Literatur
21. August 2007
Sprachverfall: Adolf Muschg vs. Urs Widmer
Der Schriftsteller Adolf Muschg hielt letztes Jahr am Historikertag in Konstanz eine Rede, deren Kernbotschaft es war, die Mundart verkomme immer mehr zu einer ”McSprache”:
“Viele Jugendliche sprechen heute ein – wie überall mit englischen Brocken versetztes – Abkürzungs-idiom, das als ’schweizerisch’ nur noch an seiner Phonetik zu erkennen ist, an Syntax und Wortschatz nicht mehr – von dem besonders reich gewesenen Modusgebrauch der älteren Mundart ganz zu schweigen.
Es wird mir an diesem Punkt nicht ganz leicht, ein Wort wie ‘Sprachverfall’ zu meiden. Einem neutralen Sprachforscher fiele es wohl nicht schwer, auf dieser neuen Stufe der Kommunikation ein faszinierendes Ausdrucksrepertoire auszumachen. Aber auch er würde wohl nicht leugnen, dass diese Sprache mit derjenigen, ‘die für dich dichtet und denkt’, nichts mehr gemein hat. Wie sollte sie Respekt vor etwas haben, was sie nicht kennt?” (Quelle: Tages-Anzeiger)
Heute sagt sein Berufskollege Urs Widmer im St. Galler Tagblatt:
“Wissen Sie, ich habe ein Verhältnis zur Sprache, das nicht moralisiert. Die Sprache tut, was sie tut. Und ich schaue zu, was sie tut, verwende das manchmal eins zu eins, aufrichtig, und manchmal mit kritischer Ironie. Aber die Sprache hat immer recht. Ich bin gegen Sprachkämpfe, gegen Vorwürfe, dass zu viele englische Wörter gebraucht würden, zu wenige französische, dass wir unsern Dialekt pflegen sollten. Ich bin einer, der wie ein Korken auf dieser Sprache schwimmt und dabei seinen wachen Kopf gebraucht.”
Die beiden Zitate sagen mehr über den Charakter der zwei Schriftsteller aus als über das Wesen der Sprache. Auf der einen Seite ist da der Moralist, der Warner, auf der anderen der wache, auch zur Ironie bereite Beobachter. Keine Frage, wer mir sympathischer ist. Obwohl, bei Adolf Muschg habe ich oft das Gefühl, dass er im tiefsten Innern gar nicht so ist, wie er sich gibt. Sondern jemand, der in seiner ganzen Liebe fürs Detail heimlich den gesellschaftlichen und sprachlichen Wandel neugierig und freudvoll miterlebt. Doch die Verlockung, im Moralisten-liebenden Deutschland zur obersten Liga jener zu gehören, die das ‘Gewissen der Nation’ genannt werden, verleitet ihn dazu, bei jedem Thema die Stirn zu runzeln und den Mahnfinger zu heben.
rittiner & gomez schrieb:
also für mich hat urs widmer mit seiner aussage mehr moral.
Geschrieben am 23. August 2007 um 07:25Uhr | Permalink
Olivia Stenson schrieb:
mir ist die moral egal- finde ich übrigens nichts abwegiges – wenn schon offensichtlich aus der mode gekommen. auf jeden fall liest sich die muschg-kritik sehr viel tiefgründiger als die auf der oberfläsche scwmmenden kritik von widmer. ist es nicht so, dass die menschen auch offen wären für gehaltvolle sprache, wenn sie ihnen denn auch geboten würde und sie täglich angewandt wäre?
Geschrieben am 23. September 2007 um 12:46Uhr | Permalink
rb schrieb:
Von mir aus gesehen geht es hier nicht in erster Linie um Moral, auch nicht darum, dass man eine gehaltvolle Sprache fordern und fördern soll (dagegen habe ich überhaupt nichts). Sondern eine allgemeine Lebenseinstellung. Dieses \’früher war alles besser\’, das hier Muschg in den Vordergrund stellt, ist alles andere als tiefgründig, sondern schlicht falsch. Seit Jahrhunderten wird dies behauptet, jede Studie sagt aber das Gegenteil: heute würden bei uns so viele Menschen gut schreiben und lesen wie noch nie.
Geschrieben am 23. September 2007 um 13:05Uhr | Permalink
Daniela schrieb:
Auf der Suche nach dem Projekt Muschgs über Görlitz, offenbar irgendwo, irgendwie angekündigtes Buch, das im Herbst erscheinen soll, auf diesen blog gestossen. Einmal mehr fällt auf, welche Wichtigkeit Zusammenhang zwischen Werk und Herkunft besteht. Und auch, dass sich die Leser genauso in zwei Lager teilen. Ich bin gar nicht so sicher, ob ich den Gedanken noch mag, dass Muschg über Görlitz schreibt. Wehe, er tut es nicht so, wie sie es verdient hat!
Geschrieben am 25. Mai 2008 um 21:01Uhr | Permalink
Daniela schrieb:
Auf der Suche nach dem Projekt Muschgs über Görlitz, offenbar irgendwo, irgendwie angekündigtes Buch, das im Herbst erscheinen soll, auf diesen blog gestossen. Einmal mehr fällt auf, welche Wichtigkeit im Zusammenhang zwischen Werk und Herkunft eines Literaten besteht. Und auch, dass sich deren Leser genauso in zwei Lager teilen. Ich bin gar nicht so sicher, ob ich den Gedanken noch mag, dass Muschg über die Stadt Görlitz schreibt. Wehe, er tut es nicht so, wie sie es verdient hat!
Geschrieben am 25. Mai 2008 um 21:04Uhr | Permalink