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Kinder als Retter der Kulturbranche

Es gibt immer weniger Kinder – dem Kunst- und Kulturangebot ist dies nicht anzusehen. Gemäss der neuen Schweizer Buchstatistik hat die Anzahl Neuerscheinung bei den Kinderbüchern letztes Jahr um 10 Prozent zugenommen, währenddem die Gesamtanzahl der Neuerscheinungen abgenommen hat. Von der kriselnden Plattenindustrie ist schon länger zu hören, dass Chasperli, Schlieremer Chind, Andrew Bond und Co. die letzten sicheren Einnahmequellen sind. Popmusiker gründen Kinderbands und geben offen zu, dass ihnen dies als finanzielle Basis für ihre andern (unsicheren) Projekte dient. Auch die Museen haben in letzter Zeit ihr Kinderprogramm enorm ausgebaut — oft ist dies ein Kriterium für Subventionen. Und an vielen Stadttheatern ist das Weihnachtsmärchen die meistbesuchte Produktion des Jahres.
Den Kindern gefällts — meistens. Sie ahnen nicht, dass sie längst zu einer bedeutenden Stütze der Kulturbranche geworden sind.

Kommentare (13) zu “Kinder als Retter der Kulturbranche”

  1. Alice schrieb:

    Kinder sind unvoreingenommener.

    Gestern war ich mit meiner Tochter (13) in Zürich. Irgendwann standen wir vor dem Cabaret Voltaire. Ich sagte. “Komm, da gehen wir rein.”

    Sie sagte nicht: “Wieso?” / “WAS? Ich soll mir dada ansehen?” / “Was ist dada überhaupt?” / “Wird mir sowieso nicht gefallen.” / “Nöö, ich will lieber nur shoppen” usw. usw. usw.

    Sie sagte: “Au ja.”

    Wir gingen zuerst die Treppe hoch und guckten uns die herrlich schrägen Papiere in den Ordnerfolien an, lachten, fanden unsere Favoriten (das Geld mit den Sicherheitsnadeln ist weit oben auf der Liste)

    In der Ausstellung steuerte sie gleich auf die Graffitti-artige Wand zu. “Willst du was draufschreiben?”, fragte ich. Sie wollte. Dann fand ich heraus, dass wir verkehrtherum angefangen hatten (und die Schuhesohlen nicht auf dem Teppich sauber gestreift hatten *hüstel*). Sie hatte dann mehr Fragen als ich Antworten (öhm, ich hatte auch ziemlich viele Fragen), aber sie ist mit Spass durch die Ausstellung gegangen (falsch herum).

    Sprich: Kinder und Jugendliche wären durchaus für Kultur empfänglich, wenn man ihnen nicht andauernd einreden würde, das sei was für die Elite, für die “Gschpinnerten” – und nichts für “normale Leute.”

    Neugierige Frage am Rande an Philipp: was löst das herrliche Vibrieren aus, wenn man auf den Stuhl steigt und den Teppich umarmt (sag jetzt nicht, das war Zufall – weil irgendwo Bauarbeiter genau dann bohrten, wenn wir zwei Landeier auf den Schemel stiegen). Und sag mir auch nicht, man dürfe keine Kultteppiche umarmen.

  2. philipp meier schrieb:

    @rb: das geplante kinderkulturhaus vergassest du noch aufzuzählen. ich wäre jedoch eher dafür, dass man den kindern lernen sollte, z.b. die räumliche umgebungen in schule, dorf und stadt zu lesen und kreativ in diese lebensräume einzugreifen (performativ, installativ, etc.). sie sollen sich kopftücher umbinden und strassenbahn fahren; sich in der öffentlichkeit prügeln und schauen, was passiert; sie sollen selber kleine produkte herstellen, die sie ungefragt im nächsten supermarkt in die gestelle legen; etc.pp.

    @alice: das ist eine klanginstallation von johannes gees, die so angelegt ist, dass sie brummt/vibriert, sobald man seinen kopf rein steckt (oder den «kultteppich» umarmt). die ausstellung heisst fuga saeculi (flucht aus der zeit); mit dem eintauchen in diesen «kultteppich» soll ein gefühl entstehen, als ob man der zeit für ein moment entflieht.
    ich wusste übrigens nicht, dass man die ausstellung «falsch herum» begehen kann…
    im prinzip sprechen deine ausführungen auch gegen ein kinderkulturhaus; denn es ginge eben darum, die kreativität der kinder frei zu legen (respektive nicht unter «leistung» zu verschütten) und sie nicht in gewisse bahnen/räume zu lenken/zwängen.

    ich kenne jedoch inzwischen die politischen realitäten: es ist (viel) einfacher, ein museum oder eben kinderkulturhaus politisch durchzubringen als irgendwelche «installative performance-workshops» ;)))

  3. philipp meier schrieb:

    ganz vergessen @alice: es freut mich sehr, dass ihr euch im cabaret voltaire wohl fühlten :)

  4. Alice schrieb:

    @ philipp:

    Oh ja, wir hatten eine gute Zeit … werden nächstes Mal wieder vorbeischauen.

    Zum “Verkehrtherum”: Du solltest dann wohl mal den Begleitzettel zur Ausstellung lesen, den ihr verteilt :-)

    Aber auch “verkehrtherum” hat uns die Ausstellung gefallen. Und es ist in der Tat ein sehr wohliges Gefühl, wenn man den Teppich umarmt und es so herrlich vibriert. Ob ich die Zeit dabei vergessen habe, weiss ich nicht; wir hatten die Zeit eh den ganzen Tag vergessen, auf unserem Mutter-Tochter-Tag-Ausflug.

    Ich bin übrigens gehen “Kindermuseen” und “Kinderkulturorte”. Das grenzt aus. Schafft zwei Kategorien. Kinder kommen durchaus wunderbar klar mit den Ausstellungen “für die Grossen” – solange man ihnen nicht unaufgefordert den Kopf vollquatscht, sie erziehen oder ihnen Kunst eintrichtern will, sondern sie einfach erleben lässt und auf ihre Fragen antwortet – so man denn kann.

    Ich hätte übrigens noch mindestens ein Dutzend Fragen, die mir im Bett zur Ausstellung noch eingefallen sind – wo kann ich denn die deponieren?

  5. philipp meier schrieb:

    @alice: gute idee! ich werde nächstens mal den begleitzettel zu unserer ausstellung lesen. wusst ichs doch, dass der adrian kunst richtig vermittelt :)
    die blog-gemeinde findet zwar solche beitragsferne ausflüge in den kommentarspalten extrem unpässlich…; ich fände es trotzdem kuul, wenn wir dieses frage-antworte-spiel quasi halböffentlich in dieser kommentarspalte durchführen könnten; und, um den alten rekord im bereich anzahl kommentare pro beitrag im kulturblog brechen zu können, stellst du am besten die fragen einzeln… ;)

  6. Alice schrieb:

    Da frage ich lieber erst bei rb nach, bevor ich hier alle zutode nerve (falls ich das nicht schon habe).

    Aber eine brennende Frage hätte ich doch: Hätten wir, wenn wir lange genug gesucht hätten, eine Taschenlampe gefunden, damit wir das Buch in der “Dunkelkammer” hätten lesen können?

  7. philipp meier schrieb:

    ich verstehe nicht ganz, wen man mit vielen und unpässlichen kommentaren nervt. das ist doch genau das tolle am web; dass man ständig auf «dinge» stösst, die man nicht erwartet, oder?! rb wird sich hüten, hier «kuratierend» einzugreifen…;)))

    @alice: ähm…, das licht in der von dir so genannten «dunkelkammer» war schlicht nicht eingeschaltet… (sorry, dass ich dich diesmal enttäuschen muss…; sooo genial sind unsere ausstellungen dann doch nicht;)

  8. Alice schrieb:

    Oh, das ist jetzt aber eine Enttäuschung! Ich fand das nämlich ein geniale Idee, ein Buch in einer Dunkelkammer aufzuhängen. Wenn ich mir Mühe gab und mit der einen Hand den sperrigen Schaumstoffvorhang aufdrückte und mit der anderen das Buch anhob, konnte ich Lesezeichen entdecken. Es war nämlich zum Haareraufen, dass ich – als absoluter Lesefreak – NICHT nachlesen konnte, was andere in einem Buch so wichtig fanden, dass sie es mit Lesezeichen versahen. Vielleicht solltet ihr das Licht ausgeschaltet lassen und eine Taschenlampe verstecken – oder einen Mechanismus einbauen, der das Licht einschaltet, wenn man lange genug probiert hat, das Buch im Dunkeln zu lesen :-)

    Wenn dich der Kommentarschlauch nicht stört (mich stört er sowieso nicht), dann noch ein paar Fragen:

    1. Frage meiner Tochter: Hat der Marilyn Manson auch was auf die Graffiti-Wand gemalt?

    2. Ebenfalls Frage meiner Tochter: Hat jemand absichtlich auf dem Foto von Hugo Ball (Schrein, Abbildung 34 oder 36) ein Auge ausgekratzt? (Ja, so was fragen dann halt Kinder / Jugendliche … aber ich finde, die Frage hat was…)

    3. Frage von mir (an der ich ziemlich herumgrüble, aber bei der es wahrscheinlich sogar schade wäre, wenn du eine Antwort geben würdest): Wie ernst ist dieser Schrein gemeint? Es ist alles so ernst aufgebaut wie eine Kultstätte (samt Gipsabdruck des Gesichts) – und dabei geht es um den Mitbegründer von dada, dem solches Geschmus am Allerwertesten vorbeigehen sollte. Für “nicht sehr ernst” spricht die Unterlage, auf welcher der Schrein liegt, für “ernster als du denkst, liebe Alice” die ausführliche Beschreibung aller Gegenstände im Schrein (mit Bildernummern und Erklärung). Interessante Diskrepanz.

    Frage 5: Hab ihr tatsächlich für diese Ausstellung die Decke golden angemalt (ja, auch Erwachsene können Kinderfragen stellen)?

    Anmerkung: Jemand, der sich in einen Teppich / eine starre Dreiecksform hüllt, eine Kochmütze aufsetzt und dann irgendwie aussieht wie Pinocchio ohne lange Nase, hat schon mal meinen Respekt.

  9. philipp meier schrieb:

    werde bei gewissen fragen (und wegen deinen interessanten ausführungen bezüglich «dunkelkammer») adrian hier vorbeischicken. also:
    1. wir waren froh, dass marilyn manson ohne zusammenzubrechen den saal kurz durchschritten hat. eine solche «spur» von manson wäre natürlich toll gewesen. wir sind jedoch auch mit diesem clip sehr gut bedient: http://www.youtube.com/watch?v=M1dY0Sy6iFg&eurl=
    2. adrian?
    3. adrian?
    (4.) warum gibt es keine vierte frage? sehr interessant…
    5. ja…; sie soll jedoch auch für die nächsten dadalogischen work-in-progress-krypta-shows golden belassen bleiben.

  10. Alice schrieb:

    Seit wann legt man bei dada Wert auf eine ordentliche Zahlenfolge? Damit alles seine Richtigkeit hat:

    Frage 4: Warum gibt es keine grünen Filzstifte für die Graffiti-Wand, Tochter und ich hätten gerne grün geschrieben (blöde Frage, muss absolut nicht beantwortet werden; sie erfüllt halt nur den Zweck, die Zahlenfolge wieder in Ordnung zu bringen)?

    Ist Adrian der Typ, der an der Kasse stand? Ich fürchte, den habe ich mit meinen dämlich naiven Fragen zum schwarzen T-Shit mit der kyrillischen Schrift innerlich zur Verzweiflung gebracht (er hat sich aber freundlicherweise nichts anmerken lassen – was sehr für ihn spricht – und vielleicht ist er jetzt landeigeschädigt, was ich natürlich weder hoffe noch wünsche; ich verspreche, dass ich als Wiedergutmachung Mitglied vom Verein werde). Das T-Shirt ist klasse und ich ärgere mich ein wenig, dass ich es nicht gekauft habe …

  11. rb schrieb:

    Huch, da ist ja einiges gegangen, seit ich weg war! Nein, nein, ich werde nicht “kuratierend” eingreifen (was für ein schöner Ausdruck), redet nur weiter, ich lese interessiert mit … und es animiert mich dazu, mir die Ausstellung noch einmal anzusehen und den Teppich zu umarmen…

  12. adrian notz schrieb:

    Die Fragen sind sehr gut! Es freut mich, dass die Ausstellung derart genau betrachtet wurde.
    2. Ob es Absicht war, weiss man nicht. Ich denke eher nicht. Es ist auf jedenfall ein eindrückliches Photo. Und es gibt davon auch Abzüge, ohne verkratztes Auge.
    3. Die Diskrepanz ist gewollt. Es geht ihm weitesten auch um eine Hinterfragung des Begriffs des Musealen, das Museum, in welchem Dinge abgelegt werden, die tot (nicht mehr aktiv) sind und erhalten bleiben müssen für die Ewigkeit. In unserer Krypta , oder auch “Huldigungsgruft”, soll dies einerseits ironisch aufgegriffen werden, deshalb der Sarg, deshalb die goldene Decke, deshalb eine richtige Richtung und eine falsche Richtung (wie in der Kirche), und es sollen zum anderen aber doch ernsthaft und korrekt Informationen zu Dada vermittelt werden. Wobei der Ordner mit all den Angaben, die ja eigentlich auch massiv zuviel sind (und natürlich immer noch viel zu wenig), auch schon ironisch betrachtet werden kann.
    Spannend finde ich zudem, wie der Teppich umarmt wird. Es ist ja eigentlich kein Teppich, den man umarmt, sondern ein Filz auf einem goldenen Karton, der wiederum auf einem langem Teppich steht. Sehr schön, wie da der Gang über den Teppich “Zur Stillen Einkehr” Teil der Umarmung wird. Und eben dieser Gang über den Teppich löst dann auch das Brummen aus. Mehr Magie soll hier nicht verraten werden.

    Ja, ich bin der Typ, dem es nicht eingeleuchtet hat, wie man nicht weiss, dass kyrillisch eine Schrift ist und Russisch lediglich eine Sprache, welche in dieser geschrieben wird (zb Bulgarisch und Serbisch auch;-) Und als ich dann von dort oben hinten doch noch nachgab, und sagt, “ja, russisch” war ich grade auf der Suche nach einer Glühbirne für die “devotio” Kapelle, in welcher das Buch “Die Flucht aus der Zeit” ist. Diese ist nun ersetzt, und der Devotion zu Ball steht keine Verfinsterung mehr entgegen.

  13. Alice schrieb:

    @adrian: gib’s zu – du hast die Glühbirne extra nicht ausgewechselt, weil du gedacht hast, bei der ist sowieso Hopfen und Malz verloren (womit du nicht ganz unrecht hast). Vielleicht ist es eine gerechte Strafe, dass ich das T-Shirt nicht gekauft habe und mich jetzt ärgere – ich hätte es gar nicht verdient :-)))) Wie sagte schon meine Mutter: “Dummheit muss weh tun.”

    Zur Ausstellung: Das Foto mit dem zerkratzten Auge hat eine extreme Wirkung. Danke für die Erklärung zur Diskrepanz. Ich empfand sie als spannend, aber auch extrem verwirrend. Vor allem die Gipsmaske – die hat für mich schon fast totenkultähnliche Wirkung.

    Auf jeden Fall kommen wir wieder (und bevor du nach dem Datum fragst, damit du dir jenen Tag frei nehmen kannst: nein, ich werde NICHT nach dem T-Shirt fragen – es kann höchstens sein, dass ich es kaufe, wenn es noch dort hängt – und es würde mich nicht wundern, wenn du sagst: sorry, unverkäuflich).