Sonstiges
1. Januar 2008
Ensuite Kolumne #4: Lange Messer
Ein neues Jahr, eine neue Ensuite Kolumne:
Lange Messer
Seit den letzten Bundesratswahlen wissen wir: Alles ist möglich, vor allem das Unerwartete. Dies gilt auch für die Zürcher Kulturszene. Die designierte Schauspielhaus-Direktorin Barbara Frey hat ihren Vertrag bis Redaktionsschluss noch nicht unterschrieben, im Opernhaus weiss niemand, wie’s nach 2011 weitergeht und das Kunsthaus hechelt einem Neubau hinterher. Es ist also spannend – fast wie vor der Bundesratswahl. Die Nacht der langen Messer ist längst angebrochen, es wird intrigiert, es werden Koalitionen geschmiedet und Taktiken erarbeitet.
Der Kanton würde gerne den Vertrag mit Alexander Pereira als Opernhaus-Direktor auslaufen lassen, um dieses Ansinnen umzusetzen, ist gar eine Beratungsfirma beigezogen worden. Aus den Reihen der Goldküstenfraktion formiert sich Widerstand, der österreichische Party-Baron soll in Zürich bleiben. Die Erneuerer haben jedoch einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Die vielen UBS-Vertreter in der Goldküstenfraktion sind nach dem Spekulationsdebakel geschwächt. Und: ihnen ist auch nicht mehr wirklich nach einer Bartoli-Party zumute.
Zum Schauspielhaus: Was hält Barbara Frey von der Vertragsunterzeichnung ab? Gut möglich, dass sie finanzielle Garantien für die weitere Bespielung der Schiffbauhalle fordert. Doch Frey sollte nicht zu hoch pokern. Wer weiss, ob die Strategen im Stadthaus nicht schon einen bequemeren Ersatzmann in Stellung gebracht haben. Da man heutzutage bei Komplotten die Ersatzlösungen im Bündnerland sucht, würde sich der Churer Theaterleiter Markus Luchsinger anbieten, der in dem kleinen Provinzhaus ein erstaunliches Programm zusammenbringt. Immerhin: Barbara Frey in der Totalopposition kann man sich nicht wirklich vorstellen, viel eher würde sie einfach in Berlin oder Basel bleiben.
Apropos Opposition: Die Stadt dachte, indem sie Oppositionsführer und Grafittiliebhaber Philipp Meier ins Cabaret Voltaire einbinde, könne er gezähmt werden. Doch das Gegenteil ist eingetreten. Noch immer ruft Meier in Blog-Kommentaren dazu auf, althergebrachte Museen niederzureissen. Die Stadt wirft ihm vor, sich nicht an die Konkordanz gehalten zu haben; jetzt muss er um seine Wiederwahl und um die Existenz des Cabaret Voltaire bangen. Ob Meier als Voltaire-Direktor oder in der freien Wildbahn gefährlicher ist, darüber wird im Stadthaus noch heftig gestritten.
Wie geht es weiter? Oppositionstheater oder Kuschelkunst? Kulturblog.ch bleibt auch 2008 dran.