Wollen Sozialhilfebezüger ins Theater?
Die Caritas weitet ihr “KulturLegi“-Angebot aus. Damit erhalten 120′000 sozial benachteiligte Personen im Kanton Zürich das Anrecht auf vergünstigte Eintritte in Kulturinstitutionen. In der Theorie erscheinen solche Aktionen immer sinnvoll — in der Praxis sind sie meist ein Flop. Denn: Sozialhilfebezüger sind in der Regel nun mal keine Theater- oder Museumsgänger — da hilft auch ein Gratiseintritt nichts.
Das Theater am Neumarkt stellt sozial benachteiligten Menschen schon lange verbilligte Karten zur Verfügung, mit der “Aktion 41” gar Gratiseintritte. Diese Angebote werden aber “leider” nur selten in Anspruch genommen, wie das Theater am Neumarkt auf Anfrage bestätigt. Das liege an der fehlenden Kommunikation. Irrtum: Hochsubventionskultur ist Wohlstandskultur. Ob einem das gefällt oder nicht.
Filmpolitik: Wie man Kritiker ruhig stellt
Heute gab das Bundesamt für Kultur bzw. SwissFilms die Nominationen für den Schweizer Filmpreis bekannt. Was auffällt: In der Jury sitzt auch Florian Keller, Filmjournalist beim Tages-Anzeiger. Auch in der Kommission beim BAK, die die Fördergelder für Spielfilme bestimmt, sitzt mit Christian Jungen ein Journalist. Jungen, zurzeit bei der Mittellandzeitung, gehört zu den besten Kennern der Schweizer Filmszene und -politik — und ist ein hervorragender Analyst. Indem das BAK Journalisten wie Jungen oder Keller ins Boot holt, stellt es auch Kritiker ruhig. Von Seiten des BAK sicherlich ein geschicktes Vorgehen. Von Seiten der Journalisten weniger. Dass sie solche Anfragen nicht ablehnen, ist zwar durchaus nachvollziehbar, sie geraten dadurch aber früher oder später in einen Loyalitätskonflikt und setzen ihre Unabhängigkeit aufs Spiel.
Unterverkaufte Kleinkunst
Rund 800′000 Karten für Schweizer Filme wurden dieses Jahr an den Kinokassen verkauft. Die Schweizer Kleinkunstszene lockt Jahr für Jahr 1,3 Millionen Besucher an, in unzähligen Kellertheatern und Gemeindesälen. Die beiden Szenen haben miteinander kaum etwas zu tun, die Schnittmenge besteht einzig aus Mike Müller und Viktor Giacobbo.
Die Probleme sind aber in beiden Branchen dieselben: der ständige Kampf um Geld und Aufmerksamkeit, die wenigen Leute, die die Szene beherrschen. Die Filmbranche geht in der Kommunikation etwas geschickter vor, das zeigt sich beim Filmpreis: die Verleihung ist ein nationales Thema und soll — so unbedeutend sie auch ist — demnächst im TV übertragen werden. Beim Kleinkunstpreis spricht niemand von einer TV-Übertragung, obwohl die Protagonisten mindestens so bekannt sind wie beim Film. Die Kleinkunstszene sollte von den Filmleuten lernen und energischer und selbstbewusster auftreten.
Gesucht: Unbürgerliche Gedenkkultur für Niklaus Meienberg
Die Stadt will keine Gedenktafel für Niklaus Meienberg anbringen, da sich Meienberg zu Lebzeiten gegen eine “Vereinnahmung durch Formen der bürgerlichen Gedenkkultur” ausgesprochen habe. Dennoch: Zürich braucht eine Erinnerung an Meienberg, eine Aufforderung, seine Texte wieder zu lesen. Denn: Meienbergs Schreibe ist die Blog-Schreibe schlechthin — unverblümt, frech, witzig. Seine Kraft, seine Wut, seine Hartnäckigkeit sind unerreicht, dabei wäre eine solche Stimme in der heutigen Medienlandschaft nötiger denn je.
Dass mit der Absage an die Gedenktafel das Thema abgehakt ist, darf nicht sein! Eine unbürgerliche Gedenkform ist gefragt. Eigentlich wäre Philipp Meier, Leiter Postdadaismus im Cabaret Voltaire, der Experte für unbürgerliche Kultur. Was wäre für Meienberg angemessen? Etwa ein Gedenkgrafitti? Ein Videoscreen im HB, auf dem seine prägnantesten Sätze aufleuchten?
Ideen sind gefragt und dürfen in den Kommentarzeilen angebracht werden. Werde sie dann an Elmar Ledergerber weiterleiten.
Ein Abend mit Jesus

Wenn Jesus persönlich zur Liturgie lädt, dann sind selbst Atheisten von der Neugier gepackt. In “Bigger than Jesus” im Theater am Neumarkt erzählt ein selbsternannter Jesus einen Abend lang, was die Menschheit während 2000 Jahren alles in seinem Namen angerichtet hat — und weshalb er zum Ärger John Lennons noch immer der grösste aller Popstars ist.
Siegmund Tischendorf macht seine Sache als Jesus nicht schlecht. Dass er sich in seinem Eifer oft verhaspelt, passt irgendwie zu dieser seltsamen Figur. Nur: für einen Bibel- und Katholizismusunkundigen wie mich tönte alles, was er erzählte, ziemlich plausibel. Seine Erklärung für den im Christentum verankerten Judenhass ist weder provokant, noch besonders überraschend. Auch dass Jesus nicht daran glaubt, dass der einzige Weg zur Wahrheit über ihn führt, geschweige denn, dass es so etwas wie ein Fegefeuer gibt, ist kaum erstaunlich, eher realistisch.
Bin ich zu abgestumpft für einen Abend mit Jesus? Einiges war durchaus interessant — schliesslich kann ein Nicht-Katholik kaum je einer Liturgie beiwohnen. Aber sonst bleibt eigentlich nur: Achselzucken.
Der Filmpreis als Staatsangelegenheit
Nächsten Dienstag gibt das Bundesamt für Kultur die Nominationen für den Schweizer Filmpreis bekannt. Und wo? Nein, nicht in einem Kino, auch nicht in einem Kulturzentrum — sondern im Bundeshaus.
Das ist das schöne an der Filmförderung: zwar spielt sie vom Betrag her im Vergleich zu anderen Sparten kaum eine Rolle, dafür ist sie eine Staatsangelegenheit. Es würde kaum erstaunen, wenn Bundesrat Pascal Couchepin persönlich den Medien die staatspolitisch wichtigen Änderungen beim Nominationsverfahren für den Filmpreis erläutern würde. Denn, wie an dieser Stelle bereits einmal geschrieben wurde: beim Film ist Kulturpolitik sexy.
Warum so viele Leute in die Kulturbranche drängen
Freischaffende Künstler verdienen in Deutschland durchschnittlich 900 Euro pro Monat, dennoch ist deren Anzahl in den letzten 15 Jahren von 58′460 auf über 152′000 gestiegen. Den angestellten Künstlern geht es nicht viel besser, viele Kulturbetriebe bezahlen miserable Löhne.
In der Schweiz dürfte die Situation ähnlich sein: immer mehr Leute drängen in die Kulturbranche, obwohl die Löhne tief sind — und tendenziell eher sinken. Weshalb ist das so? Für den KulturSpiegel ist klar: die bewundernde Aufmerksamkeit, die die Künstler erfahren, kompensierten den niedrigen Lohn.
Das mag in vielen Fällen stimmen, greift aber als Erklärung zu kurz. Denn: im Kulturbereich arbeiten auch viele gut ausgebildete Leute hinter den Kulissen zu einem Tiefstlohn — ohne künstlerische Ambitionen. Erklärbar ist das nur mit einer gewissen Magie, die dieser Bereich ausstrahlt. Eine Theaterfrau sagte mir kürzlich: wenn ihr verboten würde, als Zuschauerin ins Theater zu gehen, damit könnte sie gut leben. Wenn ihr jedoch verboten würde, hinter den Kulissen mit den Künstlern zu arbeiten, diese Spannung vor den Premieren mitzuerleben, das würde sie nicht aushalten. Am treffendsten bringt diese Magie ein Bonmot aus der Zirkuswelt auf den Punkt: wenn du einmal Sägemehl in den Schuhen hattest, kriegst du es nicht mehr raus.
Sonntagsshopping im Museum

Der Sonntagsverkauf ist im Kanton Zürich verboten — ausser an Bahnhöfen, Tankstellen und im Museum. Für viele Leute ist dies ein Grund, ins Kunsthaus zu fahren; im Shop herrschte heute ein grösseres Gedränge als vor den Aktbildern Vallottons.
Schön, wenn das Kunsthaus so zu einem Zusatzverdienst kommt. Doch der Umsatz am Sonntag liesse sich stark steigern: indem neben Taschen, Kerzen und Büchern auch Eier, Milch und Brot ins Sortiment aufgenommen würden.
Kunst am Migros-Hochhaus: Ufo oder Schneekristall?

„MgBeth ist wie ein Ufo, das landet. Die temporäre Installation bewirkt, dass der Betrachter auch die Landebahn – also die Hochhausfassade – mit einem neuen Blick wahrnimmt“, sagt der Künstler Kerim Seiler über sein Werk, das seit einigen Tagen an der Fassade des Migros Hochhauses am Limmatplatz hängt.
Schon blöd, wenn einem ein Künstler vorschreibt, was man als Betrachter wahrzunehmen hat. Denn ein Ufo sehe ich hier bei bestem Willen nicht. Bei der klirrenden Kälte heute Morgen war für mich klar: Da hat sich ein Schneekristall an der Hochhausfassade verfangen.
Kulturkarte: search.ch schlägt Google
Alles spricht von der neuen Schweizer Version von Google Maps, doch damit eine vernünftige Kulturkarte von Zürich zu fabrizieren, ist mir nicht gelungen. Mit map.search.ch dagegen war das kein Problem. Hier also eine Übersicht über die Museen, Kinos und Theater in Zürich (für Details draufklicken):

Die Kultur-McKinseys kommen
Der Kanton hat eine Beratungsfirma beauftragt, Szenarien für eine zukünftige Ausrichtung des Opernhauses zu erarbeiten. Und gemäss Tages-Anzeiger verlangt Pius Knüsel, Direktor der Pro Helvetia, dass Kulturproduzenten und Kulturförderer künftig besser abklären, welche kulturellen Bedürfnisse die Öffentlichkeit hat. Wer kann das besser als eine Beratungsfirma bzw. ein Markforschungsunternehmen?
In Zukunft wird also auch die Kultur von McKinsey und Co. bestimmt. Schöne Aussichten… ich glaube, ich eröffne selber eine Kulturberatungsfirma.
Zum Thema:
Opernhaus: Beratungsfirma bereitet Nach-Pereira-Zeit vor
Chaos bei der städtischen Kunstsammlung — die Lösung
Die Stadt hat die Übersicht über ihre 32′700 Kunstwerke längst verloren. Gemäss einer Mitteilung konnte bei einer Überprüfung der 700 wertvollsten Werken ein Dutzend nicht mehr gefunden werden. Wahrscheinlich hingen sie einmal in Büros, und die Beamten nahmen sie bei der Frühpensionierung als eigenmächtig erteilte Prämie mit nach Hause.
Die Stadt steckt nun mehr Mittel in die Bewirtschaftung der Kunstsammlung und hat dafür die Kunstexpertin Dr. Caroline Kesser angestellt. Weshalb hortet die Stadt überhaupt Unmengen von Kunstwerken, die meisten davon irgendwo in einem Lager? Günstiger und sinnvoller wäre: die Kunst dem Volk zurückzugeben. Das ginge am Besten mit einer jährlichen Kunstlotterie. Alle Werke, die die Stadt nicht selber gebrauchen kann, werden verlost, mitmachen können alle Einwohner der Stadt. Was die Gewinner mit dem Werk machen — in der Stube aufhängen, weiterverkaufen, verbrennen — ist dann ihnen überlassen.
Nachtrag 14.11: Auch Damian Hirst verlost Kunst
Kunstskandal: Fischli/Weiss klauten Rumpelstilz den Bären

(Rumpelstilz: “Teddybär” 1976)

(Fischli/Weiss: “Der rechte Weg” 1983)
Am Sonntag wurde auf SF1 in “Die grössten Schweizer Hits” ein Ausschnitt aus dem “Teddybär”-Videoclip (1976) von Rumpelstilz gezeigt. Und was tauchte da hinter dem tanzenden Hippie Polo Hofer auf? Ja, genau: ein Teddybär, der gleich ausschaut wie der Bär aus den ‘Ratte und Bär’ Filmen, mit denen Fischli und Weiss berühmt wurden. Der erste ‘Ratte und Bär’ Film, “Der geringste Widerstand”, stammt jedoch aus dem Jahr 1981.
Somit enthüllt kulturblog.ch exklusiv den Schweizer Kunstskandal des letzten Jahrhunderts: Fischli und Weiss haben Rumpelstilz den Bären geklaut.
Wie Emil seinen Mythos zerstört
Er war genial, der Emil, genial war auch sein Rückzug nach New York, er verschwand von einem Tag auf den andern, fast so radikal wie einige Jahre später SP-Präsidentin Ursula Koch. Im Gegensatz zu Koch tauchte Emil schon bald wieder auf. Er schrieb ein Buch und ging auf Lesereise — doch was als “Lesung” von Emil Steinberger angekündigt war, war in Wirklichkeit eine Rückkehr von Emil dem Kabarettisten. Da wurde klar: die Bühnenfigur Emil und die Person Emil Steinberger sind dasselbe, untrennbar. An einem einzigen Sonntag füllte er mit seiner “Lesung” drei Mal das Schauspielhaus, auch ich war auch da — und war peinlich berührt. Da war ein Mann, der etwas verkrampft versucht, an alte Zeiten anzuknüpfen, der drauf und dran ist, den eigenen Mythos zu zerstören.
Diese Rückkehr war ihm nicht genug, im SonntagsBlick kündete er erneut gross ein “Comeback” an, sogar einen Popsong will er veröffentlichen. Auf allen Kanälen wird er wieder zu sehen und zu hören sein und nicht merken, dass die Leute nicht mehr über Emil lachen, sondern sich über Emil Steinberger lustig machen. Er kann einem Leid tun, eigentlich sollte man ihn zurückhalten, ihn und uns vor diesem Comeback bewahren. Nur: wer soll das tun?
Spoerli unser

Der neue Aufdruck auf dem Lastwagen von Heinz Spoerlis Zürcher Ballett hat mich zu folgenden Zeilen inspiriert:
Spoerli unser auf dem Lastwagen,
betatscht werde Dein Antlitz,
Dein Ballett komme,
Dein Tanz geschehe,
wie im Opernhaus so an der Streetparade.
Unsere tägliche Ration Schwanensee gib uns heute,
und vergib uns diese gloriosen Zeilen,
wie auch wir vergeben Dir Dein… ähm Lastwagenbild.
Und führe Deine Tänzer nicht in Versuchung
aber gib Deinen dünnen Tänzerinnen etwas zu essen.
Denn die Zürcher Schickeria liegt Dir zu Füssen
egal was Tutu machst in Ewigkeit.
Plié.
Zum Thema:
Kunstpreis für Spoerli