Film


Wie Armin Walpen die Schweizer Filmemacher verschaukelte

Am Filmestival Locarno hatte Armin Walpen, der Generaldirektor der SRG SSR Idée Suisse, seinen grossen Auftritt: Vor versammelter Presse liess er sich als als generöser Filmförderer feiern. Zum zehnjährigen Jubiläum des “Pacte de l’audiovisuel” kündete er grossmundig an (gemäss Pressemeldung):

“Zudem fördert die SRG SSR zum Jubiläum des Pactes die Promotion von Schweizer Filmen mit zusätzlich 500′000 Franken.”

Die 500′000 Franken sind für die Vermarktung von je zehn Spiel- und Dokumentarfilmen reserviert. Nicht schlecht – dachte man. Jetzt, zwei Monate nach der Walpen-Party in Locarno sieht alles anders aus. Der Berner ”Bund” schreibt:

“Steht das Erfolgsmodell des Schweizer TV-Spielfilms zur Disposition? Auf jeden Fall fehlen ab 2008 die jährlich fünf Millionen Franken, die in den letzten fünf Jahren aus Unternehmensreserven in die Produktion der TV-Spielfilme flossen. Werden diese Gelder nicht kompensiert, droht ein Rückgang bei der Produktion von bisher sieben bis acht Filmen [TV-Spielfilme] auf nur noch drei Filme jährlich.”

Von den fehlenden Millionen hat Walpen in Locarno nichts gesagt – dabei muss das schon damals bekannt gewesen sein. Eine kleine Erhöhung gross ankünden und gleichzeitig eine drohende massive Kürzung verschweigen – da hat Walpen die Schweizer Filmemacher ziemlich arg verschaukelt.

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Kommentare (21) zu “Wie Armin Walpen die Schweizer Filmemacher verschaukelte”

  1. kammacher schrieb:

    Was sagt Walpen? «Der Pacte erlaubt Visionäres und Experimentelles im einheimischen Filmschaffen und ermöglicht damit ein kulturell wertvolles Abbild der schweizerischen Wirklichkeit». HAHAHA. Experimentelles, wo? Wo bleiben die Drehbücher, die einen Star wie Mads Mikkelsen generieren? Wo bleibt die professionelle Stoffentwicklung? Solange es reicht, dass eine/r ein bisschen dick ist und für die Land-Kartoffeln, die am Sonntagsabend den TV einschalten, dadurch lustig wirkt, werden wir keine internationalen Stars in Regie und Schauspiel haben. Win Win Situation? Für wen? Wem nützte der” Pacte de l’audiovisuelle”? Sicher nicht den Regisseuren. Sicher nicht den Autoren. Jedenfalls nicht denen, die was wollen auf dem internationalen und dadurch wirklich kommerziellen Parkett. Sicher nicht den Schauspielern. Vielleicht knapp dem Catering, den Lichttechnikern, den etablierten Produzenten und der TV-Redaktion. Und nicht einmal mehr diesen mehr in Bälde, scheint es.

  2. sven schrieb:

    @rb: eigentlich wussten es alle – auch die produzenten – dass das kässeli für die extra-spielfilme ende jahr aufgebraucht sein wird. ob es dann ab nächstem jahr nur noch drei sind, mag heute noch niemand bestätigen bzw. dementieren. vielmehr fehlt ein grundsätzliches konzept, wie es mit den fernsehfilmen weitergehen soll.

    @kammacher: bettina stucky wäre in deutschland als tatort-kommissarin sicher ein star. sie könnte auch die hauptrolle spielen in eurem projekt “der polder”, das zieht dann vielleicht auch die stadt-rüben vor die sonntags-glotze.

  3. rb schrieb:

    «eigentlich wussten es alle» -> merkwürdigerweise wurde es dennoch erst zum Thema, nachdem Samir es kürzlich an einer Podiumsdiskussion zur Sprache brachte.

    Bettina Stucky finde ich auch eine tolle Schauspielerin, sowohl auf der Bühne wie im Film. Übrigens: Bettina Stucky, Mathias Gnädinger, Mike Müller… warum mag eigentlich das Schweizer Publikum so sehr rundliche Schauspieler? Habe ich mir jetzt ein gutes Blog-Thema verbraten?

  4. kammacher schrieb:

    bettina stucky ist eine ausgezeichnete, hervorragende schauspielerin, eine der besten. wenn sie nur mal ein drehbuch zu spielen hätte, das so gut wäre, dass sie international leuchten begänne. sowieso ist dieses land voller grossartiger schauspielerInnen. aber ohne gute bücher merkt das niemand ( ausser die kartoffeln, aber die gehen nicht ins kino ).
    ob mike müller ein guter schauspieler ist, kann man erst beurteilen, wenn ihm mal jemand eine gute rolle schrübe.

  5. heinz schrieb:

    …mike müller ist ein super schauspieler. man sieht das immer wieder wie er rollen zum leben erweckt, die eigentlich als figuren im buch nicht funktionieren. (Undercover von Sabine Boss z.B.)

  6. kammacher schrieb:

    finde ich gefährlich, ein solches lob. das nützt der filmszene und ihm als schauspieler überhaupt nix. auf dieser falschen nettigkeitbasis macht sich die szene seit jahren etwas vor. ohne gute bücher keine erfolgreichen schauspieler, keine stars. so einfach ist es leider. alles andere ist lob auf der ebene von theäterlen im familienkreis oder für “sälber gmacht”, jenes kid-formats, das es in den 80ern im tv gab. viel weiter als “sälber gmacht” ist der ch-film immer noch nicht, wenn es ausreicht zum glück, dass man sich pusserl gibt und sich anlügt und dann ein güetzi zusammen isst.

  7. heinz schrieb:

    …na dann. sind wir gespannt auf deine guten bücher. und dann hopp; den müller und die stucky zusammen. world glamour.

  8. Zappadong / Alice schrieb:

    Lieber Kammacher, ich mag den Schweizer Film. Man muss ihn nicht in den Himmel loben, aber ihn so mehr oder weniger auf ein paar Pussler, ein Güetzi und ein bisschen Theätleren zu reduzieren, ist schon sehr snobistisch.

    Ich habe den Tell nicht gesehen, aber ich kann mir vorstellen, dass er auch nicht schlechter ist Dutzende dieser ach so witzigen amerikansichen Komödien. Nur: Weil er eben ein Schweizer Film ist, wird er zerrissen, was das Zeug hält.

    Vielleicht schwingt im Zerriss Enttäuschung darüber, dass der Film kein Meisterwerk ist (was ja jeder Schweizer Film laut Kritikern unbedingt sein müsste), vielleicht hacken wir Schweizer aber auch einfach ganz besonders gerne auf unseren Filmen, Büchern, Musikern usw. herum – damit bloss niemand auf die Idee kommen könnte, sich etwas einzubilden.

    Ich für meinen Teil schaue mir sehr gerne am Sonntagabend die Schweizer Filme im TV an, meistens bin ich nicht unzufriedener als bei anderen Filmen auch, manchmal finde ich sogar, dass ich gerade etwas wirklich Gutes gesehen habe (“Nachbeben” zum Beispiel, oder auch der letzte Krimi mit Bettina Stucky, “Grounding” hat mir auch gefallen).

    Und ja, ich finde auch, dass Mike Müller und Bettina Stucky wirklich gut sind. Ich habe auch gar keine Angst, dass die jetzt abheben oder sich gross etwas einbilden, wenn man das sagt.

    In diesem Sinne schliesse ich mich Heinz an: hopp, den Müller und die Stucky zusammen! Und könnte man dann noch irgendwie den Roland Wiesnekker dazugeben?

    Alice

  9. kammacher schrieb:

    @heinz. da kannste gift draufnehmen, dass da gute bücher kommen. nach den nächsten flops wie “cannabis” und “tell” wird auch bak und filmstiftung schnallen, dass jetzt die begabten und ambitionierten dran kommen müssen.
    @zappadong. das ist schön, das du den schweizer fim magst. das nützt ihm international aber auch nicht weiter. unsere sonntagabendbefindlichkeit, so gemütlich sie auch sein mag, ist leider kein international relevantes kriterium. mit deiner positiven einschätzung von nachbeben gebe ich dir aber sehr recht. der läuft dann aber um 22.30 uhr, leider.

  10. heinz schrieb:

    Bescheidenheit scheint nicht so Eure Stärke zu sein, was? Die Tell-Macher sind ja wahrscheinlich auch nicht nur Dubelis und mit einem Pitch wie (ThinkTank Kammmacher: “Eine Mutter versucht, ihre in Realität zerstörte Familie innerhalb eines Online-Spiels zu bewahren. Vergeblich…) scheint mir eher schwierig zu sein ein internationals Publikum zu finden…das ist doch theäterlen, oder nicht?

  11. kammacher schrieb:

    ja, sicher ist das theäterlen! endlich! so wie fellini theäterlet, oder wie man bei “das fest” theäterlet hat. stell dir einen bergmann-film vor, bei dem nicht “theäterlet” wird, oder “blaur witch projekt” ohne theäterlen. vergiss es. für die schweizer filmtechniker und maskenfrauen – die auf unseren sets das sagen haben – ist vielleicht das “theäterlen” das schlimmste, was es gibt für einen film. es könnte ja den sauberen drehplan gefährden. aber: die künstler werden in bälde die macht übernehmen auf den sets, und dann wird endlich wieder “theäterlet” vor der kamera. zudem muss auch während des drehbuchschreibens “theäterlet” werden, ohne kenntnis der dramatik kriegst du kein drehbuch hin, ohne lustvolles testen des dialoge, sprich “theäterlen” gibts kein gutes drehbuch. in dem sinn ja: hoffentlich ist unser projekt voller theäterli-energie. das ist die zukunft des schweizer films, das theäterlen. alle, die da keine fertigkeiten mitbringen, sind weg vom fenster in ein paar jahren. also besucht besser ein paar theäterlikurse, wenn ihr dann bei uns um jobs anfragen werdet.

  12. Zappadong / Alice schrieb:

    Ich habe gerade den zweiten Studer Film geschaut und fand ihn wirklich gut.

    Ob der jetzt international einschlägt wie eine Bombe oder nicht, spielt für mich nicht unbedingt eine Rolle.
    Es ist mir wichtiger, dass er – in meinen Augen – gut ist.

    Und dann könnte es ja auch noch so sein: Selbst die mittelprächtigsten bis lausigsten Filme aus Amerika “schlagen international ein”. Ich denke, es spielt nicht nur eine Rolle, wie gut der Film ist, sondern auch, von wo sie kommen – und nicht zuletzt, welches Land gerade wahnsinnig “hipp” ist. Es gibt ja so Jahre, da fahren alle völlig auf vietnamesiche Filme ab (fiktiv gewähltes Beispiel, weil ich mich nicht an das letzte Hipp-Land erinnere). Und im nächsten Jahr pilgern ganze Heerscharen in Filme aus Hintertimbuktu, weil die ja soooo angesagt sind. Und alle paar Jahre rollt eine Welle auf uns zu, wie damals diese Dogma-Filme. Was in diesen Jahren nicht “Dogma” oder was auch immer ist, ist dann halt auch wieder unten durch. “International einschlagen” ist also bei weitem nicht nur ein Kriterium für Qualität.

    Wie auch immer. Ich übe mich in Geduld und warte auf euere Filme. Bin gespannt, wie die herauskommen.

    Alice

  13. kammacher schrieb:

    sicher gibt es trends. aber trotzdem: die filme aus dänemark waren nicht wegen wackelkamera erfolgreich, sondern wegen den sehr guten drehbüchern, die wackelkamera war nur ein mittel zum zweck, dass diese filme schnell entstehen konnten. zudem: natürlich kann man diesen studer film so plus minus schauen, aber trotzdem: vergleicht man ihn zum beispiel mit “für alle fälle fitz” oder mit der eagle-serie aus dänemark ( jeweils samstags auf zdf ), dann ist auch dieser studer mies. kein genauer blick auf soziale realitäten, hölzernes schauspiel, teenie-klischees ( “jetzt la mich in rueh, mammi”, und: “ich chann grad nöd rede, bulle sind da!” ). es reicht einfach nicht. sowas verkauft sich nicht. es ist einfach zuwenig gut. und diese sosolala-haltung, dass man sich so auf die schultern klopft, wenn es schon so halb wie ein film aussieht, das schadet der sache. es braucht filme, die mehr als nur mittelmässig sind. die herbstzeitlosen erfüllt vielleicht mit seinem überhölzernen charme, der über sich selber zu reflektieren scheint, annähernd das zu erreichende niveau. das liegt aber sehr stark an der einfachheit des films. vielleicht war der spitalfim von steiner auch annähernd in dem bereich. ich vermute, das hat mit der übersichtlichkeit der drehorte zu tun. deshalb kamen die regisseure auch zu “tieferen” bildern, die der sache dienten. sie mussten nicht dauernd das equipment vom graubünden nach zürich schleppen und umgekehrt.

  14. Heinz schrieb:

    da kann ich nur zustimmen. dieser studer war eine reine katastrophe. find ich auch: das reicht nicht. der war ja sowas gespickt voll von falschen tatsachen…(wie z.b. der kriminaltechnische dienst sagt sie hätten nun feierabend….aber hallo, das passiert also auch in der schweiz nicht!) ich fand auch das da ein team von super diletanten am werk wahren…Das Trio Hirsiger(SF)/Boss(Regie) Isabella & Daniela Cianciarulo (Drehbuch)…schlimm…auch die dekors waren sehr unglaubhaft…man hatte das gefühl die macher wollten einfach nur geld verdienen….und überhaupt fand ich es nach dem Lenia-Fall eigetlich nur peinlich einen solch oberflächliche Verarbeitung dieses themas zu bringen…

  15. Alice schrieb:

    Ich stimme kammacher in Bezug auf das zum Teil wirklich sehr hölzerne Spiel zu (nicht von allen); das mit den falschen Tatsachen ist nicht wegzudiskutieren, Heinz (nur: die findest du in praktisch jedem Krimi) …
    Aber gleich den Geldverdiengedanken unterzuschieben? Wenn Kammacher (wer von euch schreibt eigentlich die Blogeinträge – es wäre schön, einen Namen zu haben, das aber nur am Rande) sagt, dass sich ein solcher Film nicht verkaufen lässt, sehe ich die Einnahmequelle nicht so ganz …

  16. rb schrieb:

    Ich bin ja auch sehr gespannt auf die nächsten Filmprojekte von Kammacher, die Erwartungen sind mittlerweile sehr hoch… (was aber durchaus gut ist). Jedenfalls, diese Diskussion hier würde sich wieder anbieten, selber Filmstoff zu werden, so wie hier ;-).

  17. heinz schrieb:

    Einnahmequelle? Das ist gut. Einnahmequelle! Du, liebe Alice, und ich Heinz, als auch rb (wahrscheinlich) und kammacher (sicher) bezahlen bilag. viel geld. gebührengelder. gnaz viel jedes jahr. damit betzahlt sf sein progarmm. sf tv-spielfilm ist da nur ein kleines segment (dieses jahr von 7-8 auf 3 zuammengeschrumpft; resp. nun ohne beamten; resp. samir = entlassungen, nicht wegen bideau…sorry samir…) wir haben das sagen. Die hirsiger und das fernsehfilmteam sfdrs…beamtenpack…sorry…kulturverwalter…gebührenkoordinatoren….künstler…kreative? tja…danke kulturblog…

  18. heinz schrieb:

    heinz nochmals: 7-8 tv-spielfilme…nun wurde runzergeschraubt…3 oder so…ist natürlich für die industrie katastrophal… einer kostet etwa 1,5 Millionen also etwa 4-5 Millionnen (über den daumen) weniger geld an filmschaffende…ev. in der ch ca. 40-50 leute + infrastraktur…aber samir’s close down hat weniger mit bideau zu tun als mit der tatsache das es statt 7-8 nur noch 3-5 wertvolle sf-drs filme geben wird…. sehr wertvoll! ….oscarverdächtig… ev. studer???? next year???? studer????

  19. onkel von "heinz" schrieb:

    onkel von heinz (tonbandaufnahme): “doch, doch, ich denke schon…also wenn man die herbstzeitlosen sieht…im kino…grosses kino…ich meine grosses tv…wie damals…bei koller, “reise der hoffnung”, oscars und so…oberli wird chancen haben….nun müssen wir redimensionieren…die deutschen…sie sind schon in bern, diese chaoten…” onkel von heinz schläft ein.

  20. kammacher schrieb:

    a good book. a good book. a good book. die antwort von hitchcock, was es braucht, damit ein film gut wird. wir kammächerlein werden das problem auch nicht alleine lösen können. egal, wer es schafft: irgendjemand muss es schaffen. einen riesenerfolg zu lancieren, der ein neues ch-film genre generiert. vielleicht so, wie cronenberg ende der 70′er den kanada-horror erfand. oder wie bergmann in den 50ern den schweden problemfilm erfand. oder wie kaurismäki den finnland blues sang. wir ch-filmemacher müssten es durch einen solchen internationalen erfolg – ob auf kommerzieller oder künstlerischer ebene ist völlig egal – möglich machen, dass die karten neu gemischt werden und diese lähmende c-film und condor kultur aufgebrochen wird. dazu würde ein film reichen. ein riesenknüller. eine superbombe. wir kammacher denken: lieber sechs völlig miese filme, und dann ein superknüller, als 15 filme im sf-füdeli-stil. ein einziger film könnte die pforten des himmels öffnen. für viele filmemacher. deshalb braucht es nun sportiven geist, teamplaying auf neuem level. damit diese guten bücher geschrieben werden können. kammacher wird versuchen, einen sponsoren finden, der anstatt eine halbe million in einen schlecht geschriebenen film, lieber 100 riesen in zwanzig treatments investiert. stoffentwicklung, das braucht der ch-film. gut leuchten können wir.

  21. Alice schrieb:

    Kammacher, wie siehst du denn die Chancen, dass Pippilottis Film genau jener Film sein könnte, der die Pforten öffnet?