Bühne, Politik


Blocher-Abwahl: Der Jubel der Kulturleute

Thomas Hirschhorn will wieder in der Schweiz ausstellen, “die Ärzte” verschenken ihr Album und Matthias Hartmanns Schäfchen auf der Pfauenbühne erhalten eine ganz neue Bedeutung. Die Kulturleute sind ob der Abwahl Christoph Blochers in Jubelstimmung. Am meisten jubeln dürfte aber der Theaterproduzent Lukas Leuenberger. Jedoch aus einem ganz andern Grund. Seine Grossproduktionen wie das “Bräker”-Projekt im Toggenburg oder der “Tell” auf dem Rütli waren von Blocher finanziert. Bei der Premiere von “Tell” war Blocher zwar schon Bundesrat, die Zusage zur Finanzierung dürfte er aber weit vorher gemacht haben. Zuletzt produzierte Leuenberger das Riesenprojekt “Dreigroschenoper” mit Klaus Maria Brandauer in Berlin, finanziert von der Deutschen Bank — und erhielt dafür miserable Kritiken. Die Abwahl Blochers kommt Leuenberger gerade recht, jetzt kann er wieder auf dessen Geld hoffen.

Nachtrag 15:55 — Soeben ist eine offizielle Erklärung (pdf) von Thomas Hirschhorn zur Abwahl Blochers und zum Ende seines Boykotts eingetroffen.

Kommentare (7) zu “Blocher-Abwahl: Der Jubel der Kulturleute”

  1. rittiner & gomez schrieb:

    wir freuen uns mit und freuen uns das es in der schweiz wieder etwas wärmer wird.

  2. angi schrieb:

    Lieber Rico, Sie schreiben, die Künstler jubeln. Von Hirschhorn habe ich (ich bin Deutsche und lebe auch in Deutschland, bin also mit der Schweizer Kultur nicht so intensiv vertraut) gelesen, dass er tatsächlich drei Jahre nicht mehr in der Schweiz ausstellte. Wie aber haben sich die anderen Künstler verhalten, solange Blocher noch an der Macht war? Hartmann etwa hätte ja schon gute zwei Jahre lang Gelegenheit gehabt, sich kritisch zu Blocher zu äußern, wobei ich natürlich nicht weiß, ob ihm als Nicht-Schweizer das zugestanden worden wäre.

  3. rb schrieb:

    In der letzten Produktion \”Tartuffe\” hat sich Hartmann ja geäussert. Im Gegensatz zu Deutschland und vor allem zu Ostdeutschland sind die Schweizer Theater aber sehr unpolitische Orte, man hält sich eher zurück. Dies hat vielleicht mit der direkten Demokratie zu tun, über Theaterkredite wird nicht selten an der Urne abgestimmt.
    Zudem, das haben Sie richtig erkannt, ist es für einen Neuzuzüger schwierig, sich zur Schweizer Politik zu äussern. Das System ist auf die Schnelle kaum zu verstehen (selbst viele Schweizer haben Mühe), da ist es oft nur peinlich, wenn von aussen die Schweizer Politik be- und verurteilt wird.

  4. Wolfgang Reiter schrieb:


    @rb: Kann schon sein, dass man als Neuzuzügler das System der Schweizer Politik auf die Schnelle nicht verstehen kann. Das System Blocher aber versteht man schneller als einem lieb ist. Und darauf kann man auch als Neuzuzügler reagieren (u.a. mit unseren kleinen szenischen «Benimmkursen für AusländerInnen», die wir zum Finale des Wahlkampfs in der Zürcher Innenstadt abgehalten haben). Und für komplexere theatrale Reaktionen auf die Schweizer Politik kann man auf der Bühne ja Schweizer ranlassen: Samuel Schwarz und Urs Bräm haben das am Neumarkt mit «Zürich 1917» gemacht, Martin Bieri, Anna-Lisa Ellend, Albert Liebl & Co mit «Boucherie National» – einem Abend zur Abstimmung über das Schweizerwerden. Ganz so unpolitisch muss es also auch auf helvetischen Bühnen nicht zugehen.

  5. rb schrieb:

    Das Theater am Neumarkt ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt.
    Ein Theater, dass sich wirklich einmischt, gibt es hier leider sonst kaum, nicht einmal in der Roten Fabrik. Wenn man hört, wie politisch z.T auch normale Stadttheater in (ost)deutschen Kleinstädten sind, so sind die hiesigen Stadttheater wie St. Gallen, Luzern oder Bern harmlose Unterhaltungsbetriebe.

  6. Ruth schrieb:

    Nachdem ich etwas über die im SFDRS letzthin ausgestrahlte Reportage über den Herrn Hirschhorn im Internet nachlesen wollte, bin ich nun hier “gelandet”. Ich bin schon sehr erstaunt, wie unvoreingenommen man solchen Mist, wie der von Hirschorn laufend produziert wird (und nun neuerdings leider wieder in der Schweiz) annimmt und dazu noch applaudieren kann. Ich hoffe, dass Hirschhorn dies nicht zu Lasten von uns Steuerzahler tut. Zu Lasten eines wunderschönen Waldes im Bernbiet tut er dies auf jeden Fall.

  7. klaasen schrieb:

    liebe leser
    hirschhorn hat versäumt sich der politischen realität zu stellen. einfach weglaufen und im ausland die kummerbüchse zu öffnen und über blocher herzuziehen sehe ich als schwäche.
    mit meinem gedicht ‘ein solidat für tapfer hält’ wurde ich sogar von der redaktion ‘faz’ mit den worten (im schlechten sinn) “wir beobachten sie” verfolgt.
    es wird immer wieder angeprangert: ‘künstler äussern sich nicht’.
    äussern sie sich denn doch einmal werden ihre bemühungen an den pranger gestellt.
    so gesehen hat hirschhorn wohl richtig gehandelt und das ruder vom ausland her gesteuert.

    ein solidat für tapfer hält

    ein solidat er freilich ist
    behängt
    mit blechnapf und granate
    ein solidat er freilich ist
    versteckt will er nicht werden

    ein schiessen will er mit gewehr
    so wie mit pfeil un bogen
    ein solidat er freilich ist
    freiwillig
    will er sterben

    ©klaas klaasen 1985
    klaas klaasen