Kulturförderung für Computerspiele?
In Deutschland überlegt man sich ernsthaft, Computerspiele zu subventionieren, ähnlich dem Film. ”Nur wenn gute Spiele gefördert werden, haben die schlechten nicht die Bedeutung im Markt”, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Er fordert, dass bereits 2008 mit der Förderung begonnen wird.
Computerspiele sind Kunst oder können es zumindest sein. Deshalb ist nicht einzusehen, weshalb künstlerisch hochwertige Spiele nicht auch subventioniert werden sollen. In der Schweiz ist man noch längst nicht so weit. Nimmt man den Film als Gradmesser: Die Eidgenössische Filmförderung wurde 1963 eingeführt, rund 30 Jahre nach der Produktion der ersten bedeutenderen Schweizer Filme. Die Computerspiele verbreiteten sich im grösseren Stil in den 1980er Jahren. Falls es ähnlich schnell geht wie beim Film, so dürfte der Bund etwa im Jahr 2015 mit der Computerspielförderung beginnen.
Filmfestival Locarno: Die Mär von der grössten Kulturveranstaltung der Schweiz
Immer wieder, Jahr für Jahr, schreiben recherchierfaule Journalisten eineander ab: das Filmfestival Locarno sei die grösste Kulturveranstaltung der Schweiz. Keine Ahnung, wer das in die Welt gesetzt hat, vielleicht stimmte es auch einmal. Zurzeit bestimmt nicht mehr. Spontan fallen mir gleich zwei Veranstaltungen ein, die mehr als 186′000 Zuschauer (Locarno) anlocken: das Jazz Festival Montreux und das Paleo Festival Nyon. Wahrscheinlich gibts noch mehr davon. Aber was soll’s, mit Sicherheit ist das Filmfestival aber der ergiebigste Stofflieferant für kulturblog.ch — und das, ohne dass ich selber hingehen muss. Darum: schade ists vorbei.
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Basler Museen: Erfolgreiches Kollektiv-Marketing

Die Fondation Beyeler, das Kunstmuseum Basel, das Museum Tinguely und das Vitra Design Museum haben sich in der Vermarktung zusammengeschlossen. Für einmal funktioniert die Zusammenarbeit zwischen privaten und öffentlichen Institutiononen perfekt, sogar über die Landesgrenze hinweg. Werbetechnisch erreichen die vier eine enorme Kraft – selbst in Zürich sind die Basler Museen mit ihrer Werbung stärker präsent als die hiesigen Museen. Überall sieht man ihre Inserate, auf NZZ-Online blinken dauernd grosse Werbebanner, immer abwechselnd von einem der vier Museen. Das Inserat oben (stark verkleinert) stammt aus der heutigen Druckausgabe der NZZ.
Andere Institutionen und Städte können sich an den Baslern ein Beispiel nehmen, vor allem die Winterthurer Museen, die sich weit unter ihrem Wert verkaufen.
Samirs Streit mit Andrea Staka
Letztes Jahr gewann Andrea Staka mit “Das Fräulein” in Locarno den Goldenen Leoparden. Ein grosser Erfolg auch für ihren Produzenten, den Filmemacher Samir mit seiner Produktionsfirma Dschoint Ventschr. In der letzten SonntagsZeitung wurde Samir gefragt, weshalb es kein neues Projekt für Staka gebe. Samir:
“Ich habe Andrea Staka schon vor den Dreharbeiten zum ‘Fräulein’ Vorschläge gemacht. Aber Autorenfilmer sind kreative Leute, die ihre eigenen Vorstellungen davon haben, wie und wann sie ihre Filme machen wollen. Das sind keine Roboter.”
Vor allem haben sie ihre eigenen Vorstellungen davon, wie und wann sie bezahlt werden wollen. Von Andrea Staka war gemäss Bund in Locarno folgendes zu vernehmen:
“Als ich ein Honorar verlangte, wurde ich abgewiesen. Seither verkehren meine Produzenten [also Samir] und ich über Anwälte.”
Sie verkehren nur noch über Anwälte miteinander? Und ich dachte, das gibts nur im Film.
Guerilla-Kunst im Vormarsch
Während im Kunsthaus Fischli/Weiss im Das-Macht-Glücklich-Konsens dahinvegetieren und die Galerien im Preisrausch mit dem Öffnen von Sektflaschen beschäftigt sind, gibt in Zürich zurzeit vor allem die Guerilla-Kunst zu reden. Die drei herausragenden Aktionen der letzten Monate:
1. Wanze in der Oper. Das Cabaret Voltaire und die Gruppe Bitnik verstecken Wanzen im Opernhaus, die die Arien per Telefon live und ungefragt nach Hause liefern. Und ‘hacken’ damit das Opernhaus und das Urheberrecht. (link)
2. Muezzin ruft vom Kirchturm. Johannes Gees bringt an verschiedenen Kirchtürmen heimlich Lautsprecher an, zur Gebetszeit lässt er den Ruf des Muezzin ertönen. Der Kirchturm wird zum Minarett — ein starker Beitrag zur Minarett-Debatte. (link)
3. Beschriftete Bänke. Auf Sitzbänken in der Stadt stehen Sätze geschrieben wie “Nur für Christen” oder “Nur für Steuerzahler der Stadt Zürich”. Die umstrittenste der drei Aktionen — nicht nur weil sie anonym durchgeführt wurde.
Hier zielt die Kunst mit ihrer ganz eigenen Sprache ins Zentrum der politischen und gesellschaftlichen Diskussion. Das Erstaunliche: die hiesigen Feuilletons bzw. Kulturteile ignorieren die Guerilla-Kunst mit trotziger Vehemenz, solche Aktionen schaffen es nur in den Lokalteil. Dass es relevante Kunst auch ausserhalb des hochsubventionierten Kulturbetriebs geben kann, wollen in der Szene viele nicht wahrhaben — zu sehr hat man sich’s in oder mit den Institutionen bequem gemacht.
Zum Thema:
Wanze in der Oper
Muezzin ruft vom Kirchturm
CH-Filmszene: Alle Hoffnungen ruhen auf Blödelfilm
Die Zeiten, in denen es hiess, ‘je weniger Zuschauer, desto Kultur’, sind glücklicherweise vorbei. Was jedoch passiert, wenn nur die Quote zählt, ist zurzeit beim Film zu beobachten. Alles spricht vom Marktanteil der Schweizer Filme in den Kinos. Dieses Jahr ist die Bilanz im Vergleich zum Vorjahr noch mager. BAK-Filmchef Nicolas Bideau sagt, alle seine Hoffnungen ruhten nun auf “Tell“, dem Blödelfilm von Mike Eschmann. Nichts gegen Blödelfilme, die haben durchaus ihre Berechtigung — genauso wie Rolf-Knie-Kunst oder Boulevardtheater. Doch wenn das die grösste Hoffnung der höchsten Schweizer Kulturförderer ist, so wird die Kulturförderung bald obsolet.
Beim Film ist Kulturpolitik sexy
Im Normalfall ist Kulturpolitik eine trockene, ja langweilige Sache: für die Politiker ist sie bloss ein lästiger Pflichtstoff, ebenso für die Journalisten. Beim Film ist alles anders. Plötzlich sind alle gerne Kulturpolitiker — wie Filmstars treten sie am Filmfestival Locarno auf und verteilen das Subventionsgeld als wärs ihr eigenes. Couchepin und Bideau veranstalten dazu eine grosse Show, Calmy-Rey setzt wie immer ihr Wohltätigkeitslächeln auf. Grosser Abwesender ist dieses Jahr Moritz Leuenberger. Dafür ist wie immer SRG-Chef Armin Walpen vor Ort, und damit er auch einmal gross rauskommt, verspricht er voller Stolz und Gutmütigkeit, dass die SRG eine halbe Million Gebührenfranken mehr dem Schweizer Film zukommen lassen wird.
Wer Geld verspricht, kriegt eine Viertelstunde Filmstar-Glamour. Die Filmbranche sollte dieses Akquise-Mittel noch viel stärker nutzen. Was bei Politikern so gut funktioniert, sollte auch bei Wirtschaftsführern klappen.
Zum Thema:
Samichlaus Couchepin, Schmutzli Bideau
Samichlaus Couchepin, Schmutzli Bideau
Schon lange war der 3. August angekündigt als Samichlaus-Tag am Filmfestival Locarno. Die Verantwortlichen der Schweizer Filmfestivals zählten angstvoll die Tage rückwärts, keiner wusste, wie viele Münzen diesmal in seinem Säcklein sein werden. Heute Morgen war es dann so weit. Die Presse eilte in Scharen herbei, um dabei zu sein, wenn Samichlaus Couchepin und Schmutzli Bideau freudig ihre Säcklein verteilten. Überraschungen gab es nur wenige. Kaum weinende Kinder, auch nicht überglückliche, Schmutzli setzte seine Rute sachte ein.
Das Zurich Film Festival hat erstmals ein kleines Säcklein mit 50′000 Franken erhalten – bei einem Budget von über einer Million Franken. Warum macht es dieses Theater überhaupt mit? In den ersten zwei Jahren hat es bewiesen, dass es ohne die Gnade des Berner Samichlaus’ ein gutes Programm auf die Beine stellen kann. Und jetzt? Die 50′000 Franken sind zu wenig, um substanziell etwas zu verbessern — und doch genug, um in seine Abhängigkeit zu geraten.
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Solari träumt
Kunst-Stipendien: Nachwuchsförderung für Grossmutter

Im Helmhaus sind zurzeit wieder Werke von den Empfängern der städtischen Kunststipendien ausgestellt. Mittendrin die schwarz/weiss Malereien von Heidi Langauer. Die Künstlerin hat einen Atelier-Aufenthalt in Genua zugesprochen erhalten. Das Besondere: Langauer ist 68 Jahre alt. Oft sehe ich sie draussen, unterwegs mit ihren Grosskindern, immer elegant, immer voller Energie. Die Freude über den Genua-Aufenthalt ist bei der Familie entsprechend getrübt: die Grossmutter als Babysitter ist unersetzlich.