Sonstiges
30. September 2007
Ensuite-Kolumne #1: Kulturabsturz
Morgen erscheint die erste Zürcher Ausgabe des Kulturmagazins ensuite. Darin gibts auch eine kulturblog.ch-Kolumne:
Kulturabsturz
Lügenvorwürfe, schlaflose Nächte, verzweifelte Rechtfertigungsversuche – das Dossier Kultur bedeutet für den Stadtpräsidenten nur noch: Ärger. Dabei hatte er sich einst gefreut, neben all den andern Aufgaben auch Herr über die repräsentativen Kulturhäuser zu sein. Gerne redete er von Leuchttürmen, von Weltklasse und wie Stolz wir doch auf unsere Vorzeigeinstitutionen sein können.
Der Stapi war überzeugt: Für einen, der mit dem Hochbaudepartement fertig wurde, kann die Kultur kein Problem sein! Seine Lösungen schienen einleuchtend einfach: In das krisengebeutelte Theater holte er jenen Mann, der zuvor weit oben im Norden für eine wundersame Zuschauervermehrung gesorgt hatte. Zugleich erhielt ein enger Freund des Stapis den Job als Kaufmännischer Direktor.
Ein Schachzug mit Folgen: Der Kaufmännische Direktor hielt im Zweifel zum Stapi, der eigenwillige Künstlerische Direktor hatte das Nachsehen. Im Gegenzug sorgte der Stapi dafür, dass seinem Freund nach dem freiwilligen Abgang ein grosszügiges «Schmerzensgeld» ausgehändigt wurde. Was sind schon drei Bühnenarbeiter-Jahreslöhne? Schliesslich hatte der Verwaltungsrat eines Theaters im Niederdorf seinem Präsidenten ebenfalls ein Mandat in fünfstelliger Höhe zugeschanzt. Nur blöd, kam das alles an die Öffentlichkeit.
Auch kleinere Institutionen machen ihm das Leben schwer: Die Einen verstecken Wanzen in der Oper und organisieren Grafitti-Workshops, die Anderen setzen das Logo einer Bundesratspartei auf ein Fascho-Plakat.
Dem Stapi ist das Dossier Kultur längst über den Kopf gewachsen. Die Schauspieler fordern seinen Rücktritt, die Verwaltungsratskollegen lassen ihn im Stich. Zu spät hat er gemerkt, dass «Erlaubt ist, was nicht stört» für die Kultur kein angemessenes Credo ist, dass die Zuschauerzahlen nicht das einzige Kriterium für Erfolg sind, dass es unvorteilhaft ist, hinter dem Rücken von Direktbetroffenen irgendwelche Kompromisse zu schliessen. Als Blogger ist mein Redaktionsschluss jeweils eine Sekunde vor der Veröffentlichung, als Ensuite-Kolumnist sind es ganze 10 Tage, vielleicht hat die gescheiterte Kulturpolitik bereits schon weitere Konsequenzen nach sich gezogen.
Einem andern Mann scheinen diese Vorfälle nichts anhaben zu können: dem obersten Kulturpfleger. Er hat sich’s in seiner Amtsstube gemütlich gemacht, taucht ein Problem auf, dann will er schon immer davor gewarnt haben. Gerne gebärdet er sich als Väterchen der Szene, redet aufmüpfigen Institutionen ins Gewissen, um dann in der Presse zu verkünden, die Künstler hätten eingesehen, dass sie einen Fehler gemacht haben. Wann wird der eigentlich pensioniert?
Alle kulturblog.ch-Kolumnen hier
Anonymous schrieb:
Politik und Kultur sind zwei Paar Schuhe die besser nicht vertauscht werden. Herr L. aus Z. nutzt die Kulturbühne allzu eifrig für seine Zwecke – und ist lebhafter Beweis dafür: Die Zeit ist reif für eine Trennung von Kultur und Staat.
Geschrieben am 30. September 2007 um 18:19Uhr | Permalink
unkultur schrieb:
@Anonymous: Dann müssten wir fortan eine Kultursteuer bezahlen?
Geschrieben am 30. September 2007 um 21:59Uhr | Permalink
Pavel schrieb:
freue mich auf die gedruckte ausgabe, lieber rico!!!
Geschrieben am 30. September 2007 um 23:18Uhr | Permalink
_* schrieb:
ich verleihe ihnen, werter rb, hiermit den ersten «zürcher kultur-tsche-gewara»
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Geschrieben am 1. Oktober 2007 um 10:33Uhr | Permalink
_* schrieb:
sorry, der «pokal» ist etwas missglückt (das programm scheint keine leerschläge am anfang einer neuen zeile zu mögen)
Geschrieben am 1. Oktober 2007 um 10:35Uhr | Permalink
bgg schrieb:
Ricos Text gefällt mir sehr gut, allerdings… Alles in allem bin ich von der ersten ensuite-Nummer doch leicht enttäuscht. Auch wenn ich nichts gegen unsere Bundeshauptstadt habe, das ist mir nun tatsächlich zu bernlastig, hatte ich doch eine richtige “Zürcher Ausgabe” erwartet. Die Aufgabe, redaktionell über Zürichs grosses Angebot einen Überblick zu verschaffen, geht da leider noch etwas unter. Kommt hinzu, dass man zum Teil erst nach Suchen im Text erfährt, ob eine Veranstaltung in Zürich oder Bern, Burg- oder Dübendorf stattfindet (ZB bei den Beiträgen uhrenwalter mozartheidi, Cinematic Orchestra, Sonarraum). Da könnte eine einheitliche Fusszeile mit allen nötigen Infos wie Datum, Uhrzeit, Ort Abhilfe schaffen.
Auch der Seitenhieb auf den Züritipp in der heutigen BZ (www.espace.ch/artikel_426809.html) ist eher unnötig.
Freuen wir uns auf November!
Geschrieben am 1. Oktober 2007 um 17:53Uhr | Permalink
Anonymous schrieb:
voilà: alle juristischen Personen zahlen ein saftiges Kulturprozent ein in einen politisch unabhängigen Kulturfonds. Dieser wird von einer unabhängigen Stiftung verwaltet (und nicht von Politikern)
Geschrieben am 1. Oktober 2007 um 18:21Uhr | Permalink
ensuite schrieb:
@bgg: Geht in Ordnung! Wir haben das ja auch erwähnt, dass die Zürich-Ausgabe noch etwas bernlastig ist. Und das mit den Fussnoten stimmt leider auch – aber das ist ein Problem, welches wir schon länger kennen. Wäre also Zeit, das zu ändern… Doch es hat den Vorteil, dass man die Artikel liest… :-) Ok, schlechte Entschuldigung.
Übrigens: Der Angriff auf ZüriTipp war in Wirklichkeit nicht so gesagt – aber in wenigen Worten so übersetzt worden. Ich redete eigentlich von der 25. Jubiläumsausgabe, die sehr wenig zu bieten hatte…
Nun denn. Trotzdem sind wir in Zürich heute eingetroffen und haben ensuites verteilt. Doch was wir in dieser Stadt vorgefunden haben, hat mir fast die Sprache verschlagen und ziemlich nachdenklich gemacht. Dazu ein ander Mal…
Geschrieben am 1. Oktober 2007 um 23:21Uhr | Permalink
unkultur schrieb:
“voilà: alle juristischen Personen zahlen ein saftiges Kulturprozent ein in einen politisch unabhängigen Kulturfonds. Dieser wird von einer unabhängigen Stiftung verwaltet (und nicht von Politikern) ”
Och, und in dieser Stiftung hat’s dann keine korrupten, verfilzten, Eigeninteresse verfolgenden Menschen? Politik gibt es auch ausserhalb der “Politik”!
Geschrieben am 2. Oktober 2007 um 15:41Uhr | Permalink