Politik


Kriterien für die Leistung von Kulturinstitutionen

Im neuen Kulturleitblild der Stadt (pdf, 1.2 MB) ist die Rede von einer Leistungsvereinbarung mit Kulturinstitutionen. Doch wie misst man die “Leistung” einer Kulturinstitution? Im Leitbild sind folgende Kriterien aufgeführt:

Quantitative Kriterien:

Für jedes einzelne regelmässig subventionierte Institut werden folgende Kennzahlen erhoben:
- Gesamtausgaben des Betriebs
- Gesamteinnahmen des Betriebs
- Städtische Subvention
- Subvention in Prozent der Gesamteinnahmen
- Anzahl Aufführungen, resp. Veranstaltungen
- Anzahl Besucherinnen und Besucher (Publikumsfrequenz)
- Durchschnittliche Publikumsfrequenz
- Betriebsausgaben pro BesucherIn
- Subvention pro BesucherIn
- Eintritte, Nebeneinnahmen pro Besucher
- Beiträge Dritter pro BesucherIn
(…) Besonders aussagekräftig sind Indikatoren wie der Subventionsgrad, resp. die Eigenwirtschaftlichkeit sowie die Publikumsfrequenz.

Qualitative Kriterien:

Folgende Eigenschaften sind zu prüfen:
Resonanz
Wie wird das Institut (Projekt) in der Szene, beim Publikum, in den Medien wahrgenommen? Welchen Einfluss auf die Kunstszene, die Künstlerschaft, aber auch die Standortqualität u.a. hat das Institut (Projekt)? Hat das Institut (Projekt) lokale, regionale, nationale, internationale Bedeutung? Was bleibt vom Programm in Erinnerung (Nachhaltigkeit)?
Relevanz
Wie wichtig sind die präsentierten Themen? Werden die “Zeichen der Zeit” erkannt? Werden gesellschaftlich und/oder individuell brisante Fragen behandelt?
Innovationsbereitschaft
Wird Unbekanntes, Ungewohntes präsentiert? Werden Risiken eingegangen? Werden Experimente gewagt, neue Sichtweisen erschlossen?
Engagement
Werden Botschaften überzeugend vermittelt? Sind die Anliegen künstlerisch glaubwürdig dargestellt? Ist die Programmierung konsequent? Verfügt das Institut (Projekt) über ein “Charisma”?
Professionalität
Verfügt das Institut (Projekt) über Leistungsausweis und Erfahrung? Zeichnet sich die Leitung durch organisatorische Kompetenz aus (Projektmanagement, Realisierungsfähigkeit). Werden die Ressourcen zweckmässig eingesetzt (Kosten-/ Nutzen-Verhältnis). Wie geschickt ist die Öffentlichkeitsarbeit?

Grundsätzlich ist ein solcher Kriterienkatalog zu begrüssen, in Streitfällen haben so beide Seiten etwas in der Hand. Nur: Die qualitativen Kriterien — und die sind hoffentlich entscheidend — werden immer eine Frage der Interpretation bleiben. Die “Relevanz der Themen”, die “künstlerische Glaubwürdigkeit”, das “Charisma” etc sind nicht messbar — zum Glück, schliesslich wird hier Kunst und nicht Waschmaschinenzubehör produziert. Wie schwierig die selbst auferlegte “Transparenz der Entscheidungen” durchzuziehen sein wird, kann am Beispiel Cabaret Voltaire aufgezeigt werden: Welche der hier aufgeführten qualitativen Kriterien hat das Dada-Haus nicht erfüllt? Je nach Standpunkt kommt man da wohl auf ein ganz anderes Resultat. Da in dem Leitbild die qantitativen Kriterien vor den qualitativen aufgeführt werden, kann man jedoch erahnen, welchen die grössere Priorität eingeräumt wird.

Zum Thema:
Kulturleitbild: Klassische Musik grösster Profiteur

Kommentare (10) zu “Kriterien für die Leistung von Kulturinstitutionen”

  1. unkultur schrieb:

    Danke für die 2 interessanten Beiträge! Mein Kommentar dazu hier:
    http://unkultur.blueblog.ch/kulturpolitik/was-foerdert-die-kulturfoerderung.html
    (Ich mache keine direkten Links mehr zu einzelnen Kulturblog-Artikeln, weil sonst hier wieder unsägliche Bandwurm-Kommentare auftauchen…).

  2. _* schrieb:

    der stadt zürich war noch nie etwas viel wert, das (von seinen jüngeren bewohnern) hart erkämpft wurde (siehe rote fabrik, cabaret voltaire, etc.).

  3. philipp meier schrieb:

    ich werde mich hüten, dieses leitbild zu kommentieren (nicht nur aber auch dank kammacher:)

  4. kammacher schrieb:

    ich war heute wieder mal in der oper. zum schutze der künstler, die ja da auch ihr brot verdienen, sage ich nicht, in welcher. aber was mir immer wieder auffällt bei der oper: toter als das geht’s nimmer. wenn jemand mal einer oder eine zur abwechslung krächzen würde! oder der dirigent mal irgendwo, wo es ihm gefallen würde, eine zwei bis drei sekündige pause einbauen würde! ich flehte innerlich. bitte. bitte. machts doch! ihr dürftet ja! die verdi-erben sind ja machtlos. aber nein: zu sehr emotionalen grundsituationen, die eigentlich einen differerenzierten ausdruck verlangen würden ( beispiel: ein vater hört nicht auf die flehenden bitten seines sohnes, der im kerker sitzt und lässt ihn eingesperrt ), singen sie brav ihre noten ab. ohne innere beteiligung. voller schmieriger, falscher gefühle. hämdähämdä. nix gegen die heiligeit dieser noten. die musik ist ja schön, durchaus. das genie des komponisten sei auch nicht in frage gestellt, auch habe ich respekt vor der sportlichkeit der tonhöhen. aber: ohne dynamik, ohne innere dynamik, ohne kreative dynamik ist das nix wert. jawohl. jawohl. jawohl. nix wert. kennt einer einen wissenschaftler, der die innovationskraft anhand von gewissen faktoren von kunst zu berechnen vermag? dass in der interpretation dieser schinken auf solch tranige art keine innovation mehr innewohnt, könnte man sogar wissenschaftlich beweisen, glaub ich. die subventionierung dieser sparte in diesen höhen ist reine esoterik. schon nur bei anwendung obiger leitbild-kriterien macht die oper eine ganz schlechte figur. kostet nur und spielt keine kohle ein! diese leitbild-kriterien sind halt leider doch nur ein witz in anbetracht von dieser verteilung. das kümmerlich subventionierte filmschaffen weint jämmerlich. und dabei könnte man mit guten und klugen filmen ja sogar noch geld verdienen! ein blair witch project filmchen und dreissig eugens würden von selbst gedreht. aber nein. man schiebt der “reaktionären füdle-oper” und dem schlaf-orchester weiterhin die millionen in den hintern. es bräuchte eine spartenübergreifende lobby gegen die oper. da könnte man sogar sonst eher unpolitische glamourboys wie michael steiner dafür gewinnen.

  5. philipp meier schrieb:

    ohjemineh. stimmt. der arme film.

  6. philipp meier schrieb:

    sollen wir uns spartenübergreifend für den film einsetzen?

  7. rb schrieb:

    Das Problem daran: weniger Geld für die Oper bedeutet nicht automatisch mehr Geld für den Film. So funktioniert Politik nicht. (Und wenn man “mit guten und klugen filmen ja sogar noch geld verdienen könnte”, dann brauchts vor allem mehr private Investoren — oder mehr gute und kluge Filme).

  8. kammacher schrieb:

    @rb. da hast du sicher mehr als recht. so funktioniert politik nicht. zumindest nicht kurzfristig.aber trotz deinem guten argument mit den sponsoren: david cronenberg produziert seine glasklaren dreckigen filme auch mit staatsgeldern. die dänen auch. und da fliesst dammi viel zurück. und: diese guten filme locken dann auch die sponsoren an. einer der goldenen regeln von peter oelbeck jensen von zentropa ist ja: nimm auch geld von rechten kreisen ( und er selber ist ja kommunist ). vielleicht ist es ja gut, wenn blocher couchepin das amt wegschnappt? zumindest gäbe das mal einen ruck. aber sehrwahrscheinlich wäre es katastrophal.
    @philipp meier. ja, wir sollten schauen, dass die schweizer mehr geld zur verfügung haben für filme. käme auch der kunst zugute. siehe matthew barney, etc.

  9. philipp meier schrieb:

    wenn etwas das potential hat, in zürich in den nächsten jahr(zehnt)en der oper finanziell das wasser zu reichen, dann ist es der film. hier wie dort werden die extrem teuren produktionskosten als argument angeführt.
    nur: zürich, und um zürich geht es bei diesem kulturleitbild, hat weder eine herausragende oper- noch eine solche filmtradition. die zürcher oper wird nie den stellenwert erlangen, den die oper in wien oder mailand hat; und das zürcher filmfestival wird (wahrscheinlich;) nie eine zweite berlinale oder das cannes des neuen jahrtausends. damit stecken wir mitten in der sinnlosen profilierungssucht auf der ebene der vergleichbarkeiten. ein weiteres beispiel wäre das kunsthaus, das auch mit einem erweiterungsbau nie mit der tate in london gleichziehen wird.
    es gibt genügend beispiele, wie kulturförderung zur entwicklung oder zum herausschälen von EINMALIGKEIT eingesetzt werden kann. ein gutes beispiel wäre die ars electronica in linz. man muss jedoch für gute beispiele nicht so weit reisen, denn zürich könnte auch von einigen kleine(re)n städten in der schweiz was lernen; denn kleinere städte haben (glücklicherweise) schon gar nicht die möglichkeit, im wettbewerb der grossen mitzutun. da wäre beispielsweise winterthur zu nennen, das sich in den letzten jahren zur «metropole der fotokunst» gemausert hat; oder auch luzern, das mit dem kkl/lucerne-festival, aber auch mit dem fumetto, eigenständigkeit beweist.
    zürich hat diesbezüglich leider schon viele chancen verpasst (z.b. das weltweit bekannte grafik-design, die förderung der kreativwirtschaft als urbaner innovationsmotor, die konkrete und konstruktive kunst als «kalte avantgarde» und den dadaismus als «heisse avantgarde», die clubkultur die z.zt. am kommerz zu grunde geht, etc.pp.)

  10. rb schrieb:

    @ kammacher: “Nimm auch Geld von rechten Kreisen”, dies haben sich in der Schweiz vor allem das Casinotheater Winterthur und der Theaterproduzent Lukas Leuenberger zu Herzen genommen — und das ist auch von mir aus gesehen nichts, was man ihnen vorwerfen soll.
    @ Philipp Meier: Ich zweifle daran, dass der Film von den finanziellen Zuwendungen her der Oper je das Wasser reichen wird: noch immer erhält das Opernhaus Zürich mehr Subventionen als die gesamte Schweizer Filmwirtschaft zusammen.
    Um die von Dir genannte Einmaligkeit zu erreichen, wäre es nötig, in der Kulturförderung auch neue Schwerpunkte zu setzen. Was aber auch bedeuten würde: einzelnen Subventionsempfängern wird das Geld gekürzt oder gestrichen. Für einen solchen Entscheid fehlt aber der Mut. Gemäss dem neuen Leitbild erhalten alle Institutionen, die bisher subventioniert wurden, in den nächsten fünf Jahren mindestens den gleich hohen Betrag wie bisher — keine einzige muss Abstriche in Kauf nehmen.