Bühne, Kunst/Museen, Musik


Rote Fabrik: Ehre ohne eigenes Zutun

Eine Einladung an das Berliner Theatertreffen ist die höchste Ehre, die ein deutschsprachiges Theater erfahren kann. Nebst dem Schauspielhaus ist dieses Jahr auch die Rote Fabrik mit Marthalers “Platz Mangel” eingeladen. Dass ein alternatives Kulturzentrum an das Stadttheatertreffen fahren darf, ist aussergewöhnlich. Ein Zeichen dafür, dass die Rote Fabrik endgültig Teil des bürgerlichen Kulturestablishments geworden ist? 
So einfach ist das nicht. Denn: Die Rote Fabrik kommt ohne eigenes Zutun zur Theatertreffen-Einladung. Marthaler brachte für “Platz Mangel” sein gesamtes Team mit, niemand aus dem Umfeld der Roten Fabrik hatte irgend etwas mitzureden. Marthalers Produzent hat alles Geld selber aufgetrieben — die Fabrikler hatten nur den Raum freizuhalten und den Kartenverkauf zu organisieren.
Das ist an sich kein Problem. Doch man würde sich wünschen, die Rote Fabrik würde mit dem normalen Programm mehr von sich reden machen. Abgesehen von der Marthaler-Produktion kann ich mich in den letzten Jahren nur an zwei Ereignisse erinnern, bei denen die Rote Fabrik Stadtgespräch war: Beim Plakat zur Faschismus-Ausstellung und bei der Beltrametti-Produktion von 400asa.
Sonst hört man vor allem, dass gewisse Künstler über viele Jahre in ihren billigen Ateliers sitzen bleiben und den Weg für Neues versperren. Akzente setzt der St. Galler Gemeinderat und Poetry-Slammer Etrit Hasler, er macht eine eigenständige, starke Fabrikzeitung — doch wer kennt schon die Fabrikzeitung? Nicht beurteilen kann ich das Musik-Programm.
Die Einladung ans Theatertreffen bringt der Roten Fabrik international Publizität. Wer weiss, vielleicht verleiht dies der Fabrik neuen Schwung — es wäre dringend nötig.

Zum Thema:
Marthalers zweites Versprechen
Plakatstreit: Hoby als allmächtige Instanz

Kommentare (8) zu “Rote Fabrik: Ehre ohne eigenes Zutun”

  1. philipp meier schrieb:

    kann mir mal jemand sagen/schreiben, warum zum thema schiffbauhalle kommentare «zu hauf» geschrieben werden und hierzu nicht? hier gehts nicht um eine halle sondern um viel mehr…, räume…

  2. rb schrieb:

    Das passt zu dem Eindruck, den die Rote Fabrik nach aussen macht: Sie dämmert vor sich hin, niemand mag sich für sie einsetzen; sie funktioniert, aber von Leidenschaft ist wenig zu spüren. Die Fabrik schreibt über sich selbst: “Die Rote Fabrik zählt zu den grössten und vielseitigsten Kulturzentren Europas, mit einer Ausstrahlung, die weit über Zürich hinausreicht.” Davon merkt man zurzeit nichts.

  3. samuel schwarz schrieb:

    da lockt ihr mich wieder hinein, ihr schlingel! man darf nicht vergessen, dass die rote fabrik auch ein kreativer freiraum ist, in dem dinge entstehen, die dann anderswo “gross” rauskommen. und diese dinge würden anderswo nicht in dieser qualität entstehen. ein beispiel: die vladimir-show von fabienne hadorn. das war ein zuerst ein (fast) unfinanziertes try-out für den weihnachtstag. daraus wuchs dann ein super-hit. an einem anderen ort hätte man dieses stück mit dramaturgen-totschlagargumenten bereits im keim erstickt: ” da muss man aber aufpassen, dass es nicht zu klamaukig wird”. so entstand ein zauberhaftes stück voller gedanklicher freiheit. gross rausgekommen ist es dann aber anderswo, kreiert wurde es aber in der roten fabrik. und das ist auch das spezielle an solchen kulturzentren. dass die dinge dann halt mal einfach so geschehen, ohne dass sie gleich PR-mässig verbraten werden. auch sind kulturzentren wie die rote fabrik spiegel des Ich’s. man findet immer sich selbst dort. und wenn man über diese zentren rummotzt, dann motzt man sehr oft über sich selber. weil: es fehlt dort der illusionistische zauber, der einem suggeriert, man sei der grösste. und diese leichte depression, die das auslöst, erzeugt dann – wenn man sie aushält – mehr gedankliche tiefe im kunstwerk als in den saubergepützelten gängen in der stadtmitte. aus diesem grund haben sich die marthaler-leute auch wohl gefühlt in der roten fabrik, die sind eben depressionsresistent und verwandeln die depression in schöne lieder. deshalb ist es richtig und wichtig, dass die rote fabrik nun international leuchtet durch marthaler. gerade das leicht “lahme”, das man vermeint zu erkennen in der roten fabrik, ist ihr vorzug. tempo haben wir genug anderswo.

  4. sven schrieb:

    ich finde das sehr interessant und wichtig, was samuel schwarz schreibt. ich hatte eigentlich auch eher das gefühl, dass die luft etwas draussen ist bei der roten fabrik, zumindest bei der musik, soweit ich das von züri west beurteilen kann. dass marthaler nun die rote fabrik zum leuchten bringt, finde ich eigentlich nur postitiv. wenn’s ihm dort nicht passen würde, wäre er gar nicht dort. und das wird ja auch irgendwie der lohn sein für die arbeit und kreativität, die in der roten fabrik nach wie vor geleistet wird. dass dies in diesem blog kaum jemand interessiert, erstaunt mich auch ziemlich.

  5. philipp meier schrieb:

    jaja…, auch ich machte meine ersten kulturschrittchen in der geschützten werkstatt am see (und bin nun «gross rausgekommen»…;)
    es ist schon so (zustimmung @samuel & @sven), dass die fabrik ein hervorragendes sprungbrett ist. etwas platt interpretiert (und, um das musikloch @rb zu stopfen) ist einer der wichtigsten zürcher techno-clubs, das rohstofflager, quasi aus der fabrik heraus entstanden (gewisse leute sahen u.a. anhand von partys in der roten fabrik, dass techno und drum’n'bass das potential hat, grösser herauszukommen); oder: in gewissem sinne ist auch das abart das resultat von erfolgreichen «musik-formaten» in der roten fabrik.
    aus meiner sicht, stehen jedoch auf diesem sprungturm nach wie vor zuviele leute rum, die den absprung verpasst haben. die rote fabrik sollte noch viel mehr ein durchlauferhitzer sein. ein duchlauferhitzer für projekte/konzepte/gefässe/etc. und für menschen, die mit diesen verbunden sind. des weiteren finde ich die ununterscheidbarkeit in der zürcher kulturlandschaft ein grosses problem. es ist inzwischen beinahe nur noch zufällig, wo welches theater spielt, wo welche band spielt, und so weiter. und genau diese frage stellt sich in der fabrik vielleicht um einiges stärker, als in anderen institutionen. die rote fabrik sollte sich vielleicht wieder etwas unersetzlicher werden lassen… :)

  6. Grossgestein schrieb:

    da sind wir uns ja wieder mal einig Phillip!
    Einen sehr grossen Staubsauger braucht es aber um dort neben dem Staub wieder Platz für Sprungbretter zu schaffen….

  7. Pascal schrieb:

    Marthaler hat neben vielen anderen Grossen auch in der Roten Fabrik angefangen. Dass er nach den vielen Tritten, die Ihm die Zürcher versetzt haben wieder an seinen Urprung zurückkehrt zeigt ja auch, dass es in Zürich wohl der einzige Ort ist, der Ihm noch diesen Freiraum bietet, um seine wunderbaren Arbeiten umzusetzen, ohne dass Verwaltungs- und Stadträte, Kulturbürokraten und Kaufleute ihm dauernd ins Handwerk pfuschen. Er kennt ja alle grossen Theater Europas, dass er sich schon bei seinem Abgang vom Schauspielhaus an die Rote Fabrik zurück wünschte kommt also nicht von ungefähr.
    Und nicht nur was das Theater betrifft, hat die Rote Fabrik schon unzählige Male pionierarbeit geleistet. Auch die Musik-Abteilung bringt immer wieder Perlen, die hierzulande noch nie zu sehen waren, und die ein, zwei Jahre später zum dreifachen Eintrittspreis in den Kommerz-Clubs engagiert werden.
    Die Rote Fabrik hat sich in ihrer langen Geschichte nie an den Zeitgeist geklammert, und hechelt keinen kurzlebigen Modetrends nach. Das mögen die einen verstaubt finden, andere wissen gerade dies an der Fabrik so zu schätzen. Zeitgeist-Clubs kamen und gingen schon viele. Die Rote existiert immerhin schon fast 30 Jahre ohne die gerade aktuellen Event- und Kulturmanagement-Theorien nachzubeten.
    Und schliesslich noch zu den billigen Künstlerateliers: diese werden, wie ich auf Anfrage selbst einmal feststellen musste, nicht von den Fabrik-Betreibern vermietet, sondern direkt von Jean-Pierre Hoby. (Weil das Gebäude der Stadt gehört) Vielleicht erklärt das ja, warum ein grosser Teil der Atelier-MieterInnen Weggefährten aus seinen bewegteren Zeiten sind. Als Trost bleibt, dass die Rote Fabrik auch diese Sesselkleber überleben wird.

  8. Pascal schrieb:

    …Habe ganz vergessen zu erwähnen, dass Techno in der Roten Fabrik einen seiner Ursprünge hatte. Yello fingen in einem Atelier der Roten an. Ist doch ganz interessant…:)