Sonstiges


Verklärte Provinz

Kürzlich rief Stadtpräsident Elmar Ledergerber Künstler, Grafiker, Architekten etc. indirekt dazu auf, nach Aarau zu ziehen (siehe unkultur-Blog). In eine ähnliche Richtung zielt Schriftsteller Peter Stamm heute in der NZZ:

“Im Zentrum ist Leere. Den Reichtum findet man an den Rändern, wo es wuchert, wo Dinge liegenbleiben, wo Schätze vergraben sind, wohin die Menschen sich zurückziehen, die sich selbst genügen.
Mir scheint – ich gebe zu, die These ist gewagt –, dass die Provinz mehr Künstler hervorbringt als die Metropolen. In der Stadt wird gehandelt, konsumiert, kommuniziert. Produziert wird auf dem Land oder an den Rändern der Stadt.”

Folgt nun, nach der Verklärung des urbanen Lebensstils, die Verklärung des Provinziellen? Ausgangspunkt für Peter Stamms These sind seine Reisen durch Deutschland, nicht selten bleibe sein Schnellzug wegen einer Störung in einem kleinen Kaff stehen:

“(Ich) verlasse für einen Moment lang in Gedanken den Zug, werde zu dem Jugendlichen, der auf dem Bahnsteig gegenüber steht und mit stumpfem Blick den Intercity betrachtet und sich vielleicht im selben Moment fragt, wie es wäre, dieser Unbekannte zu sein, der in einem schnellen Zug in eine grosse Stadt fährt und nicht auf den Regionalexpress wartet, der ihn in die nahe Kleinstadt bringen wird, wo er acht Stunden lang bei Aldi oder Spar Regale auffüllen wird, um am Abend müde wieder zurückzufahren in einem Zug ohne Schaffner und ohne Speisewagen.”

Stamms These ist also ein reines Phantasieprodukt. Die Wirklichkeit ist wohl viel unspektakulärer: Die Provinz ist weniger provinziell, als sie erscheint und die Stadt weniger metropolig, als sie sich gibt.

Kommentare (4) zu “Verklärte Provinz”

  1. Zappadong schrieb:

    Die Provinz ist in der Tat weniger provinziell, als sie erscheint. Wenn ich mich so umschaue, was unser verknorztes Tal so an spannenden Menschen und Künstlern hervorgebracht hat, dann freut es mich jedes Mal. Mir gefällt Stamms These, ob sie nun stimmt oder nicht.

  2. philipp meier schrieb:

    das provinzielle oder urbane steckt einzig und alleine in den köpfen der menschen. ich kenne viele supperkuule stadtzürcher, die jedoch ihr bescheidenes hirnlappengärtchen mit herzigen gedankenzwergen übersäät haben. ich kenne aber auch brillante digitale informationsskulpteure aufm land (z.b. http://www.rebell.tv ;))

  3. Zappadong schrieb:

    Darf ich mir den Ausdruck “Hirnlappengärtchen” borgen?

  4. philipp meier schrieb:

    eh… (ich halte bekanntlich nix vom urheberrecht:)