Kunsthaus-Erweiterung: Gottfried Honegger droht mit Referendum
Auch mit 90 Jahren äussert sich der Künstler Gottfried Honegger emotionsgeladen zu kulturpolitschen Themen, diesmal zur Kunsthaus-Erweiterung. Dies jedoch nicht allzu eloquent, im Blick von heute wird er etwas wirr zitiert:
“Da Christoph Becker, Direktor des Kunsthauses, entschieden hat, ohne jene, die es mit ihren Steuern bezahlen müssen (150 Millionen Franken) umfassend zu orientieren, werden wir das Referendum bemühen, sollte das Projekt der Kunsthaus-Erweiterung ganz und gar der Emil-Bührle-Sammlung gewidmet sein.”
Herr Becker hat durchaus informiert: der Steuerzahler wird nicht 150 Mio Fr bezahlen müssen, sondern nur die Hälfte davon, und die Erweiterung ist nicht ganz und gar der Emil-Bührle-Sammlung gewidmet, sondern nur zu einem grossen Teil.
Dennoch: ganz unrecht hat Gottfried Honegger nicht. Die Kunsthaus-Erweiterung ist ein Prestige-Projekt, das teilweise für die Präsentation einer privaten Sammlung reserviert ist. Deshalb ist für mich klar: der Neubau sollte vollständig privat finanziert werden (können). Dass dies keine unrealistische Forderung ist, zeigt u.a. Luzern, wo Private für 100 Mio Franken eine neue Halle für zeitgenössisches Musiktheater finanzieren.
Ich freue mich schon darauf, Gottfried Honegger zuzuschauen, wie er an der Bahnhofstrasse Unterschriften sammelt…
“Untersuchungen zeigen, dass in unserer Gesellschaft 3-5 Prozent der Menschen kulturaffin sind. Das heisst, DRS2 hat fast eine 100-prozentige Abdeckung in dieser Gruppe.”
kulturblog.ch hätte in dem Fall ebenfalls eine erstaunlich hohe Abdeckung in dieser Gruppe… Die von Meier hervorgebrachte Untersuchung ist mir zwar unbekannt — viel mehr als zur Rechtfertigung miserabler Quoten taugt sie aber nicht. Erstens: sind alle Leute kulturaffin, schliesslich essen alle mit Messer und Gabel, hängen mal ein Poster an die Wand oder hören ab und zu Musik. Zweitens: auch kunstaffin, was Herr Meier wahrscheinlich meint, sind viel mehr Leute als die von ihm genannten 3 – 5 Prozent. Die Schweizer Kunstmuseen verzeichneten letztes Jahr 3.8 Mio Eintritte, die Schweizer Theater (SBV + ktv) weit über 2 Millionen, dazu kommen all die Besucher von Freilichtbühnen, Konzerten, Kinos etc. Natürlich werden da viele Leute doppelt und dreifach gezählt, dennoch: zu sagen, nur 3 – 5 Prozent der Bevölkerung seien kulturaffin ist Ausdruck der Ignoranz abgehobener Hochkultur-Leute.
In Zürich soll das Kunsthaus für geschätzte 150 Millionen Franken erweitert werden; Luzern plant ein ein neues, auf zeitgenössische Musik ausgerichtetes Opernhaus für 100 Millionen Franken. Die Kunsthaus-Erweiterung wird je zur Hälfte aus öffentlichen und privaten Geldern finanziert, so der Plan — in Luzern bezahlen Private alles. Warum lassen sich in Luzern locker 100 Millionen Franken aus privaten Mitteln auftreiben und in Zürich bloss 75 Millionen?
Der Zürcher Stadtrat muss bald über den Projektierungskredit für die Kunsthaus-Erweiterung entscheiden. Falls er sich für dieses Prestige-Projekt entscheidet (was sehr wahrscheinlich ist), dann sollte er die Zustimmung zumindest an die Bedingung knüpfen: was Luzern kann, kann Zürich auch.
Um die Sponsoring-Einnahmen von der Mehrwertsteuer zu befreien, ging das Opernhaus vor einigen Jahren bis vor Bundesgericht — vergeblich. Auch Christoph Mögeli, der mit einer Motion im Nationalrat das Opernhaus in dieser Sache unterstützen wollte, scheiterte. Pereira hätte die MwSt nur umgehen können, wenn die Sponsoren als Mäzene anerkannt worden wären, also Spender, die keine Gegenleistung (in dem Fall einen Werbeeffekt) erwarten. Dies wäre beim Opernhaus gar nicht so falsch gewesen – nur, dass die Firmenbosse für ihre Grosszügigkeit in die Firmenkasse greifen, anstatt ins eigene Portemonnaie.
Bald könnte der Staat noch ausgiebiger im Kulturbereich zugreifen: nämlich auch bei den Spenden (Mäzenen) und sogar den Subventionen. Dies zumindest füchtet der Dachverband der Filmbranche Cinésuisse. Im Entwurf zur Vereinfachung der Mehrwertsteuer werde die Abschaffung der Steuerbefreiung für Subventionen und Spenden in Betracht gezogen, schreibt Cinésuisse und protestiert dagegen. Zu recht: es ist Unfug, wenn der Staat sich einen Teil jenes Geldes zurückholt, das er selber bezahlt hat und gleichzeitig die Bemühungen, privates Geld zu akquirieren, mit einer zusätzlichen Steuer bestraft.
Mit Beginn der Vorstellung verzogen sich die Gewitterwolken heute über dem Zürichsee, wider Erwarten wurde es ein wunderbarer Abend mit Vollmondkullisse auf der Seebühne. Die australische Gruppe Acrobat, spielt ihr Programm “Smaller — Poorer — Cheaper”, eine Kombination aus Freak-Show und klassischem Zirkus. Eine Artistin und zwei Artisten zeigen — vorzugsweise nackt — Trapeznummern, Akrobatik, oder ein Soloschleuderbrett mit Boxsack. Der eine Artist zaubert ein Tuch aus dem Hintern, ein anderer führt ein clowneskes Morgenritual auf dem Schlappseil vor. Vieles scheint direkt aus der Experimentierküche zu kommen, roh und ohne Garnitur wirds dem Publikum vorgesetzt. Für alle, die sich darunter nichts vorstellen können, hier ein kurzer Zusammenschnitt des Programms, gefunden auf YouTube. Aber Achtung: die stärksten (Nackt)Szenen wurden leider zensuriert.
Kaminari heisst ein Auto von Lexus. Das Auto ist neu, die Form edel und der Name exotisch, also stellen wir es für das Werbefoto vor den Smaragd-Neubau des Museums Rietberg, mögen sich die Werber gedacht haben.
Das Museum wird auf dem Inserat (heute im Tagi) mit keinem Wort erwähnt. Und auch auf der Sponsorenliste des Museums taucht Lexus nirgends auf. Kultur als reine Dekoration. Das Museum Rietberg ist nicht etwa ein Privatmuseum, sondern ein Regiebetrieb der Stadt — und trotzdem macht es da mit. So etwas ist nur zu rechtfertigen, wenn dafür reichlich Geld geflossen ist.
Gestern wurde das renovierte Kino Alba wiedereröffnet, Jean-Pierre Hoby hielt eine Rede, und auch Markus Notter genoss in Begleitung seiner Kulturbeauftragten Susanna Tanner die Häppchen und den Gratisfilm.
Gezeigt wurde vorab “O mein Papa” von Felice Zenoni, ein Dokumentarfilm über den “erfolgreichsten Schweizer Komponisten” Paul Burkhard (Kinostart: 13. September). Der Film zeichnet nach, wie Burkhard als Theatermusiker am Zürcher Schauspielhaus mit Brecht und Dürrenmatt arbeitete, wie er als Unterhaltungs-Komponist Triumphe feierte und wie aus dem schwulen Protestanten im Alter ein frommer Katholik wurde. Was als reine Züri-Nostalgie beginnt, inklusive der üblichen Verklärung der Schauspielhaus-Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg, wird zum intimen und berührenden Portrait.
Zwischendurch dürfen all die heutigen Schlagersternchen, von Leonard über Nubya bis Michael von der Heide, Lieder von Paul Burkhard nachsingen. Im Studio wurden die Stimmen weichgespült wie bei volkstümlichen Schlagern, Resultat ist ein aalglattes Geträller, was kaum im Sinne Burkhards sein kann (CD soll bald erscheinen).
Doch zurück zur Nostalgie, der auch ich mich im Zusammenhang mit Paul Burkhard nicht entziehen kann: Als 15-Jähriger wurde ich bei einem Casting im Stadttheater St. Gallen dazu ausgewählt, in den Zirkusszenen der Burkhard-Operette “Der schwarze Hecht” als Jongleur mitzuwirken. Mit aufgeklebtem Schnauz und Glitzerhemd stand ich mehr als 20 Mal voller Enthusiasmus auf der grossen Stadttheater-Bühne, schmiss Bälle und Keulen durch die Luft und sang beim Finale “O mein Papa” mit – oder tat zumindest so.
(Ja, ja, ich bin der ganz rechts — nein, das Kostüm durfte ich nicht behalten.)
Nicht, dass ich seither je wieder freiwillig eine solche Operette besucht hätte — aber immerhin bin ich im Theater- und Kulturbereich hängen geblieben. Und somit hatte Paul Burkhard einen nicht unbedeutenden Einfluss auf meinen Werdegang.
Wo wir doch schon bei Werbung und Kunst sind, in Zürich hängen zurzeit an einigen normalen APG Plakatstellen alte Frauenstimmrechtsplakate. Wer die hat aufhängen lassen, ist unbekannt. Schon in den Geschichtbüchern faszinieren die Plakate; in voller Grösse, ausserhalb des historischen Kontexts ist ihre Wirkung noch um einiges stärker.
Nachtrag 28.08: Die Auflösung, wer hinter dieser Kampagne steckt hier
Das Plakat mit dem Logo der Weltwoche, der SVP, der SD etc in einer Reihe mit dem Hakenkreuz und andern faschistischen Symbolen sorgt derzeit in Zürich für Aufregung. Der “Verein zur Förderung antifaschistischer Aktivitäten” wirbt damit für die Ausstellung “fascho!” in der Shedhalle. Alles, was einem nicht ganz genehm ist, als faschistoid abzutun, ist etwas zu einfach — wenn nicht gar blöd. Doch der eigentliche Skandal ist nicht das Plakat; man kann niemandem verbieten, sich in einem eindimensionalen Gedankengut festgefahren zu haben. Der Skandal ist einmal mehr die Reaktion von Jean-Pierre Hoby, dem Chef der Zürcher Kulturpflege: Es handle sich um ”eine missglückte Provokation, die nicht akzeptiert werden kann”, sagt er heute in der NZZ. “Die nicht akzeptiert werden kann”? Was soll diese Aussage? Ist er der oberste Wächter, der entscheidet, was akzeptiert werden kann und was nicht? Muss man ihm in Zukunft jedes Plakat, jedes Kunstwerk zur Absegnung vorlegen, bevor es in Zürich gezeigt werden kann?
Natürlich spricht er auch gleich von möglichen Subventionskürzungen, die Politiker angeblich angedroht hätten. Na und? Die Aufgabe des obersten Kulturbeamten ist es nicht, Politiker in ihren populistischen Kürzungsandrohungen zu unterstützen. Im Gegenteil. Er sollte sich vor die angegriffenen Institutionen stellen und den aufschreienden Politikern klar machen, dass die Berechtigun für Subventionen nicht von einer einzelnen Aktion abhängt, sondern davon, ob langfristig eine gute Arbeit geleistet wird. Doch das entspricht nicht der Arbeitsauffassung Hobys — lieber gibt er sich als allmächtige Instanz, die jederzeit und alleine über richtig oder falsch entscheidet.
-> Diskussion zum Plakatstreit auf rebell.tv
Der Schriftsteller Adolf Muschg hielt letztes Jahr am Historikertag in Konstanz eine Rede, deren Kernbotschaft es war, die Mundart verkomme immer mehr zu einer ”McSprache”:
“Viele Jugendliche sprechen heute ein – wie überall mit englischen Brocken versetztes – Abkürzungs-idiom, das als ’schweizerisch’ nur noch an seiner Phonetik zu erkennen ist, an Syntax und Wortschatz nicht mehr – von dem besonders reich gewesenen Modusgebrauch der älteren Mundart ganz zu schweigen.
Es wird mir an diesem Punkt nicht ganz leicht, ein Wort wie ‘Sprachverfall’ zu meiden. Einem neutralen Sprachforscher fiele es wohl nicht schwer, auf dieser neuen Stufe der Kommunikation ein faszinierendes Ausdrucksrepertoire auszumachen. Aber auch er würde wohl nicht leugnen, dass diese Sprache mit derjenigen, ‘die für dich dichtet und denkt’, nichts mehr gemein hat. Wie sollte sie Respekt vor etwas haben, was sie nicht kennt?” (Quelle: Tages-Anzeiger)
“Wissen Sie, ich habe ein Verhältnis zur Sprache, das nicht moralisiert. Die Sprache tut, was sie tut. Und ich schaue zu, was sie tut, verwende das manchmal eins zu eins, aufrichtig, und manchmal mit kritischer Ironie. Aber die Sprache hat immer recht. Ich bin gegen Sprachkämpfe, gegen Vorwürfe, dass zu viele englische Wörter gebraucht würden, zu wenige französische, dass wir unsern Dialekt pflegen sollten. Ich bin einer, der wie ein Korken auf dieser Sprache schwimmt und dabei seinen wachen Kopf gebraucht.”
Die beiden Zitate sagen mehr über den Charakter der zwei Schriftsteller aus als über das Wesen der Sprache. Auf der einen Seite ist da der Moralist, der Warner, auf der anderen der wache, auch zur Ironie bereite Beobachter. Keine Frage, wer mir sympathischer ist. Obwohl, bei Adolf Muschg habe ich oft das Gefühl, dass er im tiefsten Innern gar nicht so ist, wie er sich gibt. Sondern jemand, der in seiner ganzen Liebe fürs Detail heimlich den gesellschaftlichen und sprachlichen Wandel neugierig und freudvoll miterlebt. Doch die Verlockung, im Moralisten-liebenden Deutschland zur obersten Liga jener zu gehören, die das ‘Gewissen der Nation’ genannt werden, verleitet ihn dazu, bei jedem Thema die Stirn zu runzeln und den Mahnfinger zu heben.
Ob das Kunsthaus mit dem geplanten Neubau in die Weltliga aufsteigen werde, fragte die SonntagsZeitung den Direktor des Kunsthauses, Christoph Becker. Dieser antwortete:
“Ich weiss, dass es so werden wird, aber ich spreche nicht gern darüber.”
Grosse Pläne hat der Herr Becker. Doch so richtig begeistern kann er damit noch kaum jemanden — weder in Kunstkreisen noch in der Bevölkerung. Selbst die Leuchtturm-Affinen Politiker bleiben zurückhaltend. Warum nur? Die Antwort lautet: Christoph Becker. Der Mann schaut aus wie ein schüchterner Züribergbube, dem die Mutter eben noch das Poschettli zurechtgerückt hat. Steht er am Rednerpult, so erfasst den Zuhörer augenblicklich eine wohlige Müdigkeit. Spontaneität ist von ihm keine zu erwarten (zumindest nicht, wenn er mit Pressevertretern redet), was er sagt, ist hauptsächlich darauf bedacht, nichts Falsches zu sagen.
Doch eines muss man ihm zugute halten: Becker ist auch über seinen Tellerrand hinaus an Kunst interessiert – was bei Leuten in solchen Positionen nicht selbstverständlich ist. Man sieht ihn zuweilen an Orten, deren Anspruch ein ganz anderer als “Weltliga” ist, zum Beispiel in der Gessnerallee. Jedenfalls: damit seine Weltliga-Ambitionen nicht frühzeitig abstürzen, muss er noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Und vielleicht auch mit mehr Freude darüber sprechen.
Den Wuschelkopf des zukünftigen Direktors Sandor Lunin sieht man ständig irgendwo auf dem Gelände des Theater Spektakels. Wo aber ist die abtretende Direktorin, Maria Magdalena Schwaegermann? Sie verpasst ihr letztes Festival zu einem grossen Teil. Wegen zwei sehr schmerzhaften Bandscheibenvorfällen musste sie Zürich verlassen und ist zurzeit in Deutschland. ”Sobald sich ihr Zustand etwas gebessert hat, wird sie wieder zu uns stossen und die zweite Hälfte des Festivals hier in Zürich sein. Wir hoffen, dass dies so um den 24. August möglich sein wird”, sagt die Presseverantwortliche Esther Schmid. Gute Besserung, Frau Schwaegermann!
Eine Oper in der Roten Fabrik — ein Symbol dafür, wie sehr das einstige Zentrum der Rebellion Teil der angepassten Kulturmaschinerie geworden ist? Zugegeben, konventionell ist die Video-Oper ”X. Suite Filante” von Katharina Rosenberger nicht, die da im Rahmen des Theater Spektakels uraufgeführt wird. Drei Sängerinnen bewegen sich vor, zwischen und hinter zwei Leinwänden (Multimedia-Installation: Ivan Talijancic). Die fünf Musiker des Ensembles für neue Musik sitzen in einer Reihe hintereinander, als ob sie im Tram spielen würden. Der Dirigent, eine perfekte Andreas-Thiel-Kopie, schwingt seine Arme allein und verlassen etwa drei Meter vor ihnen.
Die Multimedia-Installation, die Sängerinnen und die Musik fügen sich nahtlos zusammen. Die Klang-Elemente werden mal live gespielt, mal kommen sie ab Band – was live ist und was nicht ist schwer auseinanderzuhalten. Inhaltlich und von der Erzählform er erinnert das Ganze an Wim Wenders “Himmel über Berlin”, nur dass es sich hier um eine Frau handelt, die bruno-ganz-engelhaft durch Zürich schlendert. Etwas zu viel Gefühlsduselei. Warum die Off-Stimmen französich sprechen, war mir ein Rätsel, wahrscheinlich einfach, weils dadurch abgehobener wirken soll. Abgesehen davon: die Klang- und Bildsprache lohnen den Weg ins Rote-Fabrik-Opernhaus allemal.
Die aussergewöhnlichste Buchhandlung Zürichs befindet sich an der Kalkbreitestrasse 84 in Wiedikon. Im SammelPunkt, dem “Antiquariat für Trivialliteratur” erhält man alles, wovon Deutschlehrer Hautausschläge kriegen: Comics, Kioskromane, Science Fiction. Tausende von Bücher, alle feinsäuberlich sortiert, wertvolle Exemplare sind in Plastik-Hüllen gesteckt. Von Wilhelm Busch über Perry Rhodan bis zum Lustigen Taschenbuch ist alles vorhanden, zum Teil sogar in der Erstauflage, nicht selten kostet ein Buch 50 Franken und mehr. Seine Kundschaft komme aus ganz Europa, sagt der freundliche Besitzer. Nur: hier ist alles so blitz-blank aufgeräumt, dass man es kaum wagt, ein Buch aus dem Regal zu ziehen.
Überhaupt scheint die Trivialliteratur langsam zur Hochkultur aufzusteigen, in Solothurn gibt es ein “Kabinett für sentimentale Trivialliteratur”, laut Homepage “Ein Museum über Frauenliteratur von der Französischen Revolution bis zum 20. Jahrhundert”. Vielleicht muss man den Buchumschlag bald nicht mehr verschämt abdecken, wenn man im Zug einen Landarztroman liest…
Das letzte Theater Spektakel unter Maria Magdalena Schwaegermann hat feucht und wenig fröhlich begonnen, Hauptattraktion auf dem verregneten Gelände war eine Schwanenfamilie. Köbi schmiss zwar auch schon seine Fackeln herum, jedoch nur vor einer traurigen Handvoll Zuschauer.
Drinnen, im Nord-Zeltbau, waren dagegen fast alle Plätze besetzt. Die Young Jean Lee’s Theater Company zeigte “Songs of the Dragons Flying to Heaven“, eine bitterböse Parodie über die Identitätskrise einer Asiatin in den USA. Und bricht dabei ein Tabu: der Rassismus findet zu einem grossen Teil auch im Kopf der Minderheit statt, so der Tenor des Stücks.
Eine westlich orientierte Koreanerin trägt in ihrem Schlepptau drei sexuell aufgeladene pseudo-volkstümliche Asiatinnen mit. Und sagt Dinge wie: “Eine Minderheit, die rassistisch gegen sich selber ist, ist für die Weissen eine coole Minderheit”. In einem zweiten Handlungsstrang geht es um eine Beziehungskrise eines weissen Paares, die beim Therapeuten endet. Da treffen zwei Parallelwelten aufeinander — absurd, komisch, treffend.
Bei dem Stück ist kein Hauch von Selbstmitleid ist zu spüren, kein erhobener Antirassimus-Ziegfinger, im Gegenteil. “Meine Stimme ist die Mühe ihrer Ohren nicht wert”, sagt die eine Schauspielerin gegen Schluss – wie unrecht sie hat.