Film
1. November 2007
Bideaus Fehlschüsse
Erst 46′522 Personen haben bis gestern Mike Eschmanns “Tell” gesehen; der Film liegt in der fünften Woche nur noch auf Platz 25 der Besucherrangliste. BAK Filmchef Nicolas Bideau hatte ihn mit grossen Worten als “Lokomotive” angekündigt, doch der Streifen dürfte in der Deutschschweiz kaum auf 100′000 Kinoeintritte kommen.
Die Fehlschüsse der Sektion Film im BAK häufen sich: erst die Unterstützungsverweigerung für “Die Herbstzeitlosen”, der dann zum zweiterfolgreichsten Schweizer Film aller Zeiten wurde, dann die Streichung der Subventionen für das Genfer Filmfestival “Tout Ecrain”, das danach als einziges Schweizer Festival auf der Variety-Liste der “50 Festivals, die man nicht verpassen sollte” fungierte und nun die lahme “Tell”-Lokomotive.
Das Gute daran: eigentlich kann es nur noch aufwärts gehen.
Zum Thema:
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sven schrieb:
tell bleibt unter den erwartungen, zweifellos (auch wenn es mehr als 46′522 zuschauer sind procinema erfasst nur die schlüsselstädte). aber schlimm ist wohl eher, dass tell trotzdem nebst breakout (von den gleichen machern) der erfolgreichste schweizer film sein wird mit startjahr 2007. filme grundsätzlich als “lokomotiven” zu bezeichnen, ist wohl eher ein fehlschuss, als filme wie tell zu unterstützen. kein eigentlicher fehlschuss war es, die herbstzeitlosen nicht zu unterstützen. dieser film war als tv-film geplant und auch so produziert, das schweizer fernsehen kann solche filme quasi alleine finanzieren. das budget für solche fernsehfilme sind beim bak (zu recht) begrenzt. es ist zu einfach, diesen unglaublichen und unerwarteten erfolg nun nachträglich als “fehlschuss bei der subventionsvergabe” umzukehren, weil er nicht unterstützt wurde (der film kam ja zustande…). das ist genau der punkt, wo du dich oft verrennst in deinem blog: du kritisierst solche, die subventionen erhalten, und störst dich im gleichen atemzug, wenn andere (teilweise austauschbar) keine erhalten. und dieser variety-liste würde ich nun wirklich nicht mehr diese wichtigkeit zumessen. warst du schon mal am cinéma tout écran? aber schliesslich bin ich trotzdem mit dir einig: es wird wieder aufwärts gehen…
Geschrieben am 1. November 2007 um 15:14Uhr | Permalink
rb schrieb:
Ja, ich bin nicht widerspruchsfrei, das ist mir bewusst. Umso mehr schätze ich, wenn mich Kommentatoren wie Sven kompetent auf Unstimmigkeiten aufmerksam machen. An dieser Stelle: Vielen Dank an alle Kommentatoren.
Zu den “Herbstzeitlosen”: Stimmt völlig, “der Film kam ja zustande”, wenn auch nur, weil die Zürcher Filmstiftung den Film anders bewertete als das BAK. Eigentlich auch egal. Dass die Nichtunterstützung durch das BAK ein Fehler war, darauf komme ich nur, weil das Bideau selber immer wieder öffentlich sagt.
Zum Tout-Ecrain-Festival kann ich tatsächlich nichts sagen, ich war noch nie dort, aber auch da behälst du wahrscheinlich recht: das Festival läuft auch ohne Bundesgeld weiter…
Geschrieben am 1. November 2007 um 15:34Uhr | Permalink
Michael Sennhauser schrieb:
Ich möchte sven beipflichten, zumindest im Hinblick auf deine Argumente (nicht auf das Fazit): Zahlen- oder PR-Erfolge sagen wenig aus im Hinblick auf Subventionsentscheide. Tell wurde unterstützt, Handyman nicht. Es ist ja gerade der Wunsch nach seinen “Lokomotiven”, welcher Bideau immer wieder in Argumentationsnotstand bringt. Grundsätzlich wäre Kulturförderung eben nicht Wirtschaftsförderung: Was ohne machbar ist, soll ohne gemacht werden. In den letzten Jahren haben ja auch immer wieder Filmproduzenten damit geworben, dass ihre Produkte ohne Förderung zustande gekommen seien. In der Regel mit einem trotzigen Unterton, denn Gesuche gestellt haben sie vorher immer, müssen sie ja. Cinéma tout écran kenne ich ein wenig (ich bin die letzten Jahre nach schlechten Erfahrungen allerdings nicht mehr hingegangen). Dass Variety das Festival in seine Liste aufnimmt hat einerseits mit Zufall zu tun, andererseits aber vor allem damit, dass das in erster Linie ein Fernsehfilmfestival ist, also eines, das für den lukrativsten Industriezweig bestellt wurde. Eine geschickte Positionierung, nachdem das ursprüngliche Genfer Filmfestival mit seinen “étoiles de demain” verstorben war. Dass tout écran nicht weiter mit Filmfördergeldern unterstützt wird, hat meiner Meinung nach seine Richtigkeit.
Geschrieben am 1. November 2007 um 21:11Uhr | Permalink
rb schrieb:
Ich komme mir ganz klein vor neben all den Filmexperten ;-) Merci für diese Ausführungen – ich denke, das Thema wird auch in Zukunft noch viel zu diskutieren geben.
Und eines muss man Bideau lassen: noch selten war Kulturpolitik so unterhaltsam wie unter ihm, noch nie hat einer um Kulturförderung eine solche Show abgezogen und kaum je war ein Kulturbeamter mit solchem Engagement (und so viel Kaugummi) bei der Sache. Er ist mit ein Grund, weshalb ich als Branchenfremder diese Szene mit Freude beobachte — auch wenn er dann hier ab und zu etwas unter die Räder kommt…
Geschrieben am 1. November 2007 um 22:03Uhr | Permalink
heinz schrieb:
….was mich immer wieder erstaunt ist das ewig alte rätselraten um die einschaltquoten, die zuschauerzahlen und die leidige frage was nun kulturgefödert werden soll weil massentauglich oder nicht. die einzige richtige antwort seit es filmproduktiionen (in der schweiz aber auch weltweit) gibt ist das niemand wiess was massentuglich sein wird und was nicht. so einfach. warum all diese mutmassungen? grosser schrecken: tell kein erfolg. uuuuuhhh. so schlimm! blöder eschmann…bideau ist schuld! wieso? kultur heisst für mich eben auch misserfolge aushalten. stolz sein auf keine zuschauer. das ist eben auch qualität. keine wirtschaftlichkeit. schwierig, ja! massentauglich, aber kein schwein will den tell sehen. gut so. danke bideau.
Geschrieben am 3. November 2007 um 00:42Uhr | Permalink
kammacher schrieb:
es ist in der tat wenig förderlich, den kulturbeamten die schuld zu geben für missglückte filme. die filmer selber müssen den finger aus dem ***** nehmen. es gibt viele viele tolle kameras, die unbenutzt in kellern stehen, wunderbare schauspieler, fantastische autoren in der schweiz. und doch gibt es keine relevanten filme, die auch mal was einspielen würden. ich bin sehr stark der meinung, dass es in verantwortung der filmemacher selber liegt, die vereinfachten produktionsbedingungen auszunutzen. dazu braucht es eine emanzipation von den konventionellen vertriebskanälen ( madeleine hirsiger ), wie auch von fueter und co. der vorauseilende gehorsam der filmer gegenüber den instanzen ist eines der hauptprobleme. die blockade im kopf. es braucht eine grössere neugier auf die internationale independent-szene, auf guerillamarketing. es geht um die auflösung dieser blockade im kopf. es ist fruchtbarer zu denken: bideau wird es freuen, wenn den filmern mal was relevantes gelänge, als über ihn zu fluchen. er selber kann den film nicht für uns drehen. die hohle hand machen ist schon okay. aber erst wenn man mal gezeigt hat, dass man überhaupt was zu erzählen hat. und es gibt keine ausrede, dass man das mal im no-budget bereicht probiert. den filmern rate ich an: weniger fussball gucken. weniger blöd rumschwätzen. mehr drehbücher entwickeln. mehr filme drehen. mehr wahn. weniger sauberkeit. mehr dreck.
Geschrieben am 3. November 2007 um 13:10Uhr | Permalink
john schrieb:
Über die Entscheide von Bideau gibt es viel zu diskutieren. Was ich wirklich Schade finde ist, dass Herr Bideau, nachdem die Subventionen geflossen sind, nicht zu seinem Entscheid stehen kann. Ich gehe davon aus, die Drehbücher werden gelesen und im Fall von “Tell” es wohl sehr klar ist in welche Richtung dieser Film sich bewegt. Es ist OK auch seichtere Filme zu unterstützen – betonung auf auch – aber als Geldgeber steht man dahinter und argumentiert warum Geld dahin geflossen ist.
Geschrieben am 5. November 2007 um 17:31Uhr | Permalink