Politik


Geldnot und Geldsegen

Zwei Kulturmeldungen fallen heute in den grossen Zürcher Bezahlzeitungen auf: Die Swatch-Gruppe steigt als Hauptsponsor beim Cabaret Voltaire aus (NZZ) und die grossen Kulturinstitutionen, allen voran das Opernhaus, können von den umliegenden Kantonen bald mehr Geld erwarten (Tages-Anzeiger). Was hat das miteinander zu tun, ausser dass wiedereinmal die interessantesten Kulturmeldungen ausserhalb der Kulturteile zu finden sind? Vordergründig gar nichts. Pereira wird es erneut schaffen, die Lecks seines angeschlagenen Dampfers mit zusätzlichen Geldscheinen zu stopfen, das kleine Cabaret Voltaire dagegen ist ernsthaft vom Untergang bedroht. 
Anstatt einmal mehr Zürichs Kulturpolitik zu beklagen, hier der Versuch, dies positiv zu sehen: Solche Situationen haben in der Vergangenheit oft zu kreativen Höhenflügen geführt (80er-Bewegung, Theater am Neumarkt unter Hesse/Müller etc). Weshalb sollte das heute nicht mehr möglich sein?

Nachtrag 20.10: Interview mit Philipp Meier in der NZZ, Analyse von rebell.tv

Kommentare (9) zu “Geldnot und Geldsegen”

  1. Ralf Manstein schrieb:

    @rb: dein aufruf zum widerstand ist rührend! die dahinter steckenden hoffnungen aber auch naiv. aber klar, die mythenbildung gehört eben auch zum kulturbetrieb. einer der hartnäckigsten kultur-mythen ist: bedrohte institutionen werden kreativer. da sich die bedrohung beim cabaret voltaire schon lange abzeichnet, hätte der betrieb ja schon im letzten jahr kreative kapriolen schlagen müssen. ich hab nichts gemerkt. zur zürcher 80er-bewegung kann ich nichts sagen, aber der immer wieder behauptete kreative höhenflug des neumarkt unter hesse/müller beruht im kern auch auf einem mythos. das von der schliessung bedrohte theater wurde deshalb plötzlich von allen wahrgenommen, seine aufführungen solidarisch, also massenhaft besucht und vom feuilleton kämpferisch hochgeschrieben. und wenn man sich als zuschauer oder kritiker für etwas stark macht, dann muss man es (ein nahe liegender psychologischer mechanismus) auch gut finden. als langjähriger pendler zwischen berlin und zürich kann ich nur sagen: wahrscheinlich wäre das schillertheater, wenn es denn nicht doch geschlossen worden wäre, sogar zum „theater des jahres“ gekürt worden, egal wie gut die aufführung gewesen wären. ich erinnere mich an ein paar tolle aufführungen unter hesse/müller, aber interessante aufführungen habe ich auch in den letzten jahren am neumarkt gesehen („zürich“ von samuel schwarz oder erst vor dem sommer „über tiere“, die sich erfreulich von den üblichen ironischen jelinek-verwurstungen a la stemann abgesetzt hat, die jetzt ach so „in“ sind). kreative höhenflüge also auch ohne bedrohung; bloss als besucher und kritiker kann man jetzt nicht den kulturkampf- und solidaritätsmehrwert mit nach hause nehmen. also kann man gleich zu hause bleiben. das musste hesse in berlin schmerzlich erfahren. und was ist eigentlich aus müller geworden? und was wird jetzt aus meier?

  2. philipp meier schrieb:

    @ralf manstein: können sie ihre kritik am cabaret voltaire allenfalls etwas differenzierter ausführen?
    sie haben wahrscheinlich die kritik von rb missverstanden. es geht nicht darum, dass bedrohte institutionen kreativer sind (als dann, wenn sie nicht bedroht wären? oder, als wer? als das opernhaus?). darf ich sie des weiteren darauf hinweisen, dass wir innerhalb von drei jahren ein haus betrieblich und inhaltlich ganz neu aufbauen/verorten/definieren mussten/durften(!). das ist nicht nur kreativ;)
    in einem gehe ich jedoch mit ihnen einig: nicht das medium sondern DER MYTHOS IST DIE BOTSCHAFT! (oder: warum ist an der spiegelgasse 1 in zürich nach knapp 90 jahren ein kulturbetrieb aufgrund eines dreimonatigen intermezzos im jahre 1916 eröffnet worden?)
    vielleicht können sie in der morgigen nzz lesen, was aus mir wird…, oder vielleicht im tagi…;)))

  3. rb schrieb:

    Ralf Manstein hat schon recht mit der Mythenbildung. Aber eben: irgendwie leben wir doch alle von der Erinnerung, bzw vom Mythos.
    Tatsächlich geht es nicht darum, dass eine Institution durch die Bedrohung plötzlich kreativ(er) wird, sondern dass ein Ruck durch die Szene geht.

  4. Kurt Müller schrieb:

    @Ralf Manstein: Das nenne ich einen scharfsinnigen Kommentar. Chapeau!

  5. sven schrieb:

    nette geste von den steuerparadies-kantonen rund um züri. noch besser, wenn das geld in einen topf käme, von dem alle profitieren könnten, und nicht nur die grossen häuser. hier wird reine spitzenförderung betrieben. und wenn bei anderen (kleineren) schon die uhr tickt, wenn ein sponsor aussteigt, gibt das grundsätzlich zu denken. myhtos hin oder her. und ob geldsorgen kreativität tatsächlich zu steigern vermag, ist auch nicht frei von zweifeln. eher ist festzustellen, das viel geld kein garant ist für kreativität. lesen wir morgen die zeitungen und hoffen, dass wir bei den wetterprognosen hängen bleiben können…

  6. kammacher schrieb:

    @rb. zitat deleuze: WER KEINE ILLUSION MEHR HERVORRUFEN KANN, DER IST AM ENDE. ja, es geht sicher darum, eine aufmerksamkeitsstiftende Illusion zu schaffen, dass die sponsoren oder öffentlichen geldgeber in etwas investieren oder die medien etwas hypen (siehe auch die damalige dadahausbesetzung, die zu dem heutigen dadahaus führte ). das ist nun wichtig für die dadahaus-betreiber und unterstützer. dass die künstlerischen und politischen aktionen (opernhaus, spray-”skandal” ) als stimulierende, inspirierende inputs definiert werden. diese interpretation ist sehr brüchig. es braucht jetzt kluge PR-arbeit. philippe meier macht einen guten job, aber er sollte im moment nicht zuviel bloggen und selbstverteidigen (das müssen andere für ihn machen).

  7. Dr. E. Schneider schrieb:

    Geldnot und Geldsegen…
    Cabaret Voltaire:
    Wie heute bekannt wurde, ist
    mit Edvard Kunzt ein großer Sponsor aufgetreten,
    der mit der finanziellen Unterstützung auch die Vermarktungsrechte
    für sich beansprucht. Fluch oder Segen ? Die Zukunft wirds weisen….

  8. rb schrieb:

    Der “neue Sponsor”:
    http://edvard-kunzt.blogspot.com/
    http://www.youtube.com/gruppeedvardkunzt

  9. Dr. E. Schneider schrieb:

    Konfusion tritt ein, wenn Gläubiger und Schuldner einer Forderung in einer Person zusammentreffen!