Spillmann in den Fussstapfen Vitalis
Andreas Spillmann wird definitiv Direktor des Landesmuseums, Christoph Vitali wechselt von der Fondation Beyeler zur Bundeskunsthalle in Bonn. Zwei erfolgreiche Kulturmanager mit ganz ähnlichen Biografien, jedoch 20 Jahre versetzt. Beide haben zwei Mal studiert, Vitali Geisteswissenschaften und Jura, Spillmann Schauspiel und VWL. Beide hatten nach dem zweiten Studium eine leitende Stellung in der Kulturverwaltung inne, Vitali in der Stadt Zürich, Spillmann im Kanton Basel Stadt. Und beide waren kaufmännische Direktoren von grösseren Theatern um dann in den Museumsbereich zu wechseln. Vitali schaut weit älter aus als 67, Spillman ist (oder war zumindest während der Schauspielhaus-Zeit) ein starker Raucher. Eine solch intensive Arbeit im Kulturbereich schadet offenbar der Gesundheit.
Verklärte Provinz
Kürzlich rief Stadtpräsident Elmar Ledergerber Künstler, Grafiker, Architekten etc. indirekt dazu auf, nach Aarau zu ziehen (siehe unkultur-Blog). In eine ähnliche Richtung zielt Schriftsteller Peter Stamm heute in der NZZ:
“Im Zentrum ist Leere. Den Reichtum findet man an den Rändern, wo es wuchert, wo Dinge liegenbleiben, wo Schätze vergraben sind, wohin die Menschen sich zurückziehen, die sich selbst genügen.
Mir scheint – ich gebe zu, die These ist gewagt –, dass die Provinz mehr Künstler hervorbringt als die Metropolen. In der Stadt wird gehandelt, konsumiert, kommuniziert. Produziert wird auf dem Land oder an den Rändern der Stadt.”
Folgt nun, nach der Verklärung des urbanen Lebensstils, die Verklärung des Provinziellen? Ausgangspunkt für Peter Stamms These sind seine Reisen durch Deutschland, nicht selten bleibe sein Schnellzug wegen einer Störung in einem kleinen Kaff stehen:
“(Ich) verlasse für einen Moment lang in Gedanken den Zug, werde zu dem Jugendlichen, der auf dem Bahnsteig gegenüber steht und mit stumpfem Blick den Intercity betrachtet und sich vielleicht im selben Moment fragt, wie es wäre, dieser Unbekannte zu sein, der in einem schnellen Zug in eine grosse Stadt fährt und nicht auf den Regionalexpress wartet, der ihn in die nahe Kleinstadt bringen wird, wo er acht Stunden lang bei Aldi oder Spar Regale auffüllen wird, um am Abend müde wieder zurückzufahren in einem Zug ohne Schaffner und ohne Speisewagen.”
Stamms These ist also ein reines Phantasieprodukt. Die Wirklichkeit ist wohl viel unspektakulärer: Die Provinz ist weniger provinziell, als sie erscheint und die Stadt weniger metropolig, als sie sich gibt.
Dopingfälle im Kulturbetrieb – die Liste
Kulturbetriebe stehen unter Legitimationszwang. Politiker und Presse fordern den Erfolg. Wer ihn nicht vorweisen kann, ist seinen Posten rasch los – der Verschleiss an Direktoren erreicht Dimensionen wie bei Fussballtrainern. Was tun? Im Zuge des Zahlenstreits am Schauspielhaus brachte Wolfgang Reiter den Ausdruck “Dopingfälle im Kulturbetrieb” ins Spiel. Wie frisiert man Zuschauerzahlen? Mit welchen Tricks lässt man seinen Kulturbetrieb erfolgreich(er) aussehen? Inspiriert von den Kommentaren hier präsentiert kulturblog.ch die 10 effizientesten Dopingmittel im Kulturbetrieb (die meisten von ihnen wurden bereits erfolgreich an Zürcher Institutionen getestet):
1. Zuschauerdoping I: Rockkonzert oder Disco veranstalten und Zuschauerzahlen zum Gesamtergebnis hinzuzählen (auch ein ‘Tag der offenen Tür’ ist möglich).
2. Auslastungsdoping: Sitze rausnehmen, damit steigt die Auslastung.
3. Kritiken-Doping: Bloss einzelne positive Sätze aus Kritiken zitieren, möglichst aus dem Zusammenhang gerissen.
4. Zuschauerdoping II: Gratis-Karten für Freunde, Schulklassen etc treiben die Zuschauerstatistik nach oben.
5. Einnahmedoping: Sponsoringeinnahmen als Zuschauereinnahmen aufweisen.
6. Weltklasse-Doping: Pausenlos wiederholen, man gehöre zur Weltklasse.
7. Zuschauerdoping III: Theatermitarbeiter zum Besuch der Vorstellungen auffordern, notfalls zwingen.
8. Immobilien-Doping: Unentwegt einen Erweiterungsbau fordern — ob nötig oder nicht.
9. Star-Doping: Nie von Inhalten reden, nur von Stars.
10. Andere-auch-Doping: Sich immer mit noch Schlechteren vergleichen.
Die Liste ist längst nicht vollständig, bitte weitere Dopingmittel in den Kommentarspalten anbringen.