Bühne


Robert Hunger-Bühler: Offener Brief zur Schauspielhaus-Abfindung

Schauspieler Robert Hunger-Bühler gehört zu den wenigen Künstlern, die sowohl mit Christoph Marthaler wie mit Matthias Hartmann in vorderster Reihe mitspielten bzw mitspielen. In einem Offenen Brief äussert er sich empört über das “Schmerzensgeld” von Elmar Ledergerber an Marc Baumann. Dabei sorgt er sich um den Ruf des Hauses:

“Seit ich ab 2001 an diesem Hause bin, einem dank der Gewerke, des Ensembles und ihrer Regisseure hoch angesehenen in der europäischen Theaterlandschaft, wird sein Ruf durch, euphemistisch gesagt, mangelndes Feingefühl seitens der Verantwortlichen der Stadt Zürich ramponiert.”

Hunger-Bühler fordert die “Installierung eines fachlich ausgewiesenen Kulturdezernenten” — Jean-Pierre Hoby lässt grüssen. Auch wenn nicht alles vollständig durchdacht ist, Hunger-Bühler hat ein mutiges Papier verfasst, bei dem in jedem Wort spürbar ist, dass es aus Liebe zum Theater geschrieben wurde.
-> Der offene Brief hier

Zum Thema:
Schauspielhaus-Abfindung: Ledergerber wie Stocker

 

Kommentare (9) zu “Robert Hunger-Bühler: Offener Brief zur Schauspielhaus-Abfindung”

  1. Mario schrieb:

    Erstaunlich, wie unkommentiert Hungerbühlers offener Brief bleibt. Man spürt richtig das erschreckte Einatmen. Ein Tabubruch. Ein Schauspieler äussert sich. In Wien wäre das nun ein Dauerbrenner, wenn ein Bühnenstar wie Hungerbühler sich politisch äussern würde. Hier: Schweigen. Sogar unter den Bloggern ( rb ausgenommen, der hats ja draufgestellt). Was sind wohl die Gründe für dieses Schweigen? Argumentativ lässt sich an Hungerbühlers Brief ja nichts bekritteln. Rennt er nur offene Türen ein? Aber warum hat das Ganze dann nie politisch Folgen. Das Problem scheint zu sein: Kritik am Schauspielhaus, an der Kulturpolitik scheint von den schrecklichen Hirten der SVP vereinnahmt worden zu sein. Dabei gäbe es massive Gründe, auch als “Linker” die Kulturpolitik zu kritisieren. Eigentlich müssten eine Handvoll Autonome das Schauspielhaus mal besetzen für ein paar Tage, das würde vielleicht was bewegen.

  2. philipp meier schrieb:

    @mario: du schreibst mir aus dem herzen

  3. rb schrieb:

    Es ist tatsächlich unglaublich, wie Hunger-Bühlers Brief einfach ignoriert wird.
    «Rennt er nur offene Türen ein?», hinter vorgehaltener Hand: ja. Doch gegen aussen äussert sich niemand, schliesslich profitieren in dieser Stadt alle selber vom Geld aus dem Präsidialdepartement. Vor allem die Rote Fabrik hat meiner Meinung nach ihre Legitimation verloren, wenn sie bei solchen Themen einfach stumm bleibt.
    Übrigens: für die Kulturzeitschrift «ensuite», die Anfang Oktober erstmals in Zürich erscheint, habe ich einen Text zu den haarsträubenden Auswüchsen in der Zürcher Kulturpolitik geschrieben.

  4. sam schrieb:

    @mario. ja, das ist es eben. die halbe kulturstadt liest den kulturblog ( “hast du gelesen im kulturblog”? hört man immer öfter ), doch alle schauen nur als zaungäste zu, wie von wenigen blumig, fröhlich, klug bis dümmlich kulturpolitisiert wird. eigentlich ist es anrüchig, hier zu schreiben, es schadet dem ruf. so, wie wenn man auf dem dorfplatz rumfüdelen würde. “seine meinung sagen”. war das in den 70′ern noch ausdruck von zivilcourage, so ist es heute zeichen von dummheit. und was damals feigheit war, ist heute klugheit ( ob das besser war damals weiss ich nicht ). sicher ist: hungerbühler schreitet voran, doch er bleibt allein. auch seine schauspielerkolleginnen vom schauspielhaus öigen sehrwahrscheinlich feig und schadenfreudig hinter dem vorhang hervor, wie er mit runtergelassenen hosen dasteht und null resonanz erzeugt. ich glaube nicht, dass die kulturschaffenden sich nicht mehr äussern wegen angst vor jean pierre hoby und ledergerber und möglichen schlimmen konsequenzen. hoby/ledergerber hat 400asa zumindest schon ziemlich die leviten gelesen, ob bei “marthaler bleibt” oder beim streik oder beim hob(b)yhamlet-stück und es entstand eher der eindruck, sie liebten es, dass man sich mal äussert als kulturschaffender – seinen job macht und sie kritisiert ( was nicht heisst, das das dann positive folgen zeitigte ). viel schlimmer sind die betriebsnudeln des theaterbetriebs, die angst haben als “wirrköpfe” oder “rechthaber” dazustehen, wenn sie – wie hungerbühler – ihrer verletzung ausdruck geben, ihrem zorn oder ihren gedanken. die innere selbstzensur, der vorauseilende gehorsam der kulturschaffenden gegenüber autoritären ist der eigentliche grund des schweigens. dies im übrigen vielleicht auch der grund weshalb man am schauspielhaus im moment nur intellektuelle harmlosigkeiten zu sehen und hören kriegt. wenn den schauspielern, regisseuren und dramaturgen halt der mumm fehlt die hierarchien zu hinterfragen und die rebellion zumindest als alternative zum anpassertum anzudenken ( auch im bezug zum tyrannenregime von hartmann), dann sieht man dann halt auch ästhetisch. aber hungerbühler bleibt eine löbliche ausnahme. vielleicht weil noch ein rest vom marthaler-geist in ihm lebt.

  5. rb schrieb:

    «die halbe kulturstadt liest den kulturblog» das liest man gerne!
    Doch schadet es tatsächlich dem Ruf, hier seine Meinung kundzutun? Ist die Angst, mit «abgesägten Hosen» dazustehen grösser als die Freude am Debattieren? Dann bleibt für mich nur das bittere Fazit: Jede Stadt hat nicht nur die Politiker, die sie verdient, sondern auch die Kulturleute, die sie verdient.

  6. Zappadong schrieb:

    Zitat: “seine meinung sagen”. war das in den 70′ern noch ausdruck von zivilcourage, so ist es heute zeichen von dummheit. und was damals feigheit war, ist heute klugheit ( ob das besser war damals weiss ich nicht ).

    Wenn das wirklich so ist, ist das eine totale Bankrotterklärung.

    Ich habe noch einen viel schlimmeren Verdacht: Es ist wahrscheinlich total uncool, seine Meinung zu sagen … Leider gibt es keine Steigerung zur totalen Bankrotterklärung, denn gäbe es eine, müsste man sie in diesem Falle anwenden.

    Danke, sam, für diesen Einblick. Mit diesem Hintergrundwissen über solch rufschädigende Tätigkeiten wie seine Meinung – erst noch öffentlich – kundzutun, habe ich vor dem offenen Brief von Herrn Hungerbühler noch viel mehr Respekt. Ich ziehe meinen Hut vor Ihnen, Herr Hungerbühler!

    Zappadong

  7. sam schrieb:

    @rb ich bin mir nicht sicher. die reaktionen der leute sind manchmal so leicht süffisant, was das bloggen betrifft. oder eben bezüglich offenen briefe. man liest zwar gerne mit – weiss auch immer alles, aber wirklich alles, als erste handlung am morgen tippt man perlentaucher.de ein – aber äussert sich erst wirklich dezidiert, wenn man weiss, dass die eigene meinung abgefedert ist durch ein leitmedium oder durch die “siegende” fraktion. vorher brümelt man sich unsicher durch. das sind so meine erfahrungen in letzter zeit mit menschen, die eigentlich eine meinung oder eine position vertreten müssten (aufgrund ihrer funktion). sicher war der opportunismus schon immer eine leitlinie für viele in der kulturwelt, aber doch finde ich, dass in letzter zeit der opportunismus als haltung, die zum erfolg führt, mehr kultiviert und zum ideal erhoben wird als früher – und das auf kosten der qualität der kunst. aber vielleicht bin ich auch schon auf dem weg zum gotthelf’schen moralisten, aufgrund meines steigenden alters. seltsam bleibt: wieso gibt es keine relevanten äusserungen von schrifstellern oder regisseuren oder schauspielern ( natürlich: hungerbühler jetzt ausgeschlossen ) zu den kulturpolitischen pannen. ich weiss durchaus, das es nicht allen so gut geht, wie sie behaupten. interessant dazu die forderungen des schweizer autoren andreas sauter zu der art, wie mit dem berufstand des autoren so umgegangen wird im subventionierten stadttheater. siehe: http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&task=view&id=447&Itemid=84 . diese zustände, die sauter und co beschreiben treffen durchaus auch auf die schweiz und zürich zu. ( man denke nur an die x-stückaufträge im neumarkt theater von wolfgang reiter, die nie zu aufführungen führten). aber ich will nicht zu sehr ablenken es geht hier ja vor allem um die unachtsamkeit, wie ledergerber kulturpolitik betreiben. vielleicht hängen die sachen schon zusammen. es herrscht sicher bei allen eine tiefe krise in der defintion, was das subventionierte theater leisten soll. im momen kostet es nur. abfindungen eingeschlossen. aber einen wirklichen auftrag spürt man nicht mehr. ich jedenfalls nicht. es ist leider so: bei “we will rock you” wird subversiver über die globalisierung nachgedacht als am schauspielhaus. da ist das drumherum (streik und gezoffe) lustiger und inspirierender als die aufführungen.

  8. rb schrieb:

    Nur negativ ist die Entwicklung, wie du auch selber sagst, ja nicht. Dass die Zeit vorbei ist, in dem Kulturschaffende zu jedem Thema gleich ein moraltriefendes Pamphlet in die Welt setzen, darüber kann man eigentlich nur froh sein.
    Künstlerische Interventionen zu aktuellen Themen gibt es zum Glück immer noch, sogar sehr starke, z. B. der Ruf des Muezzin vom Kirchturm. Im Theaterbereich ist in der Hinsicht aber in letzter Zeit tatsächlich nicht mehr viel gekommen. Das Theater hat seine Vormachtstellung bei der kritischen Behandlung aktueller Themen längst verloren, zumindest in Zürich.

  9. Zappadong / Alice schrieb:

    Hallo Sam

    Okay, dann hänge ich mal kurz meinen Zappadong an den Nagel uns äussere mich als Schriftstellerin :-) – ähm, allerdings nicht als literarische, sondern ganz profan als unterhaltende im Jugendbuchbereich (das zählt ja vielleicht unter den sich nicht äussernden Snobs nicht, weil es nicht “richtige” Kunst ist).

    Wie auch immer: Meine Meinung als Schriftstellerin bleibt dieselbe wie jene als Zappadonglerin.

    Mein grosses Glück ist, dass ich nicht von Werkbeiträgen, Subventionen, oder irgendwelchen Förderprogrammen abhängig bin. Ich glaube, ich würde durchdrehen :-)))

    Der Preis, den ich dafür zahle: Ich werde wohl nie vom Schreiben leben können. Dafür bleibe ich ein Freigeist. Das ist mir mehr wert.

    Alice (Zappadong)