Sonstiges
1. März 2008
Ensuite-Kolumne #6: Häppchen, Häppchen
Hier die sechste und vorläufig letzte Kolumne für das Kulturmagazin Ensuite:
Auch die Kulturszene hat ihren Fall “Mörgele”. Der Direktor der neuen Hochschule der Künste, Prof. Dr. Dr. h. c. Hans-Peter Schwarz, sprach an der Vernissage der Utopie-Ausstellung im Museum für Gestaltung einmal mehr über die grosse Schulfusion: “im früheren KZ äh der HGKZ…” Dem nervös wirkenden Professor sei dies verziehen – vielleicht hat ja auch er kurzzeitig vergessen, wie seine Institution früher hiess.
Überhaupt ist eine Vernissage im Museum für Gestaltung so etwas wie eine Nabelschau der Szene. Es kann sein, dass man sich die Reden neben einem dauerkichernden Pelzmantelträger anhören muss. Kaum sind die Reden und Musikdarbietungen vorbei, stürzen alle gierig Richtung Buffet im Vorraum. Die soeben eröffnete Ausstellung bleibt unbeachtet.
Wenns ums Zuschlagen geht, lohnt sich auch der Besuch einer Opernhaus-Premierenfeier. Hausherr Alexander Pereira liest jeweils die Namen aller Mitwirkenden vom Programmheft ab und dankt ihnen, dazu werden ganze Menus und Wein serviert. Die billigste Studentenkarte ist da rasch amortisiert, erst recht lohnend ist‘s für jene, die sich reinschleichen, ohne die Vorstellung gesehen zu haben. Vielleicht sollte man mal die Obdachlosen auf diese Gassenküche aufmerksam machen.
Das Casinotheater Winterthur kann in Sachen Premierenbuffet ebenfalls gut mithalten, die Häppchen sind immer erster Güte. Bei der Gästeschar wimmelt es vor TV-Prominenz. Mittendrin wirbeln dauernd irgendwelche TeleZüri und Radio Top Praktikanten umher und befragen die Leute – so darf sich jeder ein bisschen als Star fühlen.
Viele Museen tischen ihre Köstlichkeiten nicht erst an der Vernissage auf, sondern bereits zuvor an der Presseführung. Wenn man die schlemmenden Journalisten sieht, so fragt man sich: müssten die eigentlich nicht längst am Schreiben sein? Doch TV- und Magazinjournalisten haben offenbar ein gemütlicheres Leben als Tagesjournalisten. Nur das Kunsthaus nimmt Rücksicht auf die Schnellschreiber. Bei den grossen Ausstellungen wird den Journis ein Frühstück serviert – vor der Presseführung und nicht nachher, wie sonst üblich.
Doch lohnt es sich überhaupt, die Journalisten zu füttern? Das wär doch mal eine Arbeit für einen Publizistikstudenten: Der Einfluss des Buffets auf die Kulturberichterstattung.
Ernst Helbling schrieb:
treffender Humor, tut gut
Geschrieben am 12. März 2008 um 23:30Uhr | Permalink