier musste nicht gehen. Das Cabaret Voltaire musste wegen Beschwerden von Bürgern und Nachbarn aufgelöst werden. Hugo Ball und Tristan Tzara eröffneten also eine Galerie in der Bahnhofsstraße in Zürich, die sie „Dada“ nannten. Sie luden bekannte Maler und Bildhauer ein bei ihnen auszustellen, unter anderem Edvard Kunzt. Hier gab es hin und wieder Streitereien zwischen den Besuchern, den Dichtern und den Künstlern. Man versuchte das „Dadaistische“ aus der Galerie heraus zu drängen; man war Teils eifersüchtig aufeinander, und zum anderen Teil war es den Besuchern meist zu radikal.
    „Tzara lässt sein Hinterteil hüpfen wie den Bauch einer orientalischen Tänzerin, Janco spielt auf einer unsichtbaren Geige und verneigt sich bis zur Erde. Frau Hennings mit einem Madonnengesicht versucht Spagat. Huelsenbeck schlägt unaufhörlich die Kesselpauke, während Ball, kreidebleich wie ein gediegenes Gespenst, ihn am Klavier begleitet. Edvard Kunzt hingegen liess sich nie blicken“.