Literatur


Tim Krohn: Auslandsstipendien als Strafversetzung

Fast jede Stadt und jeder Kanton verfügt über Atelierplätze im Ausland und vergibt Auslandsstipendien. Den Künstlern einen bezahlten Arbeitsaufenthalt in einer Weltmetropole zu ermöglichen, ist eine sinnvolle Sache – würde man meinen. Nur: einige Künstler sehen das anders. Zum Beispiel der Schriftsteller Tim Krohn. Er empfindet Auslandsstipendien eher als Strafversetzung. Kürzlich sagte er auf DRS 1: 

“Ich war immer wieder weg in der letzten Zeit, das bringt der Schriftstellerberuf mit sich. Man muss Stipendien annehmen, bei denen man ein halbes Jahr in London ist, ein halbes Jahr in Rom — ich hab das auch sehr genossen aber es ist auch ein Stück weit eine Notwendigkeit, weil es dann Geld zum Arbeiten gibt. Anders ist es schwierig, Geld zu bekommen.”

Kommentare (9) zu “Tim Krohn: Auslandsstipendien als Strafversetzung”

  1. Alice schrieb:

    Ach, das sind aber nette Problemchen, die der Herr Krohn hier hat.

    Unsereins arbeitet in einem Brotberuf (eine alternative Methode, um zu Geld zu kommen), schreibt in der Nacht und am Wochenende, während man tagsüber seinen beruflichen und familiären Pflichten nachgeht und -kommt, und wundert sich dann über solche Aussagen.

    Na ja, vielleicht habe ich hinter dieser Aussage ja schlicht und einfach die augenzwinkernde Ironie übersehen?

    Nur, ich komme mir gerade ein wenig wie der Depp vom Dienst vor, denn ich habe jahrelang gespart, um mir meinen Englandaufenthalt finanzieren zu können.

  2. unkultur schrieb:

    Wer kein Brot hat, soll eben Kuchen essen. Funktioniert offenbar in der Schweiz…

  3. rb schrieb:

    @alice: Es hörte sich nicht ironisch an, was Tim Krohn da sagte. Über den Link oben im Beitrag kann man das Gespräch mit Krohn nachhören. Die entsprechende Aussage kommt ziemlich am Schluss.
    @unkultur: Sehr treffend formuliert! 

  4. Alice schrieb:

    Nun, wenn es ernst gemeint war, dann möchte ich ich hinzufügen: Ich kenne sehr viele Autoren und Autorinnen, die es halten wie ich: Schreiben in der “Freizeit”, bis man entweder davon leben kann oder halt in “nebenbei” schreiben (wobei das “Nebenbei” sehr zeitintensiv sein kann). Einige von uns reduzieren ihr Arbeitspensum, andere wursteln sich mit ihrem kleinen Einkommen durch.

    Ein sehr kleiner, ja, ein verschwindend kleiner Teil erhält Werkbeiträge oder einen Atelierplatz im Ausland (die Auswahlkriterien zu erfahren wäre interessant). Das gilt aber nicht nur für Autoren und Autorinnen, das lässt sich wohl für den Hauptharst von Kulturschaffenden sagen.

  5. kammacher schrieb:

    ein wahrer kern hat die aussage von tim krohn. was bringt einem schreibenden vater, einer schreibenden mutter, ein stipendium in rom? oft nur eine defokussierung. ich weiss von künstlern/autoren, die sich für auslandstipendien beworben haben in frischen sturm und drang zeiten ( es nicht gekriegt haben ), dann – nachdem sie familien gegründet haben – plötzlich nach rom reisen “mussten”. zudem entschärfen zuviele und permanente ortswechsel die politische haltung von autoren zum heimatlichen zeitgeschehen, verwirren sie, lassen sie unverbindlich poetisch werden, anstatt dass sie saftige polemiken für wichtige wahlkämpfe schreiben lernten. ein konzentrierter, gewünschter auslandsaufenthalt ist sicher effizienter als fünf lauwarme in serie. in diesem sinne trifft es rb genau, wenn er von strafversetzung spricht. die autoren werden durch diese permanenten dislokationen politisch entschärft.

  6. Alice schrieb:

    Entschuldige Kammacher, ich kenne Kollegen, die sehr, sehr gerne einmal eine solche Chance hätten, sie aber nie bekommen. In einem solchen Zusammenhang von Strafversetzung zu sprechen, ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die weiss ich nicht was dafür gäben, einmal bezahlt ins Ausland zu gehen. Zudem: Es MUSS niemand gehen, es dürfen alle hier bleiben, die hier bleiben wollen (ich will übrigens im Moment auch hier bleiben, genau so gerne, wie ich früher öfters im Ausland war – auf eigene Kosten). Man darf die Chance ruhig einem Kollegen oder einer Kollegin geben, die gerne ginge.

    Und das mit dem politischen Entschärfen ist Mumpiz. Erstens muss nicht jeder Autor und jede Autorin seinen Senf zur politischen Lage geben, zweitens kann man durchaus auch im Ausland seinen politischen Blick schärfen (und neue Blickwinkel testen und gewinnen); man kann politisch sogar “aufgeladen” (als Gegenteil zum Entschärfen) werden im Ausland.

  7. kammacher schrieb:

    Reisen

    Meinen Sie Zürich zum Beispiel
    sei eine tiefere Stadt,
    wo man Wunder und Weihen
    immer als Inhalt hat?

    Meinen Sie, aus Habana,
    weiß und hibiskusrot,
    bräche ein ewiges Manna
    für Ihre Wüstennot?

    Bahnhofstraßen und Ruen,
    Boulevards, Lidos, Laan –
    selbst auf den Fifth Avenuen
    fällt die Leere Sie an -

    Ach, vergeblich das Fahren!
    Spät erst erfahren Sie sich:
    bleiben und stille bewahren
    das sich umgrenzende Ich.

    ( Gottfried Benn )

    ——————

    Ich meine es ernst: Viele Autoren sollten zuerst mal zeigen, dass sie was zu exportieren haben, bevor man sie exportiert. Man sieht die Inhalte in der Fremde erst, wenn man sie zu Hause zu erkennen gelernt hat. Erst dann wird das Reisen für die Autoren, wie auch uns Lesende eine Bereicherung. In diesem Sinne finde ich eine Standortunterstützung für Jungautoren sinnvoller. Und die Stipendiatsaufenthalte in der Fremde für die reiferen Semester.

  8. Alice schrieb:

    AHA! SO meinst du das.

    Zitat: “Viele Autoren sollten zuerst mal zeigen, dass sie was zu exportieren haben, bevor man sie exportiert.”

    Ja, das würde ich unterschreiben. In diesem Sinne kann ich mich auch mit einer Standortunterstützung von Jungautoren anfreunden. Wobei – es bleibt bei mir immer ein bisschen der schale Beigeschmack der Selektion. Ich habe nie so richtig verstanden, nach welchen Kriterien da ausgewählt wird (vielleicht sollte ich mal irgendwo Bewerbungsunterlagen anfordern ;-)).

    Für mich besteht in deinem Model sehr viel Hoffnung. Ich nähere mich rasant schnell meinen “reiferen” Jahren. Vielleicht schickt mich ja doch noch jemand nach Timbuktu :-)

  9. Ernst schrieb:

    Ich finde die Argumentation Alices lächerlich.
    Wer zu schreiben beginnt, weil er reisen und Geld verdienen will, sollte j e t z t alle Stifte niederlegen.