Fabian Unteregger in der Nati

Gestern noch parodierte Fabian Unteregger in der TV-Sendung Giacobbo/Müller den Nati-Trainer Köbi Kuhn, einmal mehr meisterhaft. Und heute schon ist Unteregger selbst Teil der Nationalmannschaft — der Theatersport-Nationalmannschaft. Dies neben Roland Peter (Bern) und Randolf Lindt (Luzern). Damit ist das Kader für die Theatersport-EM komplett.
Der Shooting-Star der Schweizer Comedy-Szene wird für volle Stadien Theater sorgen, ein Glücksfall für die Veranstalter. Ob Unteregger dem Theatersport danach erhalten bleibt, ist ungewiss: Nachdem er dank Giacobbo und Müller über Nacht nationale Berühmtheit erlangt hat, eröffnen sich für Unteregger neue (finanzielle) Perspektiven. Comedy-Auftritte sind sehr lukrativ, beim Theatersport gibts höchstens ein Taschengeld.
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Giacobbo/Müller: In den Laptop geguckt
Schauspielhaus: Macbeth im Börsenrausch

Für einmal hatten Schauspiel- und Opernhaus am selben Tag Premiere, die Zürcher Gesellschaft musste sich zwischen ”Macbeth” und der “Fledermaus” entscheiden. Zumindest das Schauspielhaus hat von der Konkurrenzsituation nichts gespürt, der Pfauen war bis auf den letzten Klappsitz gefüllt, was selbst bei Premieren eher selten ist.
Die Erwartungen waren hoch, insbesondere an den Hauptdarsteller Bruno Cathomas (im Bild rechts); der Bündner sorgt seit einigen Jahren in Berlin für Furore. Doch Cathomas ist als Macbeth eine Enttäuschung, zu grob, zu oberflächlich verkörpert er den machtgierigen Mörder. Auch Bibiana Beglau kann dem teuflisch-intriganten Charakter einer Lady Macbeth nicht gerecht werden. Die Nebenrollen sind diesmal klar stärker und interessanter als die Hauptrollen.
Regisseur Sebastian Nübling setzt die Handlung in ein Börsenumfeld. Das beginnt kraftvoll, die Energie und die Emotionen, die die Händler nach einem Millionen-Coup freisetzen, werden von einer Schar Statisten mit voller Wucht ins Publikum getragen. Die Textausschnitte stammten u.a. aus der Autobiografie von Nick Leeson. Sobald der Shakespeare-Originaltext einsetzt, flacht die Inszenierung ab, hat Längen, die Kraft des Beginns wird nie mehr erreicht — da können auch humoristische Einlagen mit einem Blutspray oder dem grossartig eingesetzten Fotokopierer nicht helfen.
Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, die ganze “Macbeth”-Geschichte anhand von Berichten von Börsenspekulanten und intriganten Managern zu erzählen. Material gäbe es dazu genug. Der hier gezeigte Mix aus Shakespeare und neuen Texten jedoch passt schlecht zusammen. Schade, denn die Idee, die Vorgänge an den Börsen mit dem blutigen Machtkampf um den Königssitz in Verbindung zu bringen, ist stark.
Nur noch Nichtraucher auf Zürcher Bühnen?
Heute hat der Kanton mitgeteilt, dass voraussichtlich ab Mitte 2008 ein generelles Rauchverbot in allen öffentlichen Gebäuden eingeführt wird. Zufälligerweise ist gleichentags in der Zeitung “Die Welt” ein Artikel über Rauchverbote an deutschen Bühnen erschienen. In einigen Bundesländern ist bereits ein Rauchverbot in Kraft, das auch für vom Regisseur angeordnetes Rauchen gilt. Der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin, sieht deshalb das theatrale Erbe und die künstlerische Freiheit bedroht.
Ob das Zürcher Rauchverbot das ‘Rauchen für die Kunst’ miteinbezieht, konnte die Kommunikationsbeauftragte vom Kanton noch nicht sagen, von der Verordnung liege erst ein grob formulierter Entwurf vor. Über die allfälligen Folgen eines solchen Verbots heisst in der “Welt”:
“Rauchen [wird] im Theater wieder, was es in der 1848er-Revolution schon einmal war: ein Akt des Protest gegen die Obrigkeit. Die Bühne ist der einzige Ort, wo man sich als Rauchverbotsbrecher Freunde macht. Beate Heine, Dramaturgin am Schauspiel Hannover, hat neulich bei einem Gastspiel von Lutz Hübners “Blütenträume” beobachtet: “Wenn ein Schauspieler sich auf der Szene genüsslich eine Zigarette anzündet, gibt es Szenenapplaus und Lacher. Was vorher eine Nuance war, ist nun zum riesengroßen Zeichen geworden; auf der Bühne ist erlaubt, was im wirklichen Leben verboten ist.”
Absolut Züri: Notters neues Auto
Es ist ein kurzer Gastauftritt von Regierungsrat Markus Notter in der fünften Absolut-Züri-Folge. Er sitzt im Publikum, steigt für einige Sätze auf die Hechtplatz-Bühne und kommt wieder herunter. Lacher erntet er dafür, wenn er sagt, es gehe ihm gut, er habe eben ein neues Auto gekauft.
Ansonsten droht die Serie im Depro-Sumpf stecken zu bleiben. Erfolgserlebnisse gibts bei diesen kaputten Kreaturen keine, seit fünf Folgen wartet man vergebens auf eine unerwartete Wendung.
Die Neugier, dabeizubleiben, wird dennoch geweckt: Claudia beklagt sich über über den ach so sensiblen schwulen Luca; selber verrät sie, dass sie ein Kind hat – sie scheint nicht allzusehr darunter zu leiden, dass sie es seit vier Monaten nicht mehr gesehen hat. Was ist da der Hintergrund? Und wird Beats hinterhältige Aktion gegen Roli die Gruppe zur Spaltung führen?
Grosse Abwesende ist diesmal Helena (Cathrin Störmer), sie ist zurzeit in der Gessnerallee mit StormStörmerFroehling beschäftigt – trotz Präsenz per Videoeinspielung wird sie schwer vermisst.
Zum Thema:
Kauft sich Markus Notter mit Steuergeldern Theaterrollen?
-> Alle kulturblog.ch-Beiträge zur Theaterserie Absolut Züri
Kulturschaffende fordern eigene Bevormundung
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund SGB fordert eine “Verbesserung der sozialen Sicherheit der Kulturschaffenden” (pdf). Eine Forderung, die nicht ganz unberechtigt ist. Nur: wie soll man diese Sicherheit gewährleisten? Der Gewerkschaftsbund möchte, dass aus den Kulturschaffenden faktisch Staatsangestellte werden. Im Forderungskatalog sind lauter Punkte wie dieser aufgelistet:
Er [der Bund] zahlt von seinen direkten Förderungsbeiträgen an Kulturschaffende einen vom Bundesrat festzulegenden Prozentsatz an eine Vorsorgeeinrichtung. Er zieht den Beitragsempfängern ihren Beitragsanteil vom Beitrag ab und überweist diesen zusammen mit seinem Anteil an die Vorsorgeeinrichtung.
Auch die Forderungen des Dachverbandes der Kulturschaffenden, Suisseculture, gehen in dieselbe Richtung. Die Kulturschaffenden wollen die eigene Bevormundung: Der Staat soll einen Teil der Subventionen zurückhalten, damit die Künstler nicht das ganze Geld verprassen.
Der SGB argumentiert mit einer “unfreiwilligen Selbständigkeit” der Kulturschaffenden. Als ob nicht viele Kulturschaffende gerade wegen der Selbständigkeit und Unabhängigkeit diesen Beruf gewählt hätten.
Zum Thema:
Prämie für Künstler, die aufgeben?
Schweizer Kunst auf Englisch
Da macht das Kunsthaus Zürich mit “Shifting Identities” eine Ausstellung über junge Schweizer Kunst — und der Titel, die meisten Texte und der Blog zur Ausstellung sind auf Englisch. Das ist kein Einzelfall: vor allem beim zeitgenössischen Tanz und bei der bildenden Kunst haben die Vermittler das Gefühl, Englisch töne moderner, internationaler, urbaner. In der Werbebranche hat man bereits gemerkt, dass dies Unsinn ist, in der Kunst wird man’s irgendwann auch merken.
Bei der Ausstellung im Kunsthaus, wo es um Künstler aus allen Landesteilen (und darüber hinaus) geht, ist die Sprachwahl jedoch auch Ausdruck einer Entwicklung unter jungen Schweizern: wenn sich ein deutsch- und französischsprachiger treffen, so sprechen sie in der Regel nicht mehr Deutsch oder Französisch miteinander, sondern Englisch.
Adrian Marthaler: Heimliches SF-Orchester?
Vor einem Jahr verliess Adrian Marthaler, Bruder von Christoph Marthaler, das Schweizer Fernsehen. Von 1999 bis 2004 war er Programmdirektor, danach Kulturleiter. Er wolle sich als “unabhängiger Kulturschaffender” betätigen, war die Begründung für den Rücktritt.
Wer den Schlaf entbehren konnte, hatte letzte Nacht auf 3sat die Gelegenheit, Marthalers künstlerisches Schaffen zu betrachten: Von 1.20 Uhr bis 6.30 Uhr wurden seine Visualisierungen berühmter klassischer Kompositionen ausgestrahlt.
In der 3sat-Ankündigung steht, dass Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert in C-Dur vom “Kammerorchester des Schweizer Fernsehens” gespielt wurde. Nur: Weder ich noch Google haben in einem andern Zusammenhang je von einem “Kammerorchester des Schweizer Fernsehens” gehört. Da stellt sich die Frage: Hat sich Marthaler während den 37 Jahre im Leutschenbach heimlich ein Orchester zugelegt?
Annemarie Schwarzenbach: Entdeckung zum Jubiläum

Möchte ein Autor auch nach seinem Tod im Gespräch bleiben, so müsste man ihm raten, unveröffentlichte Manuskripte zu verstecken. Sodass nach dem Tod immer wieder ein Forscher eine Entdeckung vermelden kann, die dann zu einem runden Todes- oder Geburtsjahr veröffentlicht wird.
Eine solche Entdeckung ist Annemarie Schwarzenbachs “Eine Frau zu sehen“, kürzlich im Nachlass aufgefunden von Alexis Schwarzenbach, dem Grossneffen der Autorin. Zu ihrem 100. Geburtstag wurde der Text nun bei Kein und Aber veröffentlicht.
Es handelt sich um eine kurze, leidenschaftliche Coming-Out-Geschichte, die Schwarzenbach im Alter von 21 Jahren geschrieben hat.
“(..) ich erstaune vor der schönen und leuchtenden Kraft ihres Blickes, und nun begegnen wir uns, eine Sekunde lang, und ich fühle unwiderstehlich den Drang, mich ihr zu nähern, herber, schmerzlicher noch, dem ungeheuren Unbekannten zu folgen, das sich wie Sehnsucht und Aufforderung in mir regt –”
Wie die junge Ich-Erzählerin vor der Begegnung mit ihrer Angebeteten zittert, wie man bis zum letzten Satz nicht weiss, ob die Liebe Erfüllung findet oder nicht, macht das Büchlein zu einer Entdeckung, die sich gelohnt hat, entdeckt zu werden.
Da kann man nur hoffen, dass beim nächsten Schwarzenbach-Jubiläum der nächste Text von ihr auftaucht…
Kulturförderung: Bei Ablehnung rekurrieren
Werden Gesuche an Kulturförderstellen abgewiesen, so ist dies ähnlich schmerzhaft, wie wiederholte Absagen bei Jobbewerbungen. Einige Gesuchsteller lassen sich Absagen nicht gefallen und legen Rekurs ein. Jüngst hat jemand wegen eines Betrags von 10′080 Franken rekurriert, das Bundesverwaltungsgericht musste entscheiden — und gab dem Gesuchsteller recht. Somit wurde die Pro Helvetia zum zweiten Mal innert kurzer Zeit vom Gericht zurechtgewiesen.
Solche Urteile sind fatal. Müssen die Kulturfördergremien dauernd mit Rekursen rechnen, so wird der Aufwand, alles bis ins letzte Detail zu begründen, enorm. Der Anteil des Kulturgeldes, das für den Verwaltungsaufwand abgeht (bei der Pro Helvetia ca 30 Prozent), dürfte damit ansteigen. Kein Kulturschaffender kann daran ein Interesse haben.
Marc Richs Geschenk im Kunsthaus
2001 unterzeichnete der damalige Stadtpräsident Josef Estermann einen Brief an den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton, mit der Bitte, den Milliardär und Steuerbetrüger Marc Rich zu begnadigen. Einer der Hauptgründe für Estermanns Unterschrift kann demnächst im Kunsthaus betrachtet werden. In der Medienmitteilung heisst es:
“Die Marc Rich Collection, die der grosszügige Geschäftsmann aus Anlass des 150. Geburtstags der Fotografie 1989 dem Kunsthaus schenkte, bildet den Grundstock für den Sammlungsbereich der klassischen, künstlerischen Fotografie.”
Die Ausstellung mit Fotografien aus der Marc Rich Collection dauert vom 20. Juni bis zum 3. August.
Übrigens: das Geschenk zahlte sich für Rich aus, Clinton begnadigte ihn.
Sehnsucht nach Intellektuellen

Zehn Minuten vor Beginn standen noch Dutzende von Menschen im Regen und wollten ins Kaufleuten — nicht an eine Party, sondern an ein Podiumsgespräch über Intellektuelle, über ein angebliches ”Schweigen der Denker”.
Es redeten die Schriftsteller Lukas Bärfuss und Robert Menasse, der Philosoph Georg Kohler, als vorwiegend stumme Quotenfrau Pia Reinacher und — weil er einfach bei allen Diskussionsrunden dabei ist — der Soziologe Kurt Imhof. Geleitet wurde das Gespräch von Tagi-Chefredaktor Peter Hartmeier.
Erst wollten Imhof und Kohler das Mitmach-Internet (und damit vielleicht auch den Kulturblog) dafür verantwortlich machen, dass die Intellektuellen nicht mehr erhört werden. Von “Bauchstalinismus” und “herrschaftsfreiem Dialog” war die Rede.
Bärfuss brachte handfestere Argumente: Als Intellektueller gehöre man trotz tiefem Einkommen zu einer Art Elite. Und die habe den Kontakt zu den Menschen verloren, die die Entscheidungen der Politik am meisten treffe. Menasse konterte, man müsse nicht alle Menschen kennen, um gesellschaftliche Entwicklungen zu erkennen.
Je länger je mehr gings nicht mehr darum, ob und weshalb das Wort der Intellektuellen heute weniger Gewicht hat als früher, sondern um die Gefahr des Rechtspopulismus. Gegen Schluss wähnte man sich an einer Anti-SVP-Veranstaltung. Judith Stamm und Franz Hohler meldeten sich aus dem Publikum zu Wort, sie geisselten die zunehmende Radikalisierung der Politik durch die SVP. Georg Kohler zog lautes Missbehagen auf sich, als er Gegensteuer geben wollte und zu recht anmerkte, die Demokratie lebe von der Auseinandersetzung — er debattiere gerne, auch mit einem Mörgeli.
Spätestens bei den Voten aus dem Publikum wurde klar: Der bis auf den letzten Platz gefüllte Saal wünschte sich von den Intellektuellen vor allem Argumente gegen die SVP. Doch solchen Erwartungshaltungen zu folgen wäre fatal: sobald die Voten der Intellektuellen voraussehbar sind, sind sie überflüssig. Lukas Bärfuss hat gerade mit seinem neuen Roman bewiesen, wie spannend es sein kann, wenn jemand ein Thema ideologisch unbelastet angeht (siehe hier).
Der Abend hat immerhin gezeigt: die Sehnsucht ist gross, dass sich Schriftsteller zur Tagesaktualität äussern. Für die Autoren könnte dies eine Chance sein.
Limmatquai: Kunst statt Zurich Film Festival
Auf diesem Foto von 1900 ist bei der Rathausbrücke eine Halle zu sehen, die es heute nicht mehr gibt, die Fleischhalle:

Letztes Jahr setzte das Zurich Film Festival an jener Stelle sein Empfangszelt auf:

Die Stadt hat nun einen Studienauftrag ausgeschrieben, um dort einen 600′000 Franken teuren Kunstbau zu errichten, der 10 Jahre stehen bleiben soll.
Das Zurich Film Festival muss weichen – ausser es gibt selbst ein Projekt ein, bei dem es glaubhaft machen kann, dass es eine adäquate künstlerische Intervention sei, das Zelt 10 Jahre lang stehen zu lassen.
Christoph Simon: Warum man nicht Schriftsteller werden sollte
Im Tagi-Literaturblog berichten einige Autoren aus ihrem Autoren-Alltag. Dabei sticht Christoph Simon heraus, bei dem man das Gefühlt hat, er wolle allen potenziellen Schriftstellern von dem Beruf abhalten. Ein Beispiel:
“Ich lebe in billigen Zimmern. Trinke Dennerbier. Die Bücher gehören der Stadtbibliothek. Die wenigen Kleidungsstücke, alle von der Firma Hennes & Mauritz aus Norwegen, lassen sich über einen Stuhl werfen. Gäste sitzen auf der Bettkante. Die Kinder kosten weniger als befürchtet, noch sind keine Rechnungen für Mal- und Reitunterricht zu begleichen. Den Internetanschluss bezahlen die Wohnkollegen. Die Gleichstellung befreit mich davon, für jedes Nachtessen aufzukommen, wenn die Gefährtin und ich ausgehen. Der Lebenszweck von eher kontemplativen Schriftstellern scheint ganz entschieden darin zu liegen, nicht für Geld zu schreiben.”
Sein letztes Werk:
“Welchen Widerwärtigkeiten ein junger, gutmütiger Schriftsteller ausgesetzt ist! Die geläufigsten Kränkungen, Verdriesslichkeiten, Versehrungen:
Die Buchpräsentation, zu der niemand kommt, der Veranstalter, die das Honorar drücken will, das Radiogespräch, bei dem die erste Frage lautet: ‘Weshalb ist Ihr drittes Buch nicht so erfolgreich wie das erste?’ Verwandte, die sich über die hohen Buchpreise verbreiten und implizit oder explizit Nachlass verlangen. Nicht in einer Anthologie vertreten zu sein. In einer Anthologie vertreten zu sein, aber dein Name steht nicht auf dem Titel. In einer Anthologie vertreten zu sein mit deinem Namen auf dem Titel, aber nicht in der Rezension der Anthologie erwähnt zu werden. Vor zwei Leuten zu lesen – die Inhaberin der Buchhandlung und eine Freundin von dir, die so freundlich ist, hereinzuschauen und so zu tun, als sei sie eine interessierte Leserin. Schüler im erzwungenen Schreibatelier, die dich sofort respektieren würden, wenn sie dich nur einmal im Fernsehen gesehen hätten. Und dich das eine mal, als du tatsächlich im Fernsehen warst, nicht gesehen haben. Ein hoch verehrter Autorenkollege taucht an der Lesung auf und sitzt während der gesamten Zeit kopfschüttelnd in der ersten Reihe. Leute, die behaupten, viel zu lesen und dann deinen Namen nicht kennen. (Sie lesen tatsächlich viel und kennen deinen Namen zu Recht nicht.) Buchhandlungen, die deine Bücher nicht haben. Buchhandlungen, die die Bücher haben, aber sie offenkundig nicht verkaufen. Ganze Landstriche, die dich ignorieren. Podiumsdiskussionen zum Thema Schreibende Lebensformen – und du bist nicht eingeladen.”
Weshalb Christoph Simon trotzdem Schriftsteller bleibt — und seine Schilderungen auch kaum jemanden von dem Beruf abhalten werden –, wurde in diesem Blog schon einmal ausgiebig diskutiert: Weshalb so viele Leute in die Kulturbranche drängen.
Referendum gegen Cabaret Voltaire zustande gekommen
Rund 2100 Unterschriften hatte die SVP gegen den Kredit fürs Cabaret Voltaire gesammelt, 2000 wären nötig. Nun hat die Stadt die Unterschriften kontrolliert, die Anzahl ungültiger Unterschriften hielt sich in Grenzen, das Referendum ist somit zustande gekommen, wie SVP-Parteisekretät Bruno Sidler gegenüber kulturblog.ch bestätigt. Fürs Cabaret Voltaire heissts damit: Auf in den Abstimmungskampf. Damit im Herbst die Schlagzeile um die Welt geht: “Zürcher bevorzugen das Cabaret Voltaire dem Club of Rome”.
Lukas Bärfuss: Auch als Romancier aufs richtige Thema gesetzt

Lukas Bärfuss ist viel gelobt worden in den letzten Tagen. Zu recht. Mit “Hundert Tage” ist er ein grosses Thema angegangen, wobei der Aspekt der unsinnigen, naiven Schweizer Entwicklungshilfe nur der offensichtlichste ist. Interessant ist vor allem die präzise Schilderung, wie Leute mit guter Absicht das völlig Falsche bewirken, in einen Sog geraten und zu Mittätern werden. In diesem Fall: wie Schweizer Entwicklungshelfer in Ruanda zu Helfern von Massenmördern wurden.
Bärfuss trifft perfekt die Tonalität, die für ein solches Thema nötig ist: Aus der Sicht eines gutgläubigen Entwicklungshelfers geschrieben, nicht anklagend und durch die Rahmengeschichte aus einer gewissen Distanz heraus.
Ein Buch, das es zu lesen gilt. Auch wenn stilistisch einige Stolpersteine vorliegen. Schon der erste Satz ist wenig einladend:
“Sieht so ein gebrochener Mann aus, frage ich mich, wie ich ihm gegenübersitze und draussen der Schnee einsetzt, der seit Tagen erwartet wird und nun in feinen Flocken auf die grünbraunen Felder und in den Nachmittag fällt.”
Solche Sätze tauchen immer wieder auf, ab und zu auch noch schlimmere. Und: Vieles nennt Bärfuss nicht beim Namen. Manchmal ist das sinnvoll, da es so weniger anklagend wirkt, oft ist es ein unnötiges Versteckspiel, z. B. die Unterschlagung der Wörter ”Aids” oder “Ruanda” (“Kigali” fällt hingegen dauernd).
Vielleicht ist gerade dies der Grund, weshalb der Bärfuss-Roman so positiv heraussticht: endlich wieder ein Autor, der seinen Fokus voll auf den Inhalt richtet – nicht wie viele Zeitgenossen, die sich so sehr auf Form und Sprache versteifen, dass sie gar nicht mehr wissen, was sie überhaupt sagen wollen.
Die richtigen und wichtigen Themen anzupacken, das ist Bärfuss’ Erfolgsrezept als Dramatiker – genau das wiederholt er nun als Romancier.