Bühne


Der Schauspielhaus- Verwaltungsrat denkt

Der Schauspielhaus-Verwaltungsrat will während der Sommerpause über Strukturen nachdenken, eine der Hauptfragen wird wohl einmal mehr lauten: Ist die gleichberechtigte Doppelspitze bestehend aus dem künstlerischen und dem kaufmännischen Leiter noch adäquat, oder soll der künstlerische Leiter als alleiniger Direktor amten? Doch aufgepasst, es gibt noch eine dritte Variante — und die wird von Ledergerber vielleicht insgeheim sogar bevorzugt: ein kaufmännischer Direktor, der dem künstlerischen Leiter vorgesetzt ist.
Diese Kapitulation vor der Kunst ist im Theater St. Gallen bereits erfolgreich vollzogen worden. Der geschäftsführende Direktor Werner Signer lächelt von allen Prospekten und redet in der Presse immer wieder mit aller Selbstverständlichkeit über künstlerische Belange. Dafür redet ausserhalb der Region niemand mehr über das Theater — die Zeit, in der es in St. Gallen mutiges Theater zu entdecken gab, ist längst vorbei. Dennoch: Das Programm mit Musical-Schiene und pittoresken Festspielen ist beim Publikum äusserst beliebt, das Theater St. Gallen hat vergleichbare Stadttheater wie Bern oder Luzern in der Zuschauergunst weit hinter sich gelassen.
Das sind doch verlockende Aussichten für unseren Stapi! Nur: In St. Gallen sind solche Zustände kritiklos möglich, in Zürich wäre der Aufschrei in der Kulturszene gross. Das weiss auch Ledergerber, und das wird ihn wohl (glücklicherweise) auch von diesem Szenario abhalten.

Kommentare (2) zu “Der Schauspielhaus- Verwaltungsrat denkt”

  1. ow schrieb:

    Ich würde mich davor hüten, die Leitungsstruktur des Theaters St.Gallen als “Kapitulation vor der Kunst” zu benennen. Gerade die Auslastungszahlen mit über 80% in sämtlichen Sparten zeigen jedenfalls, dass diese Art von “Kunst” vom Publikum goutiert wird. Müssen es denn immer skandalartige Inszenierungen sein? Versteht man darunter “mutiges Theater”?

    Es ist vielleicht auch etwas vermessen ein Dreispartentheater wie jenes in St.Gallen mit einem Schauspielhaus zu vergleichen. Zu verschieden sind die Zielsetzungen, welchen beiden Häuser gesetzt sind und zudem wird bei diesem Vergleich nicht berücksichtigt, dass die Stadt Zürich mit 371′000 Einwohner weit grösser ist, als St.Gallen mit knapp 70′000 Einwohner.

    Trotzdem oder gerade deswegen muss sich das Theater St.Gallen durch Besonderes, durch Mutiges von den restlichen Theatern hervorheben. So fanden in diesem Sommer die 2. St.Galler-Festspiele statt und speziell für das Sprechtheater und den Tanz wurde die Lokremise zur zweiten Spielstätte gemacht. Beides übrigens erfolgreich.
    Auch auf der Programmebene entwerfen die drei Direktoren von Musik, Schauspiel und Tanz jährlich ein Programm, welches sämtliche Bedürfnisse abdecken soll; traditionell, klassisch, neu, unbekannt, mutig…!
    So gibt es diese Saison im Musiktheater mit “Destino Tango” eine Uraufführung; gleich zwei Schweizer Erstaufführungen und eine Uraufführung gibt es im Schauspiel, welches diese Saison erstmals unter der Direktion von Tim Kramer steht. Die Tanzsparte mit ihrem Leiter Philipp Egli hat bereits in der Vergangenheit durch ihre unkonventionellen Tanzabende an verschiedenen Orten die Aufmerksamkeit von regionaler, nationaler und gar internationaler Presse erhalten. Dies wäre auch den drei Tanzproduktionen dieser Saison zu wünschen.
    Es ist schade, dass das Musical immer wieder als “Nicht-Kunst” angeschaut wird. Denn gerade durch die künstlerische Ernsthaftigkeit mit welcher sich das Theater St.Gallen dieser Gattung widmet und für die es im Ausland hohe Anerkennung erhält, zeichnet sich der Qualität dieser Stücke aus. Und wenn durch diese Werke auch wieder einmal die jüngeren Generationen in das Theater gelockt werden, dann kann dies der Publikumsstruktur eines Theaters nur gut tun.

    Somit gibt die Führungsstruktur des Theaters St.Gallen den einzelnen Direktorien die Chance sich vollständig auf die künstlerischen Aspekte ihrer Aufgabe zu konzentrieren, währendessen der Geschäftsführende Direktor, im Falle von St.Gallen übrigens ebenfalls mit musischem Hintergrund, die finanziellen Angelegenheiten regelt.

  2. rb schrieb:

    Huch, das tönt ja wie ein Werbetext aus dem Terzett (die St. Galler Theaterzeitschrift).
    Was mutig ist und was nicht, da gehen die Meinungen offensichtlich auseinander. Aber immerhin sind wir uns in einem Punkt einig: in der Publikumsgunst ist das Theater St. Gallen top. Und so hat die Stadt wohl tatsächlich das Theater, das zu ihr passt.