Kunst/Museen
9. August 2007
Guerilla-Kunst im Vormarsch
Während im Kunsthaus Fischli/Weiss im Das-Macht-Glücklich-Konsens dahinvegetieren und die Galerien im Preisrausch mit dem Öffnen von Sektflaschen beschäftigt sind, gibt in Zürich zurzeit vor allem die Guerilla-Kunst zu reden. Die drei herausragenden Aktionen der letzten Monate:
1. Wanze in der Oper. Das Cabaret Voltaire und die Gruppe Bitnik verstecken Wanzen im Opernhaus, die die Arien per Telefon live und ungefragt nach Hause liefern. Und ‘hacken’ damit das Opernhaus und das Urheberrecht. (link)
2. Muezzin ruft vom Kirchturm. Johannes Gees bringt an verschiedenen Kirchtürmen heimlich Lautsprecher an, zur Gebetszeit lässt er den Ruf des Muezzin ertönen. Der Kirchturm wird zum Minarett — ein starker Beitrag zur Minarett-Debatte. (link)
3. Beschriftete Bänke. Auf Sitzbänken in der Stadt stehen Sätze geschrieben wie “Nur für Christen” oder “Nur für Steuerzahler der Stadt Zürich”. Die umstrittenste der drei Aktionen — nicht nur weil sie anonym durchgeführt wurde.
Hier zielt die Kunst mit ihrer ganz eigenen Sprache ins Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Diskussion. Das Erstaunliche: die hiesigen Feuilletons bzw. Kulturteile ignorieren die Guerilla-Kunst mit trotziger Vehemenz, solche Aktionen schaffen es nur in den Lokalteil. Dass es relevante Kunst auch ausserhalb des hochsubventionierten Kulturbetriebs geben kann, wollen in der Szene viele nicht wahrhaben — zu sehr hat man sich’s in oder mit den Institutionen bequem gemacht.
Zum Thema:
Wanze in der Oper
Muezzin ruft vom Kirchturm
ib schrieb:
Ist denn ein Spruch auf einem Bänkli, einer Quaimauer (wie z.B. am Bodensee), einer Brücke, Fassade usw. Kunst? Die Aussagen regen zwar zum Nachdenken an, sind unterhaltsam, belustigend, ärgerlich oder gar beleidigend. Soweit könnte die “Verzierung” in eine mögliche Definition der Kunst passen.
Verursacht aber die Entfernung des ungewollten anonymen Werks auf fremdem Grund Aufwand, geht das Freizeitvergnügen eines einzelnen oder einer Gruppe auf Kosten anderer, dann hört für mich der Spass und damit die “Kunst” auf.
Im übrigen zielt die Kunst mit ihrer (nicht mit seiner) Sprache ins Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Diskussion, wie rb schreibt. Sie trifft es nur nicht immer, sie trifft – wie andere Schützen auch – oft ganz daneben.
Geschrieben am 9. August 2007 um 14:17Uhr | Permalink
rb schrieb:
Der Schreibfehler ist korrigiert, danke für den Hinweis.
Zwei der drei genannten Werke (ich nenne sie lieber Aktionen), haben keinen “Aufwand” zur Entfernung verursacht.
Dass das Ziel oft nicht getroffen wird, stimmt. Doch das Scheitern gehört zur Kunst — auch viele Inszenierungen am Schauspielhaus gelingen nicht.
Die Guerilla-Kunst ist dann interessant, wenn sie auftaucht, wenn man sie nicht erwartet. Auch darin heben sich die drei genannten Aktionen von irgendwelchen Kritzeleien auf einer Quaimauer ab.
Geschrieben am 9. August 2007 um 14:34Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@ib: sie kennen bestimmt «4′33”» von john cage oder «fontaine» von duchamp/freytag-loringhoven. ergo: alles kann kunst sein!
dass wir uns mit diesem umstand schwer tun, ist nicht weiter erstaunlich; denn, wenn wir diese erkenntnis zu ende denken, dann müssten wir die traditionelle kunstpräsentation und -rezeption massiv in frage stellen. soweit sind wir jedoch mit der sogenannten «aufklärung» noch nicht.
des weiteren: solche künstlerische interventionen im öffentlichen raum sind ganz einfach angebote…, quasi frei haus geliefert. wieso geht es immer darum, solche angebote umgehend auszuschlagen? weil wir mühe damit haben, geschenke anzunehmen? weil wir dem geschenkten gaul eben doch am liebsten gleich mal ins maul schauen wollen? weil wir uns viel lieber über kommerzielle borschaften (plakatwände) zum denken anregen lassen? (wobei: ich habe nix gegen werbeplakate;). weil wir zwar gerne von metropole (oder metropolitanraum) reden, uns jedoch real lieber nicht damit auseinandersetzen möchten? weil wir standortmarketing nicht leben sondern in form einer hochglanzbroschüre präsentieren wollen? weil wir uns für das sichtbar werden soziokultureller zeichen nicht interessieren? weil wir heute noch nicht wissen, wer zum nägeli taugt?
fazit: nicht der künstler entscheidet darüber, ob seine ungefragt sichtbar gemachte kunst eine sachbeschädigung ist (und falls der «beschenkte» eine sachbeschädigung geltend macht, dann heisst das noch lange nicht, dass es keine kunst ist…:)))
Geschrieben am 9. August 2007 um 15:06Uhr | Permalink
ib schrieb:
Lieber rb, sehr geehrter Herr Meier
Das Wort Guerrilla-Kunst stört mich, weil fast paradox: zwar tauchen die Erscheinungen unerwartet auf, aber es sind keine Kleinkriege (guerrilla kommt bekanntlich von guerra).
Von “interventionen im öffentlichen raum” (p. meier) lasse ich mich im übrigen sehr gerne überraschen, anregen oder unterhalten. Intervention finde ich ein treffendes Wort, das künstlerische kann ich (mit Ausnahmen) nicht nachvollziehen.
Geschrieben am 9. August 2007 um 17:12Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@ib: ich habe den begriff guerilla-kunst nie verwendet. rb hat den begriff wahrscheinlich in anlehnung an «guerilla-marketing» verwendet. da ist quasi der «strassenkampf/kleinkrieg um aufmerksamkeit» gemeint.
und bezüglich «kunst»: der gesellschaftliche kanon hat festgelegt, dass das kunst ist, was in den museen zu sehen ist (ausser beim feuerlöscher ist man sich manchmal nicht so sicher;). ich finde es jedoch sehr spannend, darüber zu debattieren, was kunst ist. und genau das ist der grosse vorteil, wenn kunst das museum verlässt: sie löst sich im alltag auf oder unterwandert diesen…, und macht sich dadurch angreifbar. gleichzeitig bin ich als rezipient jedoch plötzlich nicht mehr kuratoren ausgeliefert, die bestimmen, was (gute) kunst ist. im öffentlichen raum kann jede/r selber bestimmen, was (gute) kunst ist! (wobei dies im besten falle nicht das ende, sondern der anfang einer debatte darstellen sollte…;).
und wenn wir schon mitten in der (kleinen;) debatte stecken: wie definieren Sie in ihrem alltag, was (gute) kunst ist, werter ib?
Geschrieben am 9. August 2007 um 17:55Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@ib: ist das vielleicht kunst(?): http://www.fubalu.ch/blog/
Geschrieben am 9. August 2007 um 17:58Uhr | Permalink
rb schrieb:
Der Begriff Guerilla-Kunst habe ich tatsächlich in Anlehnung an das Guerilla-Marketing gewählt. Bin auch nicht ganz glücklich damit, werde mir vielleicht für den nächsten Eintrag eine Alternative überlegen.
Doch zu Philipps Frage: was ist gute Kunst? Dazu muss man wohl dem Gaul doch zuerst mal ins Maul schauen ;-). Und dann erkennt oder spürt man vielleicht (hoffentlich) wie viel sich da jemand überlegt hat, wie viel geistige Vorarbeit in dem Werk steckt, ist vielleicht überrascht, geschockt oder über die Schönheit erfreut — oder es lässt einfach kalt. Ganz gut finde ich den Ansatz von Thomas Hirschhorn: nicht die handwerkliche Qualität ist entscheidend, sondern die Ernsthaftigkeit und Konsequenz mit der der Künstler die Sache angegangen ist und wieviel Energie er reingesteckt hat.
Doch ich bleibe furchtbar unkonkret, wahrscheinlich ist das auch die Faszination der Kunst, dass die Frage nach der guten Kunst kaum allgemeingültig in Worte gefasst werden kann (ausser vielleicht Jahre später bei der historischen Betrachtung).
Geschrieben am 9. August 2007 um 20:17Uhr | Permalink
ib schrieb:
ph. meier/rb: wenn ich kunst definieren könnte – das überlasse ich lieber Euch Fachleuten. Für mich ist aber im Gegensatz zu rbs Meinung auch gutes Handwerk Voraussetzung. Die Idee allein, gepaart mit Kommunikationswille und Einsatz genügt nicht. Die Idee muss auch so gekonnt und überzeugend (positiv oder negativ, ansprechend oder abschreckend) dargestellt sein, dass ich als Nichtkünstler das Werk nicht zustande brächte. Der Muezzin vom Kirchturm hat mich gefreut, Super-Idee, regte die Passanten sicher zum Nachdenken an (nach dem ersten Schock), war offensichtlich gut und professionell gemacht – und fällt doch nicht in meine persönliche Auffassung von Kunst. Vielleicht führt die im kulturblog geführte Debatte zu einer Änderung meiner “un(ter)bewussten” Kunstdefinition…
Geschrieben am 10. August 2007 um 07:58Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
womit wahrscheinlich auch die eingangs erwähnte frage von rb beantwortet wäre, warum solche projekte kaum oder keinen wiederhall im feuilleton finden: diese projekte haben nichts mit dem (ursprünglichen;) kunst(werk)begriff zu tun.
sowieso: wenn wir davon ausgehen, dass es keine autarke urheberschaft gibt (erstaunlich, wie sich der genuine kunstwerkschöpfungsbegriff autor/urheber halten kann…; trotz «aufklärung»;), dann ist es eigentlich auch egal, wer ein werk geschaffen hat. zurück zu den bänken: in diesem fall bestimme ich, dass diese intervention im öffentlichen raum (gute) kunst ist. es ist völlig egal, aus welchen antrieben jemand diese sprüche auf die bänke geschrieben hat. ich bin alt(…;) genug, um diese arbeit einzuordnen, zu interpretieren. warum tauchen in der stadt mit vielen banken, die z.t. gute geschäfte mit dem apartheitsregime in südafrika machten, sprüche auf bänken auf, die an diese krasse form der ausgrenzung erinnern? wie stehen die sprüche untereinander in einem zusammenhang? was vereint christen, kinder, sozialfälle, steuerzahler und behinderte? was trennt sie? warum wird auf einer bank die sitzzeit beschränkt? weil sich jemand in zürich schon beinahe auffällig verhält, wenn er oder sie länger sitzen bleibt? etc.pp.
GUTE KUNST SOLL ZUM DENKEN ANREGEN, aber nicht nur gute kunst regt zum denken an.
des weiteren gehe ich mit rb einig: es geht viel mehr um energie, als um handwerk (wobei auch hierzu: die bänke wurden nicht nur einfach mit einem filzer angeschrieben, sondern feinsäuberlich mit einer schablone). die energie kann jedoch nicht (nur) im herstellungsprozess stecken, sondern sich auch erst in der sichtbarwerdung des kunstwerkes vollends entfalten (in diesem fall: zeitungsartikel, blog-einträge, diskussionen, bis hin zur entfernung der sprüche/latten)
Geschrieben am 10. August 2007 um 12:35Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
GUTE KUNST MUSS NICHTS SOLLEN könnte ich auch unterschreiben….; was jedoch umgekehrt wiederum meint: KUNST DARF ALLES!
Geschrieben am 10. August 2007 um 18:11Uhr | Permalink
unkultur - Ist das Platzieren und Zünden von Sprengsätzen in Briefkästen Kunst? schrieb:
[...] unkultur – Ist das Platzieren und Zünden von Sprengsätzen in Briefkästen Kunst? Mein Verdikt: Nein, im Fall mit den Briefkästen handelt es sich nicht um (Guerilla-)Kunst, weil es keine bewusste künstlerische Handlung war. [...]
Geschrieben am 5. September 2007 um 10:16Uhr | Permalink