Bühne
22. Juni 2007
Schauspielhaus: Wie man Ergebnisse schönt
Nach einer Interpellation hat der Stadtrat widersprüchliche Zahlen aus dem Schauspielhaus-Geschäftsbericht der ersten Hartmann-Saison präzisiert. In der NZZ heisst es dazu:
“Aus den Interpellationsantworten des Stadtrates geht nun hervor, dass die Zuschauerzahlen für die regulären Vorstellungen im Pfauen und in den beiden Schiffbau-Hallen nicht zu-, sondern abnahmen. So wurden in der Saison 2005/06 lediglich 130 230 Tickets ausgestellt. In der vorherigen Saison waren es noch 138 779.”
Wie kommt es, dass im Jahresbericht von steigenden Zuschauerzahlen die Rede ist?
Es seien “mehr Personen bei den «Übrigen Veranstaltungen» gezählt worden, nämlich 19 879 gegenüber 3341 im Vorjahr. (…) Dazu gehören etwa die von der Migros getragenen M4Music-Anlässe, die Verleihung des Kunstpreises oder der Tag der offenen Türe.”
Auch die Abozahlen sind von 3273 in der Saison 2004/05 auf 2805 in gesunken. Dennoch vermeldet der Geschäftsbericht “stabile Abozahlen”. Die Begründung:
“Der Stadtrat verweist in seiner Antwort darauf, dass in der ganzen deutschsprachigen Theaterwelt Abonnementsverkäufe rückläufig seien.”
Das kommt wohl heraus, wenn die Buchführer so kreativ sein wollen, wie die Künstler — oder haben da die Künstler Buch geführt?
Nachtrag 27. Juni: Das Schauspielhaus bittet fünf Tage nach dem Bericht der NZZ um die Veröffentlichung dieser Richtigstellung: hier
Wolfgang Reiter schrieb:
Wenn Besucherzahlen für Ledergerber, Hoby & Co das wichtigste Kriterium bei der Beurteilung von Kunstinstitutionen sind, sollte sich niemand wundern, wenn Buchführer (oder buchführende Künstler) kreativ werden. Vielleicht gäbe es für Kunst ja noch das eine oder andere Kriterium. Ich meine nicht das für die Zürcher Kulturpolitik zweitwichtigste Kriterium: die Ruhe, respektive die “vertiefte Auseinandersetzung” mit historischen Kunstprovokationen etwa eines Hans Arp, mit der man sich beim Apero gegenseitig das Kunstverständnis bestätigen kann, das man nicht bereit ist aktuellen Provokationen in der Arpschen Tradition entgegenzubringen bzw. die man nur “in der Anfangsphase”, also als blosses PR-Instrument, zu tolerieren bereit war (siehe: “Cabaret Voltaire: Muss Philipp Meier gehen?”).
Geschrieben am 22. Juni 2007 um 23:54Uhr | Permalink
rb schrieb:
Immerhin sind sich beim Schauspielhaus künstlerische Leitung und Stadtpräsident beim Ziel der Zuschauermaximierung einig. Darum konnte der Geschäftsbericht überhaupt so veröffentlicht werden.
Geschrieben am 23. Juni 2007 um 20:08Uhr | Permalink
Wolfgang Reiter schrieb:
Die frisierten Zuschauerstatistiken sind die “Dopingfälle” des Kulturbetriebs. Und wie im Sport sind es nicht nur die Sponsoren und die grauen Eminenzen im Hintergrund, die dafür die Verantwortung tragen, sondern auch die Aktiven, die dabei mitspielen.
Geschrieben am 28. Juni 2007 um 14:17Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
sehr schön: «dopingfälle des kulturbetriebs»
beim landesmuseum, das bald (schrecklicherweise) nationalmuseum heissen wird, zählte man (zumindest vorübergehend) auch die besucher der zig, z.t. «inhaltsfernen», events als besucher des museums… ;)
Geschrieben am 2. Juli 2007 um 10:57Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
und…; quasi das epo der theatermanager: falls auf der auslastung rumgeritten wird, dann wird einfach die bestuhlung angepasst (ähm…, was «leider» nur bei häusern mit flexibler bestuhlung möglich ist; also beispielsweise nicht im pfauen und im neumarkt…;)
Geschrieben am 2. Juli 2007 um 11:01Uhr | Permalink
Karl Valentin schrieb:
“Woher diese leeren Theater? Nur durch das Ausbleiben des Publikums. Schuld daran – nur der Staat. Warum wird kein Theaterzwang eingeführt? Wenn jeder Mensch in das Theater gehen muss, wird die Sache gleich anders. Warum ist der Schulzwang eingeführt? Kein Schüler würde die Schule besuchen, wenn er nicht müsste. (…) Der Theaterzwang … würde das ganze Wirtschaftsleben neu beleben. Es ist absolut nicht einerlei, wenn ich sage: Soll ich heute ins Theater gehen? Oder wenn es heißt: Ich muss heute ins Theater gehen. Durch diese Theaterpflicht lässt der betreffende Staatsbürger freiwillig alle anderen stupiden Abendunterhaltungen fahren wie Kegelschieben, Tarocken, Biertischpolitik, Rendezvous, ferner die zeitraubenden blöden Gesellschaftsspiele: Fürchtet ihr den schwarzen Mann, Schneider, leih mir deine Frau usw.”
Geschrieben am 2. Juli 2007 um 15:22Uhr | Permalink
Wolfgang Reiter schrieb:
@philipp meier: Da muss ich Sie leider korrigieren: Im Neumarkt gibt es eine flexible Bestuhlung, sonst könnten viele, auch experimentelle Theaterformen hier gar nicht ausprobiert werden. Und wir passen die Bestuhlung tatsächlich sehr oft an, aber nicht wie Jean-Pierre Hoby im “Tagblatt”-Interview vom 27.Juni unterstellt, um eine höhere Auslastung zu erhalten. Wer so denkt beweisst, dass er von der konkreten Theaterarbeit nun wirklich keine Ahnung hat. Die Bestuhlungsentscheidung fällt lange vor Probenbeginn (nämlich um Zuge der künstlerischen Konzeption des jeweiligen Raumes für eine Inszenierung), also zu einem Zeitpunkt, wo jeder Theaterdirektor, jeder Regisseur und Bühnenbildner sich viele Zuschauer erhofft. Bestimmte Raumentwürfe, die ein künstlerisches Inszenierungskonzept kongenial unterstützen, beschränken aber manchmal die Zuschauerkapazität. Und dann setzt der Kampf zwischen kaufmännischer Logik und künstlerischer Notwendigkeit ein, mit langen, oft aufreibenden Diskussionen, in denen man tragbare Kompromisse auszuverhandeln versucht, neue Entwürfe macht etc.etc. Mein Grundsatz freilich lautet in solchen Fällen fast immer: In dubio pro arte. Davon haben – bei einem Präsenzmedium wie das Theater – schliesslich auch die Zuschauer mehr, für die wir unsere Arbeit ja machen.
Geschrieben am 2. Juli 2007 um 21:13Uhr | Permalink
Wolfgang Reiter schrieb:
… und: bei unserer aktuellen Produktion “Über Tiere” von E.Jelinek gibt es übrigens gar keine Bestuhlung. Ist das jetzt schon wieder eine neue Methode des Auslastungsdopings? Oder hat das vielleicht etwas mit dem dem Text adäquaten Raumkonzept zu tun? Kommen Sie doch in eine Vorstellung, lieber Philipp Meier, lieber Jean-Pierre Hoby, und bilden Sie sich qua Anschauung ein Urteil. Aber sorry, wir können Ihnen kein Freiticket offerieren; das würde unser Einnahmendoping unterlaufen ….
Geschrieben am 2. Juli 2007 um 21:27Uhr | Permalink