Sonstiges
4. Januar 2008
Warum fast nur Altes gefördert wird
Die öffentliche Kulturförderung geht zu einem grossen Teil an die Erhaltung und Pflege von alten Werken und Gegenständen; um Neues zu ermöglichen bleibt wenig Geld übrig. Das ist fast in der gesamten westlichen Welt der Fall, auch in Zürich. Weshalb? In der “Zeit” meint der Historiker Philipp Blom in dem lesenswerten Beitrag “Schafft die Museen ab!“:
“Wir sind die erste Kultur der Weltgeschichte, die Altes verehrt, nur weil es alt ist, und unsere Museen sind Hochburgen der Konservierung unserer Vergangenheit. Das war nicht immer so. Die Sammlungen und frühen Museen der Renaissance waren voll von Neuem, von exotischem Gestein, von wissenschaftlichen Apparaten, fantasievoll montierten Drachen und ethnografischem Gerät.”
Was Blom über die Museen schreibt, trifft in gleichem Ausmass auf die Oper und die klassische Musik zu, etwas weniger auf das Schauspiel.
In der schnelllebigen Zeit finden die Leute offenbar Halt, wenn sie alte Fassaden erblicken. Die Kulturförderung ist da nur ein Spiegel der Gesellschaft. Bloms Schlussplädoyer tönt schon fast resignativ: “Wir brauchen nichts so sehr wie den Mut zur Vergänglichkeit.”
philipp meier schrieb:
manchmal nenne ich mich mit nachnamen BLOM.
scheisse…, soeben hat mich frau unkultur als berechenbarer kommentator entlarvt. das schmerzt ausserordentlich. habe trotzdem keine lust, nun plötzlich in ein hohelied auf die museen einzustimmen. (dies erst dann, wenn die letzten geschleift sind)
ich finde das kulturleitbild der stadt zürich, hier auch schon diesbezüglich behandelt, eigentlich einen guten anfang in die richtige richtung. wir dürfen also hoffen, dass ihm vielleicht irgendwann auch noch taten folgen werden…:)
Geschrieben am 4. Januar 2008 um 17:26Uhr | Permalink
gruppe edvard kunz schrieb:
Verlautbarung:
Die Gruppe Edvard Kunzt hat am 01.01.08 um 14.24 Kulturminister Dominik Riedo verführt.
Wir sagen NEIN zu dem Putin-esken Kulturministerium !!!
Während der jetztige Minister lediglich eine vorgeschobene Strohpuppe zu sein scheint,
zieht im Hintergrund immer noch der Charismatiker und Populist Gartentor die Fäden.
Es steht nichts minderes als die Freiheit der Kunst auf dem Spiel !!!
Eine Freisetzung von Kulturminister Dominik Riedo kann unter folgenden Bedingungen erfolgen:
- Sofortige Amtsenthebung von Minister D.R.
- Sofortige Neuwahlen
- Auswechslung des gesamten operativen ministerialen Beamtenstabes
Ausserdem:
-Sofortige Aberkennung des visarte-Preises: Vermittlung visueller Kunst ans Kunsthaus Zug:
Zug soll bitte Marc Rich um Geld angehen!!!!
- Zuerkennung desselben Preises an Gruppe Edvard Kunzt
für ihre kulturellen Verdienste und ihren erbitterten Kampf für die Kunst.
Helft uns, indem ihr euch selbst helft!
Folgt uns! Auf euch hoffen die Millionen!
Gruppe Edvard Kunzt
Geschrieben am 4. Januar 2008 um 21:35Uhr | Permalink
rb schrieb:
@ Philipp Meier: Was ist beim Kulturleitbild ein Anfang in die richtige Richtung? (Oder war das eine ironische Bemerkung?) So wie ich dieses Papier gelesen habe, bleibt alles beim Alten, ausser dass die klassische Musik (noch) mehr Geld erhält und in der Gessneralle bald auf einer zweiten Bühne getanzt wird. Habe ich das Kapitel von den Museumsschliessungen übersehen?
Geschrieben am 5. Januar 2008 um 00:07Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
@rb: ich meine den abschnitt mit den qualitätskriterien für die von der stadt geförderten institutionen. diesen hast du hier auch schon gelobt. dort wird innovation, etc. gross geschrieben. aber eben: die taten folgen nicht…, wenn am schluss z.b. wieder die klassische musik (noch) mehr geld kriegt.
Geschrieben am 7. Januar 2008 um 09:59Uhr | Permalink
rb schrieb:
Hier der Link zu den Qualitätskriterien im Leitbild.
Übrigens: Der Text “Schafft die Museen ab!” aus der “Zeit” ist jetzt online, der Link ist oben im Beitrag eingefügt.
Geschrieben am 7. Januar 2008 um 10:56Uhr | Permalink
holstblog.de schrieb:
Die These, dass wir Altes verehren, nur weil es alt ist, mag für das Berliner Stadtschloss stimmen, in Bezug auf Oper, Musik und Theater halte ich sie für unrichtig. Das kleine Repertoire an Werken, das heute noch aufgeführt wird, wird aufgeführt, weil es gut ist. Der weitaus größere Teil alter Kunst fällt unter die Kategorie “zu Recht vergessen”. Und neuen Werken ist nicht nur deswegen meistens kein Erfolg beschieden, weil sie neu sind, sondern weil sie meistens auch nicht herausragend gut sind.
Bloms Argumentation greift für performative Künste übrigens auch deswegen nicht, weil sie nicht “verwaltet” werden können, sondern immer wieder neu entstehen.
Geschrieben am 7. Januar 2008 um 21:24Uhr | Permalink
rb schrieb:
Das mit dem “immer neu entstehen” stimmt nur bedingt. Natürlich hat sich mit dem “Regietheater” viel verändert, der Interpretationsspielraum ist viel grösser geworden. Dennoch: in der Theatergeschichte ist noch nie so viel nachgespielt worden wie heute. Das Publikum ist viel einfacher in alte Stücke zu locken als in neue — entsprechend sehen die Spielpläne aus. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die noch gespielten alten Stücke gut sind, aber nicht nur. Um dieses Phänomen zu erklären finde ich Bloms Argumentation durchaus Plausibel.
Geschrieben am 7. Januar 2008 um 21:38Uhr | Permalink
holstblog.de schrieb:
Dass das Publikum sich nicht in neue Stücke locken lässt, liegt m.E. daran, dass das Medium Theater nicht mehr authentisch ist. Das Regietheater macht es nicht authentischer. Persönlichkeiten vom Kaliber großer Dichter oder Komponisten arbeiten heute nicht mehr für das Theater, sondern für das Kino oder andere Medien. Ich glaube, das ist viel wesentlicher für die Krise “neuer Werke” in klassischen Kunstformen. Das Theater taugt für Verdi oder Schiller, weil es deren authentisches Medium ist, aber es ist es nicht mehr für nennenswerte Künstler unserer Tage. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. ;-)
Geschrieben am 7. Januar 2008 um 22:05Uhr | Permalink
Werner Hahn schrieb:
Innovative Kuratoren-KUNSTvermittlung statt Museen-Abschaffung
Der Kunst der „Alten Meister“ mit Hieronymus Bosch (Hamburg) und Matthias Grünewald (Karlsruhe, Colmar) begegnet man heute in Ausstellungen mit Bewunderung und Ehrfurcht; das Comeback der Oldies sollte nicht mit „Altertumsfetischismus“ (Philipp Blom in Die ZEIT Nr. 02 v. 03.01.08: „Schafft die Museen ab!“) diffamiert werden. Kraft- und einfallslos, wie wir heutzutage nun mal seien, erlebten wir angeblich, glaubt Blom, „die erste Kultur der Weltgeschichte, die Altes verehrt, nur weil es alt ist“. „Warum tun wir das? Weil wir ein perverses Verhältnis zur Vergangenheit haben“, so Blom. Wenn wir zu einer fast pathologischen, krankhaften, geradezu „perversen“ Sucht des Bewahrens, Sammelns und der Erhaltung von Altertümern und Altertümchen (Antiquitäten) neigen (dazu gehört auch die sogenannte moderne Kunst und Postmoderne-Abarten!) müssen wir nicht zwangsläufig zugleich die Ressourcen für Kunst und Kultur der Zukunft versperren. Viel mehr Sorgen könnte eine weitere „Guggenheimisierung und MOMAisierung“ unserer Museen bereiten, schreibt ein Kommentator des ZEIT-Artikels („Colon“) zu Recht: Es muss gelingen, „den fatalen Trend aufzuheben, das Publikum immer wieder mit den gleichen wenigen Ikonen der Frühmoderne und Moderne zu versorgen“ und immer die gleichen Kunstmarkt-Künstler („Stars“), „die gleichen Kunstobjekte, mit den gleichen Katalogen und den gleichen Werbe- und Gedächtnisobjekten“ zu zeigen. – „Da läuft etwas schief.“ Viele „Kunst“-Manifestationen des Zeitgeistes von heute (auch der Anti- und Nicht-Kunst) sind es nicht wert, gesammelt zu werden. Eine Pauschal-Verdammung der Museen ist absurd; geeignetere nicht-konservative Kuratoren müssen in der institutionellen Kunstvermittlung (ohne Sammler/Händler-Verbindungen!) angestellt werden, die sich nachweislich mit dem Thema QUALITÄT (der Kunstbeurteilung – verbindlichen Kriterienkatalogen) in der bildenden Kunst intensiv befassen. Für „die letzten Zuckungen einer ideenleeren Avantgarde“ zeitgenössischer Kunst und den „Massenkommerz“ ist das Scheitern der BUERGELiade 2007 ein Beispiel (Siehe Internet: „Verrisse-Mahnmal“, Inhalte/Links in http://www.art-and-science.de.) Eine andere Ausstellungs_Politk der Museen wird von Hanno Rauterberg zu Recht gefordert (Buch „Und das ist Kunst?!“), so dass „Kunsterkenntnis weit mehr zählt als bisher“! Das Kunst-System könne via ERKENNTNIS-Kunst befreit werden „von den Zwängen der Verwertbarkeit und Beschleunigung, von vordergründigen Sammler- und Händlerinteressen“.
Subversion durch Neo-RENAISSANCE und innovative Museums-KULTUR
Sammeln war einmal „intellektuelle Subversion“: Es sollte wieder ein „Zeichen der Subversion“ werden – wie in der RENAISSANCE: „Die Sammlungen und frühen Museen der RENAISSANCE waren voll von Neuem“, so Blom im ZEIT-Artikel „Schafft die Museen ab!“. Voll „von exotischen Tieren und seltsamem Gestein, von wissenschaftlichen Apparaten, fantasievoll montierten Drachen und ethnografischem Gerät. (…)“ Die Macht der Macher des heutigen Kunstbetriebs gilt es zu transformieren, zu unterminieren. Dazu benötigt die Kunst-Szene eine reformierte, NICHT-private neue (seriöse) öffentliche Museums-KULTUR. Verschwinden muss die Dominanz der „Ewig-Gestrigen“ aus der „Kunst“-Vermittlung – NICHT das Museum! Das „Wunderbare“ soll NICHT aus der Welt (dem Museum) verbannt werden. „Gegenstände, die Rätsel aufgeben“ (ERKENNTNIS-Kunst) gehören – der kulturellen Evolution wegen – gefördert, ausgestellt. Glauben wir doch an die Herrschaft des Geistes, die so unverdächtig sein kann wie es die Schönheiten der Natur (natura naturans) sind! Der Historiker beklagt zu Recht „die letzten Zuckungen einer ideenleeren Avantgarde“ mit „Massenkommerz“. Ja: „Eine goldene Zeit kultureller Institutionen ist eben leider keine goldene Zeit der KULTUR.“ Es gibt indessen goldene „Träume der Vergangenheit“ die wir NICHT „neutralisieren“ müssen, indem wir sie „verkitschen oder analytisch unterwandern“: Dazu mein Plädoyer PRO Neo-RENAISSANCE; LEONARDOs „schöne“ (?) Mona Lisa bitte NICHT gleich nach Disneyland Paris aussiedeln! In der RENAISSANCE waren die Museen noch „Werkzeuge der kulturellen Umwälzung und der individuellen Fantasie. Was die Kultur der Naturalienkammern und Wunderkabinette antrieb, war die Intuition, dass die Objekte mehr zu sagen hatten, als man bereits wusste, dass sie eine eigene Stimme hatten, dass man ihnen zuhören und in ihre eigenen Geschichten folgen musste.“ Hanno Rauterbergs kluge Einsichten über „ERKENNTNIS-Kunst“ im Buch „Und das ist Kunst?!“ könnten Wege aus der QUALITÄTs-Krise der KUNST (samt Anti- und Nicht-KUNST-„Kunst“) weisen und die ästhetische Werte-Debatte (auch zur d13 nach dem BUERGELiade-Fiasko) beleben. Im KUNST-ERKENNTNIS-Denken beleben sich idealerweise Phantasie (Einbildungskraft) und Verstand (Wissenschaftlichkeit) gegenseitig, so dass ästhetische Weiterbildung erfolgt. Die Museen sollten heute „stärker auf gute ERKENNTNISkunst setzen“ fordert Rauterberg. (Zu einem „Modell für eine objektivere Kunstbeurteilung“ siehe GOOGLE und http://www.art-and-science.de.)
Geschrieben am 20. Februar 2008 um 10:19Uhr | Permalink
philipp meier schrieb:
so wie die kunst seinerzeit aus den kirchen befreit wurde, müsste sie heute aus den museen(, theater und opernhäuser) befreit werden. schaulager: ja! museen: nein!
wie eine kirche überhöht das museum alles, das reingestellt wird. es ist tief in uns eingebrannt, dass kunst durch das museum die weihe erhält; dass museen die heiligen hallen der religion kapitalismus sind. wie die kirchen, sollen auch die museen (als schaulager) bestehen bleiben. die kunst sollte jedoch definitiv von seinem (präsentations)archiv befreit werden und endlich unser aller leben erreichen.
Geschrieben am 20. Februar 2008 um 13:37Uhr | Permalink