Sonstiges


Ensuite-Kolumne #1: Kulturabsturz

Morgen erscheint die erste Zürcher Ausgabe des Kulturmagazins ensuite. Darin gibts auch eine kulturblog.ch-Kolumne:

Kulturabsturz

Lügenvorwürfe, schlaflose Nächte, verzweifelte Rechtfertigungsversuche – das Dossier Kultur bedeutet für den Stadtpräsidenten nur noch: Ärger. Dabei hatte er sich einst gefreut, neben all den andern Aufgaben auch Herr über die repräsentativen Kulturhäuser zu sein. Gerne redete er von Leuchttürmen, von Weltklasse und wie Stolz wir doch auf unsere Vorzeigeinstitutionen sein können.

Der Stapi war überzeugt: Für einen, der mit dem Hochbaudepartement fertig wurde, kann die Kultur kein Problem sein! Seine Lösungen schienen einleuchtend einfach: In das krisengebeutelte Theater holte er jenen Mann, der zuvor weit oben im Norden für eine wundersame Zuschauervermehrung gesorgt hatte. Zugleich erhielt ein enger Freund des Stapis den Job als Kaufmännischer Direktor.

Ein Schachzug mit Folgen: Der Kaufmännische Direktor hielt im Zweifel zum Stapi, der eigenwillige Künstlerische Direktor hatte das Nachsehen. Im Gegenzug sorgte der Stapi dafür, dass seinem Freund nach dem freiwilligen Abgang ein grosszügiges «Schmerzensgeld» ausgehändigt wurde. Was sind schon drei Bühnenarbeiter-Jahreslöhne? Schliesslich hatte der Verwaltungsrat eines Theaters im Niederdorf seinem Präsidenten ebenfalls ein Mandat in fünfstelliger Höhe zugeschanzt. Nur blöd, kam das alles an die Öffentlichkeit.

Auch kleinere Institutionen machen ihm das Leben schwer: Die Einen verstecken Wanzen in der Oper und organisieren Grafitti-Workshops, die Anderen setzen das Logo einer Bundesratspartei auf ein Fascho-Plakat.

Dem Stapi ist das Dossier Kultur längst über den Kopf gewachsen. Die Schauspieler fordern seinen Rücktritt, die Verwaltungsratskollegen lassen ihn im Stich. Zu spät hat er gemerkt, dass «Erlaubt ist, was nicht stört» für die Kultur kein angemessenes Credo ist, dass die Zuschauerzahlen nicht das einzige Kriterium für Erfolg sind, dass es unvorteilhaft ist, hinter dem Rücken von Direktbetroffenen irgendwelche Kompromisse zu schliessen. Als Blogger ist mein Redaktionsschluss jeweils eine Sekunde vor der Veröffentlichung, als Ensuite-Kolumnist sind es ganze 10 Tage, vielleicht hat die gescheiterte Kulturpolitik bereits schon weitere Konsequenzen nach sich gezogen.

Einem andern Mann scheinen diese Vorfälle nichts anhaben zu können: dem obersten Kulturpfleger. Er hat sich’s in seiner Amtsstube gemütlich gemacht, taucht ein Problem auf, dann will er schon immer davor gewarnt haben. Gerne gebärdet er sich als Väterchen der Szene, redet aufmüpfigen Institutionen ins Gewissen, um dann in der Presse zu verkünden, die Künstler hätten eingesehen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Wann wird der eigentlich pensioniert?

Alle kulturblog.ch-Kolumnen hier

Film


20 Prozent Rendite bei Schweizer Filmen?

Mit Finanz-Investitionen in Schweizer Filme will Thomas Sterchi, Verwaltungsratspräsident der Condor Films, Renditen von bis zu 20 Prozent erzielen. Dies sagte Sterchi an einer schwach besuchten Diskussionsrunde im Rahmen des Zurich Film Festivals heute im Theater am Neumarkt. Wie soll das funktionieren, schliesslich kommt in der Schweiz kein einziger Kinofilm ganz ohne Subventionen aus?
Sterchi will seinen privaten Filmfonds als zusätzliche Geldquelle neben der staatlichen Finanzierung wissen, nicht als Ersatz. Mit andern Worten: Der Staat übernimmt den Grossteil der Kosten, zinsfrei oder gar à fonds perdu – Private sichern sich nachher den Gewinn. Ein Geschäftsmodell, das an jenes der FIFA erinnert. Entsprechend zurückhaltend nahm Daniel Waser von der Zürcher Filmstiftung den Vorschlag auf. Er will dazu nur Hand bieten, wenn die Filmstiftung gegenüber dem privaten Filmfonds als Gläubiger nicht benachteiligt wird.
Allgemein gilt: Private Investitionen in Filme oder andere kulturelle Projekte sind sinnvoll und begrüssenswert. Jedoch nur, wenn Sie aus Leidenschaft und aus Überzeugung für die Sache getätigt werden. Als reines Renditeobjekt ist die Kultur untauglich.

Zum Thema:
Neue Geldquelle für Filmemacher

Kunst/Museen


Museen: Selbstläufer Architektur

Vor einigen Jahren war im Schaulager Basel eine Ausstellung von Herzog & de Meuron zu sehen, jetzt läuft im Kunsthaus Bregenz eine Ausstellung von Peter Zumthor. ‘Baue ein Museum und stelle dich selber darin aus’, mögen sich die Architekten gedacht haben. So funktioniert das Museumsbusiness heute: Die Architektur ist die Kunst, Kunst brauchts nicht mehr.

Film


Zurich Film Festival: “Nichts anderes als ein Geschäft”

Die Eröffnungsgala des Zurich Film Festival im Kino Corso ist in vollem Gange, und Zürichs Cervelat-gewohnten Klatschjournalisten reiben sich ob der üppigen Gästeliste die Augen. Am Nachmittag zeigte sich schon mal Dieter Meier im Festivalzelt am Limmatquai, eitel wie immer, irgendwie gleicht er je länger je mehr meinem Lieblingsschaubudenbesitzer David Schönauer.
Erstaunlich war aber vor allem, was Festivalleiter Karl Spoerri heute auf Radio DRS sagte: “Letztendlich ist das [Festival] nichts anderes als ein ein Geschäft”. Genau, ein Geschäft. Bei dem es darum geht, Sponsoren zu finden, Stars anzulocken, Aufmerksamkeit zu generieren und … ach ja, gute Filme zu zeigen. Selten gibt dies im Kulturbereich jemand so offen zu (wobei sich der Film von anderen Kultursparten doch ziemlich unterscheidet) – und selten versteht im Kulturbereich jemand das Geschäft so gut wie Spoerri und sein Team.

Politik


Kölner Plakatverbot: Zürich als Vorbild?

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Die Stadt Köln verbietet dem örtlichen Schauspiel mit einem Plakat zu werben, auf dem eine gefesselte Frau abgebildet ist (Bild links). Es sei gewaltvererrlichend, befand der Kulturdezernent.
Zuletzt haben wir ähnliches in Zürich erlebt. Sowohl bei den RAF-T-shirts aus dem Cabaret Voltaire wie beim Plakat zur Fascho-Ausstellung in der Roten Fabrik intervenierte die Politik und forderte einen Rückzug. Zwar kam es nicht wie in Köln zu einem Verbot, dies vielleicht darum, weil in Zürich die Kulturinstitutionen nach ersten Warnungen zumindest teilweise einlenkten.
Wer weiss, vielleicht haben die Interventionen des Zürcher Präsidialdepartements die Kölner zu ihrem Schritt inspiriert. Das währe wahrlich kein Grund, stolz zu sein. 

Zum Thema:
Plakatstreit: Hoby als allmächtige Instanz
Cabaret Voltaire: Keine RAF-T-shirts mehr

Film


Wie Armin Walpen die Schweizer Filmemacher verschaukelte

Am Filmestival Locarno hatte Armin Walpen, der Generaldirektor der SRG SSR Idée Suisse, seinen grossen Auftritt: Vor versammelter Presse liess er sich als als generöser Filmförderer feiern. Zum zehnjährigen Jubiläum des “Pacte de l’audiovisuel” kündete er grossmundig an (gemäss Pressemeldung):

“Zudem fördert die SRG SSR zum Jubiläum des Pactes die Promotion von Schweizer Filmen mit zusätzlich 500′000 Franken.”

Die 500′000 Franken sind für die Vermarktung von je zehn Spiel- und Dokumentarfilmen reserviert. Nicht schlecht – dachte man. Jetzt, zwei Monate nach der Walpen-Party in Locarno sieht alles anders aus. Der Berner ”Bund” schreibt:

“Steht das Erfolgsmodell des Schweizer TV-Spielfilms zur Disposition? Auf jeden Fall fehlen ab 2008 die jährlich fünf Millionen Franken, die in den letzten fünf Jahren aus Unternehmensreserven in die Produktion der TV-Spielfilme flossen. Werden diese Gelder nicht kompensiert, droht ein Rückgang bei der Produktion von bisher sieben bis acht Filmen [TV-Spielfilme] auf nur noch drei Filme jährlich.”

Von den fehlenden Millionen hat Walpen in Locarno nichts gesagt – dabei muss das schon damals bekannt gewesen sein. Eine kleine Erhöhung gross ankünden und gleichzeitig eine drohende massive Kürzung verschweigen – da hat Walpen die Schweizer Filmemacher ziemlich arg verschaukelt.

Zum Thema:
Beim Film ist Kulturpolitik sexy

Bühne


Robert Hunger-Bühler: Offener Brief zur Schauspielhaus-Abfindung

Schauspieler Robert Hunger-Bühler gehört zu den wenigen Künstlern, die sowohl mit Christoph Marthaler wie mit Matthias Hartmann in vorderster Reihe mitspielten bzw mitspielen. In einem Offenen Brief äussert er sich empört über das “Schmerzensgeld” von Elmar Ledergerber an Marc Baumann. Dabei sorgt er sich um den Ruf des Hauses:

“Seit ich ab 2001 an diesem Hause bin, einem dank der Gewerke, des Ensembles und ihrer Regisseure hoch angesehenen in der europäischen Theaterlandschaft, wird sein Ruf durch, euphemistisch gesagt, mangelndes Feingefühl seitens der Verantwortlichen der Stadt Zürich ramponiert.”

Hunger-Bühler fordert die “Installierung eines fachlich ausgewiesenen Kulturdezernenten” — Jean-Pierre Hoby lässt grüssen. Auch wenn nicht alles vollständig durchdacht ist, Hunger-Bühler hat ein mutiges Papier verfasst, bei dem in jedem Wort spürbar ist, dass es aus Liebe zum Theater geschrieben wurde.
-> Der offene Brief hier

Zum Thema:
Schauspielhaus-Abfindung: Ledergerber wie Stocker

 

Kunst/Museen


Spelterini: Erstaunliche Zürcher Ansichten

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(Bahnhofstrasse, Urania Sternwarte)

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(Hauptbahnhof)

Im neuen Tagi-Magi beschreibt Schriftsteller Alex Capus in gewohnt blumiger Sprache das Leben des Ballonpioniers Eduard Spelterini (1852 — 1931). Spelterini fotografierte von seinem Ballon aus, die Bilder aus aller Welt sind atemberaubend, der neue Fotoband vom Verlag Scheidegger & Spiess fesselt von der ersten bis zur letzten Seite. Obwohl der historische Aspekt bei den Bildern nur zweitrangig ist (die Muster, Formen und die unglaubliche Tiefe machen die Bilder aus), die Ansichten von Zürich um 1900 sind doch faszinierend — da war Spelterini so etwas wie der lebende Vorgänger von Google Earth. Oben ein Vorgeschmack im Kleinvormat, in der Grossansicht kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Film


Schweizer Film wie Schweizer Fussball

Gewinnt die Schweizer Fussballnationalmannschaft hintereinander einige Spiele, so glauben die Leute gleich, die Schweiz werde nun immer an der Weltspitze mitspielen. Haben hintereinander einige Filme grossen Publikumserfolg, so glaubt die Filmbranche gleich, das werde nun immer so weitergehen.
Dank einigen jungen Talenten und einer professionelleren Förderung wird weder der Fussball noch der Schweizer Film wieder so tief in der Bedeutungslosigkeit verschwinden wie einst. Doch die Vorstellung, beim Film werde nun dauerhaft ein Marktanteil von über 10 Prozent erreicht, ist ebenso abwegig wie der Glaube, die Nationalmannschaft werde sich in Zukunft immer für grosse Turniere qualifizieren.
Die für ein kleines Land völlig normalen Schwankungen sind vor allem für BAK-Filmchef Nicolas Bideau frustrierend: für das Hoch war er noch nicht verantwortlich (die Filme wurden vor seiner Amtszeit in die Wege geleitet), kaum sitzt er am Steuer, gehts wieder abwärts. Unter dem Gesichtspunkt ist auch sein neuester, verzweifelter Vorschlag zu verstehen: sein BAK soll nur noch die grossen Filme fördern, andere Gremien wie die Zürcher Filmstiftung die kleinen. Der Vorschlag ist zwar nicht durchsetzbar, aber auch sonst: ein Wundermittel, Exploits zu einem Dauerzustand zu machen, gibt es nicht.

Politik


Pro Helvetia erreicht angeblich 5 Mio Menschen pro Jahr

20 Millionen Menschen habe die Pro Helvetia in der vergangenen Vierjahresperiode weltweit erreicht, sagte gestern Nationalrätin Christa Markwalder, um den Kredit an die Kulturstiftung zu rechtfertigen. Das macht 5 Millionen Menschen pro Jahr oder 13′700 pro Tag. Treibt man die Zahlenspielerei etwas weiter, so kostet jede Person, die die Pro Helvetia erreicht, den Steuerzahler 7 Franken — im Vergleich mit den Zuschüssen pro Theater- oder Museumseintritt ein bescheidener Betrag.
Doch dieser Vergleich ist ebenso unsinnig wie die von Frau Markwalder genannte Zahl von 20 Millionen. Was bedeutet es denn überhaupt, einen Menschen “erreicht” zu haben? Falls es diese Leute denn tatsächlich gibt, waren sie sich überhaupt bewusst, dass sie von der Pro Helvetia erreicht wurden? Egal. Die Aufgabe der Pro Helvetia ist es auch gar nicht, möglichst viele Menschen zu erreichen. Sondern Kultur zu ermöglichen und den Austausch zu fördern. Indem sie irgendwelche Phantasiezahlen in die Runde wirft, tut Frau Markwalder der Sache keinen Gefallen.

Zum Thema:
Pro Helvetia will mutig sein

Kunst/Museen


Künstler drängts in die Röhre

Der 200 Meter lange Fussgängertunnel zwischen Enge und Wiedikon übt eine magische Anziehungskraft auf Künstler aus. So kahl, so urban, so gruselig ist Zürich sonst nirgends. Gleich drei Künstler/Gruppen haben den Ort dieses Jahr schon für ihre Projekte genutzt. Am ausgiebigsten publiclab mit ihrem walk_through. Sie kreierten für den Tunnel eine Sound-Installation – ich sah sie erst, als sie bereits von Vandalen beschädigt war. Bei der Video-Oper “X.Suite Filante” von Katharina Rosenberger (lief dieses Jahr am Theaterspektakel) war der Tunnel ein wichtiger Drehort. Und eben habe ich auf YouTube das Video “sexy tube art” von Tapemosphere #15 entdeckt, aufgenommen vor drei Tagen. Ich werd zwar nicht wirklich schlau daraus, vielleicht kann ja jemand in den Kommentarspalten weiterhelfen.

Film


Übergebt den Schweizer Filmpreis dem Zurich Film Festival

Sie sind clever, sehr clever, die Macher des Zurich Film Festivals. Ohne im Kulturfilz verhängt zu sein, haben Karl Spoerri und seine Leute ein Festival auf die Beine gestellt, das dem grossen Filmfestival Locarno in Sachen internationale Ausstrahlung auf den Fersen ist und es in Sachen Glamour bereits überholt hat. Nächste Woche beginnt die dritte Austragung und alles sieht danach aus, als mache das Festival noch einen Sprung nach vorne.
Künftig erhält das Festival 50′000 Franken an Subventionen, das ist Unsinn, die Festivalmacher schaffen das auch alleine. Viel eher sollten das BAK und SwissFilms dem Zurich Film Festival die Organisation des Schweizer Filmpreises übertragen. Seit Jahren versuchen die Bürokraten, daraus einen glamourösen Anlass zu machen — vergeblich. Wenn jemand dazu fähig ist, dann die Crew des Zurich Film Festivals.

Bühne, Politik


Schauspielhaus- Abfindung: Ledergerber wie Stocker

Deckt jemand einen Missstand auf, so droht man den Überbringern der Botschaft umgehend mit rechtlichen Schritten. Elmar Ledergerber kopiert in der Affäre um die Abfindung für den ehemaligen kaufmännischen Direktor des Schauspielhauses Marc Baumann Eins zu Eins die Krisenkommunikation von Monika Stocker in der Sozialhilfe-Affäre. Bei Stocker scheint die Strategie aufgegangen zu sein, um sie ist es wieder etwas ruhiger geworden. Immerhin, so liest man, habe die Medienkampagne in ihrem Amt ein Umdenken bewirkt. Ledergerber hat die Baumann-Affäre zwar noch nicht ausgestanden, wahrscheinlich wird sie dennoch ohne Folgen bleiben (was denn sonst?).
Irgendwie fehlt in der Affäre nur noch das übliche altkluge Wort von Väterchen Jean-Pierre Hoby, der nach den ersten Querelen mit Matthias Hartmann schon immer vor einer Anstellung Hartmanns gewarnt haben wollte.

Nachtrag 19.09.: Die Situation wird für den Stapi langsam unangenehm, wie 20min.ch zu berichten weiss.

Bühne


Schauspielhaus: Bald nur noch schmutzige Kostüme?

Nach den Zugeständnissen an die Gewerkschaft muss das Schauspielhaus sparen, das Theater hat sich einen Investitionsstopp verhängt. Eigentlich müssten die Kostümwaschmaschinen dringend erstzt werden — dies wird nun hinausgeschoben. Bisher hat es das Schauspielhaus aber geschafft, dass auf der Bühne die Sparmassnahmen nicht sichtbar, bzw. riechbar geworden sind — obwohl in “Ödipus” die Schauspieler auf einem blitzförmigen Steg mitten durch die Zuschauer gehen.
Mit “Ödipus” startet Matthias Hartman grossartig in die Saison. Ironisch-bissig aktualisiert er den 2400 Jahre alten Stoff. Wunderbar, wenn die Herren darüber reden, wie der (nicht vorhandene) Chor jetzt reagieren würde. Und ein starkes Ende, wenn der blinde Ödipus am Schluss immer wieder gegen die Glaswand läuft, das Blut ihm immer mehr aus den Augenhöhlen quillt und jemand auf das Glas schreibt: Happy End. Nicht zu reden vom Bühnenbild, das auch die Zuschauertribühne umfasst.
Die Collage mit Textstellen aus dem Originalstück von Sophokles und Selbstgeschriebenem ist mitreissend, berührend. Den hinzugefügten Handlungsstrang, in dem ein Schauspieler erzählt, was 2012 mit ihm passieren wird, wäre da gar nicht nötig gewesen; die Fragen ‘Ist das Leben vorbestimmt?’ und ‘Haben wir überhaupt Einfluss auf unsere Handlungen?’ sind ohnehin eindringlich genug.
Jedenfalls: Ödipus war am Samstag ein toller Start in eine lange Nacht mit dem rundum gelungenen Schiffbaufest (unglaublich, was die Schauspielhaus-Crew da an einem Abend geleistet hat!).

Sonstiges


Wie viel Zirkus verträgt Zürich?

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Immer häufiger kommen internationale Zirkus-Shows nach Zürich, und auch die hiesigen Traditionsunternehmen drängts in die grosse Stadt — obwohl die Gastspiele gerade für die Kleinen oft defizitär sind. Zurzeit sind drei Zirkusse hier. Der Circus Royal bereits zum zweiten Mal dieses Jahr, er hat vom Zirkus Stey (ja, der mit dem betrunkenen, autofahrenden Direktor) den begehrten Platz auf den Bellevue geerbt oder, eher wahrscheinlich, gekauft.
Derweil André Hellers “Afrika Afrika”-Spektakel mit einem bisher nie gesehenen Werbeaufwand die Leute anlockt, füllt der Circus Royal sein Zelt vor allem mit dem Verteilen von Gratiskarten. Eine wohlige Erscheinung neben den zweien ist der Circus Monti, das bestgeführte Schweizer Zirkusunternehmen der Schweiz. Zurzeit gastiert es auf dem Kasernenareal. Das Programm ist zwar einmal mehr zu lieblich brav geraten, die bunten Kostüme wirken wie aus einem Kostümverleih für Kinder. Doch wie die Familie Muntwyler diesen Betrieb seit Jahren sehr erfolgreich, auf eine bescheidene und sympathische Weise führt, verdient höchsten Respekt.

Zum Thema:
Zirkusse in Zürich: 8400 Zuschauer pro Tag