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Wollen Sozialhilfebezüger ins Theater?

Die Caritas weitet ihr “KulturLegi“-Angebot aus. Damit erhalten 120′000 sozial benachteiligte Personen im Kanton Zürich das Anrecht auf vergünstigte Eintritte in Kulturinstitutionen. In der Theorie erscheinen solche Aktionen immer sinnvoll — in der Praxis sind sie meist ein Flop. Denn: Sozialhilfebezüger sind in der Regel nun mal keine Theater- oder Museumsgänger — da hilft auch ein Gratiseintritt nichts.
Das Theater am Neumarkt stellt sozial benachteiligten Menschen schon lange verbilligte Karten zur Verfügung, mit der “Aktion 41” gar Gratiseintritte. Diese Angebote werden aber “leider” nur selten in Anspruch genommen, wie das Theater am Neumarkt auf Anfrage bestätigt. Das liege an der fehlenden Kommunikation. Irrtum: Hochsubventionskultur ist Wohlstandskultur. Ob einem das gefällt oder nicht.

Kommentare (18) zu “Wollen Sozialhilfebezüger ins Theater?”

  1. bd schrieb:

    Ja, für die Leistungsschwachen wären Kino und andere niedere branchenübliche Angebote derselben Kulturindustrie die bessere Losung.

  2. Thommen schrieb:

    Ich denke auch, dass verbilligte “Hochkultur”-Eintritte am Ziel vorbei schiessen. Die Zielgruppe hat entweder keine Zeit, Kultur zu geniessen, oder sie ist aus ihren Verhältnissen heraus mit “anderer” Kultur und deren Konsum “beschäftigt”. Vor allem mit allem möglichem Konsum! zB Fussball…

  3. unkultur schrieb:

    Die einzigen Sozialhilfebezüger, die ich persönlich kenne, sind ältere Leute, die liebend gern ins Theater gehen… Ein Zufall?

  4. dietmar seiler schrieb:

    ich finde das, ehrlich gesagt, ziemlich arrogant, wenn man die feststellung “hochsubventionskultur ist wohlstandskultur” so apodiktisch trifft.
    und es ist zynisch (falls nicht ironisch gemeint), wenn dann auch noch empfohlen wird, für die “leistungsschwachen” “niedere branchenübliche angebote” vorzusehen, ihnen “konsum” zu ermöglichen oder sie zum fussball zu schicken.
    da steckt doch die unterstellung dahinter, dass menschen in sozial prekären verhältnissen letztlich ohnehin selbst schuld seien und sogar für die kultur zu blöd. oder?
    wer von euch weiss denn so gut bescheid über die bedürfnisse von sozialhilfebezügern, dass man sagen könnte: hier werden nicht einfach alte vorurteile geäussert.
    ich finde, das passt gut zu einer stadt, die ständig vergisst, wie reich sie eigentlich ist, und wo es geradezu zum guten ton gehört, geld zu haben. armut wird in allen industrieländern versteckt, aber meiner erfahrung nach nirgends so sehr wie in zürich. wo sind denn die 120 000 menschen, die im kanton zürich an oder unter dem existenzminimum leben? das ist doch eine riesige zahl, oder? und doch sind diese menschen fast unsichtbar…
    aber vielleicht stellt ihr euch einfach mal vor, dass es für die meisten nicht so einfach ist, zum beispiel an einer theaterkasse, wo auch andere warten, eine kulturlegi vorzuweisen und damit zuzugeben, dass man nicht dazugehört…
    es käme also vielleicht darauf an, dass man in zürich (und anderswo) zur kenntnis nimmt, dass es arme menschen gibt, und ihnen signalisiert, dass sie dennoch teil der gesellschaft sind.
    übrigens funktionieren derartige angebote anderswo ganz gut – wenn auch oft nach langer aufbauzeit und nur unter der bedingung, dass man die sache der “zielgruppe” auch entsprechend nahebringt.

  5. fastkultur schrieb:

    @unkultur: das bestätigen auch meine erfahrungen.
    @bd & thommen: “(geld)leistungsschwache” sind für euch offenbar auch “gehirnleistungsschwache”, oder was?

  6. bgg schrieb:

    @dietmar: Danke, unterschreibe ich gerne

    @rico: Wann ist eine Aktion ein Flop? Sollen Häuser nur noch anbieten, was volle Säle und reissenden Absatz garantiert? Die Menge der Besucher, die ein Angebot nutzen, ist nicht unbedingt das einzige Kriterium, sind doch marketingtechnische Gründe gerade bei KulturLegi, Maps etc. nicht immer der Hintergedanke.
    Solche Aktionen setzen wichtige – ideelle – Signale. Und sind für die wenigen, die sie nutzen, umso wertvoller.

  7. Lukrezia Pistol schrieb:

    Du meine Güte! Ob Flop oder nicht, dieses Angebot muss es einfach geben! Ich finde diese Diskussion in einer so reichen Stadt wie Zürich völlig überflüssig.
    Und dem Neumarkt soll man dankbar sein, dass es mit gutem Beispiel voran ging. Wahrscheinlich braucht es in der Tat länger, bis sich ein solches Angebot durchsetzt und auch benutzt wird.
    @Dietmar Seiler: Es würde sich lohnen, mal etwas genauer hinzuschauen. In Zürich sieht man sehr wohl und sehr offensichtlich Menschen, die am Existenzminimum leben. Aber für das, müsste man vielleicht endlich mal die Stadt näher kennenlernen und sich nicht immer vom Klischee blenden lassen.

  8. bd schrieb:

    «Kultur» rettet den Mensch nicht vor dem notwendigen Übel aller Barbarei, Dietmar, selbst berüchtigte SS-Schlächter schabten mittels vermeintlich hochkultivierter «Musik» sämtliche Erregungen ab, diese und solche zähmt und zivilisiert keine «Kultur», das weltstädtische Fellachentum unsrer Weltstädte ist nämlich bloss zu bändigen mit billigem Fernsehen, triebsublimierenden Sportarten und zerstreuendem Konsum.

  9. bd schrieb:

    Ja, fastkultur, das Paradigma prinzipieller und scheinbarer Chancengleichheit impliziert, dass mit ausreichendem Fleiss und ordentlichen Tugenden jederlei Wohlstand und soziale Genesung buchstäblich zu erarbeiten sei, dies währt und bewährt solange sich, wie der Mensch nur als in Geld und in Zahlen denkendes Arbeitswesen gilt.

  10. fastkultur schrieb:

    @bd: wer behauptet denn, dass “kultur” die menschen vor dem übel aller barbarei rettet (wenn man armen den freien zugang zu theater- oder musikvorstellungen ermöglicht)? und weshalb sind die übel aller barbarei “notwendig”? und für wen? und warum nennst du es so vornehm das “paradigma” der chancengleichheit, statt ideologie?

  11. ah schrieb:

    Bourdieu hat bereits in den 70er Jahren in seinem Werk “La distinction” gezeigt, dass einem die Gabe, zwischen hoher und niederer Kultur unterscheiden zu können, nicht angeboren ist, sondern dass kulturelle Vorlieben und die Art wie man sie auslebt, von sozialen Faktoren abhängig ist. Und ein solcher Faktor ist nun mal das Geld (eigener Status und Status der Eltern), ein weiterer die Art der (kulturellen) Bildung, die zu Hause, im Freundeskreis, in der Schule etc. miterlebt wird. Es erstaunt mich deswegen überhaupt nicht, dass das Angebot des Neumarkts wenig genutzt wird. Das erklärt wohl auch die erwähnte Ausnahme der armen Pensionäre, die gerne ins Theater gehen, ich würde mich nicht wundern, wenn die aus der gebildeten Mittelschicht stammen.
    Ich glaube nicht, dass rb gemeint hat, dass man das Angebot deshalb streichen sollte. Aber man sollte es bedürfnisgerechter gestalten, wenn es denn wirklich als ernsthafter Beitrag zur Integration von sozial Schwachen und Randständigen gedacht ist und nicht bloss “ideell”. Real wäre dann nämlich, wenn man sich im Theater mit einem Randständigen als Sitznachbar konfrontiert sieht.
    Was wäre bedürfnisgerechter? In erster Linie eine Herabsetzung der Einstiegshürden (z.B. indem das Theater zu diesen Leuten geht, wie wärs mit einer Vorstellung vor dem Pfuusbus von Pfarrer Sieber?)
    Zweifellos ist das ein Kampf gegen Windmühlen. Was schlägt Bourdieu vor, wie man diese “feinen Unterschiede” verringern könnte? Zuerst steht die Erkenntnis, dass die Unterscheidung zwischen “hoher” und “niederer” Kultur herrschaftslegitimierend wirkt. Also: Alles was die Reichen gut finden ist hoch, alles was der Pöbel gut findet, ist per se nieder. Daraus folgt dann eine vorgespurte Sozialisation des Nachwuchses, die diese Herrschaft erneut festigt: Die reichen Kinder gehen gepützelt an die Opernpremiere und werden gebildet ob sie sich langweilen oder nicht, die armen Kinder aber schauen zu Hause in die Röhre und so weiter und so weiter über Generationen hinweg. Das Argument, die hohe Kultur sei nicht bloss für Reiche, zäumt deshalb das Pferd von hinten auf. Es ist im Bereich der Kultur nicht die Unterscheidung zwischen reichen und armen Zuschauern, die bearbeitet werden sollte, sondern die Unterscheidung zwischen hoher und niederer Kultur. Wer also etwas gegen die Herrschaft des Opernhauses – und allenfalls auch gegen diejenigen, die es besuchen – hat, sollte sich und seine Kunst erheben. Und wer dann wirklich noch gegen die gesellschaftlichen Unterschiede ankämpfen will, sollte Programme für Schulklassen anbieten. Oder besser noch für Krippen ;), denn wie der Soziologe Franz Schultheis heute im Tagi schreibt, ist die einzige Chance für Kinder aus bildungsfernen Schichten in bildungsnähere Schichten aufzusteigen eine Frühförderung ab dem dritten Lebensjahr.

  12. fastkultur schrieb:

    @ ah: der soziologische kurs ist ja ok soweit er sich auf die 70er jahre situation bezieht, die bourdieu vor augen hatte. 30 jahre später finden wir aber auch eine durchaus signifikant veränderte gesellschaftliche ausgangslage vor. es sind nicht mehr nur “randständige”, un- oder wenig gebildete, die in die armutsfalle gehen. anders als in den 70er jahren finden sich unter den joblosen oder working poor auch abiturienten und universitätsabgänger, ganz zu schweigen von den alleinerziehenden (meist) frauen, die nur prekäre arbeitsverhältnisse eingehen können und deshalb ihrem früher vielleicht durchaus praktiziertem “kulturverhalten” (theater-, opern-, museums- und konzertbesuche) nicht mehr nicht mehr entsprechen können. ich habe das angebot des neumarkttheaters (extra nachgelesen auf der homepage) nicht als (idealistische) kultur-erziehungsmassnahme für “randständige” verstanden, sondern als (wie auch immer gelingenden) versuch, wenigstens jene nicht aus dem gesellschaftlich bedeutsamen “ritual” des “kulturkonsums” auszuschliessen, die einst daran teilhatten – und somit nicht noch ein zusätzliches, neues “randständiges” klientel zu produzieren.

  13. rb schrieb:

    Mir gehts nicht darum, die Aktion des Theater am Neumarkt als überflüssig abzutun, sondern um die Frage: Warum werden solche Angebote in fast allen Fällen von viel weniger Leuten in Anspruch genommen als erwartet bzw. erhofft (um das Wort ‘Flop’ nicht mehr zu verwenden)? Dazu Bourdieu herbeizuziehen ist meiner Meinung nach auch heute noch sinnvoll. Denn die soziale Durchlässigkeit ist noch immer sehr klein, trotz den von fastkultur aufgezeigten Fällen.
    Unbestritten ist: niemandem soll wegen dem Geld ein Theater- oder Museumsbesuch verwehrt bleiben. Aber man macht es sich etwas gar einfach, wenn man sich damit zufrieden gibt: “Es nimmts zwar niemand in Anspruch, aber sie könnten, wenn sie wollten.”

  14. Lukrezia Pistol schrieb:

    Die Idee das Theater eben zu den “sozial Randständigen” ist zwar edel, hat aber auch etwas zwanhhaftes: “Jetzt wird Theater geschaut und Punkt!” Schliessilich geht auch nicht jeder Kulturbürger immer und gerne ins Theater. Natürlich glaube auch ich daran, dass man schon früh anfangen muss, Kinder z.B. für das Theater oder eben Austellungen zu interessieren, leider wird man selber zum sozial Schwachen, wenn man sich in dieses Tätigkeitsfeld begibt. Es können aber nicht nur “freie” Künstler diese idealistische Fronarbeit leisten, subventionierte Häuser müssen da auch mitziehen, eben im Rahmen ihrer Möglichkeiten.
    Einfach macht man es sich auch, wenn man sagt, wird nicht in Anspruch genommen, klappt also nicht! Vielleicht liegt es wirklich an der Art und Weise, wie ein solches Angebot komuniziert wird.

  15. Alice schrieb:

    Vielleicht liegt es auch an der Art und Weise, wie man ein solches Angebot annehmen soll / kann:

    Nachbarn, die wissen / ahnen, dass man finanziell nicht auf Rosen gebettet ist, erfahren vom Theaterbesuch und zerreissen sich den Mund. Nicht gerade das, was man sich wünscht, wenn man sich sowieso klein macht, damit bloss niemand auch nur einen Fetzen Angriffsfläche findet.

    Ein tief verankertes Misstrauen gegenüber jenen, die sich solche Anlässe leisten können. Das Gefühl, bei der Veranstaltung angegafft zu werden, weil man glaubt, man sähe einem an, woher man das Ticket hat oder das Gefühl, ganz falsch am Platz zu sein.

    Generell eine eingeimpfte Haltung (vor allem bei uns auf dem Land) von “denen da oben, die sich solchen Gugus leisten können” und “uns da unten, die wir lieber bodenständig und uns nicht mit solch hochgeistigem Seich abgeben, den der Steuerzahler auch noch finanzieren muss”.

  16. ah schrieb:

    @alice: das sind genau die Einstiegshürden, die Bourdieu meint und die sind mit Gratistickets halt nicht so einfach zu überwinden.

  17. ensuite schrieb:

    hm, interessant, wir zürcher über die kulturlegi “futtern” können. aber die beiträge zeigen eine spannende denkkultur. in jeder hinsicht.

    in bern gibt’s die kulturlegi auch. aber soweit ich weiss, braucht das kaum jemand. hier sind die sozialen unterschiede wesentlich kleiner. die kulturlegi aber kostet ein haufen geld. und sogar insider der organisation meinen, dass es einfach das falsche publikum betrifft.

    man kann es auch so sehen: ca. 5 % der bevölkerung interessiert sich für kulturelles – so verhält es sich auch bei den 120′000 in zürich also “nur” 5 %. und die müssen sich dann auch noch für einen theaterbesuch oder eben sonst was erwärmen lassen. ist sicher super, wenn man kein geld hat und dann im theater zwischen den tollen abendgarderoben und blueberrys sitzen darf. es wird garantiert eine bleibende erinnerung.

  18. Anna-Marie Metzger schrieb:

    Gute Sache, da tut mal einer was für die armen.