Bühne


Schauspielhaus: Saisonstart um 30 Min vorverlegt

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Etwas mehr als eine Handvoll Leute standen heute um viertel vor acht vor dem Schauspielhaus und mussten sich sagen lassen, die Vorstellung habe leider bereits vor einer Viertelstunde begonnen. Auch ich gehörte zu jenen, die nichts mitgekriegt hatten von der Vorverlegung — als Pressevertreter hat man mich aber unverzüglich reingelassen. Damit dieses Malheur noch mehr Leuten passiert, stehen im Aushang vor dem Schauspielhaus für die kommenden Vorstellung noch immer die falschen Anfangszeiten geschrieben, ebenso auf dem Leporello (Bild oben), der im Foyer aufliegt. Fehlt dem Schauspielhaus nach der Abgangsentschädigung für Marc Baumann das Geld um die Leporellos neu zu drucken?
Gespielt wird Shakespeares “Sommernachtstraum” in der Regie von Christian Weise. Er bringt das Stück in Cirque du Soleil-Manier auf die Bühne, opulent, für einen wirklichen Kracher fehlt der Inszenierung aber die Dynamik und der Mut, die Lautstärke auch mal aufzudrehen. Die Starbesetzung mit Robert Hunger-Bühler, Michael Maertens usw. versucht sich mit clownesken Einlagen, doch ein dummer August auf der Bühne ist nie dasselbe wie in der Manege. Wieder einmal gilt im Pfauen: gute Unterhaltung, mehr nicht.
Apropos Zirkus: Im Stück hebt sich ein schwarzer Tänzer stark vom übrigen Ensemble ab. In der Pause wurde gemunkelt, er sei André Hellers Afrika-Afrika-Show in Altstetten entflohen.

Sonstiges


Geheimplan: Mörgeli will Supermuseum

Dem kulturblog liegen exklusiv geheime Dokumente über einen Komplott in der Zürcher Kunstszene vor. Der brisante Inhalt: Christoph Mörgeli will sein Medizinhisthorisches Museum zu einem der grössten Museen der Welt werden lassen. Gemäss dem Dokument ist der erste Schritt: “Erweiterung des Kunsthauses in Richtung des medizinhistorisches Museum”. Auf der handgeschriebenen Liste mit Kollaborateuren steht denn auch Christoph Becker ganz weit oben. Bis ins Jahr 2045 sind vier weitere Kunsthaus-Erweiterungen geplant, bis zwischen dem alten Kunsthaus und dem medizinhistorischen Museum durchgängig alles mit neuen Museumsbauten aufgefüllt ist. 
Bevor es dann zur feindlichen Übernahme des Kunsthauses durch das medizinhistorische Museum kommt, müssen die kleinen, aufmüpfigen Kunstinstitutionen unschädlich gemacht werden. Die aktuellen Namen für diese Arbeit lauten: Doris Fiala, Mauro Tuena und Jean-Pierre Hoby. Als erste Institutionen sollen sie das Cabaret Voltaire und Shedhalle anpacken. Parallel dazu werden die grossen Institutionen diskreditiert, z. B. durch übermässige Abgangsentschädigungen. Das Ziel: bis zur Eröffnung fliessen alle Kulturmittel der Stadt in das neue Supermuseum.
Als Eröffnungsdatum ist der 16. Juli 2050 vorgesehen, der 90. Geburtstag von Direktor Mörgeli. Auch das Thema der Eröffnungsausstellung steht schon fest: “Der Aspekt des Totentanzes im Werk Albert Ankers”. Mit Bildern aus einem anonymen Vermächtnis.

Politik, Sonstiges


Pro Helvetia bloggt zur Volkskultur

Die Pro Helvetia hat kürzlich einen Blog zur Volkskultur gestartet, kein Wunder ist die nicht-subventionierte Konkurrenz wenig begeistert. Was so ein Blog kostet, wenn alle Arbeit bezahlt ist, wäre interessant zu wissen, doch auf der Pro-Helvetia-Homepage sind die Ausgaben für den Blog nirgends vermerkt. 
Die Versuchung, nun auch ein Gesuch um Subventionen einzureichen, ist durchaus vorhanden. Aber nein, ich werd ihr nicht erliegen. Nicht nur, weil die Erfolgsaussichten gering sind, sondern weil die Unabhängigkeit — gerade von Fördergremien — für eine Publikation wie kulturblog.ch ziemlich zentral ist.

Bühne


Casinotheater: Mit Geschlechtertrennung zum Erfolg

(c) Casinotheater Winterthur
Früher, in den ersten Jahren des Casinotheater Winterthur, da durften bei den Eigenproduktionen alle auf die Bühne, die jemals in der Schweizer Illustrierten abgebildet waren. Resultat war eine schwer geniessbare Brühe; dennoch war das Haus immer voll. Jetzt heisst das Winterthurer Erfolgsrezept: Geschlechtertrennung. Mal stehen nur Frauen auf der Bühne, mal nur Männer.
Diesmal sind die Männer an der Reihe, “Erfolg als Chance” heisst das garantiert erfolgreiche Stück. Viktor Giacobbo, Mike Müller und Patrick Frey spielen sich selber: wie sie ein Stück erarbeiten, wie sie dafür nach Themen suchen. Nach der bewährten Formel von Yasmina Rezas “Kunst” wird gestritten, sich versöhnt, es bilden sich wechselnde Allianzen, schlussendlich bleiben sie dicke Freunde. Die Dialoge sitzen, die Drei gehen in ihren Rollen auf — und nehmen dabei vor allem sich selber auf die Schippe.
Das Stück, das sie auf der Bühne erarbeiten wollen, kommt nie zur Vollendung, die Premiere rückt immer näher, absagen ist nicht mehr möglich, zur Not improvisieren sie irgendwas — es wird ein voller Erfolg.
Auch das ist mehr als bloss eine gesuchte Pointe, im Gegenteil, die drei könnten auch in Wirklichkeit alles machen, die Menge wäre begeistert. Diesmal ist sie’s zurecht, im Casinotheater kann man wieder mal richtig lachen.

Kunst/Museen, Politik


Künstler sind Wahlkampf-unfähig

agent-provocateur.ch hat Künstler dazu aufgerufen, fiktive Wahlkampfvideos zu produzieren. Tönt wie eine Aufgabe für Erstsemester-Studenten in Medienkunst — so ist auch das Resultat. Und Jürg Halter oder 400asa hätten dafür wohl noch die Note “Ungenügend” erhalten (wobei sie sich durchaus auf dem Niveau des neuen SP-Plakats befinden).
Zu den wenigen gelungenen Beiträgen gehört jener von Daniel Leuthold und Pascal Bergamin, die beiden fordern Stimmrechtsentzug ab 65 — mit starken Argumenten. 400asa hat sein Video auf YouTube gestellt, deshalb kann ich ihn hier zeigen, es ist bloss ein lauer Abklatsch der grossartigen Aktion von Christoph Büchel in Salzburg.

Zum Thema:
Balts Nill: Kunst und Politik vertragen sich nicht

Sonstiges


Hugo Loetscher über das Zürcher Nachtleben

Im Dokumentarfilm “O mein Papa” über den Komponisten Paul Burkhard schildert der Schriftsteller Hugo Loetscher, wie Zürich nach dem Zweiten Weltkrieg das Nachtleben entdeckt hat. Zürich, dieses kleine Nest, habe zu den Kriegsgewinnern gehört, ohne am Krieg teilgenommen zu haben. Da fühlte man sich plötzlich grossstädtisch und wollte auch ein grosstädtisches Nachtleben haben — ohne zu wissen, was das eigentlich sei.
Loetschers Analyse gilt trotz fortgeschrittener Globalisierung bis heute — zumindest bei den grossen Kulturinstitutionen. Das Kunsthaus will sich in Zukunft an der Londoner Tate oder dem Pariser Musée d’Orsay messen, das Opernhaus meint sich dank teurer Stars schon lange auf Augenhöhe mit den Weltmetropolen und auch das Schauspielhaus steht in der Pflicht, zumindest im deutschsprachigen Raum zur Spitze zu gehören.
Zürich, dieses kleine Nest, will kulturelle “Leuchttürme”, die so hoch sind, dass sie auch in der Skyline von New York noch auffallen würden. Nichts gegen ambitiöse Ziele. Doch dieses zwanghafte sich messen wollen an Metropolen, die mindestens zehn Mal so gross sind wie Zürich, lässt zu oft das eigentliche Ziel vergessen: nämlich möglichst interessante und überraschende Kultur zu bieten.

Zum Thema:
Paul Burkhard Dok als Züri-Nostalgie

Bühne, Sonstiges


So schafft es ein Künstler wieder einmal in die Zeitung

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(Auszug Google News)

Wie kommt man als Künstler zu medialer Aufmerksamkeit? Ganz einfach: man fahre ins Ausland, gewinne dort einen unbedeutenden Preis und melde der hiesigen Presse, man habe eine renommierte Auszeichnung erhalten. Genau das machte kürzlich Gardi Hutter — mit grossem Erfolg. In 20 Schweizer Online-Publikationen und unzähligen Zeitungen erschien die Meldung, sie habe in New York den “renommierten Overall Excellence Award in der Sparte Outstanding Actor erhalten”. Renommiert? Keinem US-Online-Medium war das eine Meldung wert, die US-Version von Google News findet unter dem Stichwort “Gardi Hutter” keinen einzigen Eintrag.
Wer nun meint, Gardi Hutter habe vielleicht gar keinen Preis erhalten, tut ihr unrecht: sie durfte am Fringe-Festival in New York tatsächlich eine Award entgegennehmen — wie 26 andere Künstler/Gruppen auch.

Zum Thema:
Schweizer Filmer im Preisrausch

Sonstiges


Neue Kulturzeitschrift für Zürich

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Vor einigen Monaten ging das NZZ-Ticket ein, trotz des anfänglichen Aufschreis in der Kulturszene: niemand vermisst diesen Veranstaltungskalender wirklich. Im Oktober startet erneut jemand einen Versuch, dem Züri-Tipp Paroli zu bieten. Die Berner Kulturzeitschrift Ensuite lanciert eine Zürcher Ausgabe.
Der Herausgeber und Chefredaktor Lukas Vogelsang hat sich in Bern als verbissener Einzelkämpfer unbeliebt gemacht, seine Sturheit und sein Durchhaltewille sind aber doch bewundernswert. Ein subventioniertes Konkurrenzprodukt hat er bereits überlebt, jetzt wagt er den Schritt nach Zürich. Das Heft erscheint monatlich, über den Inhalt kann ich nur wenig sagen, vielleicht kann uns da ein Berner kulturblog-Leser in einem Kommentar aufklären.
Grundsätzlich ist ein unabhängiges Stadtmagazin durchaus zu begrüssen — das fehlt bisher in Zürich. Nur: irgendwie kommts etwas spät, die kulturelle Debatte ist längst ins Internet gewandert, zum Beispiel hierher