Bühne


Aus für Schiffbau Halle

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Schauspielhaus-Direktor Matthias Hartmann hatte es in einem NZZ-Interview bereits angedeutet, am Rande der “Miss Sara Sampson“-Premiere wurde es mir nun von Pressesprecher Matthias Wyssmann bestätigt: Die grosse Halle 1 im Schiffbau wird ab nächster Saison nicht mehr bespielt, zumindest nicht mit Eigenproduktionen. Die letzte Premiere findet im April statt.
Die Schliessung ist eine Auswirkung des Streiks vor zwei Jahren. Das technische Personal hat jetzt zwar mehr Lohn, dafür fehlt das Geld, um in der Halle 1 Theater zu machen.
Der Fall gleicht jenem des Cabaret Voltaire. Die Ausstrahlung des Schiffbaus ist enorm, auch international – doch das spielt offenbar keine Rolle. Nicht zu vergessen: der Einzug des Theaters in den Schiffbau hat das gesamte Quartier Zürich West beflügelt; aus einem toten Industriegebiet wurde ein pulsierender Stadtteil. 
Stünde hinter der Schliessung ein nachvollziehbares kulturpolitisches Konzept, so könnte dies u. U. akzeptiert werden. Es wäre z. B. durchaus denkbar, dass sich das Schauspielhaus im Pfauen auf das Bildungsbürger-Theater konzentriert und das Experimentelle der Gessneralle und dem Theater am Neumarkt überlässt. Damit hätte man wieder vormarthalerische Zustände, bei denen sich die Theater in ihren Profilen viel klarer voneinander abgrenzen.
Doch so, wie das jetzt passiert, ist das schlicht skandalös: weil das Geld ausgeht, geschieht im Schiffbau ein Theater-Rückzug auf Raten. In der Halle 1 wurde schon in den vergangenen Jahren immer seltener gespielt, die Halle 2 triffts zwar noch nicht, doch auch dort dürfte der Spielplan bald ausgedünnt werden. Das alles passiert klammheimlich, offiziell informiert wurde nie, eine Debatte dazu findet nicht statt.
Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass die zukünftige Direktorin Barbara Frey ihren Vertrag noch nicht unterschrieben hat. Man kann nur hoffen, dass sie hart bleibt und auf Garantien für die Bespielung des Schiffbaus besteht. Nur so gibt es noch eine Chance, dass ab der Spielzeit 2009/10 (dem Start von Frey in Zürich) wieder ab und zu in der wunderbaren Halle 1 des Schiffbaus eine Eigenproduktion zu sehen ist.

Nachtrag 15. Januar: Gemäss dem Tages-Anzeiger-Artikel “Aus für Zürichs Vorzeigebühne?” hat Barbara Frey den Vertrag mittlerweile unterschrieben.

Kommentare (5) zu “Aus für Schiffbau Halle”

  1. Wolfgang Reiter schrieb:

    Nicht dass kluge kulturpolitische Konzepte automatisch zu besserem Theater führen. Aber sie könnten zumindest die Voraussetzungen dafür schaffen. Ich habe schon im Frühjahr 2004 in einem längeren Gespräch mit Jean-Pierre Hoby angeregt, die Halle 2 (ehedem „Box“) mittelfristig dem Theater am Neumarkt zur Verfügung zu stellen, das mit seinem traditionellen (Zunfthaus-)Raum schnell an seine Grenzen stösst, wenn es die geforderten experimentellen Formen wirklich konsequent umsetzen möchte. Und dass ein zweiter, attraktiver Spielort für das Neumarkt es ermöglicht, dass die beiden Zürcher Ensembletheater wieder (wie vor Marthaler und vor dem Schiffbau) in produktive künstlerische Konkurrenz treten, die dem Theater-Standort (um das kulturpolitische Unvokabel auch einmal zu verwenden) gut tun würde (siehe Thalia und Schauspielhaus in Hamburg bzw. Resi und Kammerspiele in München).
    Vielleicht sollte man das – wie es in rb’s Kommentar anklingt – für die Zukunft sogar noch radikaler andenken: Das Schauspielhaus konzentriert sich auf die Aufgaben eines Stadttheaters und erhält neben der Pfauen-Bühne das Theater am Neumarkt als zweite Spielstätte (dessen Raum sich hervorragend für kammerspielartige Aufführungen und neue Dramatik eignet, für die es kein allzu grosses Zuschauerpotential gibt). Im Schiffbau (Halle 1 und 2) wird im Gegenzug ein neues Theater gegründet, das die theaterpolitischen Aufgaben des Neumarkt-Theaters an diesem Ort und mit diesen Räumen besser erfüllen kann. Das würde auch „kulturgeographisch“ Sinn machen, nicht nur der kurzen Wege zwischen Pfauen und Neumarkt wegen; sondern weil das angestammte Schauspielhauspublikum sich lieber im Kreis 1 bewegt, das sich für experimentelle Arbeiten und radikalere ästhetische Projekte interessierende Klientel aber dort nur schwer hinzulocken ist.
    Zu fürchten aber ist, dass rb Recht behält mit seiner Vermutung über einen Theaterrückzug auf Raten. Und er könnte noch deutlicher ausfallen. Aus dem Verwaltungsrat des Theaters am Neumarkt war letztes Jahr zu vernehmen: Wenn Weber/Sanchez nicht den geforderten Publikumserfolg einfahren, dann „lassen wir das Neumarkt an die Wand fahren“. Das wäre natürlich auch ein kulturpolitisches „Konzept“: Das Schauspielhaus beschneiden, das Neumarkt schliessen, in der trügerischen Hoffnung, damit die Gesamtauslastung der Zürcher Theater zu steigern.

  2. philipp meier schrieb:

    und wenn wir schon dabei sind (siehe vorhergehender artikel von rb), dann übersetze ich diesen hervorragenden kommentar von wolfgang reiter in die marketingsprache:
    weniger «me too» – mehr «USP»! sprich: die institutionen sollen sich wieder mehr unterscheiden als (an)gleichen. natürlich verbunden mit der hoffnung, dass sich nicht nur räumlich sondern auch finanziell was verändert.

  3. rb schrieb:

    Ja, ein hervorragender Kommentar von Wolfgang Reiter: eine kühne aber doch sehr pragmatische Vision für eine neue Zürcher Theaterlandschaft.
    Auch ich sehe es so: der “USP” (im Kulturbereich eher “unverwechselbares Profil” genannt) ist essenziell, obwohl die Tendenz zur Alle-Machen-Alles-Profillosigkeit in vielen Bereichen/Institutionen unverkennbar ist (ein Beispiel hier).

  4. angi schrieb:

    Gestern, Mittwoch, schrieb die Süddeutsche Zeitung, Hartmann habe auf die Forderung mehr Veranstaltungen in den Schiffbau zu holen mit den Worten reagiert, er sei kein Eventmanager sondern ein Theaterdirektor. Damit hätte er im Prinzip recht, nur: wenn ich mich recht entsinne, war in Schweizer Tageszeitungen zu lesen, dass er seine Zuschauerstatistik im ersten Jahr dadurch manipulierte, dass er die Besucher genau solcher externen Veranstaltungen zu den Theaterbesuchern dazuzählte. Erst jetzt, nachdem er mit solchen Methoden seine Zuschauerstatistik nicht mehr aufhübschen kann, fällt ihm plötzlich ein, dass er für Events ja eigentlich nicht zuständig ist. Das mutet dann doch merkwürdig an.

  5. rb schrieb:

    Der Vorwurf an Hartmann bei der Zuschauerstatistik war, dass er Partys, Gastspiele von Komikern etc. mitzählte. Jetzt gehts um etwas ganz anderes: Um Fremdvermietungen, z. B für Produktepräsentationen, Generalversammlungen etc., die viel Geld einbringen sollen.
    Für mich sind in diesem Fall die Vorwürfe an Hartmann unverständlich. Solche Anlässe zu akquirieren ist wenn schon Aufgabe des kaufmännischen Direktors. Da es aber bei der kaufmännischen Direktion kürzlich einen turbulenten Wechsel gab, erstaunt es nicht, dass dieser Bereich (noch) nicht recht funktioniert.